{"id":513,"date":"2018-04-11T11:13:56","date_gmt":"2018-04-11T11:13:56","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=513"},"modified":"2018-04-11T11:14:09","modified_gmt":"2018-04-11T11:14:09","slug":"carsten-ziegert-diaspora-als-wuestenzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=513","title":{"rendered":"Carsten Ziegert: Diaspora als W\u00fcstenzeit"},"content":{"rendered":"<p>Carsten Ziegert: <em>Diaspora als W\u00fcstenzeit. \u00dcbersetzungswissenschaftliche und theologische Aspekte des griechischen Numeribuches<\/em>, Beihefte zur Zeitschrift f\u00fcr die alttestamentliche Wissenschaft 480, Berlin: de Gruyter, 2015, geb., VIII+340\u00a0S., \u20ac\u00a0109,95, <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/product\/455691\">ISBN 978-3-11-042502-4<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Malessa_Ziegert.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>In diesem Buch wird das griechische Numeribuch mit der \u00fcbersetzungs\u00adwissenschaftlichen Skopostheorie auf seine Charakteristik als \u00fcbersetzter Text, seinen \u201eSitz im Leben\u201c und seine m\u00f6gliche Theologie untersucht. Es handelt sich dabei um eine Dissertation, mit der Carsten Ziegert 2014 an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Wittenberg-Halle promoviert wurde.<\/p>\n<p>Bei der Skopostheorie ist der Zweck der \u00dcbersetzung im Blick, d.\u00a0h. welches Informationsangebot durch die \u00dcbersetzung eines Textes gemacht werden soll. Bei einer bereits vorliegenden \u00dcbersetzung kann der Zweck nat\u00fcrlich nur retrospektiv durch R\u00fcckschl\u00fcsse ermittelt werden. Ziegert belegt aber mit seinem Buch, dass dies m\u00f6glich ist. Weitere Komponenten der Skopostheorie, die davon aber auch unabh\u00e4ngig gebraucht werden k\u00f6nnen, sind Texttyp und \u00c4quivalenz.<\/p>\n<p>Drei Texttypen werden unterschieden: der informative Texttyp, der Inhalte vermittelt, des Weiteren der expressive Texttyp, der eine k\u00fcnstlerische Aussage macht, und schlie\u00dflich der operative Texttyp, der Verhaltensimpulse ausl\u00f6sen will. Dabei muss beachtet werden, dass einzelne Texte nicht nur streng einem einzigen Texttyp zugeordnet werden k\u00f6nnen, sondern informative, expressive und operative Elemente beinhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In Bezug auf \u00c4quivalenz werden vier Ebenen unterschieden. Bei der Form\u00e4quivalenz geht es darum, dass jedes einzelne Wort des Ausgangstextes eine Entsprechung in der Zielsprache hat. Struktur\u00e4quivalenz bedeutet, dass die grammatischen Strukturen \u201ein entsprechende Konstruktionen der Zielsprache abgebildet\u201c werden (63). Stil\u00e4quivalenz liegt vor, wenn die Stilebene des Zieltextes der des Ausgangstextes entspricht. Und Text\u00e4quivalenz ist gegeben, wenn der Zieltext den gleichen kommunikativen Effekt wie der Ausgangstext hat. Diese vier \u00c4quivalenzen bauen aufeinander auf.<\/p>\n<p>Ausger\u00fcstet mit diesem Instrumentarium untersucht Ziegert ausgew\u00e4hlte Texte aus Numeri. Es handelt sich dabei um Repr\u00e4sentanten aller Texttypen: Num 1,20\u221247; Num 6,22\u221227; Num 10,33\u221236; Num 11,1\u221235; Num 15,1\u221241; Num 21,1\u221235; Num 24,3\u22129 und Num 33,1\u221249. Der griechische Zieltext wird dabei jeweils detailliert und gr\u00fcndlich mit dem masoretischen Text mit Ber\u00fccksichtigung des samaritanischen Pentateuchs und gegebenenfalls der \u00fcbrigen alten \u00dcbersetzungen verglichen.