{"id":2771,"date":"2026-10-05T16:25:27","date_gmt":"2026-10-05T16:25:27","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2771"},"modified":"2026-10-05T16:25:28","modified_gmt":"2026-10-05T16:25:28","slug":"christopher-a-nunn-frederike-van-oorschot-hg-kompendium-computational-theology","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2771","title":{"rendered":"Christopher A. Nunn \/ Frederike van Oorschot (Hg.): Kompendium Computational Theology"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christopher A. Nunn \/ Frederike van Oorschot (Hg.):<\/em> <em>Kompendium Computational Theology. Bd.\u00a02 Potentiale Digitaler Forschung in der Theologie<\/em>, Heidelberg: heiBOOKS, 2026, Pb., 524\u00a0S., \u20ac\u00a052,\u2013, ISBN\u00a0<a href=\"https:\/\/books.ub.uni-heidelberg.de\/\/heibooks\/catalog\/book\/1715\">978-3-911056-58-8<\/a>. Open-Access: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.11588\/heibooks.1715\">https:\/\/doi.org\/10.11588\/heibooks.1715<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Christopher A. Nunn<\/em> (Qualit\u00e4tsmanagementbeauftragter und Programmkoordinator f\u00fcr den Masterstudiengang Theological Studies an der Universit\u00e4t Heidelberg) und <em>Privatdozentin Dr. Frederike van Oorschot<\/em> (Leiterin des Arbeitsbereichs \u201eReligion, Recht und Kultur\u201c an der Forschungsst\u00e4tte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V., FEST, Heidelberg) legen mit diesem zweiten Sammelband Ergebnisse und Beitr\u00e4ge vor, die im Umfeld des TheoLab an der Universit\u00e4t Heidelberg zu verorten sind. Diese Forschungsaktivit\u00e4ten liegen zwischen der Theologie und den Digital Humanities (DH) und werden von den Herausgebern als \u201eComputational Theology\u201c bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Begriff ist nach den eigenen Angaben von den Herausgebern im ersten Band ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt und entwickelt worden (dort 9). Das Anliegen dieses zweiten Bandes ist nun, die Perspektiven auf dieses von den Herausgebern selbst definierte Gebiet aus der Sicht der Theologie zu beschreiben. Ihr weiteres Vorgehen und die Hintergr\u00fcnde legen die Herausgeber in ihrem ersten Beitrag \u201eKompendium Computational Theology. Eine Hin- und Weiterf\u00fchrung\u201c und im ganzen Teil I des Bandes dar. Dabei gehen sie davon aus, dass sie Pionierarbeit leisten: \u201eDie Beitr\u00e4ge bieten Explorationen an den Stellen, an denen in der Theologie bisher wenige oder keine Ber\u00fchrungspunkte mit digital gest\u00fctzten Technologien vorhanden sind, wie etwa in weiten Teilen der Systematischen Theologie oder der Interkulturellen Theologie.\u201c (3) Das ist so nat\u00fcrlich nicht richtig, und so zeigt sich bei der Diskussion der einzelnen Beitr\u00e4ge im weiteren korrekt: In der Bibelwissenschaft hat der Einsatz digitaler Methoden schon eine jahrzehntelange Tradition \u2013 wobei der Aufsatz \u201eDigitale Hermeneutik. Eine Einf\u00fchrung in hermeneutische und wissenschaftstheoretische Herausforderungen der Computational Theology\u201c schon ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist, wie einseitig dieser Einsatz teilweise erfolgt, n\u00e4mlich ohne jegliche interdisziplin\u00e4re Perspektiven. So fehlen Betrachtungen anderer Disziplinen, die Hermeneutik benutzen und anwenden, ebenso wie eine Perspektive der Informatik. Gleiches gilt f\u00fcr den Bereich der Kirchengeschichte. Die systematische Theologie wird dabei weitestgehend aus deutscher Perspektive betrachtet und verpasst die Chance, auch Impulse aus der