{"id":2814,"date":"2026-10-05T17:15:49","date_gmt":"2026-10-05T17:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2814"},"modified":"2026-10-05T17:15:50","modified_gmt":"2026-10-05T17:15:50","slug":"werner-fuehrer-gott-und-die-schrift-gottes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2814","title":{"rendered":"Werner F\u00fchrer: Gott und die Schrift Gottes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Werner F\u00fchrer: <em>Gott und die Schrift Gottes. Gegenstand und Grundlage der christlichen Lehre III: Die Schrift Gottes,<\/em> G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2024, Pb., 540\u00a0S., \u20ac\u00a039,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/systematische-theologie-religionsphilosophie\/58954\/gott-und-die-schrift-gottes?number=VUR0007530\">978-3-525-50057-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der fr\u00fchere Oberkirchenrat Dr. Werner F\u00fchrer entfaltet im dritten und letzten Band seiner Reihe \u201eGott und die Schrift Gottes\u201c eine Lehre \u00fcber die Heilige Schrift und vervollst\u00e4ndigt damit die bereits dargelegten Lehrgrundlagen (I: Die Erkennbarkeit Gottes; II: Gotteserkenntnis als Heilsgeschehen). Die Ergebnisse der f\u00fcnf Kapitel werden in einem Schlussteil (\u201eThesen zur Schrift Gottes\u201c, 410\u2013498) hilfreich zusammengefasst. Das Buch endet mit Registern von Bibelstellen, Namen, Sachen, sowie lateinischen Begriffen und Formeln zu allen drei B\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schrift gibt es, weil Gott <em>geredet<\/em> hat, zun\u00e4chst durch die Propheten zu den V\u00e4tern, zuletzt durch Christus. Die Sache der Schrift, n\u00e4mlich die Selbstoffenbarung Gottes in Christus zu unserer Vers\u00f6hnung, erfordert die Schriftwerdung. F\u00fchrer macht dies plausibel, indem er anhand von sechs zentralen Bibeltexten (Ex 20,3; Jer 17,5\u20138; Joh 1,1\u201314; 1Kor 15,3b\u20135; 2Kor 5,18\u201321 und Hebr 1,1\u20134) an dieser Sache der Schrift entlanggeht. Die Aussagen dieser Stellen <em>m\u00fcssen<\/em> schriftlich vorliegen, damit um des Evangeliums willen jetzt und in Zukunft auf sie R\u00fcckbezug genommen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schriften des biblischen Kanons sind Gelegenheitsschriften. Der Kanon entstand nicht durch dogmatische Setzung, seine Schriften haben sich vielmehr aufgrund ihres Inhaltes (im Alten Testament Gott, im Neuen Testament Christus und das Evangelium) selbst durchgesetzt. Die Kirche machte die Erfahrung, dass sie \u201enur durch das Festhalten an diesen Schriften &#8230; gegr\u00fcndet und bewahrt werden kann &#8230;\u201c (431). F\u00fcr den alttestamentlichen Kanon folgt F\u00fchrer einer gem\u00e4\u00dfigten Sp\u00e4tdatierung \u2013 Pentateuch: 2.&nbsp;H\u00e4lfte des 5. Jh. v. Chr., Prophetenkanon um 200 v. Chr., Weisheitskanon sp\u00e4testens um 50&nbsp;n. Chr. Die Bildung des neutestamentlichen Kanons beginnt mit der Sammlung der Paulusbriefe, zu denen im 2. Jh. die Evangelien hinzutreten, w\u00e4hrend die katholischen Briefe und die Offenbarung am l\u00e4ngsten umstritten sind. Die sachlich notwendigen Abgrenzungen gegen Marcion, die Gnosis und enthusiastische Bewegungen machen einen klar definierten Kanon unentbehrlich. Dessen Inhalt wird durch Athanasius 367 n. Chr. nicht entschieden, aber festgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wesen und Alleinstellungsmerkmal der Schrift ist ihre Inspiration. Auf dieser beruht zun\u00e4chst ihr Ursprung, noch wichtiger aber das gegenw\u00e4rtige Reden Gottes durch sie. F\u00fchrer begr\u00fcndet die Lehre von der Inspiration durch eine Auslegung der klassischen Stellen 2Tim 3,16 und 2Petr 1,19\u201321: Gott hat Menschen beauftragt und bevollm\u00e4chtigt, sein Wort zu sagen. Er hat dabei ihr Personsein nicht ausgel\u00f6scht, sondern in seinen Dienst gestellt. F\u00fcr die ersten Kirchenv\u00e4ter (Iren\u00e4us, Origenes, Tertullian) beinhaltet Inspiration nicht Ekstase, sondern gr\u00fcndet im H\u00f6ren und Sehen. Ausgew\u00e4hlte Beispiele belegen, dass die so verstandene Inspiration in der Theologiegeschichte bis zu Semler und Schleiermacher zu den Grundlagen des Schriftverst\u00e4ndnisses geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Luther erf\u00e4hrt das Schriftverst\u00e4ndnis eine Vertiefung. Der Ablassstreit veranlasst ihn, die Schrift als einzige und ausschlie\u00dfliche Autorit\u00e4t \u00fcber die Kirche zu stellen. Wichtig sind ihm zwei Unterscheidungen: (1) <em>Wort<\/em> Gottes und <em>Schrift<\/em> Gottes: Christus ist das <em>Wort<\/em> Gottes in menschlicher Gestalt, er erschlie\u00dft die Schrift. Die <em>Schrift<\/em> Gottes bewirkt, dass die Offenbarung Gottes in Christus nicht vergessen oder inhaltlich ver\u00e4ndert wird. \u2013 (2) <em>Gesetz<\/em> und <em>Evangelium<\/em>: Das <em>Gesetz<\/em> offenbart S\u00fcnde und bringt den