{"id":338,"date":"2017-10-09T11:47:45","date_gmt":"2017-10-09T11:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=338"},"modified":"2017-10-09T11:47:45","modified_gmt":"2017-10-09T11:47:45","slug":"christian-stettler-das-endgericht-bei-paulus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=338","title":{"rendered":"Christian Stettler: Das Endgericht bei Paulus"},"content":{"rendered":"<p>Christian Stettler: <em>Das Endgericht bei Paulus.\u00a0Framesemantische und exegetische Studien zur paulinischen Eschatologie und Soteriologie<\/em>, WUNT 371, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2017, geb., XIX+415\u00a0S., \u20ac\u00a0139,\u2212, <a href=\"https:\/\/www.mohr.de\/buch\/das-endgericht-bei-paulus-9783161550072\">ISBN 978-3-16-155007-2<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Haubeck_Stettler.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Christian Stettler \u2013 seit 2014 Privatdozent f\u00fcr Neues Testament an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und Titularprofessor an der Staatsunabh\u00e4ngigen Theologischen Hochschule Basel \u2013 legt hiermit die \u00fcberarbeitete Fassung seiner Habilitationsschrift vor.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel formuliert er zun\u00e4chst seine Fragestellung, bevor er einen Abriss der Forschungsgeschichte seit 1930 bis 2013 bietet (5\u221247). Er stellt die Ans\u00e4tze von 28 Forschern vor, die er kompetent und kompakt darstellt und anschlie\u00dfend beurteilt, indem er ihren Fortschritt f\u00fcr die Forschung w\u00fcrdigt und kritisch anmerkt, was seiner Meinung nach problematisch ist und wo weiter zu arbeiten ist. Lesenswert ist auch der konzentrierte und informative Exkurs zur \u201eNew Perspective on Paul\u201c, ebenfalls in Darstellung und Beurteilung gegliedert (19\u221226). Aus der Forschungsgeschichte zieht Stettler Folgerungen f\u00fcr seine Arbeit, in der er drei Fragestellungen nachgehen will (45\u221247), n\u00e4mlich 1.\u00a0ob bei Paulus einander widersprechende Gerichtskonzeptionen vorliegen, 2.\u00a0will er mit Hilfe der Frame-Semantik die von Paulus \u201ein den Gemeinden unterrichtete Lehre vom Endgericht\u201c so weit wie m\u00f6glich rekonstruieren, 3.\u00a0will er der Thematik von Endgericht und Werken, Gnade und Toragehorsam, Rettung ohne Werke und Lohn f\u00fcr die Werke nachgehen. Diese drei Fragestellungen bearbeitet er in den Kapiteln II bis IV.<\/p>\n<p>Im 2. Kapitel (49\u221271) \u00fcberpr\u00fcft Stettler die These (u.\u00a0a. von M. Konradt), es gebe bei Paulus zwei unterschiedliche Gerichtskonzeptionen \u2013 ein Vernichtungsgericht, das die Ungl\u00e4ubigen trifft, und ein Beurteilungsgericht \u00fcber die Werke der Menschen \u2212, von denen das Beurteilungsgericht lediglich als kontextbezogenes Argument verwendet werde und f\u00fcr Paulus prinzipiell entbehrlich sei (49f). Demgegen\u00fcber stellt Stettler zun\u00e4chst heraus, dass Gerichtsaussagen nur als Argument verwendet werden k\u00f6nnen, weil sie auch abgesehen vom Kontext gelten, also eine gemeinsame Grund\u00fcberzeugung von Paulus und den Adressaten darstellen (50f). \u00dcber ihre Funktion im Kontext hinaus haben sie eine \u201e<em>Referenzfunktion<\/em> in Hinsicht auf die paulinische Katechese\u201c (52). Er untersucht dann die Stellen 2Kor 5,10, R\u00f6m 14,10\u221212 und 2,6\u221216 und kommt zum Fazit: \u201eDas universale Beurteilungsgericht als Kulmination der geschichtlichen Gerichte Gottes ist also die Voraussetzung der paulinischen Lehre von der Rechtfertigung, Rettung, Erl\u00f6sung und Vers\u00f6hnung durch den Messias Jesus ([R\u00f6m] 3,21\u22125,21)\u201c (68). Das Zorngericht Gottes \u00fcber die Heiden ist die negative Seite des Gerichts und setzt eine Beurteilung des menschlichen Handelns voraus; das positive Gegenst\u00fcck ist die Rettung im Gericht, sodass Paulus nicht von unterschiedlichen Gerichtskonzeptionen spricht. \u201eDas die Werke beurteilende Endgericht [bildet] die unverzichtbare Grundvoraussetzung der paulinischen Soteriologie\u201c (71).<\/p>\n<p>Bevor Stettler sich im 3. Kapitel (73\u2212178) dem semantischen Frame \u201eEndgericht\u201c bei Paulus zuwendet, setzt er sich mit der Rolle der Rezeptions\u00e4sthetik bei der Auslegung neutestamentlicher Texte auseinander und unterstreicht die Wichtigkeit einer autororientierten Interpretation insbesondere der neutestamentlichen Briefe. Im Blick auf das Thema des Buchs \u201egeht es darum, so pr\u00e4zise wie m\u00f6glich zu rekonstruieren, was Paulus selber \u00fcber das Endgericht gelehrt hat, soweit es aus seinen Briefen erkennbar ist\u201c (93). Das Instrumentarium dazu stelle die neuere Frame-Semantik bereit. Diese wird ausf\u00fchrlich und verst\u00e4ndlich erl\u00e4utert (93\u2212124). Die Bedeutung von W\u00f6rtern wird \u201edurch das <em>enzyklop\u00e4dische Wissen<\/em> oder <em>Weltwissen<\/em> eines Autors\u201c bestimmt (105), der durch bestimmte W\u00f6rter bei den Lesern ein ganzes Wissenskonzept (Frame) hervorruft \u2212 ohne dieses im