{"id":440,"date":"2017-10-18T09:53:09","date_gmt":"2017-10-18T09:53:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=440"},"modified":"2017-10-18T16:50:16","modified_gmt":"2017-10-18T16:50:16","slug":"norbert-bolz-zurueck-zu-luther","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=440","title":{"rendered":"Norbert Bolz: Zur\u00fcck zu Luther"},"content":{"rendered":"<p>Norbert Bolz: <em>Zur\u00fcck zu Luther<\/em>, Paderborn: Wilhelm Fink, 2016, geb., 141 S., \u20ac 19,90, <a href=\"https:\/\/www.fink.de\/katalog\/titel\/978-3-7705-6086-8.html\">ISBN 978-3-7705-6086-8<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Bolz_Eber.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Der 1953 in Ludwigshafen geborene Philosoph Norbert Bolz lehrt seit 2002 Medienwissenschaft resp. Medienberatung am Institut f\u00fcr Sprache und Kommunikation der TU Berlin. In fr\u00fcheren Publikationen hat er sich kritisch gegen\u00fcber der Political Correctness des medialen Mainstreams ge\u00e4u\u00dfert. Im vorliegenden Buch fordert er als \u201ereligi\u00f6s unmusikalischer\u201c evangelischer Laie die verfasste Kirche dazu auf, vom \u00fcberbordenden Gutmenschtum unserer Zeit zum wahren Luther des 16. Jahrhunderts zur\u00fcckzukehren: Bolz will \u201eLuther gegen den sentimentalen Humanitarismus unserer Zeit in Stellung bringen. Es gibt n\u00e4mlich keinen sch\u00e4rferen Kritiker des Gutmenschentums als Luther\u201c (Vorwort, 7).<\/p>\n<p>Bolz schreibt mit p\u00e4dagogischer Zielsetzung: Er will alles, was man von Luthers Lehre wissen muss, zusammenfassend klar darbieten (Vorwort, 8). Dies verwirklicht er in 21 nicht gez\u00e4hlten Abschnitten bzw. Kapiteln auf 116 Textseiten (7\u2013122). Der Leser findet in den Abschnitten Ausf\u00fchrungen zu zentralen Themen von Luthers Theologie wie \u2013 um nur einige zu nennen \u2013 Gesetz und Evangelium, zur Verborgenheit Gottes und zur Suffizienz des Gekreuzigten, zu Willensfreiheit und zu Luthers Vernunftkritik, belegt in ebenfalls nicht nummerierten, nur auf die Seitenzahl angef\u00fchrter Zitate verweisenden Anmerkungen (123\u2013138, \u201ewissenschaftlicher Apparat\u201c: 8; Lit.: 139\u2013141).<\/p>\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr die Lutherdarstellung von Bolz ist nicht nur, dass er die Themen immer wieder im Gespr\u00e4ch mit Kierkegaard, Bultmann, Ebeling, Heidegger und Gelehrten verschiedenster Fachrichtungen er\u00f6rtert, ebenso deutlich ist sie durch seine implizite und explizite Kritik am zeitgen\u00f6ssischen christlichen Humanitarismus in Form des allerorten auftretenden \u201eGutmenschen\u201c gepr\u00e4gt, dessen Position er immer wieder durch Luther abgelehnt sieht (vgl. 11, 48, 57f, 75, 81, 85, 101, 104). So ist Luther bei Bolz der <em>fremde <\/em>Reformator, den es zur Wiedergewinnung des evangelischen Profils heute neu zu entdecken gilt. Diesem Ziel dienen auch zahlreiche Originalzitate, die kursiv gesetzt und nach Kurt Alands Lutherausgabe zitiert werden (8).<\/p>\n<p>Die Zielgruppe des Verfassers sind zwar \u201eLaien\u201c und seine Ausf\u00fchrungen sollen allgemeinverst\u00e4ndlich sein. Bei der Diskussion mit Heidegger (z. B. 17) wird dem Leser jedoch ein gehobener Bildungsabschluss abverlangt oder auch starkes Interesse an Neuem vorausgesetzt. Durch dieses Vorgehen werden zentrale Anliegen Luthers zum Leuchten gebracht und mit der gegenw\u00e4rtigen Form des Christentums kontrastiert.