{"id":2823,"date":"2026-10-05T17:24:04","date_gmt":"2026-10-05T17:24:04","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2823"},"modified":"2026-10-05T17:24:05","modified_gmt":"2026-10-05T17:24:05","slug":"thomas-l-martin-hg-handbook-of-literary-apologetics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2823","title":{"rendered":"Thomas L. Martin (Hg.): Handbook of Literary Apologetics"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas L. Martin (Hg.): <em>Handbook of Literary Apologetics. The Imagination\u2019s Journey to God<\/em>, Berlin: De Gruyter, 2025, geb., 552\u00a0S., \u20ac\u00a0169,95, ISBN <a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/document\/doi\/10.1515\/9783110794649\/html\">978-3-11-079457-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Handbuch der literarischen Apologetik bietet nach einer kurzen Einf\u00fchrung des Herausgebers (1\u20137) 29 chronologisch angeordnete Kapitel. Das Kapitel \u00fcber Traumliteratur (43\u201363) bespricht das anonyme altenglische Gedicht \u201eThe Dream of the Rood\u201c <em><\/em>als Beispiel. Das Kapitel \u00fcber die metaphysische Dichtung (189\u2013210) erw\u00e4hnt neben John Donne, George Herbert und Thomas Traherene (171\u2013187), die jeweils auch eigene Kapitel erhalten, sechs weitere Autoren. Alle anderen Kapitel sind einem christlichen Autor oder Autorin (Anne Bradstreet, Phillis Wheatley, Dorothy L. Sayers, Flannery O\u2019Connor) gewidmet. Ausgew\u00e4hlt wurden sie, weil ihre Glaubensperspektive wesentlich sei und sie weiten Einfluss erlangten (4).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kapitel sind 14 (Boethius, George Herbert, Tolstoi, Gerard Manley Hopkins, Dorothy Sayers) bis 23 (Anne Bradstreet) Seiten lang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis auf Augustinus, Boethius, Dante, Dostojewski, Tolstoi und Solschenizyn werden Autoren und Autorinnen besprochen, deren Muttersprache (Alt-)Englisch ist. Eine Sonderstellung nimmt Phillis Wheatley (291\u2013312) ein, die als Kind in Westafrika versklavt wurde und in Nordamerika als erste Afrikanerin ein Buch ver\u00f6ffentlichte (294).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufs\u00e4tze bieten zun\u00e4chst oft biographische Einblicke. Danach wird zuweilen ein spezieller Aspekt untersucht, wie das Thema Freundschaft bei Dante (65\u201382), der Chiasmus im Werk von Spenser (99\u2013113) oder Heiligung in drei Werken von Samuel Johnson (271\u2013289).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andere Autoren werden entlang ihrer Schaffensperioden vorgestellt, wie zum Beispiel im Kapitel \u00fcber T. S. Eliot (415\u2013433), dessen Werk als Wanderung durch das Inferno (Prufrock, The Waste Land), das Purgatorio (Ash Wednesday, Dramen) mit Ausblicken auf das Paradiso (Four Quartetts) vorgestellt wird. Dadurch wird auch seine f\u00fcr manche skandal\u00f6se Bekehrung (Viriginia Woolf: \u201emay be called dead to us all\u201c, 417) als organische Entwicklung gelesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Kapitel \u00fcber George Herbert (157\u2013170) gliedert sich \u00fcber Effekte auf sp\u00e4tere Autoren (darunter Coleridge, Lewis, Weil). Hier wird die Wirkung von Kunst sichtbar, wenn etwa Miranda Threlfall-Holmes sagt: \u201eBy the end of the weekend, I realised that this poetry was the most dangerous challenge to my atheism that I had yet come across\u201c (167).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besprochen werden u. a. Romane, Dramen, Gedichte, Predigten und Essays. Jeder Aufsatz endet mit Leseempfehlungen (Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rliteratur) und zitierten Werken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u201eContributors\u201c (541\u2013545) sind Literaturwissenschafter, Theologen und ein Politikwissenschafter, \u00fcberwiegend aus Nordamerika und acht Mal mit Verbindung zum Wheaton College in Illinois. Im Register (Index, 547\u2013552) sind Personen, Texte und Themen angef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist literarische Apologetik? F\u00fcr Thomas L. Martin (1-7) verwendet sie im Unterschied zur philosophischen Apologetik selten formale Argumente, daf\u00fcr \u00f6fter die Imagination (Vorstellungskraft, Fantasie). \u00c4sthetik wird ebenso wie Logik zur Urteilsgrundlage. Leser k\u00f6nnen den Glauben so in ihrer Vorstellung selbst erleben. \u201eHence literary apologetics is the study of the characteristic moves by these authors who take readers on their journey of faith with them and who make that faith real to their readers through literary means\u201c (3). Die Leser erleben \u201efor a moment, a world charged with the glory of God\u201c (370) oder Gottes schmerzliche Abwesenheit. Eine leichtf\u00fc\u00dfige Akzeptanz oder Ablehnung Gottes wird ersch\u00fcttert (201). Mit Sayers gesprochen geht es darum, Theologie so zu erkl\u00e4ren, dass sie nicht l\u00e4nger bequem ignoriert werden kann (458).