{"id":541,"date":"2018-04-11T13:42:57","date_gmt":"2018-04-11T13:42:57","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=541"},"modified":"2018-04-11T13:43:35","modified_gmt":"2018-04-11T13:43:35","slug":"sven-grosse-harald-seubert-hg-radical-orthodoxy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=541","title":{"rendered":"Sven Grosse \/ Harald Seubert (Hg.): Radical Orthodoxy"},"content":{"rendered":"<p>Sven Grosse \/ Harald Seubert (Hg.): <em>Radical Orthodoxy. <\/em><em>Eine Herausforderung f\u00fcr Christentum und Theologie nach der S\u00e4kularisierung<\/em>, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2017, Pb., 252\u00a0S., \u20ac\u00a038,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4107_Radical-Orthodoxy.html\">ISBN 978-3-374-04859-5<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Herrmann_Grosse.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Der vorliegende Sammelband beruht auf einer Tagung der Staatsunabh\u00e4ngigen Hochschule Basel am 6.12.2014. Die beiden Herausgeber sowie ein weiterer Autor (Gianfranco Schultz) lehren an der STH Basel, die sich einer an der Heiligen Schrift und der Reformation orientierten Theologie besonders verbunden wei\u00df. Konferenz wie Sammelband wurden durch die Wahrnehmung einer teilweisen N\u00e4he der eigenen Anliegen zu der bisher im deutschsprachigen Raum kaum bekannten, in Gro\u00dfbritannien aber zunehmend an Einfluss gewinnenden Denkschule motiviert. Da die anderen Publikationen von und \u00fcber Autoren der \u201eRadical Orthodoxy\u201c (RO) fast durchg\u00e4ngig in englischer Sprache verfasst sind, erleichtert der Sammelband den Zugang zu den Gedanken des Schulgr\u00fcnders John Milbank und seines Umfeldes erheblich. Milbank kommt dabei ebenso zu Wort wie Forscher unterschiedlicher fachlicher wie konfessioneller Provenienz einschlie\u00dflich einer s\u00e4kularistischen Perspektive (Achim Lohmar). Reformierte (Schultz), lutherische (Wannenwetsch, Grosse), katholische (von Wachter) und orthodoxe (Schneider) Theologen nehmen dabei Stellung zur bei aller Breite durchaus anglikanischen Position Milbanks.<\/p>\n<p>Erste Grundgedanken der RO wurden formuliert in John Milbanks Werk <em>Theology and Social Theory. <\/em><em>Beyond Secular Reason,<\/em> Oxford: Blackwell, 1990, <sup>2<\/sup>2006. In <em>The Word Made Strange. <\/em><em>Theology, Language, Culture,<\/em> Oxford: Blackwell, 1997 erfolgte die Hinwendung zu Thomas von Aquins Ontologie. Catherine Pickstocks <em>After Writing. On the Liturgical Consummation of Philosophy,<\/em> Oxford: Blackwell, 1998 deckte den Zusammenhang von Ontologie und Doxologie auf. 1999 erschien der Sammelband John Milbank u. a. (Hg.), <em>Radical Orthodoxy. A new theology,<\/em> London: Routledge. Inzwischen ist mit dem Centre of Theology and Philosophy an der Universit\u00e4t Nottingham und dessen Open-Access-Zeitschrift <em>Radical Orthodoxy: Theology, Philosophy, Politics (RO:TPP),<\/em> mehreren Schriftenreihen und einem 2009 publizierten Reader die Pr\u00e4senz in der Wissenschaft un\u00fcbersehbar und institutionell greifbar geworden. Der Sch\u00fcler- und Freundeskreis Milbanks forscht in unterschiedlichen Disziplinen.<\/p>\n<p>Diese Organisationsstruktur entspricht dem Anliegen, die Theologie nicht in ein sozusagen sturmfreies Gebiet zur\u00fcckzuziehen, sondern \u201eeine allumfassende Vision zu entwickeln, in der eine neue belebte Theologie s\u00e4kulare Inbesitznahmen sozusagen zur\u00fcckfordert und sie aus einer reichen christlichen Perspektive ver\u00e4ndert\u201c (86). Orthodox denkt man, weil man sich einem Christentum mit einem verbindlichen Glaubensbekenntnis zugeh\u00f6rig wei\u00df. Radikal agiert man durch eine bewusste R\u00fcckkehr zu geistigen Wurzeln in der altkirchlichen und mittelalterlichen Theologie (13f). Auch wenn die Kerngruppe der RO aus dem hochkirchlichen Fl\u00fcgel der anglikanischen Kirche stammt, sieht man sich in \u00f6kumenischer Offenheit mit Theologen anderer Konfessionen verbunden, sofern sie die Kritik an Fehlentwicklungen der Moderne teilen (61, 82f).