{"id":2826,"date":"2026-10-05T17:27:26","date_gmt":"2026-10-05T17:27:26","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2826"},"modified":"2026-10-05T17:27:28","modified_gmt":"2026-10-05T17:27:28","slug":"thorsten-dietz-maria-hinsenkamp-hg-christlicher-nationalismus-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2826","title":{"rendered":"Thorsten Dietz \/ Maria Hinsenkamp (Hg.): Christlicher Nationalismus in den USA"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thorsten Dietz \/ Maria Hinsenkamp (Hg.): <em>Christlicher Nationalismus in den USA. Theologische Erkundungen zu Geschichte und Profil einer global einflussreichen Bewegung,<\/em> T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2026, Pb., 233 S., \u20ac 24,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/christlicher-nationalismus-in-den-usa-9783161648625\/\">978-3-16-164862-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vorliegende Sammelband hat das Anliegen, das sp\u00e4testens seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump auch in der hiesigen \u00f6ffentlichen Wahrnehmung angekommene Ph\u00e4nomen des christlichen Nationalismus in den USA theologisch zu analysieren. Dieser wird zun\u00e4chst definiert als \u201epolitische Positionen, in denen \u201achristlich\u2018 zum fundierenden Grund und zur exkludierenden Norm des nationalen Selbstverst\u00e4ndnisses wird, in Abgrenzung zu s\u00e4kularen, liberalen und pluralistischen Gesellschaftsbildern\u201c (2). Ziel ist es, religi\u00f6se Kern\u00fcberzeugungen und die daraus resultierenden Narrative zur Selbst- und Weltdeutung christlich-nationalistischer Str\u00f6mungen herauszuarbeiten (3). Wen genau die \u201e\u00f6kumenische Zielsetzung\u201c (5) und das ausdr\u00fcckliche Selbstverst\u00e4ndnis des Bandes als \u201eGespr\u00e4chsangebot\u201c (7) adressiert, erschlie\u00dft sich zun\u00e4chst nicht: Schlie\u00dflich handelt es sich um einen in deutscher Sprache publizierten Sammelband \u00fcber ein Ph\u00e4nomen in den USA. Es wird dann aber schnell deutlich, dass der Band generelle Anfragen an konservative Theologie und evangelikale und charismatische Fr\u00f6mmigkeit (6) stellt und auf bestimmte Entwicklungen innerhalb dieser Str\u00f6mungen aufmerksam machen m\u00f6chte, in denen sich \u201etheologische Deutungsmuster, eschatologische Erwartungen und weltanschauliche Konfliktnarrative verdichten und politisch aufladen\u201c (6).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Grundannahme aller Beitr\u00e4ge liegt folglich darin, dass trotz erheblicher kontextueller Unterschiede die Entwicklungen in den USA in den deutschen Kontext hineinwirken und die benannten Theologien und Fr\u00f6mmigkeitsstile diese Themen kritisch reflektieren sollten. Wie sinnvoll ein Sammelband aus lediglich drei Aufs\u00e4tzen (9\u2013150) und einem Interview (151\u2013196) sowohl ein komplexes Ph\u00e4nomen in den USA beschreiben als auch ein produktives Gespr\u00e4ch \u00fcber die R\u00fcckwirkungen auf deutsche Kontexte ansto\u00dfen kann, bleibt eine begleitende Frage bei der gesamten Lekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Kapitel (9\u201372) arbeitet Thorsten Dietz die Entwicklungen von der christlichen Rechten hin zum christlichen Nationalismus heraus. Dabei extrapoliert er zun\u00e4chst die besondere Verh\u00e4ltnisbestimmung von Religion und Politik in den USA und die grundlegend verbreiteten Leitnarrative und Grundkategorien politischer Ethik (12\u201315). Weiter zeichnet Dietz pr\u00e4zise die Entwicklung der christlichen Rechten als gegenkulturelle Entwicklung zum progressiven Wandel in den 1960er Jahren nach. F\u00fcr den Neocalvinismus (42\u201351) und charismatisch-pentekostale Str\u00f6mungen (51\u201362) zeigt Dietz detailliert, wie die ideengeschichtliche Linie innerhalb beider Spektren hin zu dezidiert christlich-nationalistischen Theologien und Handlungen verl\u00e4uft. Diese kulminieren in der Vorstellung einer \u201echristliche[n] Suprematie\u201c und in dem restaurativen Anspruch, die USA wieder als christliche Nation herzustellen, wobei beide Anliegen nur vage bestimmbar sind (65).