{"id":2799,"date":"2026-10-05T16:59:42","date_gmt":"2026-10-05T16:59:42","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2799"},"modified":"2026-10-05T16:59:43","modified_gmt":"2026-10-05T16:59:43","slug":"marian-burchardt-monika-wohlrab-sahr-religion-und-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2799","title":{"rendered":"Marian Burchardt \/ Monika Wohlrab-Sahr: Religion und Kultur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marian Burchardt \/ Monika Wohlrab-Sahr: <em>Religion und Kultur<\/em>, Kleine Reihe Soziologie, Frankfurt: Wochenschau Verlag, 2026, Pb., 128\u00a0S., \u20ac\u00a019,90, ISBN <a href=\"https:\/\/www.wochenschau-verlag.de\/Religion-und-Kultur\/41737-Print-61737-PDF\">978-3-7344-1737-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es scheint zun\u00e4chst wie eine Binsenweisheit: Westliche Gesellschaften sind heutzutage stark s\u00e4kularisiert und ihr Verh\u00e4ltnis zur Religion ist oft spannungsreich. Doch so offensichtlich dieser Sachverhalt ist, so komplex stellt er sich dar. Marian Burchardt arbeitet als Professor an der Universit\u00e4t Leipzig, Monika Wohlrab-Sahr ist Seniorprofessorin an derselben Hochschule. Beide forschen im Bereich der Kultursoziologie, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die sie im vorliegenden Titel gekonnt zusammenbringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Kapitel er\u00f6rtert das Autorenduo die Problemstellung. Ihr Fokus liegt v.&nbsp;a. auf den Verh\u00e4ltnisbestimmungen von Religion und Kultur. Denn je nachdem, ob die Begriffe gleichgesetzt werden, variabel verbunden oder in Opposition zueinander gestellt sind, pr\u00e4gt dies das soziale Leben. Dabei fassen sie den Kulturbegriff eher weit, d.&nbsp;h. sie sprechen von menschlicher Praxis, \u201ebei der Handlungen und Gegenst\u00e4nden, Formen des Erlebens und der Erfahrung, Sinn und Bedeutung zugesprochen wird.\u201c (16)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anhand zahlreicher Beispiele analysieren sie passend dazu, welche Akteure sich in bestimmten Situationen mit welcher Art von Annahmen, Argumenten und Absichten inszenierend an eine H\u00f6rerschaft wenden. Dies soll helfen zu verstehen, welche Verh\u00e4ltnisse von Religion und Kultur mit welcher Logik und mit welchen Konsequenzen heute postuliert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob Handlungen oder Dinge eher im Bereich von Religion oder Kultur verortet werden, h\u00e4ngt von der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit und Funktion der Religion ab. So lautet die zentrale These im zweiten Kapitel, \u201edass gerade in religi\u00f6s pluralen Gesellschaften, in denen keine Religion beanspruchen kann, die Gesellschaft als Ganzes zu repr\u00e4sentieren, Religion als Kultur in den Vordergrund tritt.\u201c (27)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sodann beschreiben Burchardt und Wohlrab-Sahr die <em>Kulturalisierung von Religion<\/em>. Ihre Beobachtung lautet: Innerhalb von S\u00e4kularisierung und Pluralisierung entst\u00fcnden Dynamiken, bei denen z.&nbsp;B. sakrale Orte in ihrer Bedeutung transformiert w\u00fcrden. Die Menschen in den westlichen Gesellschaften f\u00e4nden sich dabei in einer Spannung von biografischer und sozialer Geschichte. Sie hielten trotz ihrer Distanz gegen\u00fcber Religion weiterhin an <em>heiligen Residuals<\/em> (nach Daan Beekers) fest, die sie kulturell zu bewahren versuchten. Dies erkenne man etwa an den komplexen sozialen Prozessen bei der Nachnutzung, Umnutzung oder Neunutzung historischer Kirchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewisserma\u00dfen gegenteilige, kulturalisierende Bewegungen w\u00e4ren Bem\u00fchungen um die Oberhoheit \u00fcber bedeutsame Orte. Hier w\u00fcrden bestimmte Interessengruppen nach \u201eder religi\u00f6sen Durchdringung oder Besetzung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume durch die Symbole der dominanten Mehrheitsreligion\u201c (51) streben. Eine weitere Illustration f\u00fcr die Anfangsthese seien Museen: Ausgestellte kulturelle Artefakte w\u00fcrden in ihrer religi\u00f6sen Bedeutung einerseits s\u00e4kularisiert, andererseits auf eine neue Weise geheiligt werden. Interessant ist auch, dass die Autoren \u201edurchaus \u00dcberlappungen zwischen den Handlungsweisen und Beobachtungsperspektiven\u201c (60) von Museumsbesuchern und Kirchg\u00e4ngern wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Kapitel geht es um die Frage nach den Regeln des \u00f6ffentlichen Raumes. Am Beispiel des islamischen Gesichtsschleiers und den damit verbundenen Auseinandersetzungen skizzieren Burchardt und Wohlrab-Sahr verschiedene soziologische Zug\u00e4nge, Positionen und Argumente. Bemerkenswert ist l\u00e4nder\u00fcbergreifend die wiederkehrende Rolle von <em>Moralunternehmerinnen<\/em> (nach Howard S. Becker) und ihrer Nutzung bestimmter Narrative, um normative Ideen im \u00f6ffentlichen Diskurs zu verbreiten. Dar\u00fcber hinaus diskutieren die Autoren das eigentliche Konzept des \u00f6ffentlichen Raumes und inwiefern irritierte Normalit\u00e4ten oft emotionale Debatten ausl\u00f6sen. Anhand der Diskussion, ob der islamische Gesichtsschleier nun eher auf eine fremde Kultur oder auf eine fremde Religion verweise, lasse sich