{"id":2834,"date":"2026-11-04T10:20:17","date_gmt":"2026-11-04T10:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2834"},"modified":"2026-11-04T10:20:18","modified_gmt":"2026-11-04T10:20:18","slug":"guenter-bader-psaltertheologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=2834","title":{"rendered":"G\u00fcnter Bader: Psaltertheologie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">G\u00fcnter Bader: <em>Psaltertheologie. Eine Nachlese<\/em>, HUTh 98, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2026, Leinen, 539\u00a0S., \u20ac\u00a0129,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/psaltertheologie-9783162000125\/\">978-3-16-200012-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom emeritierten Professor der Systematischen Theologie (Bonn) und Pfarrer im Ruhestand (*1943) liegt nach einer langj\u00e4hrigen Besch\u00e4ftigung mit dem Psalter (vgl. etwa sein \u201ePsalterspiel\u201c, HUTh 54, 2009, dazu meine Rezension: https:\/\/journals.co.za\/doi\/epdf\/10.10520\/EJC86004) eine neue Monographie vor. Vf. nennt sein Werk bescheiden \u201eeine Nachlese\u201c (Untertitel, s. Vorwort) und spricht damit (s)eine bereits eingefahrene \u201eErnte\u201c an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blickt man (nur) auf den Titel und den Verlag, k\u00f6nnte man eine inhaltliche Entfaltung des biblischen Buches in seiner kanonisch gewordenen Gestalt vermuten. Da der Band jedoch nicht in der Reihe \u201eForschungen zum Alten Testament\u201c (FAT), sondern in \u201eHermeneutische Untersuchungen zur Theologie\u201c (HUTh) erscheint, wird deutlich, dass hier nicht eine biblisch-theologische, sondern eine systematisch-theologische Studie vorliegt. Und die ist anderer Art. Im Vorstellungstext hei\u00dft es: \u201eDie Psalmen z\u00e4hlen seit jeher zu den zentralen Arbeitsfeldern der alttestamentlichen Wissenschaft. Doch ihre Bedeutung reicht weit \u00fcber das Fach hinaus \u2026&nbsp;Ob jedoch Psalmen und Psalmbuch auch die systematische Theologie in ihrem Kern herausfordern, ist eine Frage, die lange Zeit wenig Beachtung fand. An diesem Punkt setzt die vorliegende Untersuchung an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bader beginnt mit ausf\u00fchrlichen Begriffs(er)kl\u00e4rungen: Psalmen, (Lob-)Lied, (Saiten-)Instrument, Sammlung, Buch, Theologie etc. Eine \u201eTheologie der Psalmen\u201c neigt dazu, die Psalmen als Gegenst\u00e4nde zu behandeln (<em>genetivus objectivus<\/em>). Eine \u201eTheologie des Psalters\u201c nimmt dagegen eher die Selbstorganisation des Stoffes in den Blick (<em>genetivus subjectivus<\/em>). Bader w\u00e4hlt f\u00fcr sein Unterfangen bewusst den zusammengesetzten Kunstbegriff \u201ePsaltertheologie\u201c. Darin sind beide Betrachtungsweisen mit hineingenommen; zugleich werden die beiden Genetive \u201e\u00fcberschritten in ihren transzendentalen Grund oder Abgrund\u201c (19). Der Ausdruck er\u00f6ffnet ein \u201eSpielfeld\u201c, bestehend aus zwei Teilen in spiegelbildlicher Anordnung. Der erste Teil, die \u201ePsalter<em>theologie<\/em>\u201c (A), redet vom Psalter unter den Bedingungen der Vormoderne (die vom Psalter nicht wei\u00df ohne das Wissen von der Theologie), der zweite, die \u201e<em>Psalter<\/em>theologie\u201c (B), steht unter den Bedingungen der Moderne (die von Theologie nichts wei\u00df ohne den Psalter). Damit sind die Hauptteile dieses Bandes abgesteckt (A: \u00a7\u00a7 3\u20137 und B: \u00a7\u00a7 11\u201320), wobei der zweite Hauptteil deutlich umfangreicher ist. Als \u201eGelenk\u201c zwischen den Teilen finden sich \u201eZwischenbetrachtungen\u201c (\u00a7\u00a7 8\u201310).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Psaltertheologie A wei\u00df immer schon, was Theologie ist, infolgedessen wei\u00df und feiert sie, was der Psalter ist. Es kommt ein Jahrtausend klassischer Psaltertheologie in den Blick, eine Epoche, die sich durch Geschlossenheit auszeichnet und durch die Kapitel Theologie, Musik, Poetik und Ikonik profiliert wird. Sie endet mit Luthers Vorreden auf den Psalter, Gipfel und Grenze zugleich. Beginnen tut sie mit der Prosopologie als Ansatz der Theologie und d.&nbsp;h. der Auslegung der Psalmen: Sie werden von der Trinit\u00e4t bzw. Christus und der Kirche her bzw. auf diese hin gelesen. Ihr Paradigma lautet: <em>Psalterium est consummatio totius theologiae<\/em> (Der Psalter ist die Vollendung der ganzen Theologie).