{"id":2817,"date":"2026-10-05T17:19:49","date_gmt":"2026-10-05T17:19:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2817"},"modified":"2026-10-05T17:19:50","modified_gmt":"2026-10-05T17:19:50","slug":"simon-blatz-helmut-thielickes-ethik-des-politischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2817","title":{"rendered":"Simon Blatz: Helmut Thielickes Ethik des Politischen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Simon Blatz: <em>Helmut Thielickes Ethik des Politischen. Studien zu Konzeption, Kontext, Entwicklung und Potential,<\/em> Dogmatik in der Moderne 55, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2025, geb., XVIII+400 S., \u20ac 109, \u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/helmut-thielickes-ethik-des-politischen-9783161639524\/\">978-3-16-163952-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bekannterma\u00dfen verfasste Helmut Thielicke eine der umfangreichsten Ethiken des 20. Jahrhunderts und war dar\u00fcber hinaus eine prominente Figur des \u00f6ffentlichen Lebens im Nachkriegsdeutschland. Dennoch blieb sein Werk wenig rezipiert. Simon Blatz benennt als Hauptgrund die theologische Lagerbildung nach dem zweiten Weltkrieg mit scheinbar demokratieoffeneren, Barthianischen Ans\u00e4tzen einerseits und als undemokratisch-reaktion\u00e4r geltenden lutherischen Ordnungstheologien andererseits. Diese Dichotomie f\u00fchrte nat\u00fcrlich unweigerlich dazu, dass Thielicke trotz mancher N\u00e4he zu Barth als politisch konservativer Lutheraner zur zweiten Kategorie gez\u00e4hlt und abgeschrieben wurde. Blatz legt mit seiner Promotionsschrift einen gewissen Neuansatz vor, der Thielicke ein \u201ekritisches Potential\u201c (27) zugesteht, das bis in die Gegenwart hineinreiche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie ist in drei Abschnitten angelegt, die <em>Geschichte und Existenz<\/em> (Thielickes Dissertation und der erste Teil seiner Habilitationsschrift), den Vortrag <em>Kirche und \u00d6ffentlichkeit<\/em> sowie die ersten beiden (in drei Teilen ver\u00f6ffentlichten) B\u00e4nde der <em>Theologischen Ethik<\/em> auf ihre Konzeption einer Politischen Ethik hin untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die untersuchten Werke Thielickes fallen alle in die 1930er\u20131950er Jahre und damit auch in den Zeitraum eines andauernden Diskurses \u00fcber den Begriff der (Sch\u00f6pfungs-) Ordnungen. Die Ordnungen werden einerseits als theologischer \u201eModebegriff\u201c (36) der 1930er Jahre vorgestellt, andererseits sind sie aber auch f\u00fcr nationalsozialistische Argumentationen vereinnahmt worden, was zu der schon erw\u00e4hnten Abwertung lutherischer Ordnungstheologien als demokratieuntauglich beitrug. Die Kernfrage ist, inwiefern gesellschaftliche Institutionen auch als Gesch\u00f6pfe gelten, die mit einer eigenen Autorit\u00e4t ausgestattet sind. Thielicke bedient sich des Ordnungsbegriffs, geht aber davon aus, dass aus den Ordnungen nicht der g\u00f6ttliche Wille abgelesen werden kann, da sie ausschlie\u00dflich das Resultat menschlich-geschichtlichen Handelns sind (88). Damit wird deutlich \u2013 und dies ist auch eine hilfreiche Intervention in manche (insbesondere evangelikale) ethische und bibelwissenschaftliche Diskussion, wo ein unqualifizierter Begriff der Sch\u00f6pfungsordnungen hin und wieder gebraucht wird \u2013, dass nach dem S\u00fcndenfall das Sollen nicht aus dem Sein der Welt abgeleitet werden kann. Gerade der Staat als Ordnung kann, laut Thielicke, das s\u00fcndige Verhalten von Menschen nur durch weitere S\u00fcnde bek\u00e4mpfen. Indem S\u00fcnde nicht nur auf der Seite des Individuums verortet wird, sondern auch auf der Seite des Staates, er\u00f6ffnet sich f\u00fcr die politische Ethik die M\u00f6glichkeit, Institutionen kritisch zu hinterfragen und eben nicht nur als gegeben hinzunehmen (67). Allerdings beobachtet Blatz, dass Thielickes fr\u00fche Ordnungstheologie dennoch nicht \u00fcber einen \u201epolitischen Agnostizismus\u201c (69) hinauskommt. <em>Geschichte und Existenz<\/em> wird 1935 ver\u00f6ffentlicht, und w\u00e4hrend Thielicke zwar die nationalsozialistischen Phantasien vom totalen Staat kritisieren kann, verurteilt er den Liberalismus (der Weimarer Republik) nicht weniger. Diese Unklarheit resoniert mit Thielickes ambivalentem Verhalten w\u00e4hrend des dritten Reiches, das Blatz bemerkenswert differenziert darstellt (74\u201381). Thielickes Bekanntheit und Selbstinterpretation verleiten dazu, sein Werk durch die Brille seiner Biographie zu lesen, wie zuletzt in Fabian Grassls Monographie <em>In the Face of Death. Thielicke \u2013 Theologian, Preacher, Boundary Rider<\/em>, Eugene, OR: Pickwick, 2019 geschehen, auf die Blatz immer wieder kritisch Bezug nimmt (z.