die Geschwindigkeit des kulturellen Wandelns gut ablesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das vierte Kapitel fragt danach, inwiefern die Menschen Bezug auf Religion, Kultur und Zivilisation nehmen, um kollektive Identit\u00e4ten zu st\u00e4rken. Sowohl historische Ereignisse als auch geografische Topologien pr\u00e4gten das soziale Ged\u00e4chtnis, ebenso das Verst\u00e4ndnis von bedeutsamen Zentren, Peripherien und den Grenzen zu anderen Kulturr\u00e4umen. Das Autorenduo benennt und analysiert mit Blick auf Religion verschiedene Zivilisationstheorien, st\u00fctzt sich zur Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt jedoch klassisch auf Durkheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles soll die Leser mitunter daf\u00fcr sensibilisieren, bei welchen Gelegenheiten und mit welchen Wirkungen \u201esich auch heute kollektive Ausdrucksformen, die auf ein imagin\u00e4res Ganzes bezogen sind und sich dabei religi\u00f6ser oder religions\u00e4hnlicher Ausdrucksformen und Bezugnahmen bedienen\u201c (98) erkennen lassen. Zwar scheint in s\u00e4kularen Gesellschaften westlichen Typs eine neutral gelesene, kulturelle Sph\u00e4re viele religi\u00f6s regulierte Bereiche zu verdr\u00e4ngen. Global gesehen sei jedoch oft das Gegenteil der Fall, so die Autoren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Schlussbetrachtungen des f\u00fcnften Kapitels werden zentrale Gedanken zusammengefasst und weitergedacht. Inwiefern Religion und Kultur sich \u00fcberlappen oder kontr\u00e4r zueinanderstehen, sei letztlich von verschiedenen Gegebenheiten, Dynamiken und Strategien verschiedener Akteure abh\u00e4ngig. Markante Beispiele, um tiefer \u00fcber die Verh\u00e4ltnisbestimmungen von Religion und Kultur nachzudenken, seien u.&nbsp;a. politische Erneuerungsbewegungen und religi\u00f6se Erweckungsbewegungen mit ihren jeweiligen Wertvorstellungen und Kulturbegriffen. Interessant ist allerdings: Auch s\u00e4kulare Stimmen, die religi\u00f6se Pr\u00e4gungen als partikular ansehen und stattdessen auf eine h\u00f6here, allgemeine Kultur verweisen, entgehen nicht der Frage, \u201ewie in einem pluralen Kontext \u00fcberhaupt etwas Universelles festgehalten werden kann.\u201c (113) Einerseits beg\u00fcnstige der Kulturvergleich die \u00d6ffnung und Relativierung der eigenen Position, andererseits f\u00fchre dies (mit Luhmann) zur Ziehung neuer Grenzen, um die eigene Identit\u00e4t weiter zu definieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Religion und Kultur<\/em> ist auffallend dicht und \u00fcberraschend gut geschrieben. Entgegen \u00e4hnlichen Titeln konzentriert sich das Duo nicht auf ein einziges Erkl\u00e4rungsmodell, um dieses dann schrittweise auszuwerten und nutzbar zu machen. Stattdessen greifen sie auf eigene Forschungsergebnisse zur\u00fcck, u.&nbsp;a. zum Islam in Deutschland oder zu Raum und Materialit\u00e4t mit urban-ethnografischen Ans\u00e4tzen. Dies erg\u00e4nzt prominente Perspektiven wie z.&nbsp;B. jene von Charles Taylor oder Hartmut Rosa, die im Buch bezeichnenderweise nicht einmal erw\u00e4hnt werden. Die Autoren entfalten ihren Gedankengang insgesamt konzentriert und nachvollziehbar. Methodische sowie grunds\u00e4tzliche Problematiken, etwa zu deskriptiven und normativen Fragestellungen, werden transparent benannt. Die zahlreichen Beispiele sind gut gew\u00e4hlt und machen viele Thesen, Gegenthesen und Nuancen weiter greifbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl sich die Buchreihe v.\u00a0a. an Lehrkr\u00e4fte in der politischen Bildung richtet, ist der Titel f\u00fcr die Praktische Theologie n\u00fctzlich wie relevant. Studierenden bietet er eine didaktisch robuste Einf\u00fchrung zum Thema. Mitarbeiter im missionarischen Gemeindeaufbau erhalten hier weitere Werkzeuge, um manche Dynamiken hinter \u00f6ffentlichen Entwicklungen besser nachzuvollziehen. Theologische Lehrkr\u00e4fte finden in <em>Religion und Kultur<\/em> weiterf\u00fchrende Anregungen f\u00fcr die eigene Arbeit. Zugleich kann sie die Lekt\u00fcre weiter f\u00fcr Grundfragen und Grenzen von Referenzwissenschaften sensibilisieren, was wiederum das praktisch-theologische Kerngesch\u00e4ft f\u00f6rdern mag.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marian Burchardt \/ Monika Wohlrab-Sahr: Religion und Kultur, Kleine Reihe Soziologie, Frankfurt: Wochenschau Verlag, 2026, Pb., 128\u00a0S., \u20ac\u00a019,90, ISBN 978-3-7344-1737-5<\/p>\n","protected":false},"author":84,"featured_media":2800,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-2799","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-praktische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2799","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/84"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2799"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2799\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2801,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2799\/revisions\/2801"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2800"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2799"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2799"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2799"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}