{"id":2783,"date":"2026-10-05T16:45:51","date_gmt":"2026-10-05T16:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2783"},"modified":"2026-10-05T16:46:18","modified_gmt":"2026-10-05T16:46:18","slug":"wolfgang-michael-klein-evangelikale-bibelhermeneutik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2783","title":{"rendered":"Wolfgang-Michael Klein: Evangelikale Bibelhermeneutik"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wolfgang-Michael Klein: <em>Evangelikale Bibelhermeneutik<\/em>. <em>Zentrale Entw\u00fcrfe von Hochschullehrern im deutschsprachigen Raum<\/em>, Religionswissenschaft 57, Bielefeld: transcript Verlag, 2025, kt., 396\u00a0S., \u20ac\u00a058,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7986-1\/evangelikale-bibelhermeneutik\/\">978-3-8376-7986-1<\/a>. Open-Access: www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7986-1\/evangelikale-bibelhermeneutik\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch ist eine an der Universit\u00e4t Heidelberg eingereichte Dissertation. Der Autor arbeitet dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter f\u00fcr Systematische Theologie. Klein hat das Ziel die evangelikale Bibelhermeneutik seit dem Jahr 1990 differenziert darzustellen (339). \u2013 Zur Transparenz: ich schreibe diese Rezension als evangelikaler Theologe, dessen Hermeneutik und Ethik sich von Kleins Positionen deutlich unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die Kontextualisierung, um zentrale Begriffe, die evangelikalen Institutionen und Bezugsentw\u00fcrfe evangelikaler Hermeneutiken wie Semler, Troeltsch und Bultmann. Im zweiten Teil versucht der Autor evangelikale Bibelhermeneutiken darzustellen. Gegliedert sind diese nach dem Subjekt der Auslegung (Kap 4) und dem Gegenstand der Auslegung (Kap 5). Als Praxisbezug w\u00e4hlt der Autor das Thema Homosexualit\u00e4t, dem er 40 Seiten widmet (Kap 6) bevor er abschlie\u00dfend zu seinen Ergebnissen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klein besch\u00e4ftigt sich mit mehreren pr\u00e4genden evangelikalen Theologen. Neben Gerhard Maier widmet er sich Armin Sierszyn, Helge Stadelmann, Jacob Thiessen, Heinzpeter Hempelmann und Christoph Raedel. Dar\u00fcber hinaus z\u00e4hlt Klein auch Thorsten Dietz zu den Evangelikalen und bezeichnet ihn (entgegen seiner eigenen Selbstbezeichnung) als einen evangelikalen Vermittlungstheologen (288).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem sich Klein mit den Begrifflichkeiten und Institutionen auseinandergesetzt hat, beschreibt er pr\u00e4gende Theologien, mit denen sich evangelikale Theologen auseinandersetzten. Anschlie\u00dfend behandelt er im zweiten Teil in Kapitel 4 die Rolle des Auslegers in evangelikalen Entw\u00fcrfen. Hier sieht er Eigenschaften wie Gehorsam, Demut und Vertrauen, sowie Glauben als eine Voraussetzung gefordert. Dazu kommen das Vertrauen, die Geistwirkung und die Sch\u00f6pfungsordnung. In Bezug auf den Topos der Auslegung f\u00e4llt ihm auf, dass evangelikale Theologen von einer hohen Schriftlehre ausgehen, welche die Bibel als von Gottes Geist inspiriertes Gotteswort verstehen. Hier sieht Klein ein Sicherungsmoment der Autoren (296) und eine Art der Selbstimmunisierung gegen Kritik (227). In diesem Kapitel bem\u00e4ngelt Klein auch, dass sich viele der vorgestellten Autoren von dem Begriff der \u201ehistorisch kritischen Exegese\u201c distanzieren. Positiv wird Thorsten Dietz angef\u00fchrt, welchen er als moderat bezeichnet (294). Ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigt sich Klein mit dem Thema Homosexualit\u00e4t. Er beginnt damit, dass er festh\u00e4lt, dass es sich f\u00fcr ihn bei jeglicher Form der biblischen Beschreibung von homosexuellen Handlungen ausschlie\u00dflich um T\u00e4tigkeiten der Gewalt, Missbrauch, Ehebruch und Machtformen handelt. Von diesem Axiom ausgehend werden alle evangelikalen Autoren deutlich kritisiert und dagegen Thorsten Dietz als ein positives Vorbild dargestellt. Im letzten Kapitel kommt Klein zu dem Fazit, dass evangelikalen Bibelhermeneutiken das wissenschaftliche Niveau abzusprechen sei (358).