{"id":2820,"date":"2026-10-05T17:22:01","date_gmt":"2026-10-05T17:22:01","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2820"},"modified":"2026-10-05T17:22:05","modified_gmt":"2026-10-05T17:22:05","slug":"leonie-schweizer-ueberzeugend-diskursiv-interkulturell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2820","title":{"rendered":"Leonie Schweizer: \u00dcberzeugend, diskursiv, interkulturell"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leonie Schweizer: <em>\u00dcberzeugend, diskursiv, interkulturell. Apologetik als argumentative Kommunikation des Evangeliums in der Gegenwart,<\/em> Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Pb., 286 S., 68,\u2013 \u20ac, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/de\/uberzeugend-diskursiv-interkulturell-2\">978-3-374-07845-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Einleitung zufolge m\u00f6chte die an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal eingereichte und bei der EVA Leipzig ver\u00f6ffentlichte Dissertation einen Beitrag dazu leisten, \u201eApologetik in die Kommunikation des Evangeliums und damit in die Aufgaben der Praktischen Theologie zu reintegrieren und die zentrale Bedeutung der Apologetik f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Zeit herauszuarbeiten\u201c (15). Damit zielt die Arbeit zum einen auf ein um die Apologetik erweitertes Selbstverst\u00e4ndnis der Praktischen Theologie, zum anderen darauf, die Praxis der Apologetik mit dem ihr eigenen Reden von Gott auf ihren Wirklichkeitsbezug hin transparent werden zu lassen und zu \u201elegitimieren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kapitel 1\u20134 lassen sich als Vorkl\u00e4rungen verstehen. Dabei l\u00f6st sich die Vfn. erst allm\u00e4hlich vom Lexikonstil, der insbesondere die Ausf\u00fchrungen zu den biblischen Grundlagen (Kapitel 1) sowie zur Begriffsgeschichte (Kapitel 2) kennzeichnet. In den Ausf\u00fchrungen zur Begriffsgeschichte f\u00e4llt auf, dass diese \u00fcberwiegend \u00fcber systematisch-theologisch arbeitende Autoren l\u00e4uft, wogegen der praktisch-theologische Fokus im Wesentlichen in der Bestimmung des Verh\u00e4ltnisses der Apologetik zur Evangelisation liegt. Die Arbeit wird allerdings weder in der einen noch der anderen Disziplin verortet, sondern in der Religionswissenschaft\/Interkulturellen Theologie, allerdings ohne dass diese spezifische Zuweisung eigens begr\u00fcndet oder f\u00fcr die Durchf\u00fchrung konzeptionell ma\u00dfgeblich wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vorkl\u00e4rungen schlie\u00dfen mit einem Kapitel (Kap. 4) zu Einw\u00e4nden gegen Apologetik, die unterschiedlichen Ebenen zugewiesen werden. Ginge es Barth darum, eine Wort-Gottes-Theologie auszuarbeiten, deren Voraussetzungen theologischer Natur sind (Offenbarung), so stelle John Hick das Selbstverst\u00e4ndnis des christlichen Glaubens in Frage (Ablehnung der Einzigartigkeit Christi), w\u00e4hrend der \u201eNeue Atheismus\u201c (Richard Dawkins u.&nbsp;a.) die Wahrheitsf\u00e4higkeit theologischer Aussagen prinzipiell in Abrede stelle. Der je eigene Charakter dieser Ebenen wird aber in den sehr knappen Abschnitten (zu Barth z.