{"id":2808,"date":"2026-10-05T17:10:48","date_gmt":"2026-10-05T17:10:48","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2808"},"modified":"2026-10-05T17:10:49","modified_gmt":"2026-10-05T17:10:49","slug":"melanie-grybel-noch-ganz-bei-trost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2808","title":{"rendered":"Melanie Grybel: Noch ganz bei Trost?!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie Grybel: <em>Noch ganz bei Trost?! Evangelische Bildungsarbeit unterwegs<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, kt., 240 S.,\u00a0\u20ac 48,00, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/noch-ganz-bei-trost-2\">978-3-374-07841-7<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Evangelische Bildungsarbeit ist vielschichtig und doch vielseitig herausgefordert. Dabei kann sie auf zahlreiche Ressourcen und Einsichten zur\u00fcckgreifen. Wie steht es etwa um ihre eigene katechetische Tradition, insbesondere im Lichte der heutigen Religions- und Gemeindep\u00e4dagogik?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie Grybel arbeitet als Jugendreferentin im Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein und ist Lehrbeauftragte an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe. Mit dem vorliegenden Titel pr\u00e4sentiert sie ihre an der Uni Paderborn erfolgte Dissertation. Darin untersucht sie das religionsp\u00e4dagogische Potenzial des Heidelberger Katechismus (HK) f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige evangelische Bildungsarbeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich im ersten Kapitel nennt die Autorin ihre Leitthesen, n\u00e4mlich erstens, dass evangelische Bildungsarbeit weiterhin gefragt ist, insofern sie gesellschaftsrelevant und heilvoll, d.h. zum Nutzen von Menschen entwickelt werden kann. Zweitens sieht sie im HK als protestantischen Lehr- und Bekenntnistext eine ertragreiche Quelle f\u00fcr eine derart gestaltete evangelische Bildungsarbeit. Diese bestimmt sie als ein \u201eUnterwegssein von und mit Menschen auf ihrem je pers\u00f6nlichen Lebensweg hin zu und in vertrauensvoll schwankendem Weltumgang. Dies ist sie aufgrund der einen, in Jesus Christus lebendigen, unergr\u00fcndlichen Hoffnung, dass heilvolles, erf\u00fclltes, gelingendes Leben m\u00f6glich ist.\u201c (S. 13)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zweite Kapitel erl\u00e4utert die besondere Entstehungsgeschichte des HK und seine andauernde Wirkung \u00fcber die Reformationszeit hinaus. Ein Blick auf den Aufbau und die Form des Katechismus zeigt, dass die Frage-Antworten 1 und 2 eine besondere Ouvert\u00fcre bzw. einen hermeneutischen Schl\u00fcssel darstellen, die die Gl\u00e4ubigen zur dreifachen Grundlage ihres Trostes in Elend, Erl\u00f6sung und Dankbarkeit zu Christus f\u00fchren. Grybel sieht im HK deutlich einen Beitrag zu einer subjektorientierten Religionsp\u00e4dagogik mit einem ehrlichen Ringen um Erkenntnis innerhalb einer dialogischen Gott-Mensch-Relation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zus\u00e4tzlich dazu reflektiert sie drei praktische-theologische Perspektiven zum HK: Der fundamentaltheologische Ansatz von Thorsten Latzel mit Fokus auf eine eigenst\u00e4ndige Glaubenskommunikation; der systematisch-theologische Ansatz von Magdalene Frettl\u00f6h, die den HK als soteriologisch-therapeutisches Programm f\u00fcr m\u00fcndig werdende Christen versteht; und schlie\u00dflich Matthias Freudenbergs Blick auf das pers\u00f6nlichkeitsbildende Potential des HK. Eine Auswertung der verschiedenen Erkenntnisse mit einer religionsp\u00e4dagogischen Zuspitzung leitet zum n\u00e4chsten Teil \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Kapitel bietet Grybel einen kompakten historischen Abriss \u00fcber die Entwicklung der klassischen Katechese hin zur evangelischen Bildungsarbeit. Dabei arbeitet sie zahlreiche Verbindungslinien heraus, um eine Kontinuit\u00e4t der Katechetik zur gegenw\u00e4rtigen Gemeinde- und Religionsp\u00e4dagogik zu unterstreichen. Zudem pl\u00e4diert sie f\u00fcr eine breit aufgestellte und offene evangelische Bildungsarbeit, die unter den Bedingungen der fl\u00fcchtigen Moderne (Zygmunt Bauman) ihre Glaubensinhalte nicht starr und dogmatisch, sondern konfessorisch-lebensrelevant vertreten kann, um die Menschen auf der Suche nach ihrem eigenen Lebensweg zu begleiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Daran anschlie\u00dfend diskutiert sie drei zeitgen\u00f6ssische religionsp\u00e4dagogische Ans\u00e4tze mit dem Ziel einer \u201epraktisch-theologischen Bestimmung ev. Bildungsarbeit\u201c (S. 95), um so f\u00fcr zukunftsf\u00e4hige, heilvoll-n\u00fctzliche Perspektiven in Theorie und Praxis zu sensibilisieren. Hierzu