{"id":2802,"date":"2026-10-05T17:02:09","date_gmt":"2026-10-05T17:02:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2802"},"modified":"2026-10-05T17:06:06","modified_gmt":"2026-10-05T17:06:06","slug":"arndt-schnepper-daniel-strass-hg-christliche-bildungslehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2802","title":{"rendered":"Arndt Schnepper\/Daniel Stra\u00df (Hg.): Christliche Bildungslehre"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arndt Schnepper\/Daniel Stra\u00df (Hg.): <em>Christliche Bildungslehre. Eine Einf\u00fchrung<\/em>, TVG Lehrb\u00fccher, Gie\u00dfen: Brunnen, 2026, geb., 544 S.,\u00a0\u20ac 60,\u00ad\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/shop.brunnen-verlag.de\/products\/christliche-bildungslehre?_pos=1&amp;_psq=hristliche+Bildungslehre&amp;_psid=50f8e2ba6&amp;_ss=e\">978-3-7655-9587-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erste bildungstheoretisch ausgerichtete religions- und gemeindep\u00e4dagogische Grundlagenwerk in der Reihe <em>TVG Lehrb\u00fccher<\/em> markiert \u2013 zeitgleich mit der von den Herausgebern initiierten Herausbildung der AfeT-Arbeitsgruppe \u201eReligionsp\u00e4dagogik und Katechetik\u201c aus der bisherigen \u00fcbergreifenden Arbeitsgruppe \u201ePraktische Theologie\u201c \u2013 einen \u00fcberf\u00e4lligen und beachtenswerten Neuaufbruch. Arndt Schnepper analysiert treffend: \u201eBildungspraktisch sind Pietismus und Evangelikalismus seit den fr\u00fchen 1970er-Jahren wieder in hohem Ma\u00dfe engagiert, bildungstheoretisch erscheinen sie eher schwach\u201c (172). Dass sich dies \u00e4ndern l\u00e4sst, zeigt der 18 Kapitel umfassende Sammelband eindr\u00fccklich durch die breite Rezeption evangelischer bildungstheoretischer und religionsp\u00e4dagogischer Grund\u00fcberzeugungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz der vielf\u00e4ltigen Perspektiven innerhalb des Bandes lassen sich gemeinsame, tragf\u00e4hige Grundlinien einer <em>christlichen Bildungslehre<\/em> konturieren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1. Sie setzt einen <em>umfassenden Bildungsbegriff<\/em> voraus, der den lebenslangen Erwerb von Wissen, Kompetenzen und Haltungen sowie deren Integration in eine wertorientierte Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung umfasst (6, 25, 224\u2013229, 285, 425f.); 2. sie versteht Bildung im Kern als eigent\u00e4tige Selbstentfaltung, die auf \u00e4u\u00dfere Impulse und \u2013 im christlichen Deutungshorizont der relationalen Bestimmung des <em>Menschen<\/em> <em>als Ebenbild Gottes<\/em> \u2013 auf Gott verwiesen ist und ihr Transformationspotenzial im ver\u00e4nderten Selbst- und Weltverh\u00e4ltnis des Glaubens an <em>Jesus Christus als vollendetes Ebenbild Gottes<\/em> erh\u00e4lt (18f., 24f., 220\u2013224, 229\u2013233, 280f.); 3. sie verbindet allgemeine, sch\u00f6pfungstheologisch begr\u00fcndete Bildung als <em>Entfaltung des Menschseins<\/em> mit spezifischer, soteriologisch begr\u00fcndeter Bildung als <em>Bef\u00e4higung zum Christwerden bzw. Christsein<\/em> (20\u201324, 174f.); 4. sie erfordert einen subjektorientierten und entwicklungspsychologisch gesch\u00e4rften Blick auf Fragen, Deutungen, Haltungen und Zweifel der <em>Lernenden<\/em> (329, 340, 375, 416f., 445f., 481, 517f.); 5. sie begreift <em>generations\u00fcbergreifendes<\/em> Von- und Miteinanderlernen als Chance und strebt eine <em>Vernetzung der Bildungsorte<\/em> Familie, Gemeinde, Kindergarten und Schule an (303, 328, 352f., 382, 427f., 474); 6. sie versteht Paidea neben Martyria, Leiturgia, Koinonia und Diakonia als <em>f\u00fcnften Grundmodus der Kommunikation des Evangeliums<\/em> bzw. als Grundvollzug von Kirche, der auf die genuine <em>Bildungsverantwortung nach innen<\/em> wie auch auf den <em>gesellschaftlichen Beitrag nach au\u00dfen<\/em> zielt (36f., 175, 265\u2013271, 316\u2013319, 409f.).