<\/p>\n<p>Als wichtigste Ergebnisse k\u00f6nnen genannt werden, dass in einigen Texten die informative bzw. operative Komponente gegen\u00fcber dem hebr\u00e4ischen Ausgangstext verst\u00e4rkt wurde. Die expressive Komponente wurde dagegen in allen poetischen Texten abgeschw\u00e4cht, was aber wegen der unterschiedlichen poetischen Mittel im Hebr\u00e4ischen und Griechischen \u2013 Parallelismus im Gegensatz zum Metrum \u2013 in der Natur der Sache liegt. Wort- und Struktur\u00e4quivalenz liegt in allen Texten vor, Stil\u00e4quivalenz dagegen nur sporadisch in einigen Texten. Das griechische Numeribuch kann daher als wortgetreue \u00dcbersetzung mit einer Tendenz zur philologischen \u00dcbersetzung charakterisiert werden. Es kann dagegen nicht als Interlinear\u00fcbersetzung angesehen werden, die dazu dienen sollte, den hebr\u00e4ischen Text zug\u00e4nglich zu machen. Der hebraisierende Stil der \u00dcbersetzung ist jedoch gewollt, um eine \u201eDimension der Fremdheit\u201c zu vermitteln, \u201edie bei den Rezipienten positiv konnotiert war\u201c (288). Die einzelnen Skopoi der untersuchten Abschnitte werden deutlich herausgearbeitet. Vor allem handelt es sich um Verdeutlichungen und Erkl\u00e4rungen, die die Texte verst\u00e4ndlicher machen sollen, und Aktualisierungen f\u00fcr die griechischsprachigen Leser in der Diaspora. Am interessantesten sind jedoch intertextuelle Bez\u00fcge zu anderen Texten im Pentateuch, die die Warnung an die Leser, sich anders zu verhalten, verst\u00e4rken, wie sie z.\u00a0B. in Num 11,1\u221235 mit intertextuellen Bez\u00fcgen auf Gen 19, Ex 32 und Lev 10 zu finden sind. Als Sitz im Leben des griechischen Numeribuches wird die synagogale Gesetzesunterweisung im hellenistischen Alexandria bestimmt.<\/p>\n<p>Aus textkritischer Sicht kann festgehalten werden, dass das griechische Numeribuch nicht selten Lesarten des samaritanischen Pentateuchs (z.\u00a0B. Num 21,28) und mutma\u00dflich auch andere, vom masoretischen Text abweichende hebr\u00e4ische Lesarten widerspiegelt (z.\u00a0B. Num 15,37\u221241; 21,5). Die bereits bekannte Fluidit\u00e4t des biblischen Textes findet sich also auch hier best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Dieses Buch reiht sich in die wachsende Menge der Ver\u00f6ffentlichungen zur Erforschung der Septuaginta ein. Es geht in der Menge jedoch nicht unter, sondern f\u00fcllt eine L\u00fccke, indem eine sinnvolle Theorie auf ein bestimmtes Buch der Septuaginta konsequent angewandt wird und dadurch nachvollziehbare Ergebnisse erzielt werden. Daher ist es f\u00fcr Septuagintaforscher interessant und empfehlenswert, dar\u00fcber hinaus aber auch f\u00fcr diejenigen, die die im Buch behandelten Texte in der hebr\u00e4ischen Bibel textkritisch untersuchen wollen.