S\u00fcnder in heilsame Verzweiflung an seiner eingebildeten Gerechtigkeit. Das <em>Evangelium<\/em> spricht um Jesus\u2019 willen Vergebung zu, ruft den Glauben hervor und macht gerecht. Ohne diese Unterscheidung ist gut m\u00f6glich, dass auch bei Schriftgebrauch die Bosheit des menschlichen Herzens durch Gesetzesobservanz zugedeckt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luther h\u00e4lt gegen Erasmus an der <em>Klarheit<\/em> der Schrift fest. Zwar nicht in jeder ihrer Aussagen, jedoch in ihrer Sache, der Botschaft von Gottes Handeln in Christus zu unserer Vers\u00f6hnung, ist die Schrift klar und suffizient. Hier sind assertorische Aussagen, auch Dogmen, m\u00f6glich und n\u00f6tig, ohne welche das Christentum zerf\u00e4llt. Die Schrift hat eine \u00e4u\u00dfere Klarheit, weil das Evangelium von Christus klar ist und alles in ihr ins Licht stellt \u2013 sie interpretiert sich selbst. Sie hat eine innere Klarheit, weil der Geist Gottes unsere Verschlossenheit gegen Gott und sein Wort durchbricht und uns erleuchtet. Au\u00dferhalb der Schrift bleibt Gott verborgen; er will sich uns durch sein Reden in der Schrift offenbaren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die M\u00f6glichkeit zum <em>Verstehen<\/em> der Schrift liegt in ihr selbst. Wenn sich jemand dem Wort aussetzt (lesen, meditieren, h\u00f6ren), ist Gott durch den Geist wirksam, wo und wann es ihm gef\u00e4llt. In der Verk\u00fcndigung stellt Gott mit der Anrede durch Gesetz und Evangelium die Gleichzeitigkeit zwischen sich und den Angeredeten her, wodurch f\u00fcr diese die Heilsfrage zur Entscheidung kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>Auslegung<\/em> der Schrift darf nicht gegen ihr Selbstverst\u00e4ndnis erfolgen, sondern stets nur im Bezug auf ihre Sache \u2013 Gott und sein Handeln zu unserer Vers\u00f6hnung. Diese Sache der Schrift ist dem Ausleger vorgegeben, weil die Schrift inspiriert ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird nach der <em>Wahrheit<\/em> der Auslegung gefragt, so unterscheidet F\u00fchrer zwischen <em>theologischer<\/em> und <em>historischer<\/em> Wahrheit. Letztere sucht literarische und geschichtliche Fragen zu beantworten, und hier hat die historisch-kritische Methode ihren berechtigten Ort. Sie darf jedoch nicht in die theologische Wahrheitsfrage \u00fcbergreifen, in der es um den s\u00fcndigen Menschen vor dem richtenden und rettenden Gott geht. Denn hier ist die Schrift \u201eoffen, klar, verst\u00e4ndlich und jedermann zug\u00e4nglich\u201c (493) und darf nicht (und kann auch nicht) historisierend relativiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Alte Testament ist auf das zuk\u00fcnftige Heil in Christus ausgerichtet. Es soll innerhalb dieser von ihm selbst gezogenen Grenzen und im Licht des Evangeliums ausgelegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fchrer legt eine stark von Luther gepr\u00e4gte Schriftlehre vor. Mit vielen Anliegen und Schwerpunkten wird sich evangelikale Theologie dabei dankbar identifizieren k\u00f6nnen (Schrift als Resultat von Gottes Reden, Betonung der Inspirationslehre, Luthers Unterscheidungen, Klarheit und Selbstwirksamkeit der Schrift, christozentrische Auslegung). M.&nbsp;E. bleiben auch Fragen offen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ist die Kanonbildung ganz als Selbstdurchsetzung zu verstehen? Welche Rolle spielen dabei die historisch-theologischen Kriterien und das Zeugnis der Alten Kirche?<\/li>\n\n\n\n<li>Verstanden die Reformatoren die Schrift tats\u00e4chlich als <em>einzige<\/em> Autorit\u00e4t \u2013 nicht vielmehr als h\u00f6chste Norm \u00fcber anderen Normen f\u00fcr Glauben und Leben?<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00e4re die Sache der Schrift nicht etwas weiter zu fassen als \u201enur\u201c das Evangelium, welches doch erst innerhalb der Eckdaten einer biblischen Heilsgeschichte plausibel wird? Das d\u00fcrfte f\u00fcr Luther selbstverst\u00e4ndlich gewesen sein, heute nicht mehr.<\/li>\n\n\n\n<li>Sind historische und theologische Wahrheit nicht enger miteinander verbunden als F\u00fchrer meint? Man kann doch schwerlich im theologischen Bereich trotzig glauben, was man historisch verneint (z.\u00a0B. Wunder und Auferstehung von Jesus). Der Einfluss einer wunderkritischen historischen Methode auf die theologische Wahrheit verdiente m.\u00a0E. noch mehr Auseinandersetzung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz dieser Anfragen \u00fcberwiegen die hilfreichen Aspekte von F\u00fchrers Schriftlehre. Man w\u00fcnscht seinem Buch und der ganzen Reihe viele theologisch interessierte Leser. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Andreas Hahn, Pastor, Hochdorf, Schweiz<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner F\u00fchrer: Gott und die Schrift Gottes. 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