{"id":347,"date":"2017-10-09T13:50:14","date_gmt":"2017-10-09T13:50:14","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=347"},"modified":"2017-10-09T13:50:14","modified_gmt":"2017-10-09T13:50:14","slug":"hanna-nouri-josua-ibrahim-der-gottesfreund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=347","title":{"rendered":"Hanna Nouri Josua: Ibrahim, der Gottesfreund"},"content":{"rendered":"<p>Hanna Nouri Josua: <em>Ibrahim, der Gottesfreund. Idee und Problem einer Abrahamischen \u00d6kumene<\/em>, Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie 69, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2016, Ln., XIV+694 S., \u20ac 129,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.mohr.de\/buch\/ibrahim-der-gottesfreund-9783161501456\">ISBN 978-3-16-150145-6<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Wenzel_Josua.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Hanna Josua bereichert die Besch\u00e4ftigung mit der Abrahamischen \u00d6kumene (im Folgenden A\u00d6) um einen ganz wertvollen Beitrag. Das liegt an dem umfangreichen Material, das er vorlegt, aber auch an seinem methodisch nachvollziehbaren Vorgehen. Nicht zuletzt zeichnet sich seine Arbeit dadurch aus, dass er einen wichtigen und wenig ber\u00fccksichtigten Aspekt f\u00fcr die Fragestellung herausarbeitet: <em>die Perspektiven des Korans und der islamischen Tradition<\/em>.<\/p>\n<p>In seiner Einleitung (1\u201312) beschreibt Josua letzteres als sein ausdr\u00fcckliches Ziel mit der vorliegenden Arbeit: inwieweit werden die Perspektiven des Korans und der islamischen Tradition f\u00fcr die Frage der \u00d6kumene im Westen wahrgenommen und inwiefern erfahren Gedanken zur A\u00d6 von daher Unterst\u00fctzung? Dabei \u201ehandelt [es] sich um einen Kl\u00e4rungsdiskurs, der f\u00fcr einen ehrlichen, authentischen und das Selbstverst\u00e4ndnis des jeweils Anderen achtenden Dialogs unabdingbar ist\u201c (4). Eindringlich vertritt Josua die \u00dcberzeugung, dass die arabisch-islamischen Stimmen geh\u00f6rt werden <em>m\u00fcssen<\/em>, wenn es um einen authentischen Dialog gehen soll.<\/p>\n<p>Seine \u00fcberarbeitete Dissertation stellt in dem ersten Teil (13\u201388) wichtige Positionen der Diskussion in angemessener Breite dar und wirft als Fazit wichtige Fragen auf: Ist die Entwicklung des Bildes von Abraham (Ibr\u0101h\u012bm) im islamischen Bereich eine politische oder ideologische Engf\u00fchrung (und damit ver\u00e4nderbar) oder ist sie von Anfang an in den Quellen vorgegeben und damit irreversibel? Wie repr\u00e4sentativ sind muslimische Stimmen im Westen, die sich zur A\u00d6 \u00e4u\u00dfern? Wird bei vergleichbarer Begrifflichkeit ausreichend auf inhaltliche Unterschiede geachtet? Diese Fragen legen eine Spur, der Josua im Rest seiner Arbeit nachgeht.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil stellt er die Methode der rezipientenorientierten Interdependenz (89\u2013188) vor. Damit beschreibt Josua den Koran als lebendige Verk\u00fcndigung, \u201edie die Diskurse mit den unterschiedlichen Rezipienten dieser Verk\u00fcndigung zum Gegenstand hat\u201c (7). Dieser Zugang strebt an, wichtige Aspekte der koranischen Chronologie \u2013 also der Abfolge der einzelnen Koranteile \u2013, der koranexegetischen \u00dcberzeugungen hinsichtlich der Gr\u00fcnde ihrer \u201eHerabsendung\u201c und der damit verbundenen Lehre der Abrogation wie sie in der islamischen Tradition \u00fcberliefert und diskutiert werden, bei der Auslegung zu ber\u00fccksichtigen. Auf diese Weise wird die koranische Verk\u00fcndigung mit der Biographie Mu\u1e25ammads (im Gefolge der der traditionellen islamischen S\u012bra-Literatur) in Verbindung gebracht. So arbeitet Josua unter anderem parallele Aspekte der koranischen Mu\u1e25ammad- und Ibr\u0101h\u012bmerz\u00e4hlung heraus.