{"id":2790,"date":"2026-10-05T16:53:29","date_gmt":"2026-10-05T16:53:29","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2790"},"modified":"2026-10-05T16:55:43","modified_gmt":"2026-10-05T16:55:43","slug":"patrick-todjeras-michael-herbst-bernhard-schroeder-hg-regiolokal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2790","title":{"rendered":"Patrick Todjeras \/ Michael Herbst \/ Bernhard Schr\u00f6der (Hg.): Regiolokal"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Patrick Todjeras \/ Michael Herbst \/ Bernhard Schr\u00f6der (Hg.): <em>Regiolokal. Als Kirche aufbl\u00fchen und zusammenwachsen<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2026, Pb., 210\u00a0S., \u20ac\u00a029,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/todjeras-herbst-schroeder-regiolokal\">978-3-374-07990-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gemeindelandschaft in Deutschland \u00e4ndert sich; tiefgreifend und rasant. Das ist bekannt. Das ist insbesondere in den Landeskirchen aktuell auch an der Basis erfahrbar. Die klassischen und territorialen S\u00e4ulen (u.&nbsp;a. Pfarrperson, Kirchenbezirke) brechen weg und zugleich entstehen neue, gr\u00f6\u00dfere Einheiten, multiprofessionelle Teams, regionale Kooperationen und sogenannte neue Formen kirchlicher Pr\u00e4senz. Regiolokale Kirchenentwicklung ist darin ein umstrittener Ansatz in den landeskirchlichen Umbau- und Abbau-Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen Gegenpol zu einem negativ-kirchlichen \u201eAbgesang\u201c m\u00f6chten die Autoren in ihrem Sammelband pr\u00e4sentieren, der bereits in zweiter Auflage vorliegt, da die Erstauflage schon im April vergriffen war. Die Darstellung erfolgt in drei Hauptteilen, die sich in eine theoretische und theologische Grundlegung, eine Sammlung kritisch reflektierter Haltungen und eine von unterschiedlichen Seiten beleuchtete Auseinandersetzung der Anwendung und Umsetzung gliedern. Mit einem Geleitwort beginnt Prof. Michael Domsgen, der auf den Begriff der Verantwortungsgemeinschaft im Gegensatz zur Versorgungseinheit hinweist. Die Herausgeber folgen mit einem Vorwort, in dem sie auf die Ver\u00e4nderungen seit der Erstpublikation im Jahr 2017 verweisen. Im Rahmen ihres Forschungsprojekts und nach ihrer Beteiligung an Forschungspublikationen zu Human Flourishing in 2025 (u.&nbsp;a. \u201eReligiosity and Flourishing in Europe: Evidence from the Global Flourishing Study\u201c und \u201eWie geht\u2019s denn der Gemeinde? Die Messbarkeit von Well-Being in der Gemeinde \u2013 Eine Perspektive kirchenentwickelnden Handelns\u201c) ver\u00f6ffentlichen die Autoren mit Bernhard Schr\u00f6der hier nun eine auf reflektierte Praxis orientierte Zusammenstellung zur Ermutigung im Umbruch. Die etablierten Innovatoren im praktisch-theologischen Bereich, die nach ihrer Dienstzeit an der Universit\u00e4t Greifswald nun im Institut zur Erforschung von Mission und Kirche (IMK) gemeinsam forschen, bilden zusammen mit Bernhard Schr\u00f6der (u.&nbsp;a. theologischer Referent beim genannten Institut) und weiteren 15 Autorinnen und Autoren eine anregende und motivierende, tief reflektierte Gegenseite, indem sie in eine durchaus breite Bearbeitung des Themas einsteigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die theoretische Grundlegung im ersten Teil setzt dabei die Einf\u00fchrung der Human-Flourishing-Forschung in die dt. Praktische Theologie fort und vertieft sie, was einem Novum gleichkommt, da erstmals eine \u00dcbertragung auf die Kirchenentwicklung erfolgt. W\u00e4hrend andere theologische Fachbereiche (vgl. NT: Joshua W. Jipp, \u201ePauline Theology as a Way of Life: A Vision of Human Flourishing in Christ\u201c) bereits Gedanken dieser Forschung aufgegriffen haben, gelingt es den Autoren hier in \u00fcberzeugender Weise, mit einem eigenen theologischen Modell die Argumente und Forschungsergebnisse f\u00fcr Gemeindeentwicklung und -gestaltung zu adaptieren. Als Kennzeichen von florierenden (lebendigen) Gemeinden bilden die Aspekte Evangelium, Gnade, Christus und der Heilige Geist die Mitte. Ringsum gruppieren sich die Felder Wachstum des Einzelnen, gute tragf\u00e4hige Beziehungen untereinander, eine kompetente, integre und inspirierende Leitung, sinnvolle und funktionierende Strukturen und Praktiken, Zufriedenheit mit der Gemeinschaft und eine Willkommenskultur sowie eine starke, von allen geteilte Mission. Dabei wird die Mission der Autoren erkennbar, dass mit dem Blick auf den Herrn der Kirche eine drohende \u201eProblem-Trance\u201c \u00fcberwunden werden (48) kann. F\u00fcr diese \u00dcberwindung greifen sie auch auf das Modell des israelisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Daniel Kahneman vom schnellen und langsamen Denken zur\u00fcck, das bei bewussteren Entscheidungsfindungen helfen soll, und pl\u00e4dieren f\u00fcr eine \u201elangsame Kirchenentwicklung\u201c, die eingefahrene Wege verl\u00e4sst und sich auf neues, bewussteres Denken einl\u00e4sst \u2013 sozusagen eine langsame Kirchenentwicklung in schnellen Ver\u00e4nderungsprozessen. Wer sich bisher noch nicht mit regiolokaler Kirchenentwicklung auseinandergesetzt hat, findet hier nun eine gute aktualisierte Zusammenfassung und eine Zusammenstellung der acht Kernaspekte (52 ff.