{"id":437,"date":"2017-10-18T09:49:40","date_gmt":"2017-10-18T09:49:40","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=437"},"modified":"2017-10-18T09:49:40","modified_gmt":"2017-10-18T09:49:40","slug":"armin-wunderli-aeussere-oder-innere-offenbarung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=437","title":{"rendered":"Armin Wunderli: \u00c4u\u00dfere oder innere Offenbarung?"},"content":{"rendered":"<p>Armin Wunderli: <em>\u00c4u\u00dfere oder innere Offenbarung? Eine qualitative Untersuchung zur Wahl der Erziehungsziele kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter<\/em>, Frankfurt u.\u00a0a.: P. Lang, 2016, 351 S., \u20ac 59,95, <a href=\"https:\/\/www.peterlang.com\/view\/product\/25795\">ISBN 978-3-631-67580-9<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Wunderli_Printz.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Armin Wunderli (AW) wurde 2016 an der STH Basel mit vorliegender Arbeit promoviert. In seiner Untersuchung aus dem Feld der Gemeindep\u00e4dagogik stellt er sich einer mehrfach interessanten Fragestellung. Mit dem Titel \u201e\u00c4u\u00dfere oder innere Offenbarung\u201c bzw. der Unterscheidung von Bekehrungs- und Anlagemodell ist nicht nur eine zentrale anthropologische, sondern auch eine hermeneutische Fragestellung angesprochen, die sowohl in der Theologie als auch in der P\u00e4dagogik von immenser Bedeutung ist. Mit einer Untersuchung zur Wahl der Erziehungsziele ist ein grundlegendes Thema jeder P\u00e4dagogik angepackt, dessen Bedeutung f\u00fcr die p\u00e4dagogische Arbeit in der Gemeinde nicht zu untersch\u00e4tzen ist, das aber gleichzeitig selten explizit bedacht wird. Durch die Verkn\u00fcpfung literarischer Grundlagen mit empirischen Daten aus der Befragung von Mitarbeitenden in der Gemeindearbeit kann eine fruchtbare Beziehung zwischen Theorie und Praxis hergestellt werden. Ausgangspunkt der Arbeit von AW ist die Beobachtung, dass in Gemeinden viele Ressourcen in die Kinderarbeit investiert werden. Daraus ergibt sich die Frage: Was ist das Ziel dieses Einsatzes? Durch qualitative Interviews mit den in dieser Arbeit T\u00e4tigen sollen diese Ziele erhoben und die Frage bedacht werden, wer die Ziele vor allem bestimmt: die eigene Biographie, die Interessen der Gemeinde oder auch Vorgaben aus der wissenschaftlichen Literatur.<\/p>\n<p>In den einleitenden Teilen gelingt es AW, wichtige Grundfragen zu kl\u00e4ren. Die von Englert \u00fcbernommene anthropologische Unterscheidung von Anlagemodell (der Mensch entfaltet das, was in ihm angelegt ist, auch seine Beziehung zu Gott) und Bekehrungsmodell (der Mensch bedarf der Umkehr zu Gott und dazu der Offenbarung von au\u00dfen) ist hilfreich. Begriffe aus dem (gemeinde-)p\u00e4dagogischen Diskurs (Sub\u00adjekt\u00adorientierung, Au\u00dfen-\/Innenorientierung, Katechetik vs. Religionsp\u00e4dagogik usw.) werden schl\u00fcssig auf eines der beiden Modelle bezogen. Dabei macht er deutlich, dass man nicht von einer linearen Entwicklung vom Bekehrungs- zum Anlagemodell sprechen kann, sondern beide Modelle wegen der in ihnen impliziten hermeneutischen und weltanschaulichen Grundentscheidungen immer wieder im Widerstreit miteinander stehen. Die vor allem im katholischen Kontext beheimatete und als Kompromissmodell vorgeschlagene Korrelationsdidaktik hat sich dabei in Richtung des Anlagemodells orientiert und ist deshalb keine vermittelnde Alternative. In diesem spannenden Pluralismus der Modelle vertritt AW als eigenen evangelikalen Standpunkt das Bekehrungsmodell, stellt aber gleichzeitig fair und wertsch\u00e4tzend andere Positionen dar und setzt sich selbstkritisch mit Gefahren und Defiziten des eigenen Ansatzes auseinander (z.