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zwischenbetrachtungen dienen als Scharnierst\u00fcck, das die zwei Teile auseinanderlegt und auch wieder verbindet. Die summierende Kraft des Psalters zerf\u00e4llt, und dies f\u00fchrt zu einer Reihe von (Aus-)Differenzierungen mit Funktionsbereichen wie Philologie, Exegese, Poesie, Musik, Liturgie und Theologie. \u00c4hnlich wie dem Psalter ergeht es der Theologie. \u201eAm Ende dieses Prozesses wird zwar Theologie gelehrt und studiert, aber was sie ist, wei\u00df keiner mehr zu sagen\u201c (146). Der eine Psalter vervielf\u00e4ltigt sich in Psalterien. Der Abbau f\u00fchrt dann umgekehrt wieder zum Aufbau. Die Situation des Psalters in der Moderne f\u00fchrt zum Verh\u00e4ltnis von Ganzem und Teil und wird unter den Begriffen S\u00e4kularisierung, Rationalisierung und Dekonstruktion entfaltet. Der Scharnierteil endet mit Ausf\u00fchrungen zum \u201ePsalterparadox\u201c. Paradoxe Aussagen oszillieren: Ein und derselbe Satz ist wahr, weil er falsch ist, und falsch, weil er wahr ist (Zerst\u00f6rung der Zweiwertigkeit der klassischen Logik).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erwies sich Psaltertheologie A als Maximum und Vollendung, so beginnt Psaltertheologie B mit dem Minimum. Wenn \u00fcberhaupt weiterhin Psaltertheologie, dann unter dem Vorzeichen von \u201eMinimal theology\u201c, d.&nbsp;h. kleinstm\u00f6glicher Theologie. Gelenkt durch ihr Nadel\u00f6hr sammelt sie Elemente, die nach wie vor psalterbildend sind. \u201eDie Sprache wird gen\u00f6tigt, sich auf sich selbst zur\u00fcckzubiegen\u201c (209). In der Reduktion auf die Sprache kommen die kleinstm\u00f6glichen Elemente in den Blick, die nicht zum Verschwinden zu bringen sind. Dies geschieht in einer Welt, in der Religion endg\u00fcltig \u201eam Verbleichen\u201c ist (M. Weber). Spiritualit\u00e4t als Religion ohne Religion springt in die L\u00fccke. Dazu kommt die Armut, die fest mit den Psalmen verbunden ist (\u201eArm bin ich\u201c, Ps 25,16). Die Rede ist von Riss, Spalt, Br\u00fccke, L\u00fccke, die sich einstellen, \u201ewenn etwas ganz zu sein verspricht und es nicht ist\u201c (227). Die weiteren Kapitel behandeln Buchstabe und Schrift (u.&nbsp;a. Alphabet, Akrostichon, Klage, Ambiguit\u00e4t der Poesie), Laut und Sprache (H\u00f6rbarkeit und Erh\u00f6rbarkeit, Stimme und Sprechstimme), Reden und Schweigen (das Oxymoron des beredten Schweigens und das Paradox des schweigenden Redens), Name und Parallelismus (philosophischer und poetologischer Parallelismus, g\u00f6ttlicher Name), Rhythmus, Empfindung, Stimmung, Ber\u00fchrung (als Schlussstein der Psaltertheologie h\u00e4lt Ber\u00fchrung alles zusammen) und \u2013&nbsp;zum Schluss \u2013&nbsp;Stille (Schweigen in den und der Psalmen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bader entfaltet derart in 20 Schritten (Kapiteln) eine geschichtlich zweiteilig-gegenl\u00e4ufige Psaltertheologie, die (kultur)historische, praktische und systematische Interessen miteinander verbindet. Im Rahmen einer weitgespannten Wirkungsgeschichte steckt er in Vormoderne und Moderne den Weg ab, zeigt, wie der Psalter theologische Grundfragen pr\u00e4gt und welche Impulse sich aus seiner Rezeption gewinnen lassen. Er h\u00e4lt fest: Ohne den Psalter ist Theologie kaum zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Dichte und Pr\u00e4zision der Begriffe und Denkvorg\u00e4nge, verbunden mit einer stupenden Kenntnis von Sprachen, Literatur und Geschichte, die tiefsinnigen \u00dcberlegungen \u2013\u00a0all dies geschieht magistral; es macht den Band gro\u00dfartig wie auch \u2013\u00a0jedenfalls f\u00fcr mich \u2013\u00a0grenzwertig. Obwohl als Bibliker und Pfarrer mit den Psalmen ebenfalls viele Jahre unterwegs, hat mich dieses Buch an Grenzen des Verstehens gef\u00fchrt. Die gro\u00dfe Gelehrsamkeit und Komplexit\u00e4t der Gedanken werden auch andere Leser vor Herausforderungen stellen. Dies kann umgekehrt freilich auch anstacheln, Baders Ausf\u00fchrungen zu folgen. Seine reiche \u201eNachlese\u201c ist nach meinem Daf\u00fcrhalten eine Summe seiner lebenslangen Besch\u00e4ftigung mit dem Psalter in seinen wirkungsgeschichtlichen Dimensionen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Pfr. Dr. theol. Beat Weber, Basel \/ Research Associate am Department of Ancient and Modern Languages and Cultures an der University of Pretoria, S\u00fcdafrika.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnter Bader: Psaltertheologie. 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