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Teil zum Themenfeld von Haltungen finden sich f\u00fcr den Ansatz unterst\u00fctzende Einstellungen und Haltungen, wie auch kontraproduktiv wirkende (78 f.). Dazu geh\u00f6ren neben dem Festhalten an alten Geschichten, \u00dcberheblichkeit, Stolz und Arroganz ebenso Neid und Kirchturmdenken als Festhalten am Alten. Bemerkenswert, dass dem Neid und Abschiednehmen je ein eigenes Kapitel gewidmet werden. Das ist n\u00f6tig, wenn an derselben Stelle davon die Rede ist, dass Vertrauen einge\u00fcbt werden muss und Schritte aufgezeigt werden, die unterst\u00fctzen und einen Vertrauensvorschuss f\u00f6rdern. Mit Blick auf Paulus, der in \u00dcberfluss und Mangel alles durch den vermag, der ihn m\u00e4chtig macht, wird auch der Umgang mit Knappheiten thematisiert, denn Kirche wird kleiner (82 f.). Durchg\u00e4ngig wird im Buch betont, dass sich die Rolle von Pfarrpersonen \u00e4ndert. Zum einen werden Hauptamtliche mehr regionale Netzwerker sein als lokale Hirten (59), ebenso wird verdeutlicht, dass es lokale Leitungspersonen braucht (74). Es entstehen neue Dienstgemeinschaften im Spektrum von hauptamtlich, semi-professionell und ehrenamtlich (101; Hinweise zur Laienbegleitung der Church of England). Und es wird auf die Realit\u00e4t verwiesen, dass Pfarrer eine neue Rolle als theologische Paten oder Mentoren gewinnen, indem sich der Schwerpunkt weg von der Versorgung hin zur Bef\u00e4higung der Ehrenamtlichen verlagert (119; 122). F\u00fcr den freikirchlichen Bereich mag das befremdlich wirken, ist doch die gemeinsame Gestaltung der Gemeinde wie selbstverst\u00e4ndlich. Doch auch freie Gemeinden werden hier sensibilisiert, insbesondere mit Blick auf pastorenzentrierte Perspektiven und Kooperationen im Bereich der regiolokalen Gemeindeentwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte Teil widmet sich ganz der Anwendungsseite, in die unterschiedliche Erfahrungswerte wie in einer \u201eCollage\u201c einflie\u00dfen. Mit gelungener Vielfalt versammeln sich hier Ans\u00e4tze von seelsorgerlichem Besuchsdienst \u00fcber etablierte Konzepte wie Kirche Kunterbunt bis Ans\u00e4tze wie neumonastische Gemeinschaften. Auch wenn die Aspekte von Gesundheit und sozialen Beziehungen durchaus in den Praxisbeispielen eine Rolle spielen, w\u00e4re hier jedoch eine deutlichere \u00dcbertragung der Dimensionen aus der Flourishing-Forschung w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die St\u00e4rke des Werkes zeigt sich in seiner multiperspektivischen Anlage: Unterschiedliche konfessionelle, regionale und institutionelle Erfahrungen kommen zur Sprache und erweitern den Horizont der Diskussion. Mit dem Band versuchen die Autoren keine Patentl\u00f6sungen zu bieten, sondern mit dem Leser in Suchbewegungen einzusteigen, die zu neuen Formen gemeinsamer Verantwortung f\u00fchren k\u00f6nnen. Dabei motiviert die etwas idealisierte Sicht. An einigen Stellen scheinen manche Macht-, Ressourcen- und Konfliktfragen jedoch auch zu idealistisch abgehandelt zu werden. Insgesamt bietet der Band einen wichtigen Beitrag zur gegenw\u00e4rtigen Debatte um Kirchenentwicklung. Trotz seiner ausgepr\u00e4gten Praxisorientierung ist das Werk kein Praxishandbuch. Wer konkrete Handlungsanleitungen erwartet, k\u00f6nnte daher entt\u00e4uscht werden. Wer hingegen einen anregenden Reflexionsraum sucht, d\u00fcrfte auf seine Kosten kommen und auf interessante kirchentheoretische \u00dcberlegungen sto\u00dfen. Dabei versuchen die Autoren bis zuletzt einen ausgewogenen und realistischen Blick zu bewahren: Es bleibt anstrengend (193) \u2013 und sie erg\u00e4nzen \u201eEs ist und bleibt bereichernd\u201c. Das Werk l\u00e4dt ein, \u00fcber neue Formen kirchlicher Gemeinschaft und Kooperation nachzudenken. Daf\u00fcr bieten die Autoren eine motivierende Perspektive auf ein Zusammenspiel von Gemeinden mit unterst\u00fctzenden Kooperationen, auch wenn logischerweise Theorie und Praxis dabei Differenzen aufweisen werden. So ist dieser Blick nicht nur f\u00fcr landeskirchliche Ver\u00e4nderungsprozesse und Gemeindeberater eine hilfreiche und wertvolle mentale Landkarte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Joachim Klein, Fachbereichsleiter Praktische Theologie am Theologischen Seminar Adelshofen und Fachlicher Leiter der Bildungsinitiative f\u00fcr Seelsorge und christliche Lebensberatung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patrick Todjeras \/ Michael Herbst \/ Bernhard Schr\u00f6der (Hg.): Regiolokal. 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