{"id":2829,"date":"2026-10-05T17:30:37","date_gmt":"2026-10-05T17:30:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2829"},"modified":"2026-10-05T17:30:39","modified_gmt":"2026-10-05T17:30:39","slug":"william-t-cavanaugh-the-uses-of-idolatry","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2829","title":{"rendered":"William T. Cavanaugh: The Uses of Idolatry"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">William T. Cavanaugh: <em>The Uses of Idolatry,<\/em> New York: Oxford University Press, 2024, kt., IX+493 S., \u20ac 40,50, ISBN <a href=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/the-uses-of-idolatry-9780197679043?q=The%20Uses%20of%20Idolatry&amp;lang=en&amp;cc=ch\">9780197679050<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eThe Uses of Idolatry\u201c muss als Sprachangebot an das innerkirchliche Gespr\u00e4ch \u00fcber au\u00dferkirchliche Themen verstanden werden. Es gibt verschiedene Modelle, wie sich Kirche in augenscheinlich nichtkirchliche Dinge einmischen sollte, insbesondere wenn sie vorhat, sich kritisch zu \u00e4u\u00dfern. Funktional differenziert w\u00fcrde man die Kirche auf \u201edie letzten Dinge\u201c verweisen. Im rationalen Diskurs w\u00fcrde man sie gesittet an den runden Tisch bitten. Im politischen Lagerkampf w\u00fcrde man sie mit dieser oder jener Sache gemein machen. Doch das Interesse William Cavanaughs, Professor der katholischen Theologie an der DePaul University in Chicago mit dem Fokus Politische Theologie, ist die Anbetung der Menschen, und sein Buch ist der Versuch, der kritischen Reflexion dieser Anbetung eine Sprache zu geben. Dabei stellt sich fr\u00fch heraus, dass die Unterscheidung zwischen \u201einnerkirchlich\u201c und \u201eau\u00dferkirchlich\u201c in Cavanaughs Augen nicht standh\u00e4lt, sodass es sich nicht um eine \u201etheologisch-kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Thema X\u201c handelt. Es geht vielmehr darum: \u201eif everybody worships, we might as well try to worship a true God instead of a false one\u201c (14).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das knapp 500 Seiten umfassende Buch ist in acht Kapitel gegliedert, die jeweils vier Einheiten ergeben. In den ersten beiden Kapiteln liest Cavanaugh Max Webers und Charles Taylors S\u00e4kularisierungstheorien gegen den Strich, indem er L\u00fccken und Inkonsistenzen herausarbeitet. Laut Cavanaugh f\u00fchren beide die Unterscheidung immanent\/transzendent bzw. religi\u00f6s\/nicht religi\u00f6s ein, ohne sie sauber durchzuhalten. Cavanaugh selbst versucht diese Unterscheidung zu unterlaufen, indem er den Religionsbegriff konstruktivistisch, nicht substanziell oder funktionalistisch, befragt. Weil er diese Unterscheidungen grunds\u00e4tzlich f\u00fcr nicht tragf\u00e4hig h\u00e4lt, wendet er den Fokus auf die Absicht dessen, der diese Unterscheidung einzieht. Die Pointe dieser beiden Kapitel ist die Ablehnung der S\u00e4kularisierungsthese. \u201eWhat has declined in the modern West is not belief in transcendence; what has declined is belief in God\u201c (93).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sich das Problem nun vom Austausch von Argumenten zur Reflexion, Kritik und Ein\u00fcbung von Anbetung verlagert, dann braucht man einen neuen sprachlichen Zugriff auf Themen wie beispielsweise Nationalismus und kapitalistische Marktwirtschaft. Cavanaugh bietet die Sprache der G\u00f6tzenkritik an. In den Kapiteln drei, vier und f\u00fcnf entwickelt er aus der Quelle der Heiligen Schrift, aus relevanten Texten von Augustinus von Hippo und aus der Ph\u00e4nomenologie Jean-Luc Marions die Grundz\u00fcge einer zeitgem\u00e4\u00dfen G\u00f6tzenkritik. Cavanaugh ringt dabei um einen m\u00f6glichst differenzierten G\u00f6tzenbegriff, der, als ein Spektrum verstanden, sowohl Gl\u00e4ubige als auch Ungl\u00e4ubige unter <em>eine<\/em> Kritik stellt und unter Umst\u00e4nden sogar eine leicht positive Lesart eines G\u00f6tzen zul\u00e4sst, ohne dabei die Unterscheidung zwischen Gott und nicht-Gott aufzuheben. Gott, der Sch\u00f6pfer aller Dinge, \u00f6ffnet sich mittels der materiellen Wirklichkeit f\u00fcr eine Beziehung mit den Menschen. G\u00f6tzendienst ist es laut Cavanaugh, wenn der sehns\u00fcchtige Blick an der materiellen Wirklichkeit erstarrt und nicht mehr durch sie hindurch zu sehen vermag, um Gott in ihr