<\/p>\n<p>Der dritte Teil besch\u00e4ftigt sich exegetisch mit dem Verh\u00e4ltnis Mu\u1e25ammads zu Abraham (189\u2013225) sowie mit Mu\u1e25ammad und der Ibr\u0101h\u012bmerz\u00e4hlung in der Begegnung mit den Polytheisten (227\u2013383), mit den Juden (385\u2013471) und mit den Christen (473\u2013595). Auf Basis der rezipientenorientierten Interdependenz konzentriert sich Josua dabei auf islamische Perspektiven anhand von Koran, Hadith, S\u012bra und Kommentaren und geht weniger auf Einsichten westlicher Islamwissenschaften ein. Die eigenst\u00e4ndige \u00dcbersetzung der islamischen Prim\u00e4rquellen gew\u00e4hrt wertvolle Einblicke, was bei einigen Hadithtexten von besonderer Bedeutung ist. Teilweise liegen diese n\u00e4mlich noch nicht in deutscher \u00dcbersetzung vor. Die einzelnen Koranstellen werden in ihrer chronologischen Reihenfolge behandelt; vgl. auch die beiden Anh\u00e4nge, die eine Chronologie und eine Synopse der relevanten Abschnitte liefern. Auf diese Weise arbeitet Josua Aspekte heraus, die auf eine Entwicklung Mu\u1e25ammads und Abrahams hindeuten und die weit verbreitete und vereinfachende Unterscheidung eines \u201emekkanischen\u201c und \u201emedinensischen\u201c Abrahams in Frage stellt.<\/p>\n<p>Im vierten und abschlie\u00dfenden Teil (597\u2013629) bringt Josua seine Ergebnisse mit wichtigen Aspekten der sogenannten A\u00d6 ins Gespr\u00e4ch. Hier finden sich viele engagierte und weiterf\u00fchrende Gedanken. So vertritt Josua die \u00dcberzeugung, dass muslimische Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he von dem \u0161irk-Vorwurf an Christen und Juden (bezogen auf die vermeintliche Verehrung mehrerer G\u00f6tter) Abstand nehmen m\u00fcssen (600). Dies sei nicht zu vernachl\u00e4ssigen, weil von Ibr\u0101h\u012bm ausdr\u00fccklich gesagt wird, dass er kein G\u00f6tzendiener war. Ferner stellt Josua n\u00fcchtern fest, dass der Bezug auf \u201eVater Abraham\u201c noch keine Garantie f\u00fcr Frieden und\/oder Vers\u00f6hnung ist \u2013 gerade innerhalb der Familie wird gestritten. Man sollte dennoch die Chance nutzen, dass ein Bezug auf Familienloyalit\u00e4t in der Region des Nahen Ostens einen hohen Stellenwert hat. Es steht zu viel auf dem Spiel (609), was aber nicht hei\u00dft, dass aus gew\u00e4hrter Gastfreundschaft glaubensm\u00e4\u00dfige Gastfreundschaft werden muss (610f). Gerade auf diesen Seiten wird ein Anliegen Josuas recht deutlich: Er will in der Sache theologisch klar formulieren und werbend f\u00fcr ein gutes Einvernehmen eintreten.<\/p>\n<p>Die grundlegenden Thesen seiner Arbeit sind drei. Erstens findet sich bereits im Koran eine Argumentationslinie, die Abraham fortschreitend \u201eals vor-j\u00fcdische und vor-christliche Glaubensfigur exklusiv f\u00fcr den nach-j\u00fcdischen und nach-christlichen Islam beansprucht\u201c (5). Diese findet in den Traditionen ihre Fortsetzung. Zweitens: Auch wenn damit eine theologische \u201eAbl\u00f6sung und Verselbst\u00e4ndigung\u201c (6) im polytheistischen Kontext Mekkas, aber auch gegen\u00fcber Juden und Christen verbunden ist, ist hier ein Potenzial zu identifizieren, welches f\u00fcr Dialog und Zusammenleben fruchtbar gemacht werden kann. Drittens ist zwischen den Beschreibungen Abrahams als \u201eFreund Gottes\u201c in koranischem und biblischem Kontext zu unterscheiden. Im Koran bleibt die Transzendenz Gottes unangetastet, auch wenn diese Beschreibung eine direkte Beziehung zu Gott und eine damit verbundene N\u00e4he nahelegt. In biblischer Tradition hingegen wird hier die besondere Zuwendung Gottes zu den Menschen greifbar.