Detail zu kommunizieren. Er setzt bei ihnen ein Vorwissen voraus, also einen <em>common ground<\/em> zwischen Autor und Adressat. Davon ausgehend versucht Stettler, den paulinischen Frame \u201eEndgericht\u201c zu rekonstruieren. Er untersucht dazu die F\u00fcllung der einzelnen Frame-Elemente (Agens = Handelnde, Zeitpunkt, Ort, Patiens bzw. Experiens, \u00fcber die Gericht ergeht, Akt, Art und Weise sowie Standard = Ma\u00dfstab) in den Briefen. Im Ergebnis stellt er fest, dass Paulus in allen untersuchten Texten \u201eeinen einzigen Frame voraussetzt, eine Konzeption vom Endgericht nach den Werken, die weithin konstant ist\u201c (143). Die Framesemantische Analyse erfolgt in Anhang A zu den einzelnen Texten (289\u2212323), in B zusammengefasst als Inventar des Frames (323\u2212334). Anschlie\u00dfend stellt Stettler Beziehungen zu anderen semantischen Frames sowie die kognitive Umwelt des Paulus dar. Die Rekonstruktion des paulinischen Evangeliums als eines komplexen Frames bildet den Abschluss des Kapitels (162\u2212179). Es zeigt sich, dass das Endgericht in ein gr\u00f6\u00dferes endzeitliches Szenario eingebettet ist.<\/p>\n<p>Das 4. Kapitel bietet drei Exkurse, die den paulinischen Frame \u201eEndgericht\u201c vertiefen. Es geht erstens um den Ma\u00dfstab des Gerichts (179\u2212207), den er in Jesu eigener Liebe und Hingabe bis zum Tod sowie in seiner Tora sieht, die die Mosetora vollendet. Diese bleibt in einem erf\u00fcllten Sinn und in transformierter Weise auch f\u00fcr die Christen g\u00fcltig (206). Zweitens untersucht Stettler anhand von 1Kor 3,5\u22124,5 die Konsequenzen des Gerichts f\u00fcr die Christen (207\u2212241). Daraus schlie\u00dft er, dass in einem Extremfall, wenn jemand zwar keine unvergebenen S\u00fcnden, aber auch keinen positiven Gehorsam vorzuweisen hat, dieser \u201eallein aufgrund des Vertrauens \u2026 auf das Rettungswerk Jesu Christi\u201c gerettet wird (240f). Drittens geht es darum, wie sich das Gericht nach den Werken zur Rechtfertigung aus Gnade verh\u00e4lt (242\u2212277; vgl.\u00a0167\u2212170). Stettler geht dem oft vernachl\u00e4ssigten Problem der S\u00fcnde von Christen nach. Diese unterscheiden sich im Endgericht von den nicht an Jesus glaubenden Menschen dadurch, dass ihre S\u00fcnden vergeben sind, auch die nach ihrer Bekehrung, sofern sie nicht im s\u00fcndigen Verhalten verharrten, und dass sie mit dem Heiligen Geist begabt sind, \u201edurch den sie ein Gott wohlgef\u00e4lliges Leben f\u00fchren k\u00f6nnen\u201c (276). \u201eDas neue Handeln [der Christen] \u201eist ganz die Verantwortung des Menschen und zugleich ganz die Wirkung Gottes\u201c (276). Im Endgericht nach den Werken ist f\u00fcr die Glaubenden erstens die Vergebung der S\u00fcnden entscheidend und zweitens, \u201eob das ,Leben im Geist\u2018 \u2013 inklusive Umkehrbereitschaft! \u2013 <em>bis zum Ende<\/em> durchgehalten wurde\u201c (277).<\/p>\n<p>Wie bereits in seiner Monographie \u201eDas letzte Gericht\u201c (T\u00fcbingen 2011), in der er die Endgerichtserwartung von den Schriftpropheten bis Jesus dargestellt hat, versteht Stettler das Endgericht als Mittel zur Durchsetzung von Gottes Gerechtigkeit, seiner Wohlordnung und seines Heils, also der endg\u00fcltigen, universalen Gottesherrschaft. So \u00fcberwindet er die Alternative von Vernichtungs- und Beurteilungsgericht. Die Arbeit besticht durch eine \u00fcberzeugende Argumentation, selbst wenn man einzelne paulinische Aussagen anders interpretiert; so spricht Paulus meines Erachtens erst in R\u00f6m 2,28f von den Heidenchristen, nicht schon in R\u00f6m 2,12\u221216 (vgl. 191\u2212193, 256). Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass Stettlers Verst\u00e4ndnis des Endgerichts und dessen Einbettung in das paulinische Evangelium mich insgesamt \u00fcberzeugt hat, sodass ich seine Arbeit gerne empfehle. \u00dcber das eigentliche Thema hinaus vermittelt er, wie durch die neuere Linguistik sowohl die autororientierte Interpretation als auch die Frame-Semantik wertvolle Hilfen f\u00fcr eine sachgem\u00e4\u00dfe Auslegung bieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Wilfrid Haubeck, Professor em. f\u00fcr Neues Testament an der Theologischen Hochschule Ewersbach in Dietzh\u00f6lztal<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Stettler: Das Endgericht bei Paulus.\u00a0Framesemantische und exegetische Studien zur paulinischen Eschatologie und Soteriologie, WUNT 371, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2017,<\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":339,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-338","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neues-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/31"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=338"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":340,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/338\/revisions\/340"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/339"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}