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei bleibt laut Greg Maillet in seinem Beitrag \u00fcber John Donne (137\u2013156) die Spannung zwischen theologischer Gebundenheit und literarischer Offenheit: \u201eLiterary Apologetics must try to correct critical biases against the free exercise of the religious imagination, while remaining open to the mystery of literature itself\u201d (137). Auch Kritik an Apologetik wird laut, etwa im Kapitel \u00fcber John Bunyan (231\u2013245).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine explizite Auflistung von Mitteln und Strategien bietet das Kapitel \u00fcber C. S. Lewis (467\u2013485), aber quer durch das Buch wird eine gro\u00dfe Vielfalt sichtbar: Autoren nutzen (Tolkien, Lewis) oder entwickeln neue Genres (Augustinus, Boethius, Dante, Milton, Tolstoi, Solschenizyn). Sie argumentieren nicht nur, sie appellieren und illustrieren. Letzteres ist besonders wichtig: Mit einem Bild kann man nicht streiten (98).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Vorstellungskraft: f\u00fcr George MacDonald ist sie grundlegend (390), f\u00fcr Lewis Vorbedingung f\u00fcr Metaphern und damit f\u00fcr Wahrheit (470\u2013471). Fiktion ist die Gegenkraft zur Entleerung der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vorliegende Sammelband enth\u00e4lt nicht nur eine implizite Darstellung der Entwicklung der englischsprachigen christlichen Literatur. Die inspirierenden und herausfordernden Beitr\u00e4ge bieten ebenso eine Theologie der Kunst, explizit im Fall von Tolkien (435\u2013451). Ist Kunst lediglich intellektuell vertretbar oder f\u00fcr uns als \u201eUnter-Sch\u00f6pfer\u201c geboten? Ist Kunst eine w\u00fcrdige Berufung (487), wie Flannery O\u2019Connor (487\u2013503) dachte und die umstrittene, verwirrende Werke hinterlie\u00df? Wie scheucht Kunst unser \u201esicheres Spiel\u201c auf ohne im \u201efreien Spiel\u201c Derridas zu m\u00fcnden, das letztlich nihilistisch und spielverderbend ist? Daniel Gabelman stellt in seinem Beitrag \u00fcber George MacDonald (377\u2013395) dessen \u201efiery fair play\u201c (393) als L\u00f6sung vor, also feuriges aber faires, das hei\u00dft auch sch\u00f6nes Spiel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Handbuch der literarischen Apologetik macht bekannte (Shakespeare, 115\u2013136) und weniger bekannte Werke meist gut lesbar zug\u00e4nglich. Mit seinen 29 Kapiteln ist es wirklich umfangreich genug, auch wenn die Leserschaft manche Schaffende vermissen mag oder sich fragt k\u00f6nnte, ob bei anderen Vorstellungen von \u201echristlich\u201c und \u201eLiteratur\u201c nicht auch Stephen King und Tim LaHaye fehlen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es macht Mut, biblische Theologie mit ungew\u00f6hnlichen Bildern auszudr\u00fccken und auch bei Erfolglosigkeit als Apologet durchzuhalten wie Gerard Manely Hopkins (361\u2013376). Es l\u00e4dt ein, mit Coleridge (313\u2013330) \u00fcber die Rolle der Vorstellungskraft in Sprache und Erkenntnis nachzudenken, aber sich auch selbst mitrei\u00dfen zu lassen: Was w\u00fcrde ich f\u00fchlen, wenn ich der blutgetr\u00e4nkte Baum w\u00e4re, an dem Christus h\u00e4ngt (The Dream of the Rood)? Wie sieht Christsein in einer kollabierenden Welt aus, im 14. Jahrhundert (William Langland, 83\u201398) oder in einer nihilistischen Konsumwelt (Walker Percy, 523\u2013539)? Ist Heiligung wirklich immer ein gerader Weg oder ist es auch eine Art Ertrinken in einem Jesus-Strudel der Selbst- und Christuserkenntnis (235)? Auf diese Weise w\u00e4chst neben dem Wunsch nach so einem Buch f\u00fcr deutschsprachige Literatur auch die Sehnsucht, sich mit den besprochenen Werken der Weltliteratur n\u00e4her zu befassen, also sie selbst zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. phil. Christian Bensel ist Referent bei \u201eBegr\u00fcndet Glauben\u201c in Ober\u00f6sterreich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas L. Martin (Hg.): Handbook of Literary Apologetics. 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