&nbsp;B. 92f). Blatz hingegen m\u00f6chte eine gewisse Distanz zwischen Werk und Autor schaffen, indem er etwa die These aufstellt, \u201edass Thielickes Denken viel tastender und suchender verf\u00e4hrt, als es seine Rolle als \u201aWeltbeleuchter\u2018 nahelegt\u201c (31). Dieses Vorgehen h\u00e4lt er vorbildlich durch: Thielickes Werk wird gewinnbringend im Lichte seiner Biographie gelesen, ohne dass das eine im anderen aufgeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Analyse von Thielickes <em>Theologischer Ethik<\/em> im dritten Teil zeigt im Sinne einer biographisch-theologischen Weiterentwicklung, dass Thielicke sich aus dem politischen Agnostizismus der 1930er Jahre befreien und zunehmend begr\u00fcnden kann, dass eine demokratische Staatsform eher dem Anspruch Gottes gerecht wird als ein faschistischer \u201etotaler Staat\u201c. Das Problem mit dem totalen Staat sei, dass er so in die individuelle Lebenssph\u00e4re hineintritt, dass Menschen nicht mehr frei sind, dem Ruf Gottes zu antworten (291\u2013292). Blatz versteht die klarere Einordnung des faschistischen Staates als Teil einer Gesamtentwicklung, in deren Verlauf Thielicke sich aus dem Verst\u00e4ndnis l\u00f6st, die Theologie m\u00fcsse den Staat legitimieren, und sich mehr und mehr als Teil einer pluralen Gesellschaft versteht, in der die Kirche eine unter vielen ist (344\u2013347). Thielicke wird damit zum \u201e\u00dcbergangstheologen\u201c (342), der zwar h\u00e4ufig noch die christliche Weltbetrachtung privilegiert (270), aber insgesamt immer mehr anerkennt, dass Teilnehmer demokratischer Debatten sich in einer mehrdeutigen Welt treffen. Die Schw\u00e4che dieses pluralistischen Ansatzes sieht Blatz darin, dass im Zweifel nur noch wiederholt wird, was gesellschaftlich sowieso schon eindeutig ist, anstatt einen eigenen theologischen Beitrag zu leisten. Was in Blatz\u2019 Schrift unklar bleibt, ist, was der Inhalt des theologischen Beitrags sein k\u00f6nnte. Das mag am Aufbau des Projekts liegen, der St\u00e4rke und Schw\u00e4che zugleich ist. Blatz bringt Thielicke laufend mit seinen Zeitgenossen ins Gespr\u00e4ch. Auch \u00fcber die Thielickeforschung hinaus geben diese Untersuchungen der Theologie Barths, Gogartens, Althaus\u2019 oder Brunners einen lohnenswerten Einblick in die theologiegeschichtliche Entwicklung der ersten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts. Andererseits geht dieser Fokus auf das 20. Jahrhundert zulasten jeglicher Ankn\u00fcpfung an Theologien jenseits des 20. Jahrhunderts. Gerade die Diskussion der Ordnungstheologie h\u00e4tte davon profitieren k\u00f6nnen, zu zeigen, wo ihr Ankn\u00fcpfungspunkt bei Luther liegt, der nicht nur auf die mittelalterliche St\u00e4ndelehre zur\u00fcckgeht (36), sondern wahrscheinlich bis zur\u00fcck zu Aristoteles reicht (Reinhard Schwarz. <em>Martin Luther \u2013 Lehrer der christlichen Religion<\/em>, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck 2015, 156) und schon ganz unterschiedliche Staatsverst\u00e4ndnisse \u00fcberdauert hat. Damit k\u00f6nnte der Blick \u00fcber konkrete Staatsformen hinaus auf grunds\u00e4tzliche anthropologische und theologische Charakteristika unseres politischen Handelns geweitet werden, was auch davor sch\u00fctzt, die Diskontinuit\u00e4ten der Moderne zu \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings erf\u00fcllt die formale Beschreibung einer politischen Ethik, die nicht weiter darauf eingeht, was Theologie denn in einer solchen pluralen Gesellschaft sagt, auch einen Zweck. Blatz deutet im Vorwort an, dass ihm in der Besch\u00e4ftigung mit Thielicke deutlich wurde, von welch au\u00dfergew\u00f6hnlichen Freiheiten seine eigene Kindheit in den 1990er Jahren bestimmt war. Angesichts gegenw\u00e4rtiger politischer Polarisierungen ist Blatz\u2019 Beschreibung von Thielickes Ansatz Warnung, Entlastung und Hoffnung zugleich: \u201eMenschen stehen nicht auf gemeinsamen [sic!] Boden, sondern treffen sich auf wackeligen Br\u00fccken. Thielicke warnt nachdr\u00fccklich davor, diese Br\u00fccken zu \u00fcbersch\u00e4tzen\u201c (350). Blatz bemerkt pointiert, dass Thielicke den Konsens nicht kenne, sondern nur die \u201etastende Suche nach Kompromissen\u201c (353).<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Rahel Siebald, Dozentin f\u00fcr Systematische Theologie, Theologisches Seminar Adelshofen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Blatz: Helmut Thielickes Ethik des Politischen. 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