<\/p>\n<p>Trotz des positiven und \u00fcberzeugenden Gesamteindrucks k\u00f6nnen folgende Kritikpunkte erw\u00e4hnt werden. T. Muraokas W\u00f6rterbuch zur Septuaginta wird im gesamten Buch nicht erw\u00e4hnt, obwohl es bereits 2009 ver\u00f6ffentlicht wurde und ausf\u00fchrlicher als das W\u00f6rterbuch von J. Lust, E. Eynikel und K. Hauspie ist. Bei der Diskussion von Num 1,45 argumentiert Ziegert mit der falschen hebr\u00e4ischen Form \u05e6\u05d1\u05d0\u05d4\u05dd, was eine Singularform des Nomens \u05e6\u05d1\u05d0 mit Pronominalsuffix der 3. Person masculinum plural sein soll. Es m\u00fcsste freilich \u05e6\u05d1\u05d0\u05dd hei\u00dfen (vgl. Gen 2,1) und die Argumentation m\u00fcsste ver\u00e4ndert werden. F\u00fcr Num 15,22\u221231 postuliert Ziegert einen Lernprozess des \u00dcbersetzers, der in den ersten zwei Konditionals\u00e4tzen noch das eigentlich fehlerhafte \u03ba\u03b1\u03af apodoticum gebraucht, es aber in den folgenden zwei Konditionals\u00e4tzen vermeidet. Dagegen ist festzustellen, dass schon in Num 10,4 und 14,8 kein \u03ba\u03b1\u03af apodoticum gebraucht wird, obwohl im hebr\u00e4ischen Text die Apodosis mit \u05d5 eingeleitet wird. Von einem Lernprozess innerhalb von Num 15 kann darum keine Rede sein. In der Diskussion von \u1f10\u03c0\u03af\u03c3\u03ba\u03b5\u03c8\u03b9\u03c2 in Num 1,21 w\u00e4re ein R\u00fcckgriff auf das im rabbinischen Hebr\u00e4ischen belegte Nomen \u05e4\u05bc\u05b4\u05e7\u05bc\u05d5\u05bc\u05d3\u05b4\u05d9\u05dd \u201eMusterung\u201c sinnvoll gewesen. Ziegert denkt nur an das biblisch-hebr\u00e4ische Nomen \u05e4\u05bc\u05b0\u05e7\u05bb\u05d3\u05bc\u05b8\u05d4 und muss darum eine Buchstabenverwechselung in der Vorlage oder durch den \u00dcbersetzer und dazu noch konsequente <em>scriptio defectiva<\/em> annehmen (\u05e4\u05e7\u05d3\u05d4\u05dd statt \u05e4\u05e7\u05d3\u05ea\u05dd). Damit ist auch der letzte Kritikpunkt ber\u00fchrt. Ziegert h\u00e4tte optimistischer sein d\u00fcrfen, was den Gebrauch von Vokalbuchstaben im masoretischen Textes betrifft, weil die biblischen Handschriften aus Qumran deutlich machen, dass der masoretische Text im Vergleich zu Manuskripten in der Schreibtradition von Qumran in dieser Hinsicht konservativ ist. Ziegert nimmt an mehreren Stellen an, dass lange Vokale am Wortende defektiv geschrieben worden sein k\u00f6nnten, um Unterschiede zwischen dem Septuagintatext und dem masoretischen Text zu erk\u00e4ren. Dies betrifft die Endungen &#8211;<em>\u016b<\/em> und &#8211;<em>\u0101<\/em> von Verbformen der 3. Person plural bzw. der 3. Person femininum, die nominale Endung des Status constructus &#8211;<em>\u0113<\/em> und das enklitische Personalpronomen der dritten Person masculinum singular <em>-\u014d<\/em> am Objektmarkierer \u05d0\u05ea. Zumindest bei den drei letztgenannten Endungen ist dies mehr als fragw\u00fcrdig, solange keine vergleichbaren und eindeutigen Belege in anderen Texten zur Unterst\u00fctzung genannt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Michael Malessa, Dozent f\u00fcr Altes Testament und biblische Sprachen am Biblical Seminary of the Philippines und an der Asia Graduate School of Theology, Manila, Philippinen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carsten Ziegert: Diaspora als W\u00fcstenzeit. \u00dcbersetzungswissenschaftliche und theologische Aspekte des griechischen Numeribuches, Beihefte zur Zeitschrift f\u00fcr die alttestamentliche Wissenschaft 480,<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":514,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-513","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=513"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/513\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":515,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/513\/revisions\/515"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}