&nbsp;B. eine halbe Seite, auf der Barths Ansatz keine Konturen gewinnt), nicht markiert, so dass es etwas verwunderlich erscheint, dass die Darstellung der Einw\u00e4nde in ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Religionsfreiheit m\u00fcndet. Das mag eine Antwort auf Dawkins sein, d\u00fcrfte innertheologische Dispute aber kaum kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Untertitel des Buches gem\u00e4\u00df soll Kap. 5 Aufschluss dar\u00fcber geben, was Kommunikation bezweckt. Dazu werden die bekannten Standardwerke von Friedemann Schulz von Thun, Paul Watzlawek sowie die Sprechakttheorie sehr elementar vorgestellt. Das Kapitel hat weder Fazit noch Zusammenfassung, sodass der Ertrag dieser (knappen) Darlegungen am Ende in der Schwebe bleibt. Kapitel 6 thematisiert den Unterschied von \u201e\u00dcberreden\u201c und \u201e\u00dcberzeugen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den sachlich zentralen Kapiteln 7\u20139 wird der Versuch unternommen, an den diskurstheoretischen Ansatz von J\u00fcrgen Habermas kritisch anzuschlie\u00dfen. Kritisch, weil Habermas genuin religi\u00f6sen \u00c4u\u00dferungen (anf\u00e4nglich) keinen Platz im \u00f6ffentlichen Diskurs einr\u00e4umte. Habermas k\u00f6nne der Vfn. zufolge diese Ausgrenzung innerhalb seines Ansatzes jedoch nicht widerspruchsfrei vollziehen (vgl. 147). Von daher m\u00f6chte Vfn. der argumentierenden Kommunikation des Glaubens mit dem Ziel der begr\u00fcndeten Zustimmung oder Ablehnung durch ein Gegen\u00fcber einen Platz im \u00f6ffentlichen Diskurs sichern. Anschlie\u00dfend an Habermas ist die Arbeit insofern, als sein Ansatz bei der <em>Inter<\/em>subjektivit\u00e4t miteinander interagierender Subjekte subjektphilosophische Konzepte \u00fcberbiete (vgl. 157). Dazu tritt sie in einer Er\u00f6rterung der Wahrheitsfrage daf\u00fcr ein, dass Wahrheit nicht auf das beschr\u00e4nkt wird, was als rational akzeptabel gilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die interkulturelle Perspektive der Arbeit steht Benno van den Toren, der das Verst\u00e4ndnis von Apologetik auf den postmodernen Zusammenhang des kulturellen Westens hin \u00f6ffnet, indem er dem <em>Kontext<\/em> sprachlicher \u00c4u\u00dferungen eine st\u00e4rkere Bedeutung gibt. Kapitel 9 schlie\u00dflich soll zeigen, dass sich die apologetische Rede, verstanden als rational-argumentative Diskursform, unter die verschiedenen Formen der Kommunikation des Evangeliums z\u00e4hlen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In ihrer Untersuchung verschr\u00e4nkt Vfn. zwei \u2013 in unterschiedliche Richtungen zielende \u2013 Fragen miteinander. Die Apologetik \u2013 leider nicht konsequent von der Apologie unterschieden \u2013 soll als Reflexion rational-diskursiver Kommunikation des Evangeliums einen Platz in der Praktischen Theologie bekommen. Doch eine Antwort auf die Frage: \u201eWarum gerade dort?\u201c wird leider nicht gegeben. So hebt sie im praktisch-theologischen Kapitel 9 immer wieder die Bedeutung Paul Tillichs hervor und gibt dem Systematischen Theologen Ingolf Dalferth ein tragendes Gewicht. Fast beil\u00e4ufig und erst im Fazit der Arbeit gelangt Vfn. zu einer \u201eVerortung der Apologetik als Bindeglied zwischen Systematischer und Praktischer Theologie\u201c (249). Dieses Ergebnis wird aber im Buch nicht konzeptionell kontrolliert herausgearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Frage ist die nach der Bedeutung der Apologetik f\u00fcr die Gegenwart. Bedeutung ist ein schillernder Ausdruck und so bleibt auch hier unklar, worum genau es geht: Geht es a) um den Aufweis der Wahrheitsf\u00e4higkeit von Glaubensaussagen, b) um die Analyse der gegenw\u00e4rtig