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben der Einleitung steckt das erste Kapitel von Arndt Schnepper die zentralen <em>biblisch- und<\/em> <em>systematisch-theologischen Aspekte<\/em> einer christlichen Bildungslehre pointiert ab und bildet das programmatische Leitkapitel des Bandes. Es folgen in den Kapiteln 2\u20135 umfangreiche <em>historische Perspektiven<\/em> der beiden Herausgeber, in denen sich st\u00e4rker p\u00e4dagogisch akzentuierte mit kompakteren, eher religionsp\u00e4dagogischen Darstellungen abwechseln. Die exemplarisch ausgew\u00e4hlten Personen der fr\u00fchen Kirche und des Mittelalters verdeutlichen den Stellenwert der Herzens- und Gewissensbildung. Neben der Reformationszeit mit ihrer Aufwertung allgemeiner und religi\u00f6ser Bildung werden die Bedeutung religi\u00f6ser Selbstbildung und das bildungsorientierte Anliegen aktiver Weltgestaltung im Pietismus hervorgehoben. Nach exemplarischen Einblicken in das Denken einzelner christlicher P\u00e4dagogen unter modernen Bedingungen zeigen die abschlie\u00dfenden Betrachtungen, wie die Kritik an einer emanzipatorischen P\u00e4dagogik in den 1970er-Jahren zum Katalysator der evangelikalen Bewegung entlang bildungspraktischer Bruchlinien wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im zweiten Teil plausibilisiert Daniel Stra\u00df differenziert aus <em>p\u00e4dagogischer Perspektive<\/em> einen umfassenden Bildungsbegriff und die Bedeutung letztorientierender Perspektiven f\u00fcr Pers\u00f6nlichkeitsbildung (Kap. 6\u20137). Heinzpeter Hempelmann pl\u00e4diert aus <em>soziologischer Perspektive<\/em> \u00fcberzeugend f\u00fcr milieusensible Bildung (Kap. 8). Als Kernst\u00fcck erweisen sich die <em>praktisch-theologischen \u00dcberlegungen<\/em> Stefan Schweyers (Kap. 9) mit der Grundthese, dass Missions- und Bildungsauftrag der Kirche in der <em>missio Dei<\/em> einen gemeinsamen Ursprung haben und in der unverf\u00fcgbaren Zielperspektive konvergieren, \u201edass die Bestimmung des Menschen zur Entfaltung kommt\u201c (260). Stephanus Sch\u00e4l betont die systemische Zusammenschau <em>verschiedener Bildungsorte<\/em>, bei der insbesondere Familie und Mediengesellschaft noch st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt werden sollten (Kap. 10\u201311).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die besondere St\u00e4rke des Bandes liegt im dritten Teil, der Bildung in den verschiedenen Lebensphasen multiperspektivisch erschlie\u00dft und dabei viele bedenkenswerte Impulse setzt. Arndt Schnepper konturiert f\u00fcr die pr\u00e4gende Phase der <em>Kindheit<\/em> die Bedeutung der Prim\u00e4rsozialisation und einer Kultur der F\u00fcrsorge, Verl\u00e4sslichkeit, Vers\u00f6hnung und Hoffnung und hebt zudem Imitationslernen, Raum- und Zeitgestaltung, Kindertheologie und gemeindliche Familienbildung hervor (Kap. 12). Andreas J\u00e4gers fordert f\u00fcr die <em>Jugendzeit<\/em>, in der der Glaube oftmals auf dem Pr\u00fcfstand steht, mehr \u00f6rtliche Gruppenangebote, die Fragen und Zweifel ernst nehmen (Kap. 13). Kerstin Schirmer und Daniel Stra\u00df sensibilisieren f\u00fcr die Chancen von Glaubenskursen im Schnittfeld von <em>Erwachsenenbildung<\/em> und Erwachsenenarbeit, sofern diese