geh\u00f6ren Ingrid Schoberths religionsp\u00e4dagogische Sicht auf das Glauben-Lernen, die experimentelle Religionsdidaktik von Dietrich Zille\u00dfen und Bernd Beuscher, sowie Michael Domsgens Theorie eines evangelischen Empowerments. Die darauffolgende Auswertung und thematische Vertiefung b\u00fcndelt die Einsichten der drei gro\u00dfen, etablierten Ans\u00e4tze noch einmal, was mit Grybels bereits erw\u00e4hnter Vision und Definition einer evangelischen Bildungsarbeit korrespondiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vierten Kapitel beschreibt die Autorin den HK schlie\u00dflich als eine vielgestaltige Matrix f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige evangelische Bildungsarbeit. Ihre Thesen und Impulse orientieren sich an der grunds\u00e4tzlichen Struktur des Katechismus: Laut Grybel erinnerten die <em>Anfangsfragen<\/em> des HK an die religionsp\u00e4dagogische Aufgabe, den Menschen Vertrauen, Trost und Mut zu vermitteln. Das Thema vom <em>Elend<\/em> des Menschen verweise auf das Auftrags- und Bildungsdilemma der Kirche; die <em>Erl\u00f6sung<\/em> in Christus f\u00fchre u.a. zu einem befreienden Umgang mit der eigenen Tradition, w\u00e4hrend <em>Dankbarkeit<\/em> neuen Raum f\u00fcr das eigene Denken und Handeln biete. Das abschlie\u00dfende <em>Amen<\/em> des HK f\u00fchrt die Theologin zu einem kurzen Epilog, der als f\u00fcnftes Kapitel einen praktisch-theologischen Ausblick mit Segensw\u00fcnschen f\u00fcr die Zukunft der evangelischen Bildungsarbeit beinhaltet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie Grybel wagt sich mit ihrer Untersuchung an \u00e4u\u00dferst interessante Themen, Spannungsfelder und Grundfragen heran. Dabei verbindet sie kirchen- und dogmengeschichtliche mit praktisch-theologischen und religionsp\u00e4dagogischen Perspektiven, die sie gekonnt auswertet und gelungen miteinander verbindet. Heraus kommt eine Studie, die einerseits einen wohlwollenden Blick auf die katechetische Tradition wirft, und andererseits den aktuellen Stand der Religionsp\u00e4dagogik ber\u00fccksichtigt, um dies alles f\u00fcr eine dezidiert evangelische Bildungsarbeit weiterzudenken. Das alles ist lehrreich und horizonterweiternd dargelegt, wobei der klare Schreibstil zeitweise von poetisch-assoziativen \u00dcberlegungen erg\u00e4nzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass evangelische Bildungsarbeit im Kern \u201ereligionsp\u00e4dagogisch reflektiertes evangelisch-katechetisches Handeln\u201c (S. 112) ist, dem w\u00e4re von einer evangelikalen Perspektive her positiv zuzustimmen. Allerdings w\u00fcrde man mitunter die Dimensionen von Christologie, Soteriologie und Lebensrelevanz noch st\u00e4rker schrifttheologisch f\u00fcllen und ekklesiologisch ausrichten wollen, als es Grybel in ihrer Interpretation des HK tut (S. 88-93). Und so fallen beim Lesen der Studie wiederholt axiomatische Entscheidungen auf: Damit sich eine evangelische Bildungsarbeit im Heute als heilvoll und n\u00fctzlich erweisen kann, werden viele klassische katechetische Inhalte immer wieder zeitgen\u00f6ssischen Interpretationen und Kontextualisierungen unterzogen. So wird z.B. S\u00fcnde als transmoralisch und in erster Linie als selbstsch\u00e4digende Grundsituation des Menschen verstanden, w\u00e4hrend weiterhin die Annahme des Menschen in Christus deklariert wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch schwingt bei der Lekt\u00fcre immer wieder der Dreiklang von Schleiermacher, Barth und Tillich mit, der die Unverf\u00fcgbarkeit von Gott, Mensch und Bildung postuliert und gegen (fundamentalistisch verstandene) Vereinnahmungen zu verteidigen versucht. Einerseits erinnert dies an die Diskussion um die theologisch-inhaltliche F\u00fcllung des Leitbegriffs von der Kommunikation des Evangeliums. Andererseits verweist das Ganze auf die p\u00e4dagogische Problemstellung der Ich-Werdung zwischen deskriptivem Sein und normativem Sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Noch ganz bei Trost?!<\/em> liefert keine Studie \u00fcber den Heidelberger Katechismus an sich oder \u00fcber seine Vermittlungspraxis in konkreten Kontexten wie Schule und Familie. Stattdessen ist Grybels Arbeit eine konzeptionelle Tiefenstudie, die gewichtige Analysen und konstruktive Impulse f\u00fcr die evangelische Bildungsarbeit im volkskirchlichen Rahmen formuliert. Freikirchliche Theologen und praktisch orientierte Gemeindep\u00e4dagogen k\u00f6nnen hier mancherlei Anregungen f\u00fcr ihre eigene Arbeit in Theorie und Praxis finden bzw. sich f\u00fcr religionsp\u00e4dagogische Grundfragen sensibilisieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Melanie Grybel: Noch ganz bei Trost?! 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