Theologie hinaus zu setzen. Dies gelingt in Ans\u00e4tzen in den letzten vier Beitr\u00e4gen des II. Teils, die nicht nur zu den innovativsten geh\u00f6ren, sondern die sich auch inhaltlich entsprechend positionieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der III. Teil des Bandes besch\u00e4ftigt sich mit Werkstattberichten. Diese sind teilweise spannend zu lesen, lassen aber eine interdisziplin\u00e4re Perspektive ebenso wie eine internationale Verortung vermissen. Gleiches gilt f\u00fcr die Beitr\u00e4ge im IV. Teil, der sich mit fach\u00fcbergreifenden Fragen besch\u00e4ftigen will. Dies ist bei den Beitr\u00e4gen zum Evangelischen Kirchenrecht und \u201eOffene Infrastruktur f\u00fcr Theologie und Religionswissenschaft im Kontext von Open Science und KI\u201c durchaus gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der V. Abschnitt versucht sich an einem Ausblick. Lesenswert ist der Aufsatz von Evans, der wesentliche interdisziplin\u00e4re Aspekte beschreibt. Er res\u00fcmiert, \u201edass die Computational Theology keine neue Art von Theologie ist, so wie die Befreiungstheologie oder die kontextuelle Theologie Theologien sind; sie ist vielmehr eine neue Methodologie, um Theologie zu betreiben. Sie ist die Theologie, die mit und durch computergest\u00fctzte Ans\u00e4tze erforscht wird.\u201c (560) Dadurch verliert er allerdings ebenso \u2013 und das erscheint symptomatisch f\u00fcr diesen Band \u2013 die Perspektive auf den eigentlichen Beitrag der Theologie auf diese Forschungsfelder. Dass auch er im Abschnitt \u201eLLMs als theologische Kooperationspartner nutzen\u201c von einem sehr ungenauen und simplifizierenden Verst\u00e4ndnis von LLMs ausgeht, zeigt beispielhaft, dass deutlich mehr interdisziplin\u00e4re Arbeit in diesem Feld n\u00f6tig w\u00e4re. Sein Anliegen ist es, eine \u201ewettbewerbsf\u00e4hige und robuste Pr\u00e4senz innerhalb des gr\u00f6\u00dferen DH-Schirmes aufrecht[zu]erhalten\u201c (569). Ebenfalls lesenswert ist der Aufsatz von Markschies, der vor dem Zeichnen von Utopien oder Dystopien warnt: \u201eVon solchen Vorstellungen und Bildern sollte sich theologische Forschung als seri\u00f6se Forschung fernhalten, beziehungsweise sich zu diesen in ein kritisches Verh\u00e4ltnis setzen. Theologische Forschung k\u00f6nnte auf diese Weise einer ganzen Wissenschaftswelt mit dabei helfen, sich von solchen Versuchungen einer wertenden \u00dcberzeichnung der Analyse fernzuhalten.\u201c (587) Doch f\u00fchrt er leider nicht aus, wie dies konkret ausgestaltet werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bleibt unklar, wie die im ersten Band (nicht) gesehene Anschlussf\u00e4higkeit an die Digital Humanities nun konkret ausgestaltet werden soll. Nicht nur stellen sich die Autoren erneut gegen den international bereits etablierten Begriff \u201eDigital Theology\u201c und grenzen sich mit ihrer \u201eComputational Theology\u201c davon ab. Die vielf\u00e4ltigen weiteren \u00dcberschneidungen zu anderen Gebieten wie der Philosophie des Digitalen und den Computational Social Sciences werden erneut nicht beachtet, ebenso die internationalen Beitr\u00e4ge. Hierzu tragen die Beitr\u00e4ge \u2013 so lesenswert auch einzelne sind \u2013 letztlich auch nicht bei, sondern verbleiben in ihrer eigenen Echokammer. Insofern bleibt die neue Begriffseinf\u00fchrung letztlich unklar und erschwert den Zugang f\u00fcr Au\u00dfenstehende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Herausgeber konnten auch im zweiten Band in mehreren thematischen Abschnitten verschiedene Beitr\u00e4ge mit ganz unterschiedlicher