{"id":525,"date":"2018-04-11T13:12:29","date_gmt":"2018-04-11T13:12:29","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=525"},"modified":"2018-04-11T13:12:29","modified_gmt":"2018-04-11T13:12:29","slug":"andreas-mauz-machtworte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=525","title":{"rendered":"Andreas Mauz: Machtworte"},"content":{"rendered":"<p>Andreas Mauz: <em>Machtworte. Studien zur Poetik des \u201eheiligen Textes\u201c<\/em>, Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie 70, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2017, xiii+344\u00a0S., \u20ac\u00a0134,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.mohr.de\/buch\/machtworte-9783161541933\">ISBN 978-3-16-154193-3<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Wenzel_Mauz.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Andreas Mauz stellt sich der spannenden Aufgabe, eine Poetik heiliger Texte zu beschreiben. <\/em>Die Frage nach der Beziehung dieser Texte zu einer au\u00dfersprachlichen Lebenswelt sowie die Berechtigung der damit verbundenen Anspr\u00fcche untersucht er nicht. Ebenso wenig besch\u00e4ftigt er sich mit Individuen oder Gemeinschaften, f\u00fcr die diese Texte eine Relevanz entfaltet haben oder entfalten: \u201eDie paraphrasierten Texte werden programmatisch als das wahr- und ernst genommen, was sie zun\u00e4chst einmal sind: <em>Erz\u00e4hlungen<\/em> von Offenbarungsereignissen, narrative Darstellungen, die davon handeln, wie eine bestimmte Person zur Vermittlung einer \u201ah\u00f6heren Wahrheit\u2018 in Anspruch genommen wird\u201c (2\u20133). Dabei n\u00e4hert er sich \u201eheiligen Texten\u201c in einem ersten begriffsorientierten Abschnitt auf religionswissenschaftliche Weise (11\u201350), um danach genauer zu bestimmen, was sie aus poetologischer Sicht ausmacht. Hier stellt er mit einer \u201eErz\u00e4hlgrammatik der Offenbarung\u201c vor, was seine Analyse der Texte wesentlich bestimmt (51\u201373). Schlie\u00dflich geht es ihm in erster Linie um eine Textanalyse nicht um eine Textinterpretation (vgl. 110). Diese Erz\u00e4hlgrammatik verortet Mauz dann in einem weiteren Abschnitt im Verh\u00e4ltnis zu Beitr\u00e4gen aus der Literaturwissenschaft (73\u2013111).\u00a0 Unter der \u00dcberschrift \u201eDie Poetik des \u201aheiligen Textes\u2018 im theologischen Horizont\u201c wird diese Poetik ins Verh\u00e4ltnis zu Exegese und Dogmatik gestellt und auf ihr Potential hin untersucht (113\u2013166). Daran schlie\u00dfen sich sechs Studien an, welche die Erz\u00e4hlgrammatik anwenden und immer wieder um theoretische \u00dcberlegungen erg\u00e4nzen und sie pr\u00e4zisieren (167\u2013278). Im abschlie\u00dfenden Kapitel fasst er die Untersuchungen zusammen und gibt einen Ausblick auf Fragen, die sich an seine Ausf\u00fchrungen anschlie\u00dfen (279\u2013290). Das Glossar (291\u2013300) ist sehr hilfreich bei der Lekt\u00fcre des gesamten Buches, nicht zuletzt weil es als komprimierte Zusammenschau wichtiger Aspekte und vielf\u00e4ltiger Differenzierungen gelesen werden kann.<\/p>\n<p>In der vorliegenden Arbeit sind Texte insofern \u201eheilig\u201c als sie das von sich behaupten. Diese narrative Herangehensweise versucht wesentliche Gemeinsamkeiten verschiedener Texte und ihre Differenzen angemessen zu beschreiben. Sie sprechen von einem menschlichen Kontakt mit einer \u00fcbermenschlichen Instanz (1\u20132), welcher der \u00dcbermittlung von entsprechendem Wissen dient, verschriftlicht wird bzw. wurde und nun als Text vorliegt. Mauz unterscheidet dabei heiligende Texte, die geheiligte Texte als solche beschreiben. Den Begriff \u201aheiliger Text\u2018 reserviert er f\u00fcr die \u201ematerial-mediale Einheit eines heiligenden und eines geheiligten Textes\u201c (291). Die einfachen Anf\u00fchrungszeichen markieren dabei die in der vorliegenden Arbeit beschriebene Gattung in Unterscheidung von \u201eheiligen Texten\u201c und \u201eheiligen Schriften\u201c. Die Konzentration auf das \u201ePh\u00e4nomen des Schreibens erlaubt es aber insbesondere, pr\u00e4ziser zu formulieren, was der heiligende Text zu leisten hat\u201c (107). Seine sechs Studien gehen auf Hildegard <em>Liber Scivias <\/em>(1141-1151), Vassula Ryden <em>The True Life in God <\/em> (1986ff), Joseph Smith <em>Das Buch Mormon <\/em>(1830), Jeremia 36, Offenbarung des Johannes (v.\u00a0a. Kap.