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Aufbau dieser Arbeit ist generell durchdacht und in sich stimmig. Hier folgt Klein einer grunds\u00e4tzlichen Logik. Das st\u00e4rkste Kapitel von Klein ist die Beschreibung der Theologien von Semler, Troeltsch und Bultmann als Gegenbezugspunkte f\u00fcr evangelikale Theologien. Hier wird eine fundierte Kenntnis des Autors erkennbar. Leider \u00fcbersieht dieser Bereich die Vorbilder f\u00fcr evangelikale Theologen wie Schlatter und Beck, die beide in T\u00fcbingen lehrten, vollkommen. Wie eine Kontextualisierung gelingen soll, die theologische Vorbilder und Einfl\u00fcsse ignoriert, wird offengelassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Bewertung der evangelikalen Theologen f\u00e4llt generell auf, dass Klein hier mit einem gewissen perspektivischen Bias zu schreiben scheint, welcher einen ausgewogenen Dialog erschwert. In seiner Kritik an evangelikalen Positionen l\u00e4sst er fundierte und kritische W\u00fcrdigungen vermissen. Die evangelikale Wertsch\u00e4tzung einer hohen Schrift- und Inspirationslehre wertet er ab, ohne ihre Legitimit\u00e4t im Hinblick auf Bibel und Kirchengeschichte zu pr\u00fcfen. Auch in der Darstellung der evangelikalen Entw\u00fcrfe betreibt Klein h\u00e4ufig eine Verzeichnung, was f\u00fcr eine Dissertation ungew\u00f6hnlich ist. So unterstellt er Sierszyn und Thiessen, dass sie Methodenschritte f\u00fcr unn\u00f6tig erachten und \u00fcber keine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr den Ausleger verf\u00fcgen (357), Maier wird unterstellt, textkritische Arbeit f\u00fcr unn\u00f6tig zu erachten (221). Klein ignoriert dazu die gr\u00fcndlichen historischen und exegetischen Werke von den aufgef\u00fchrten Autoren. Dass Gerhard Maier die Kommentarreihe HTA herausgegeben hat, die eine wissenschaftlich fundierte Exegese betreibt, wird auch vollkommen verschwiegen. Hinzu kommt, dass die gro\u00dfe Streitfrage, die im Verh\u00e4ltnis von Offenbarung und Geschichte zu finden ist, nicht ansatzweise behandelt wird. Auch dies kann ein weiterer Grund daf\u00fcr sein, dass er die evangelikalen Ans\u00e4tze falsch interpretiert, oder inhaltlich nicht vollst\u00e4ndig durchdrungen hat. Eine gr\u00fcndliche und umfassende Lekt\u00fcre der Ver\u00f6ffentlichungen der von ihm besprochenen Theologen h\u00e4tte diese Erkenntnisl\u00fccke eigentlich schlie\u00dfen m\u00fcssen. Generell wird eine gr\u00fcndliche Recherche der von diesen evangelikalen Theologen publizierte Literatur in dieser Arbeit schmerzlich vermisst. Bereits ein Blick in das \u00fcbersichtliche Literaturverzeichnis macht dies deutlich. Beispielhaft werden von den zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen Gerhard Maiers gerade drei Quellen verwendet (eine davon ist ein Gru\u00dfwort!).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem Kapitel zur Ethik zeigt Klein eine Tendenz, welche schwache Argumente f\u00fcr die von ihm vertretene Position nicht kritisch zu hinterfragen scheint und starke Positionen, die seiner Weltanschauung nicht entsprechen, nicht w\u00fcrdigt. So werden popul\u00e4rtheologische Vortr\u00e4ge bei \u201eWorthaus\u201c als Quelle verwendet und als umf\u00e4ngliche Auslegung gelobt (331), obwohl deren Thesen historisch und exegetisch durchaus umstritten und in ihren Grundthesen widerlegt sind (Siehe z.