Qualit\u00e4t zusammenstellen. Entgegen dem Untertitel werden allerdings nicht abschlie\u00dfend \u201ePotentiale Digitaler Forschung in der Theologie\u201c vorgestellt, sondern erneut liegt der Fokus auf der Arbeit mit textuellen Daten, auch wenn hier deutlich mehr Disziplinen vertreten sind als im ersten Band. Gleichzeitig ist die Auswahl entgegen der bereits diskutierten methodischen Bandbreite der Theologie, \u00fcber die DH hinausgehend, hier nicht abgebildet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch weitere inhaltliche und vor allem interdisziplin\u00e4re Beitr\u00e4ge zu aktuellen Themen, beispielsweise zur K\u00fcnstlichen Intelligenz, fehlen ebenso wie im ersten Band. Erneut scheut der Sammelband davor zur\u00fcck, konkrete methodische Einf\u00fchrungen und fachlich aussagekr\u00e4ftige Diskussionen zu liefern. Neben der thematischen Engf\u00fchrung, der inhaltlichen und methodischen Sorglosigkeit und der Entkopplung von relevanten Praxisbez\u00fcgen (allerdings deutlich weniger als im ersten Band) ist letztlich die fehlende Besch\u00e4ftigung mit informatischen und mathematischen Grundlagen ein signifikantes Problemfeld des Sammelbandes. Man h\u00e4tte sich von den Herausgebern entweder eine verst\u00e4ndlichere Begr\u00fcndung oder eine gelungenere Auswahl der Themen gew\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Somit bleibt wie im ersten Band die Frage nach der Zielgruppe dieses Buches. F\u00fcr Studierende und Forschende im Bereich der Digital Humanities und anderer Geisteswissenschaften gibt es bereits einige gute Einf\u00fchrungen. Hier mag sich zumindest der erste Band gut einreihen, auch wenn die Passgenauigkeit der einzelnen Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Arbeit mit Studierenden vorher individuell gepr\u00fcft werden muss. F\u00fcr Studierende und Forschende der Theologie fehlt die n\u00f6tige thematische Bandbreite \u00fcber den Schwerpunkt Textanalyse hinaus, ebenso wie grundlegende methodische Inhalte. Der zweite Band schw\u00e4chelt bei der Betrachtung der praktischen sowie praktisch-methodischen Perspektive. Zur Begriffsbestimmung der Theologie und der digitalen Methoden gibt es bereits vielf\u00e4ltige internationale Beitr\u00e4ge, die durchweg weniger einseitig ausfallen. Insofern dokumentiert dieser \u2013 trotz aller Kritik lesenswerte \u2013 Band vor allem eine deutschsprachige Perspektive.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Werk ist in deutscher Sprache verfasst, sprachlich zug\u00e4nglich, auch wenn es sich definitiv an Fachkundige und nur am Rande an interessierte Laien richtet. Eine englischsprachige Version ist ebenfalls erh\u00e4ltlich (https:\/\/books.ub.uni-heidelberg.de\/heibooks\/catalog\/volume\/CCT2024), wobei sich diese Rezension auf die deutsche Ausgabe bezieht. Eine Bibliographie findet sich in jedem Beitrag und ein Glossar rundet das Werk ab. Der Textsatz des Buches ist gut lesbar, wobei viele Beitr\u00e4ge von weiteren Abbildungen und Illustrationen profitieren k\u00f6nnten. Das Werk ist als Open Access Publikation kostenfrei und ohne Zugangsbeschr\u00e4nkungen lesbar.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>PD Dr. Jens D\u00f6rpinghaus, Research Associate, University of Pretoria, Faculty of Theology and Religion, Hatfield, Pretoria, South Africa. Privatdozent an der Universit\u00e4t Koblenz, Fachbereich\u00a04, Informatik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christopher A. Nunn \/ Frederike van Oorschot (Hg.): Kompendium Computational Theology. 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