\u00a0B. soteriologische Defizite, die zur Gefahr der Manipulation f\u00fchren k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Allerdings \u00fcberrascht, dass er evangelikale Gemeindep\u00e4dagogik als auf Kinder und Teenager begrenzt verstehen will. Mit diesem engen P\u00e4dagogikbegriff beruft\u00a0 er sich auf Mauerhofer. Dieser pr\u00e4feriert zwar dieses enge, auf Heranwachsende begrenzte Verst\u00e4ndnis von P\u00e4dagogik, jedoch benennt er in seiner Definition der Gemeindep\u00e4dagogik auch deren umfassenden p\u00e4dagogischen Auftrag (\u201eWahrnehmung des von Jesus gegebenen Erziehungs- und Lehrauftrags\u201c) und nennt als Zielgruppen neben den Heranwachsenden u.\u00a0a. deren\u00a0 Eltern, junge Erwachsene, Mitarbeiter, Lehrer sowie die Erwachsenenbildung als p\u00e4dagogisches Aufgabenfeld. Dieses im praktischen Vollzug weite Verst\u00e4ndnis von P\u00e4dagogik, das p\u00e4dagogisches Handeln unabh\u00e4ngig von der Altersgruppe in den Blick nimmt, wird auch von anderen evangelikalen Autoren vertreten. Von daher kann ein enges, auf Heranwachsende begrenztes Verst\u00e4ndnis nicht als Signum evangelikaler Gemeindep\u00e4dagogik bezeichnet werden, auch wenn es legitim ist, dass AW seine Forschungsarbeit auf Kinder und Teenager begrenzt.<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Definition von Brezinka entscheidet sich AW f\u00fcr die Pr\u00e4ferenz des Begriffs \u201eErziehungsziele\u201c (inhaltlich bestimmte \u00dcberzeugungen, die die Mitarbeiter entsprechend der Normen der Gemeinde vermitteln wollen und sollen) gegen\u00fcber dem der \u201eBildungsziele\u201c (wobei Bildung als Selbstbildung verstanden wird) und der \u201eKompetenzen\u201c (auf einzelne, inhaltlich eher unbestimmte, Kenntnisse und F\u00e4higkeiten bezogen). Auch wenn dies eine Entscheidung gegen den Mainstream in den gemeindep\u00e4dagogischen Ver\u00f6ffentlichungen darstellt, ist diese Entscheidung von der Sache her berechtigt und wird \u00fcberzeugend begr\u00fcndet. Damit wird die Basis gelegt f\u00fcr die wichtige und verdienstvolle Untersuchung von Erziehungszielen in der gemeindep\u00e4dagogischen Literatur und den Arbeitsmaterialien sowie der Zuordnung dieser Ziele zu den unterschiedlichen Modellen. Hier werden Zielformulierungen aus der katholischen, evangelisch-landeskirchlichen und evangelisch-freikirchlichen Literatur untersucht und anhand der dargestellten Modelle reflektiert. Dies ist eine hilfreiche Grundlage f\u00fcr das von ihm angesto\u00dfene Nachdenken und die Befragung von Gemeindemitarbeitern \u00fcber die Ziele der Arbeit mit Kindern. Denn die Auswertung der qualitativen Interviews ergibt, dass ein entsprechender Diskurs in den Gemeinden noch kaum stattfindet.<\/p>\n<p>Wunderli analysiert in diesem Zusammenhang auch das zum Leitbegriff der Praktischen Theologie erhobene Konzept der \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c, das von vielen f\u00fcr die Gemeindep\u00e4dagogik \u00fcbernommen wird. Die darin impliziten Entscheidungen werden in ihrer Bedeutung f\u00fcr Aspekte der Forschungsfrage deutlich gemacht. Ob allerdings der Versuch, den Begriff \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c f\u00fcr eine evangelikale Gemeindearbeit zu retten, hilfreich ist oder die damit intendierte Reflexions- und Gespr\u00e4chskultur besser ohne die begriffliche \u00c4quivokation erreichbar und begr\u00fcndbar ist, muss gefragt werden.