&nbsp;B. Matthias Becker. <em>Ehe, Familie und Agamie. Die Begr\u00fcndung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralit\u00e4t im Neuen Testament und heute<\/em>. T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2024). Auch die Attestierung einer Demut bei der ethischen Position von Dietz ist erstaunlich, da diese anderen Autoren, die zu anderen Ergebnissen kommen, abgesprochen wurde (333\u2013334). Es soll selbstverst\u00e4ndlich jedweder Autor zu einer eigenen Meinung gelangen, unabh\u00e4ngig davon wie valide diese ist. Gleichzeitig sollte aber selbstverst\u00e4ndlich sein, dass man eine nicht hinreichende Argumentation nicht deshalb positiv bewerten sollte, nur weil sie die eigene Sichtweise unterst\u00fctzt. Dies geschieht bei Klein bedauerlicherweise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auffallend ist dar\u00fcber hinaus der scharfe Ton in der Behandlung von evangelikalen Theologen. Beispielhaft in der Beschreibung und Bewertung von Raedels Position fallen h\u00e4ufig abwertende Begriffe. So spricht Klein von einer \u201eTendenzexegese\u201c, einer \u201eIgnoranz\u201c sowie einer \u201eOrdnungsfiktion\u201c und attestiert ihm, sich jenseits der B\u00fccher nicht mit den Menschen auseinandergesetzt zu haben (323). Hinzu kommen Unterstellungen, etwa dass Raedel ein \u201epatriarchales Familienbild\u201c habe, bei welchem der Mann in der Sorgearbeit f\u00fcr die Kinder keine aktive Rolle zu haben brauche (350). Auch attestiert ihm Klein ein \u201eradikal klassisches Familienbild\u201c (353). Bedauerlicherweise kommen \u00e4hnliche Ausf\u00e4lle der Sprache und der notwendigen wissenschaftlichen Sachlichkeit h\u00e4ufiger vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Verfasser ist zugutezuhalten, dass er sich um eine breite Darstellung der evangelikalen Hermeneutik bem\u00fcht hat und zumindest die au\u00dferevangelikalen Entw\u00fcrfe ordentlich nachzeichnete. Leider scheint seine Kenntnis der evangelikalen Zugeh\u00f6rigkeiten ausbauf\u00e4hig zu sein, was auch einer gewissen Un\u00fcbersichtlichkeit der Gemengelage in der vielschichtigen evangelikalen Bewegung geschuldet sein k\u00f6nnte, die bei einer oberfl\u00e4chlichen Betrachtung m\u00f6glicherweise schwer zu durchdringen sein k\u00f6nnte. Allerdings k\u00f6nnen bei Klein auch tendenzi\u00f6se Vorentscheidungen gesehen werden (beispielhaft seine sexualethischen Axiome, die eine strittige Exegese f\u00fcr eine Beurteilung als gegeben voraussetzen), die mit einer schwer zu \u00fcbersehenden Emotionalit\u00e4t verschriftlicht zu sein scheinen. Dies f\u00fchrt dazu, dass seine Argumentation aufgrund ihrer polemischen Zuspitzungen dem Anspruch akademischer Sachlichkeit und Professionalit\u00e4t nicht immer gerecht wird. Leider muss im Gesamten konstatiert werden, dass diese Arbeit mehr \u00fcber verbreitete Vorurteile gegen\u00fcber evangelikalen Theologen aussagt, als dass die Thematik m\u00f6glichst vorurteilsfrei und dem wissenschaftlichen Ethos entsprechend dargestellt wird. Als Fazit l\u00e4sst sich festhalten, dass der Verfasser durchaus einige evangelikale Hochschullehrer darzustellen versucht und ihm dies in Teilen auch gelingt. Aber selbst mit gro\u00dfem Wohlwollen kann nur schwerlich von einer fairen Darstellung und differenzierten Arbeit gesprochen werden. Hierzu w\u00fcrde eine umfangreichere Erfassung und Durchdringung der ver\u00f6ffentlichten Literatur und eine sachlich treffendere Beschreibung der Positionen notwendig sein. So ist das Buch zwar hilfreich um eine verbreitete Fremdwahrnehmung der evangelikalen Theologie zu verstehen, nicht aber f\u00fcr die Durchdringung und W\u00fcrdigung evangelikaler Hermeneutiken selbst.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Johannes Traichel, Pastor der FeG Donaueschingen und Dozent am ISTL Karlsruhe.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang-Michael Klein: Evangelikale Bibelhermeneutik. 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