zu erkennen. Stattdessen wird der G\u00f6tze zum Spiegelbild, in dem der Anbetende nur noch sich selbst schaut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Kapiteln sechs und sieben spielt Cavanaugh dann seine G\u00f6tzenkritik an zwei Beispielen durch. Zun\u00e4chst argumentiert er, dass Nationalismus nicht als eine moderate Form des Patriotismus verstanden werden kann, sondern eine inh\u00e4rent religi\u00f6se Struktur hat und damit nicht einfach konkurrenzlos neben einem christlichen Bekenntnis stehen kann. Weil jedoch reale Tugenden wie Tapferkeit und Mitgef\u00fchl in dieser Spielart des G\u00f6tzendienstes realisiert werden, spricht Cavanaugh hier von \u201esplendid idolatry\u201c. Dies trifft nach Cavanaugh jedoch nicht auf \u201ethe unsplendid idolatry of consumerism\u201c zu. Hier fungiert die materielle Wirklichkeit als Herrscher, in dem sich der vereinzelte Konsument spiegelt. In seiner Doppelrolle als Arbeiter und Konsument wird der Einzelne einerseits entmenschlicht und seine W\u00fcrde und Herrlichkeit auf die Ware \u00fcbertragen, andererseits wird er als Konsument angehalten, sich diese verlorengegangene W\u00fcrde durch den Konsum dieser Waren wieder anzueignen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um dieses G\u00f6tzenproblem zu l\u00f6sen, braucht es nach Cavanaugh ein neues Verh\u00e4ltnis des Menschen zur Sch\u00f6pfung und letztlich zu Gott. Im achten Kapitel kommt er daher zur Sakramentalit\u00e4t. Damit meint Cavanaugh den Gebrauch des Geschaffenen als Br\u00fccke zu Gott. Die Inkarnation und eine inkarnatorische Sch\u00f6pfungstheologie sind die logischen Voraussetzungen von Sakramentalit\u00e4t. Er h\u00e4lt fest, dass alles von Gott stammt und somit auch zu ihm zur\u00fcckf\u00fchren kann und dass das Geschaffene und der Sch\u00f6pfer so eng zusammenger\u00fcckt sind, dass Gott in der Materie erfahrbar wurde und es wieder werden kann. Eine Suche nach Gott, die auf das Materielle blickt, muss also nicht automatisch zum G\u00f6tzendienst f\u00fchren. Es gibt eine Ordnung im Geschaffenen, die den Menschen selbst auf Gott hin ordnet. Diese Ordnung ist ein Geschenk Gottes in Form der Eucharistie. Sie ist das Zentrum der Sakramentalit\u00e4t und von ihr her leitet sich die Logik ab, nach der die restliche Sch\u00f6pfung geordnet wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zentrum von Cavanaughs Buch geht es also um die richtige Sprache, um das Verh\u00e4ltnis von Mensch, Gott und Geschaffenem zu beschreiben. Weil alle Menschen anbeten, entweder Gott durch das Geschaffene hindurch oder das Geschaffene selbst, schl\u00e4gt Cavanaugh die Sprache der G\u00f6tzenkritik vor. Ein sakramentales Verst\u00e4ndnis des Geschaffenen, das sich von der Eucharistie ableitet, sieht Cavanaugh als den richtigen Weg, um Gott durch das Geschaffene wieder sichtbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">William Cavanaugh gelingt es in diesem Buch, seine zentralen Thesen mit klarer Kontur herauszuarbeiten. Es ist sicherlich eine seiner St\u00e4rken, eine klare Sprache sprechen zu k\u00f6nnen. Mein Eindruck ist, dass das Buch von einem etwas feingliedrigeren Aufbau profitiert h\u00e4tte. Die acht Kapitel des Buches ergeben f\u00fcr sich genommen schl\u00fcssige Einheiten. H\u00e4tte man sie jedoch zu Unterkapiteln unter den jeweiligen logischen Abschnitten zusammengezogen (wie Cavanaugh es in der Einleitung selbst tut), h\u00e4tte man sich einige Redundanzen gespart und die Pointen der einzelnen Abschnitte sch\u00e4rfer herausarbeiten k\u00f6nnen. Das ist besonders schade nach dem Kapitel \u00fcber Marion, denn hier w\u00e4re eine Synthese von biblischer G\u00f6tzenkritik, Augustins G\u00f6tzenkritik und der Ph\u00e4nomenologie Marions w\u00fcnschenswert gewesen. Besonders gelungen ist der \u00fcberspannende inhaltliche Bogen des Buches. Die Kritik der S\u00e4kularisierungstheorie, die Formulierung einer Sprache der G\u00f6tzenkritik, die beispielhafte Anwendung dieser Sprache und die sakramentale \u201eHeilung\u201c des Geschaffenen greifen klar ineinander und bilden eine deutliche und nachvollziehbare These.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pascal Claus, Vikar in Hamburg und PhD-Kandidat an der VU Amsterdam<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>William T. 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