<\/p>\n<p>Josuas Arbeit f\u00f6rdert viele wichtige Einzelaspekte zutage, die bei der Besch\u00e4ftigung mit einzelnen Fragen, aber auch mit einigen Gesamtentw\u00fcrfen nicht unber\u00fccksichtigt bleiben sollten. Sicherlich klingen manche Formulierungen recht pauschal und beanspruchen eine gro\u00dfe Reichweite. So ist hin und wieder vom <em>dem<\/em> islamischen Selbstverst\u00e4ndnis die Rede, obwohl der Verfasser selbst formuliert, dass er sich auf die Darstellung sunnitischer Perspektiven beschr\u00e4nkt (10). Es ist recht leicht, unber\u00fccksichtigte Aspekte aufzuzeigen. Die Themenstellung erfordert eine breite Darstellung und Diskussion vieler wichtiger Aspekte. Hier musste der Verfasser an einigen Stellen bereits eine Auswahl treffen. Die folgenden Anmerkungen sollten auch ausdr\u00fccklich auf diesem Hintergrund verstanden werden. Sie verweisen vor allem auf Aspekte, die in Zukunft behandelt werden k\u00f6nnen. Es f\u00e4llt an mehreren Stellen auf, dass Josua deutlich zwischen der alt- und neutestamentlichen Tradition unterscheidet. Beispielsweise spricht er von einer \u201echristologischen Neuqualifizierung des Gott-Mensch-Verh\u00e4ltnisses\u201c (6). Im Verlauf der Lekt\u00fcre des Buches vermisse ich dabei eine Reflexion, welche Aspekte der Rezeption Abrahams innerhalb des Alten Testaments, im Neuen Testament und dann im Koran und den islamischen Traditionen als \u00fcberlappend und welche als unterscheidend und wie die damit verbundenen hermeneutischen Implikationen zu beschreiben sind. Man k\u00f6nnte den Eindruck gewinnen, dass die Abrahamrezeption in der biblischen Tradition mehr oder minder einheitlich ist und als solche der islamischen Rezeption gegen\u00fcbersteht. Wenn das der Gedanke ist, dann sollte das begr\u00fcndet und ausgef\u00fchrt werden. Wenn dieser Eindruck nicht entstehen soll, dann w\u00e4re eine Differenzierung der Rezeption und damit verbunden eine Pr\u00e4zisierung der Gegen\u00fcberstellung vonn\u00f6ten. Dabei muss festgehalten werden, dass Josua eine ausdr\u00fcckliche Eingrenzung seiner Arbeit vornimmt. Er m\u00f6chte gerade nicht das Abrahambild in Alten oder Neuen Testament nachzeichnen (10). Dennoch vollzieht er einen Vergleich und nimmt sp\u00e4testens mit seinem Kapitel \u201eDie Islamisierung Ibr\u0101h\u012bms \u2013 Ibr\u0101h\u012bmisierung des Islam\u201c (559\u2013595) eine Bewertung vor. Daf\u00fcr ist meines Erachtens allerdings eine Reflexion zur inner-alttestamentlichen, j\u00fcdischen und neutestamentlichen Rezeption des alttestamentlichen Abrahams n\u00f6tig. Wie bereits angedeutet, mag dies eher als Hinweis darauf verstanden werden, was in Zukunft noch zu bearbeiten bleibt.<\/p>\n<p>Josua ist f\u00fcr dieses umfangreiche Werk zu danken und dem Buch ist eine wohlwollende Aufnahme in der Diskussion zu w\u00fcnschen, auch wenn und gerade weil es einige wohlvertraute Gedanken und Perspektiven zum Teil grundlegend hinterfragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.D., Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanna Nouri Josua: Ibrahim, der Gottesfreund. 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