vorherrschenden erkenntnistheoretischen Diskursbedingungen, oder c) um die Legitimit\u00e4t von Glaubens\u00fcberzeugungen in \u00f6ffentlichen Diskursen? Im Buch finden sich Abschnitte, die sich diesen drei Aspekten zuordnen lassen, doch werden sie nirgends zu einer koh\u00e4renten Argumentation verbunden. Die Entscheidung f\u00fcr Habermas als zentralem Gespr\u00e4chspartner legt nahe, dass es Vfn. um die Legitimit\u00e4t rational-diskursiver Rede vom Glauben in der \u00d6ffentlichkeit geht. Ausgerechnet in diesem grundlegenden Punkt muss (v.&nbsp;a. der fr\u00fche) Habermas aber kritisiert werden, was die Frage aufwirft, warum er als Protagonist \u00fcberhaupt ausgew\u00e4hlt wurde. Im selben Kapitel finden sich auch Ausf\u00fchrungen zur Wahrheitsf\u00e4higkeit von Glaubensaussagen, f\u00fcr die allerdings unter Berufung auf christliche Autoren pl\u00e4diert wird (Clayton und v.&nbsp;a. Schw\u00f6bel). Oft gewinnt man zudem den Eindruck, die zitierten Autoren seien nur sehr selektiv zur Kenntnis genommen worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn die Arbeit die Apologetik als \u201eBindeglied\u201c zwischen Systematischer und Praktischer Theologie etablieren soll, bleibt festzuhalten, dass sie daf\u00fcr einige \u2013 systematische \u2013 Fragen nicht gen\u00fcgend ber\u00fccksichtigt. Um nur drei zu nennen: (1) Es bleibt grunds\u00e4tzlich unklar, wie sich die rational-argumentierende Kommunikation des Evangeliums und das Wirken des Heiligen Geistes zueinander verhalten, wenn auch an verschiedenen Stellen des Buches die eine oder andere Verh\u00e4ltnisbestimmung angedeutet wird. (2) Angesichts der Bedeutung, die dem \u00dcberzeugen in der Arbeit zukommt, w\u00e4re zu kl\u00e4ren, wie sich in diesem Vorgang Wille, Verstand und Emotionen zueinander verhalten. Insofern bleibt die dem Anliegen der Arbeit zugrunde liegende Anthropologie unbestimmt. (3) Apologetik und Apologie werden anf\u00e4nglich unterschieden, doch im weiteren Verlauf nicht klar auseinandergehalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit zeigt einige Spuren einer unzureichenden Endbearbeitung.&nbsp; Auf S. 76 werden f\u00fcnf verschiedene Typen nach Hoekendijk angek\u00fcndigt, \u201edie das Verhalten gegen\u00fcber dem Fremden auch in der Missionsgeschichte bestimmten\u201c. Diese f\u00fcnf Typen werden aber im Folgenden nicht genannt. Unter 7.2. hei\u00dft es: \u201eDer Titel dieses Unterkapitels ist darum so vage mit \u201ader diskurstheoretische Ansatz\u2018 \u00fcberschrieben, da es verfehlt w\u00e4re, von einer Diskurstheorie <em>an sich<\/em> zu sprechen\u201c (154). Das gesamte siebte Kapitel tr\u00e4gt aber die \u00dcberschrift: Die Diskurstheorie nach J\u00fcrgen Habermas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vfn. hat eine Arbeit vorgelegt, die innertheologisch das Fach der Apologetik erneuern, die Apologie als rational-argumentative Diskursform legitimieren und ihr einen Raum im \u00f6ffentlichen Diskurs verschaffen m\u00f6chte. Auch wenn die Arbeit daf\u00fcr argumentativ wenig hilfreich ist, bleibt zu w\u00fcnschen, dass das dahinterstehende Anliegen nicht ungeh\u00f6rt verhallt und Interesse an der weitergehenden Erforschung des Status von Glaubens\u00fcberzeugungen im \u00f6ffentlichen Diskus weckt. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonie Schweizer: \u00dcberzeugend, diskursiv, interkulturell. 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