{"id":406,"date":"2017-10-18T08:05:29","date_gmt":"2017-10-18T08:05:29","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=406"},"modified":"2017-10-18T08:05:29","modified_gmt":"2017-10-18T08:05:29","slug":"siglind-ehinger-glaubenssolidaritaet-im-zeichen-des-pietismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=406","title":{"rendered":"Siglind Ehinger: Glaubenssolidarit\u00e4t im Zeichen des Pietismus"},"content":{"rendered":"<p>Siglind Ehinger: <em>Glaubenssolidarit\u00e4t im Zeichen des Pietismus. Der w\u00fcrttembergische Theologe Georg Konrad Rieger (1687\u20131743) und seine Kirchengeschichtsschreibung zu den B\u00f6hmischen Br\u00fcdern<\/em>, Jabloniana: Quellen und Forschungen zur europ\u00e4ischen Kulturgeschichte der Fr\u00fchen Neuzeit 7, Wiesbaden: Harrassowitz, 2016, geb., X+275\u00a0S., 5\u00a0Abb., \u20ac\u00a064,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/title_195.ahtml\">ISBN 978-3-447-10649-8<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Ehinger_Treusch.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>\u201eGut Evangelisch-Lutherisch ungef\u00e4hr 200 Jahr vor Luthero\u201c (160), so beschreibt der Stuttgarter Pfarrer Georg Konrad Rieger (1687\u20131743) den englischen Theologen John Wyclif, den er als Wahrheitszeugen f\u00fcr die lutherische Kirche versteht. Siglind Ehinger geb\u00fchrt das Verdienst, sich in ihrer hier ver\u00f6ffentlichten historischen Dissertation (Universit\u00e4t Stuttgart 2015) intensiv mit Rieger und seinem Kirchengeschichtswerk <em>Die Alte und Neue B\u00f6hmische Br\u00fcder<\/em> auseinandergesetzt zu haben. Zwischen 1734 und 1740 ver\u00f6ffentlichte Rieger seine kirchengeschichtliche Darstellung in 24 Teilen, im Druck rund 2800 Oktavseiten, und er behandelte in diesem Werk nicht nur die alten (vorreformatorischen) und neuen B\u00f6hmischen Br\u00fcder (die Herrnhuter Br\u00fcdergemeine), sondern auch die Waldenser, Wycliffiten, Hussiten, die f\u00fcr Rieger \u201eLutheraner vor Martin Luther\u201c (1) waren. Ehinger untersucht das monumentale Kirchengeschichtswerk erstmals monographisch und erschlie\u00dft Riegers Werk im Entstehungs- und Rezeptionskontext des 18. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Die Autorin f\u00fchrt zun\u00e4chst (1., S.\u00a01\u201322) in Forschungsstand und Quellenlage sowie ihr Vorhaben ein, sich \u201ean Beweggr\u00fcnde, Inhalte, Absichten und Resonanzen von Riegers Kirchengeschichtswerk\u201c (20) anzun\u00e4hern, ein Werk, das keinen Nachdruck erfahren hat und dessen Autor bisher fast ausschlie\u00dflich als Prediger und Erbauungsschriftsteller wahrgenommen wurde. Daher stellt Ehinger zun\u00e4chst (2., S.\u00a023\u201372) Riegers Biographie im Kontext des Pietismus in W\u00fcrttemberg vor. Die biographische Darstellung von seiner Herkunftsfamilie \u00fcber sein Wirken in Stuttgart als Gymnasialprofessor, Stadtpfarrer und Spezialsuperintendent samt der Erw\u00e4hnung von Riegers Publikationen (u.\u00a0a. eine Schrift zum Vampirismus) ger\u00e4t manchmal fast zu detailliert, aber in der sorgf\u00e4ltigen Auswertung von auch archivalischen Quellen zeigt Ehinger sowohl Riegers Einbettung \u201ein ein Netzwerk von Freunden des Hallischen Pietismus\u201c (51) als auch seine Position innerhalb des w\u00fcrttembergischen Pietismus, z.\u00a0B. in seiner Korrespondenz mit Johann Albrecht Bengel. Bengel war es auch, der Riegers <em>Alte und Neue B\u00f6hmische Br\u00fcder<\/em> gegenlas.<\/p>\n<p>Vor dem biographischen Hintergrund erl\u00e4utert Ehinger Entstehung und Inhalt des Kirchengeschichtswerks (3., S.\u00a073\u201391), in dem Rieger \u201eeine Art europ\u00e4isches Netz aus sichtbaren Gruppen sogenannter evangelischer Glaubens- und Wahrheitszeugen\u201c (73) vor der Reformation kn\u00fcpfte, darunter Jan Hus und die B\u00f6hmischen Br\u00fcder, die Waldenser, John Wyclif und seine Anh\u00e4nger. Ehinger weist \u00fcberzeugend auf, dass Rieger seine protestantische Kontinuit\u00e4tsgeschichte und Martyrologie mit apologetischer Zielsetzung verfasste und darin einerseits das Konzept der Wahrheitszeugen der reformatorischen und lutherisch-orthodoxen Kirchengeschichtsschreibung fortschrieb, andererseits \u201edie pietistische Auffassung von der unvollendeten Reformation\u201c (75) und vom fortgesetzten Verfall der Kirche teilte. \u201eHauptzweck seines Werkes\u201c (100), das Ehinger in seinen inhaltlichen Schwerpunkten vorstellt (4.; S.