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dietz\u2019 Beitrag zeichnet sich durch eine gelungene Verbindung von Elementarisierung und Differenzierung aus. Zentrale Personen, Netzwerke und Entwicklungen werden vorgestellt und die daraus resultierenden Leitnarrative, politischen Ethiken und Konsequenzen schl\u00fcssig dargestellt. Als theologische Kritik am christlichen Nationalismus (65\u201372) formuliert Dietz eine autorit\u00e4re Verf\u00e4lschung der Reich-Gottes-Botschaft und einen in gewissen evangelikal-fundamentalistischen Theologien begr\u00fcndeten Hang zum Dualismus in der politischen Debatte. Die beiden weiteren Punkte einer Sakralisierung des Politischen und des Verlustes der Grundunterscheidung von Politik und Religion sind aus den Debatten \u00fcber die \u00d6ffentliche Theologie auch im deutschsprachigen Kontext schon l\u00e4nger bekannt und stellen generellere Aspekte dar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden Beitr\u00e4ge von Maria Hinsenkamp (73\u2013119) und Manuel Schmid (121\u2013150) sind jeweils an die Dissertationsprojekte beider Autoren angelehnt. Der Beitrag von Hinsenkamp \u00fcber pfingstlich-charismatische Dynamiken im christlichen Nationalismus leidet daran, dass er versucht, die komplexe 500-seitige Dissertation der Autorin und die dort grundgelegte These einer <em>Kingdom-minded Network Christianity<\/em> (KiNC) zusammenzufassen. Generelle Anfragen an die Tragf\u00e4higkeit und die Tiefensch\u00e4rfe der heuristischen Kategorie KiNC k\u00f6nnen hier leider nicht vertieft werden. \u00dcber ihre Dissertation hinausgehend stellt Hinsenkamp die These auf: \u201eKiNC ist der Cocktail, den sich der gegenw\u00e4rtige christliche Nationalismus in den USA bevorzugt einschenkt\u201c (75). Im Anschluss werden die diesen Netzwerken grundlegenden theologischen Visionstopoi (Reich Gottes, Gebet, J\u00fcngerschaft, Mission und Einheit) beschrieben, die Verbreitung der Netzwerke aufgezeigt und vier Netzwerkcluster benannt. Anhand von Netzwerkverbindungen versucht Hinsenkamp den Einfluss der KiNC im deutschsprachigen Raum aufzuzeigen. Dies gelingt nur teilweise. Neben einigen nachvollziehbaren Zuschreibungen f\u00e4llt die fl\u00e4chige Unterstellung von Herrschaftstheologien neocharismatischer Provenienz auf, ohne die Vorw\u00fcrfe im Detail zu belegen (115). Mit dem gleichzeitigen Fehlen von Kriterien zur theologischen Beurteilung gesellschaftstransformatorischer Ziele und politischer Ethiken bleibt der Beitrag deutlich hinter dem von Dietz zur\u00fcck. Spannend w\u00e4re gewesen zu vertiefen, wie sich die von Martin Fritz im selben Band gemachte Beobachtung einer eher internationalistischen Ausrichtung der deutschsprachigen neocharismatischen Szene (152) und die von Hinsenkamp selbst herausgearbeitete paneurop\u00e4ische Ausrichtung von neocharismatischen Bewegungen wie <em>Awakening Europe<\/em> oder <em>Europe shall be saved<\/em> (113) zu christlich-nationalistischen Zielsetzungen verh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manuel Schmid zeichnet den Aufstieg und die Politisierung des evangelikalen Neocalvinismus in den USA nach. In den theologischen Diskussionen um den Offenen Theismus seit den 1990er Jahren sieht