\u00a01) und Silvia Wallimann <em>Mit Engeln beten <\/em>(1991) ein. So kann er seine Erz\u00e4hlgrammatik und sein Erkenntnisinteresse auf eine vielf\u00e4ltige Auswahl von Texten mit ihren chronologischen und kulturellen Unterschieden anwenden.<\/p>\n<p>Besonders wertvoll erscheint mir die literaturwissenschaftliche Beschreibung der untersuchten Texte, die gro\u00dfen Wert auf eine angemessene Differenzierung legt und sich durch eine aufmerksame Lekt\u00fcre auszeichnet. Diese m\u00fcndet beispielsweise in der Rede von einer prim\u00e4ren, sekund\u00e4ren und terti\u00e4ren Schriftlichkeit (281\u2013284). Im ersten Fall betritt das Offenbarte bereits in schriftlicher Form die B\u00fchne, im zweiten Fall ist es mehr oder minder unabh\u00e4ngig von der Schriftform und wird \u201esekund\u00e4r\u201c verschriftlicht. Bei terti\u00e4rer Schriftlichkeit vollzieht sich die Verschriftlichung nicht im Rahmen des Offenbarungsereignisses (= sekund\u00e4r), sondern danach (vgl. Wallimanns <em>Mit Engeln beten<\/em>).<\/p>\n<p>Mauz\u2019 Rede von \u201eheiligen Texten\u201c hat dabei einen heuristischen Wert, der manche Selbstverst\u00e4ndlichkeit im Umgang mit \u201eheiligen Texten oder Schriften\u201c aufgrund und mit der Herangehensweise aufbricht. Er erweitert damit auch die Textauswahl und hinterfragt vertraute Kontexte und eingefahrene Deutungsmuster oder \u2013 wie es er formuliert \u2013 sie werden \u201e<em>distanziert<\/em>\u201c: \u201eUnd erst diese Distanzierung erlaubt es, die genannte Gemeinsamkeit und die teils erheblichen Differenzen innerhalb ihrer zu erkennen\u201c (52). Das Projekt ist heuristisch wertvoll, ph\u00e4nomenologisch und hermeneutisch sehr spannend und stellt viele beachtenswerte Beobachtungen zusammen. Die Lekt\u00fcre sch\u00e4rft den Blick und regt zur Reflexion sowie zur Diskussion an.<\/p>\n<p>Kritik zu \u00e4u\u00dfern erscheint \u201eleicht\u201c, weil bei aller Kompetenz das Anliegen des Verfassers ambitioniert ist. Nicht zuletzt f\u00f6rdert Mauz\u2019 Untersuchung die Wahrheit einer platten Aussage zutage: in der gr\u00f6\u00dften St\u00e4rke liegt immer auch eine wesentliche Schw\u00e4che. Die Auswahl der Studien steht nicht nur in der Gefahr, im Sinne der Aussage \u201esie fanden was sie suchten\u201c wahrgenommen zu werden. Vielmehr wird durch ihre Zusammenstellung und deren vergleichende Untersuchung ein neuer literarischer Kontext geschaffen, der in Konkurrenz zu den jeweils vorgegebenen steht und praktisch diesem (wohl) vor- und \u00fcbergeordnet wird. Dies l\u00e4sst sich dabei kaum auf den <em>literarischen<\/em> Kontext begrenzen. Das l\u00e4sst sich bei der von Mauz gew\u00e4hlten Vorgehensweise letztendlich nicht vermeiden und ist \u2013 wie gesagt \u2013 eine ausgewiesene St\u00e4rke seiner Arbeit. Ich meine aber, dass die damit einhergehende Schw\u00e4che auch diskutiert werden sollte.<\/p>\n<p>Der Vergleich dieser verschiedenen Texte ber\u00fccksichtigt m.\u00a0E. auch nicht ausreichend die explizite Verkn\u00fcpfung mancher Texte. Hildegard, Ryden und Smith beziehen sich jeweils auf die Bibel und beschreiben damit auch den Kontext, nicht zuletzt den literarischen Kontext, in dem sie gelesen werden wollen.<\/p>\n<p>In Weiterf\u00fchrung der Untersuchung legen sich meines Erachtens einige Frage nahe. Angesichts der Bedeutung der heiligenden Texte in der Beschreibung von Mauz muss man sie in gewisser Weise auch als Machtworte begreifen (vgl. 288), nicht nur die geheiligten Texte. Gilt dann auch f\u00fcr sie die \u201eSchw\u00e4che\u201c von Machtworten (289\u2013290)? Wenn ja, muss dann nicht noch einmal bedacht werden, ob Mauz ihre Voraussetzung (und ihre Funktion) angemessen bestimmt, n\u00e4mlich dass \u201eWahrheiten, etwa diejenige eines Inspirations- und Offenbarungs\u00adereignisses, rational <em>andemonstriert<\/em> werden k\u00f6nnen\u201c (287). Au\u00dferdem halte ich es f\u00fcr bedenkenswert, warum sich im Alten wie im Neuen Testament so wenig heiligende Texte finden. Welche hermeneutischen, exegetischen und theologischen Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Mauz\u2019 wertvolle Arbeit beschreibt eben nicht nur aufmerksam und pr\u00e4zise viele Ph\u00e4nomene, sondern regt zum Weiterdenken an. Daf\u00fcr ist ihm ausdr\u00fccklich zu danken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der FTH Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Mauz: Machtworte. 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