\u00a092\u2013118), war der Nachweis der ununterbrochenen \u201eSukzession protestantischer Kirchen\u201c (100).<\/p>\n<p>In Konzeption und Methodik seines Werks (5., S.\u00a0119\u2013149) wollte Rieger dem vorzugsweise protestantischen Leser kirchengeschichtliches Wissen vermitteln, ihn in seinem protestantischen Glauben st\u00e4rken und zugleich zur Glaubenssolidarit\u00e4t mit \u201eden verfolgten Glaubensgenossen\u201c (122f) aufrufen. Der kirchengeschichtlichen Darstellung kam die Aufgabe zu, die wahre Kirche Jesu Christi sichtbar zu machen. Denn Rieger sah in der Geschichte \u201esich immer wieder aufs Neue wiederholende Prozesse\u201c, in denen \u201enur ein Teil der Akteure \u2013 die jeweils verfolgte Kirche \u2013 wechselte\u201c (138). Die verfolgten Gruppen, wie z.\u00a0B. die Hussiten, die \u201esich von der Papstkirche \u00e4u\u00dferlich sichtbar getrennt und mit anderen Gl\u00e4ubigen im Sinne der lutherischen Ekklesiologie [&#8230;] eine Gemeinschaft gebildet hatten\u201c (132), waren f\u00fcr Rieger protestantische Wahrheitszeugen und sichtbarer Teil der wahren Kirche. Der pietistischen Kirchengeschichtsschreibung entsprechend (vgl. August Hermann Franckes <em>Fu\u00dfstapfen Gottes<\/em>, 1701), wollte Rieger anhand dieser verfolgten Gruppen das Handeln Gottes in der Geschichte zeigen. Dass Ehinger hier von einer \u201ereligi\u00f6se[n] Umdeutung des historischen Geschehens im Sinne der eigenen Konfession\u201c (149) spricht, unterstellt Rieger die Absicht einer willentlichen Umformung der Geschichte; hier w\u00e4re eher von einer \u201eDeutung\u201c der Geschichte durch Rieger zu sprechen.<\/p>\n<p>Denn eine \u201epietistische Aneignung und konfessionelle Vereinnahmung\u201c (6., S.\u00a0150\u2013192) ist in Riegers Darstellung der Wahrheitszeugen durchaus gegeben: \u201eInsgesamt wird Hus in den Hauptpunkten f\u00fcr protestantisch bzw. lutherisch befunden\u201c (157), John Wyclif f\u00fcr \u201egut Evangelisch-Lutherisch\u201c (160), und auch die Hussiten gelten als \u201eVorl\u00e4ufer der Reformation\u201c (170). Die B\u00f6hmischen Br\u00fcder deutet Rieger \u201eim Sinne eines Vorbilds und pietistischen Ideals\u201c (181). Dagegen unterliegt Riegers Behandlung der neuen B\u00f6hmischen Br\u00fcder, der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine unter der Leitung von Nikolaus Graf von Zinzendorf (7., S.\u00a0193\u2013208), einem Wandel von anf\u00e4nglicher Sympathie zu einer negativen Haltung, die Ehinger im Kontext der Etablierung des kirchlichen Pietismus in W\u00fcrttemberg deutet. Riegers zunehmend kritische Haltung gegen\u00fcber den Herrnhutern entsprach der seiner w\u00fcrttembergischen Kirche, w\u00e4hrend die Herrnhuter umgekehrt Riegers Kirchengeschichtswerk positiv rezipierten. Der Rezeption von Riegers Werk im 18. Jahrhundert ist das n\u00e4chste Kapitel der Studie (8., S.\u00a0209\u2013234) gewidmet. Ehinger sp\u00fcrt hier der Rezeption von Riegers Kirchengeschichte in erbaulichen und gelehrten Zeitschriften (\u201emehrheitlich positiv aufgenommen\u201c, 217), in theologischen und kirchengeschichtlichen Darstellungen des 18. Jahrhunderts sowie spezifisch durch die Herrnhuter nach und stellt hier wiederum ihre gr\u00fcndliche Recherche unter Beweis.<\/p>\n<p>Eine knappe Zusammenfassung (9., S.\u00a0235\u2013238), ein, insbesondere in den herangezogenen Archivalien beeindruckendes Quellen- und Literaturverzeichnis (239\u2013267), ein Abbildungsverzeichnis (268) sowie ein Personen- (269\u2013274) und Ortsregister (274f) beschlie\u00dfen die Arbeit. Der Leser h\u00e4tte sich abschlie\u00dfend vielleicht noch einen Ausblick auf Forschungsdesiderate gew\u00fcnscht. Doch vielleicht gibt es nach dieser detailreichen, breit Quellen erschlie\u00dfenden und zugleich inhaltlich weitgespannten Studie zu Riegers Kirchengeschichtsschreibung kaum noch offene Forschungsfragen. Ehingers gut lesbare (sehr selten fallen Kleinigkeiten auf, wie z.\u00a0B. der Wechsel in der Schreibweise von Hallischem bzw. Halleschem Pietismus) und vor allem lesenswerte Arbeit erweitert den Forschungsstand zu Person und Werk Riegers und leistet einen Forschungsbeitrag zur Geschichte des w\u00fcrttembergischen Pietismus, des Hussitismus und nicht zuletzt zur protestantischen Kirchengeschichtsschreibung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siglind Ehinger: Glaubenssolidarit\u00e4t im Zeichen des Pietismus. 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