Schmid ein \u201eBrennglas US-Evangelikaler Entwicklungen der letzten Jahrzehnte\u201c (122). Mit dem Machtzuwachs konservativ-neocalvinistischer Str\u00f6mungen sei eine zunehmende Delegitimierung abweichender evangelikaler Stimmen einhergegangen. Die in Teilen autorit\u00e4r gef\u00fchrte theologische Auseinandersetzung um Gottes Macht stehe exemplarisch f\u00fcr \u201eResonanzeffekte zwischen theologischen Souver\u00e4nit\u00e4tsmodellen und autorit\u00e4ren gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen\u201c (123). Die Anschlussf\u00e4higkeit an christlich-nationalistische Ordnungsentw\u00fcrfe bestehe vor allem in der Gotteslehre mit ihrer Betonung auf Souver\u00e4nit\u00e4t, der damit einhergehenden negativen Anthropologie sowie dem Komplementarismus. Ein hierarchisches Wirklichkeits- und Ordnungsverst\u00e4ndnis sowie ein \u201eMisstrauen gegen\u00fcber pluralistischen, offenen Gesellschaftsmodellen\u201c (144) seien die Folge. Schmid endet mit der These, dass sich der US-Evangelikalismus m\u00f6glicherweise politisch anders entwickelt h\u00e4tte, wenn die Debatte um den Offenen Theismus anders ausgegangen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Band endet mit einem Interview mit dem Referenten der Evangelischen Zentralstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen Martin Fritz. Anhand der Reaktionen auf den Mord an Charlie Kirk im deutschsprachigen Evangelikalismus werden Verbindungslinien, Unterschiede und Eigenheiten des deutschen und des US-amerikanischen Evangelikalismus und Nationalismus herausgearbeitet. W\u00e4hrend Fritz\u2019 Urteil in Bezug auf die pfingstlich-charismatische Szene zur\u00fcckhaltender ausf\u00e4llt (153) als das von Hinsenkamp, sieht er einen \u201eim Festhalten an der Autorit\u00e4t der ganzen Bibel als Wort Gottes\u201c begr\u00fcndeten Hang zu \u201eantimoderne[n], antiliberale[n] und antistaatliche[n] Neigungen\u201c (156). Damit relativiert Fritz die in der Einleitung vorangestellte Beteuerung, dass weder \u201ekonservative Theologie noch evangelikale oder charismatische Fr\u00f6mmigkeit\u201c (6) an sich das Problem seien. Im Gegensatz zu Dietz, der in seinem Beitrag st\u00e4rker den Zusammenhang von kulturell etablierten Leitnarrativen und Grundkategorien politischer Ethik mit evangelikal-konservativen Letztbegr\u00fcndungsmustern untersucht, wird auf unterkomplexe Art und Weise das Problem als dem Evangelikalismus \u201estrukturell inh\u00e4rent\u201c (156) erkl\u00e4rt. In Bezug auf die Verbreitung problematischer Einstellungen im deutschsprachigen Evangelikalismus ist Fritz zur\u00fcckhaltender (\u201eschwer zu sagen\u201c, 157; \u201egar nicht leicht, das seri\u00f6s einzusch\u00e4tzen\u201c, 182; \u201eGewichtung schwierig\u201c, 186). Anregend ist hingegen die These, dass drei urspr\u00fcnglich konservative Motive, n\u00e4mlich ein ethisches (Ordnungsdenken und moralischer Realismus), ein kulturelles (homogen-christent\u00fcmliche Gesellschaft) und ein religi\u00f6ses (Objektivit\u00e4tsideal) Motiv f\u00fcr christliche Neigungen zum Rechtspopulismus verantwortlich sind (168\u2013176).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die doppelte Zielrichtung des Bandes, sowohl die Lage in den USA aufzuarbeiten als auch einen Diskussionsraum im deutschsprachigen Evangelikalismus zu er\u00f6ffnen, ist f\u00fcr einen solch kurzen Band zumindest ambitioniert. Das dezidiert ge\u00e4u\u00dferte Gespr\u00e4chsangebot k\u00f6nnte produktiv bei Dietz\u2019 theologischer Kritik am christlichen Nationalismus (65\u201372) und Fritz\u2019 These \u00fcber die Gr\u00fcnde zur Neigung mancher christlichen Str\u00f6mungen zum Rechtspopulismus (168\u2013176) ansetzen. Besonders ersterer Beitrag zeichnet sich dadurch aus, dass Akteure, Leitnarrative und politische Ethiken herausgearbeitet werden, die dem christlichen Nationalismus Vorschub leisten oder ihn aktiv bedienen. Schmids Beitrag hingegen setzt bei einer systematisch-theologischen Diskussion in der Gottesfrage an, die in ihrer Zuspitzung und Sch\u00e4rfe nur in einem vom Neocalvinismus gepr\u00e4gten Umfeld zu verstehen ist. Als Ertrag f\u00fcrs Gespr\u00e4ch bleibt deshalb vor allem die berechtigte Mahnung, theologische Konflikte nicht durch Exklusionsprozesse zu l\u00f6sen. Die St\u00e4rke des Bandes kommt an den Stellen zu tragen, wo die Debatten innerhalb von Evangelikalismus und pfingstlich-charismatischer Bewegung deutlich werden (z. B. 51, 53) und wo pauschale \u00dcbertragungen zwischen dem US-amerikanischen und dem deutschen Kontext abgelehnt werden (11, 151f). Kundige und gut elementarisierte theologiegeschichtliche Entwicklungen und synchrone Darstellungen der evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Landschaften sind f\u00fcr den Leser gewinnbringend (16\u201362, 131\u2013142). An den Stellen, an denen Binnendiskurse ausgeblendet werden, an denen qua Netzwerkverbindungen fl\u00e4chig problematische Positionen unterstellt (z. B. 115, 118 unten) oder an denen die Thematik prim\u00e4r anhand von extremen Positionen (177, 186f) untersucht wird, ohne deren Einfluss und Reichweite im evangelikalen und charismatischen Spektrum n\u00e4her erl\u00e4utern zu k\u00f6nnen, zeigt sich die Schw\u00e4che des vorliegenden Bandes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Evangelikale und konservative Letztbegr\u00fcndungsmuster per se zum Problem zu erkl\u00e4ren (156) ohne die Zusammenwirkung mit dem kulturell etablierten Grundrahmen der Verh\u00e4ltnisbestimmung von Religion und Politik zu beachten, erschwert ein produktives Gespr\u00e4ch. Zun\u00e4chst sollte wie von Dietz im Ansatz geleistet (9\u201315) das Verh\u00e4ltnis von nationalen Leitnarrativen und christlichen Letztbegr\u00fcndungsmustern allgemein und fr\u00f6mmigkeits\u00fcbergreifend untersucht werden, bevor man bestimmten theologischen Denkmustern pauschal unterstellt, einem christlichen Nationalismus Vorschub zu leisten. So k\u00f6nnte viel deutlicher und pr\u00e4gnanter benannt werden, auf welche evangelikalen Letztbegr\u00fcndungsmuster unter welchen Rahmenbedingungen der Vorwurf berechtigterweise zutrifft. Weiter ger\u00e4t bei Pauschalzuschreibungen aus dem Blick, welche positiven Ressourcen der Evangelikalismus zu einem gelingenden Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften beisteuern kann. Wenn neben der Anf\u00e4lligkeit des Evangelikalismus f\u00fcr christlichen Nationalismus auch seine Beitr\u00e4ge gegen solche Einstellungen in den Blick geraten w\u00fcrden, k\u00f6nnte das Gespr\u00e4ch die im vorliegenden Sammelband immer wieder aufscheinenden Pauschalurteile \u00fcberwinden und einen gewinnbringenden Lauf nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der vorliegende Band ist als aktuelle Auseinandersetzung mit dem christlichen Nationalismus und seinen Grundlagen und Vorannahmen zu w\u00fcrdigen. Da es sich um ein gewichtiges theologisches Problem unserer Zeit handelt, ist zu hoffen, dass es in weiteren Beitr\u00e4gen und auch in innerevangelikalen Debatten vertieft aufgearbeitet wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Christoph Lehmann ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl f\u00fcr Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thorsten Dietz \/ Maria Hinsenkamp (Hg.): Christlicher Nationalismus in den USA. 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