<\/p>\n<p>Luther betont gegen die \u201ehimmlischen Propheten\u201c seiner Zeit: Das Wort wirkt, und nicht der Geist getrennt von Gottes Wort! (17). Jesus Christus gen\u00fcgt (19\u201324), christliche Theologie ist im Zentrum immer Theologie des Kreuzes (24). Bolz diskutiert an Luthers Beispiel die Schwierigkeit, an Gott zu glauben (25\u201332); es bedarf der \u201et\u00e4gliche[n] \u00dcbung des gebrechlichen Glaubens\u201c (25). F\u00fcr Luther ist es ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass derjenige, der keine Religion besitzt, einen Aberglauben haben muss. Das hat aber eine bedeutsame Konsequenz: Das Christentum ist kein Glaubensangebot, das man so ohne weiteres annehmen k\u00f6nnte. Damit die Menschen an Christus glauben, muss man ihnen viel Glauben nehmen. Luther ist in dieser Hinsicht auch ein geistlicher \u201eAbbruchunternehmer\u201c (29). \u201eWer getauft ist, ist Christ. Gerade deshalb aber kann er leicht vergessen, dass es im Glauben darum geht, Christ zu werden: Das ist Luthers Thema\u201c (30).<\/p>\n<p>Luther spricht ungeniert auch vom Teufel. F\u00fcr den Reformator ist er nicht leicht zu erkennen, weil er vort\u00e4uscht, gut zu sein. Bewusst aktualisierend formuliert Bolz: \u201eEr maskiert sich n\u00e4mlich als Moralist und verf\u00fchrt uns mit seinem Kult des Gutmenschtums &#8230; Er blendet uns mit dem <em>Wahn der Gerechtigkeit durch das Gesetz<\/em>\u201c (57).<\/p>\n<p>Seine Kritik an der heutigen Kirche und ihrer Verk\u00fcndigung konzentriert der Verfasser im Abschnitt \u00fcber \u201eLuther und die Neuzeit\u201c (101\u2013108). Seine Urteile wie \u201eunrealistische Menschenfreundlichkeit\u201c oder \u201eWohlf\u00fchlchristentum\u201c richten sich gegen die Reduktion des christlichen Glaubens auf eine allgemein gef\u00e4llige b\u00fcrgerliche Zivilreligion, die eine Restreligion darstellt: Was wichtig daran ist, will man behalten, ohne die zentralen anst\u00f6\u00dfigen Themen Luthers zu \u00fcbernehmen (104). Sein Ruf \u201eZur\u00fcck zu Luther\u201c richtet sich gegen den diffusen Humanismus heutiger christlicher Religiosit\u00e4t im Namen Luthers. Selbstverwirklichung wird zum Heilsweg der Alltagskultur: \u201eDas Individuum ist nun sein eigener Willk\u00fcrgott.\u201c Ein \u201eeurop\u00e4isch verschlankter Buddhismus\u201c und die \u201eSuche nach dem Heil im eigenen Selbst\u201c, Fitnesskult als mit religi\u00f6sem Ernst zelebrierte Exerzitien (106) sind Ersatz f\u00fcr den christlichen Glauben in der Nachfolge Luthers. Weiter besch\u00e4ftigt sich Bolz in den letzten drei Kapiteln mit dem Problem, dass bzw. warum die Neuzeit den Glauben nicht annehmen will.<\/p>\n<p>Bolz hat ein lebendiges, sprachlich angenehmes und gut lesbares Pl\u00e4doyer in einem klaren Stil geschrieben. Er setzt inhaltlich einiges voraus und referiert nicht nur \u2013 wie viele andere Autoren \u2013 \u00fcber Luther und die Reformationsgeschichte, sondern stellt ihn in einen gr\u00f6\u00dferen Bildungshorizont, der dem Leser schmerzhaft sein eigenes literarisches Halbwissen offenbart. Bolz macht Luther von den modernen Wissenschaften her verst\u00e4ndlich und belegt seine Modernit\u00e4t, die ihn f\u00fcr den Zeitgenossen attraktiv machen soll. Manchmal mag er in diesem Prozess modernisierende Deutungen von Hans Blumenberg oder anderen her wagen, denen seine Leser inhaltlich vielleicht nicht folgen werden. Doch die Lekt\u00fcre des Buchs regt eminent dazu an, jenseits der Zivilreligion der Gegenwart den widerst\u00e4ndigen, authentischen Luther zu entdecken!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein, Redakteur des Jahrbuchs Biblisch erneuerte Theologie<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Bolz: Zur\u00fcck zu Luther, Paderborn: Wilhelm Fink, 2016, geb., 141 S., \u20ac 19,90, ISBN 978-3-7705-6086-8 Download PDF Der 1953<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":441,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-440","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=440"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/440\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":442,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/440\/revisions\/442"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/441"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}