<\/p>\n<p>Als zwei zentrale Leitthemen seiner Interviews nennt AW die Frage nach dem \u201eChrist werden\u201c, also die Bekehrung, und die nach der Integration in die Gemeinde. In der Auswertung der Antworten zur ersten Frage gelingt es ihm, den engen Zusammenhang zwischen dieser Frage und der hermeneutischen Sicht zur Bibel aufzuzeigen, die wiederum mit dem anthropologischen Ansatz von Bekehrungs- oder Anlagemodell korrespondiert. \u00dcber die Bedeutung der Integration in die Gemeinde ergaben sich bei den Gespr\u00e4chspartnern keine signifikanten Unterschiede, da deren Bedeutung von allen bejaht wurde, wenn auch mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Dar\u00fcber hinaus f\u00e4llt auf, dass die Frage nach dem \u201eChrist bleiben\u201c, also nach dem Wachstum im Glauben nach der Bekehrung nicht direkt thematisiert wird. Dieses kann jedoch nicht automatisch unterstellt oder unter dem Thema Integration in die Gemeinde subsumiert werden. Auch der unscharfe Begriff der \u201echristlichen Bildung\u201c kann den eindeutigeren Auftrag der \u201eUmgestaltung in das Bild Christi\u201c nicht ersetzen. Dementsprechend benennt der Autor in seinem Fazit zu den Gespr\u00e4chen genau diesen Punkt als m\u00f6gliches Defizit bei den Mitarbeitenden in der Gemeinde, so dass es lohnend w\u00e4re, diese Fragestellung in einer weiteren Forschungsarbeit mit aufzunehmen. Deutlich wurde auch, dass f\u00fcr die Mitarbeitenden eigene biographische Aspekte f\u00fcr die Wahl ihrer Ziele eine viel gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen als Ziele aus der Literatur, der Gemeinde oder der Eltern. Daraus l\u00e4sst sich die Schlussfolgerung ziehen, dass eine Gemeinde st\u00e4rker in die Vermittlung der Ziele an die Mitarbeitenden investieren muss, wenn sie ihre Ziele an die n\u00e4chste Generation weitergeben will.<\/p>\n<p>Wunderli weist darauf hin, dass er die Arbeit aus freikirchlicher Sicht geschrieben hat. Trotzdem ist positiv zu vermerken, dass er den Blick nicht darauf eingeengt hat, sondern immer wieder auch katholische und evangelisch-landeskirchliche Aspekte ber\u00fccksichtigt. Zudem betreffen die von ihm angesprochenen hermeneutisch-theologischen wie p\u00e4dagogisch-anthropologischen Grundfragen ohnehin alle Konfessionen. Allerdings ist zu fragen, ob er bei der Darstellung der freikirchlichen Sicht doch sehr stark eine bestimmte Auswahl von Gemeinden in der Umgebung von Wien vor Augen hatte, die die Vielfalt von Auffassungen auch im freikirchlichen Kontext nur unzureichend widerspiegelt. So scheint freikirchlich an manchen Stellen fast zum Synonym f\u00fcr evangelikal zu werden, obwohl \u2013 wie er selbst einr\u00e4umt \u2013 sich die H\u00e4lfte der Evangelikalen landeskirchlich verorten und er deshalb auch selbst an einem weiten Begriff von evangelikal festhalten will. Umgekehrt ist zu fragen, ob nicht auch in freikirchlichen Kreisen zunehmend Ansichten vertreten werden, die anthropologisch und hermeneutisch dem Anlagemodell zuzurechnen sind.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist spannend und gemeindep\u00e4dagogisch f\u00fcr die Arbeit mit allen Altersgruppen h\u00f6chst relevant, so dass zu w\u00fcnschen ist, dass die Ergebnisse in den Gemeinden reflektiert und der Forschungsansatz in weiteren Untersuchungen fortgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Markus Printz, Professor f\u00fcr Praktische Theologie und Gemeindep\u00e4dagogik an der Internationalen Hochschule Liebenzell<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armin Wunderli: \u00c4u\u00dfere oder innere Offenbarung? 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