Sinnfragen aufgreifen und die Spannungen von Vermittelbarkeit und Unverf\u00fcgbarkeit sowie Positionalit\u00e4t und Kontroversit\u00e4t beachten (Kap. 14). Markus M\u00fcller versteht das <em>Alter<\/em> als chancenorientierte Lebensphase. Dabei sind nicht nur Anstrengungen f\u00fcr eine altersad\u00e4quate Bildung essenziell; auch die sinnstiftende Hoffnungstr\u00e4gerschaft der \u00c4lteren sowie ein bejahender Umgang mit Lebensbegrenzungen er\u00f6ffnen Bildungspotenziale f\u00fcr alle (Kap. 15). Den Abschluss bilden der wichtige Blick auf <em>Menschen mit Behinderung<\/em> (Margit Berg, Kap. 16) sowie die didaktisch reflektierte Er\u00f6rterung des <em>Methodeneinsatzes<\/em> von Sozialformen, Musik, Erz\u00e4hlungen und Festen (Rahel Bidlingmaier, Kap. 17\u201318).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Band schlie\u00dft eine wichtige bildungstheoretische L\u00fccke im deutschsprachigen Evangelikalismus, ist aber nur eingeschr\u00e4nkt als inhaltlich umfassendes Grundlagenwerk zu verstehen und eher als programmatisch wegweisender Beitrag zu notwendigen bildungstheoretischen und (religions-)p\u00e4dagogischen Neujustierungen innerhalb der evangelikalen Bewegung zu lesen. In diesem Sinne markieren die folgenden Desiderate zentrale Zukunftsaufgaben f\u00fcr die im AfeT vernetzte Forschungsgemeinschaft. Erstens erscheint es angezeigt, die richtungsweisenden, aber teils unterbestimmten <em>wissenschaftstheoretischen und theologisch-anthropologischen Fundierungen<\/em> intensiver zu diskutieren. Zweitens bleiben im Band trotz umfangreicher historischer Perspektiven einzelne <em>theologiegeschichtlich bedeutsame Impulse<\/em> f\u00fcr den wechselseitig konstitutiven Bezug von Glaube und Bildung unber\u00fccksichtigt, die es noch zu erschlie\u00dfen gilt. Drittens ist der Fokus auf die verschiedenen Lebensphasen zwar eine St\u00e4rke des Bandes; gleichwohl bedarf es einer ausf\u00fchrlicheren und substanzielleren Betrachtung der <em>Bildungsorte Familie, Gemeinde, Religionsunterricht und Mediengesellschaft<\/em>. Viertens m\u00fcsste auch eine wissenschaftliche Betrachtung der in den letzten Jahrzehnten stark gewachsenen Zahl von <em>Kitas und Schulen in evangelikal gepr\u00e4gter privater Tr\u00e4gerschaft<\/em> integraler Bestandteil eines bildungstheoretischen Aufbruchs sein. F\u00fcnftens sollten die im Band \u00fcberzeugenden programmatischen Weichenstellungen sowohl hinsichtlich einer <em>lernort\u00fcbergreifenden Konkretion der Bildungsverantwortung nach innen<\/em> \u2013 etwa des biblischen und ethischen Lernens \u2013 als auch hinsichtlich <em>christlicher Potenziale der Bildungsmitverantwortung<\/em> <em>nach au\u00dfen<\/em> konkretisiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammengefasst stellt der Band einen weitgehend \u00fcberzeugenden, polyphonen bildungstheoretischen und (religions-)p\u00e4dagogischen Grundlagenentwurf dar, der als programmatischer Auftakt f\u00fcr die evangelikale Forschungsgemeinschaft zu verstehen ist. Zu w\u00fcnschen bleibt, dass dieser Impuls in evangelikalen Bildungsinstitutionen und Gemeinden nicht nur Geh\u00f6r findet, sondern auch im umfassenden Sinne bildend wirkt. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Tobias Lehmann, Dozent f\u00fcr Evangelische Theologie\/Religionsp\u00e4dagogik an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Freiburg im Breisgau<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arndt Schnepper\/Daniel Stra\u00df (Hg.): Christliche Bildungslehre. 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