<\/p>\n<p>Die RO fordert ein selbstbewusstes Auftreten der Theologie. Anspruchsvoll sagt die Theologie demnach etwas \u00fcber alles, w\u00e4hrend die anderen Wissenschaften alles \u00fcber etwas sagen (17, 219f). Kein Bereich der Gesellschaft kann sich demnach Gott entziehen (19). Sven Grosse pr\u00e4zisiert den von der RO rezipierten thomistischen Begriff der \u201eanalogia entis\u201c dahingehend, dass es sich um eine \u201eanalogia attributionis\u201c handele. Das kreat\u00fcrliche Sein ist Sein, weil und indem es Anteil an Gottes Sein in F\u00fclle hat (20). Schultz sieht eine Parallele zum Motto der reformierten Philosophie: \u201eAll life is religion\u201c (165). Es geht um den Universalanspruch des Glaubens in Konkurrenz zum S\u00e4kularismus.<\/p>\n<p>Milbank grenzt sich von der Franziskanerschule der Sp\u00e4tscholastik ab, durch die anstelle einer seinshaften sowie rational einsichtigen Verbindung von Gott und Mensch eine einseitige Akzentuierung des Willens Gottes zustande kam (47f). An die Stelle von Realismus und Intellektualismus trat der Nominalismus und Voluntarismus. Dadurch kam es zu einer Trennung von Vernunft und Glaube, Philosophie und Theologie bzw. Immanenz und Transzendenz (75). Im Sinne Milbanks betont Adrian Pabst, dass die Immanenz immer schon von der Transzendenz durchdrungen sei (95).<\/p>\n<p>Besonders verdienstvoll arbeitet die RO dort, wo sie gegen den geschichts- und wissenschaftsphilosophischen Mainstream mit guten Argumenten anl\u00e4uft. So versucht Milbank, die vermeintliche Z\u00e4sur-Bedeutung Kants zu relativieren. Neben Kant gab es vorher Descartes und Spinoza bzw. bereits Arianer, Sozzinianer, Unitarier und nachher die franz\u00f6sischen Romantiker. Alle sieht die RO verbunden in einem Nihilismus, der nichts davon wissen kann, wie die Dinge selbst sind (41f, 52f, 55). Den entscheidenden Einschnitt erkennt die RO im Ansatz des Johannes Duns Scotus, weil hier das Verh\u00e4ltnis von Gott und Mensch rein formal und nicht partizipatorisch definiert werde (81, 164). Der RO \u00fcberwindet die Subjekt-Objekt-Spaltung bzw. die Isolierung einer der beiden Seiten durch Beziehung (164f, 220f).<\/p>\n<p>Gegen die Behauptung eines irreversiblen Fortschritts der Geistesgeschichte greift die RO bewusst \u00e4ltere Traditionsstr\u00f6me auf, verdeutlicht die Kontinuit\u00e4t miteinander ringender Alternativans\u00e4tze, f\u00fchrt in einem Genealogie-Verfahren intellektuelle Stammb\u00e4ume vor Augen. Dabei geht es weniger um Details als um Grundlinien, Charaktere, Funktionen (227f). Positive Aussagen sollen vor dem dunklen Hi\u00edntergrund von Fehlentwicklungen an Plausibilit\u00e4t gewinnen (24). Vermeintlich \u00fcberholte \u201eDenkweisen der Patristik oder der Scholastik\u201c werden \u201eunmittelbar in ein Gespr\u00e4ch mit leitenden Denkans\u00e4tzen der Gegenwart\u201c gebracht (102).<\/p>\n<p>Gegen die Tendenz zu Dualismus und Abstraktion in der Moderne betont die RO die Bedeutung des Sinnlich-\u00c4sthetischen. Der Mensch kommt \u201eimmer bereits zu sp\u00e4t\u201c, um Vernunft und Sinneserfahrung als Erkenntnisquelle voneinander trennen zu k\u00f6nnen (56). \u00c4hnlich wie Oswald Bayer mit Blick auf Luther bezieht sich die RO auf Hamann, um den Widerfahrnis-Charakter theologischer Erkenntnis herauszustellen. Man kann sich nur auf das einlassen, \u201ewas einem geschieht\u201c (56f). Milbank fasst zusammen: \u201eAlles wahre Denken ist daher gleichzeitig sowohl Kunst als auch Gebet\u201c (57).<\/p>\n<p>Milbanks anglokatholische Ausrichtung artikuliert sich in seiner Abgrenzung gegen\u00fcber der Bibelkritik, aber auch gegen\u00fcber einer von der liturgisch-ekklesialen Verortung losgel\u00f6sten Bibellekt\u00fcre (59f). Die Erfahrung der wirksamen Pr\u00e4senz Gottes geschieht durch die Partizipation an der Liturgie. Der theurgische Abstieg Gottes in das menschliche Herz \u201emanifestiert sich zugleich als ein Akt liturgischen Lobpreises\u201c (50). Der Vorrang des Doxologischen (80), die ekklesiale Ontologie (77), geht im Ansatz der RO damit einher, die H\u00f6lle als \u201eWeigerung zu feiern\u201c zu definieren, umgekehrt die \u201eErneuerung der Gabe\u201c und \u201eTeilhabe am G\u00f6ttlichen\u201c durch \u201edie R\u00fcckkehr zur Festlichkeit\u201c zu erreichen (72). Die RO sieht gerade im fragmentarischen Charakter anglikanischer Theologie die Offenheit f\u00fcr das unverf\u00fcgbare Wirken Gottes ausgedr\u00fcckt (51).<\/p>\n<p>Am Rande kommt in dem Sammelband auch die Relevanz der RO f\u00fcr den gesellschaftlich-politischen Bereich zur Sprache. Die RO tritt f\u00fcr die W\u00fcrdigung nat\u00fcrlicher Verschiedenheiten und gegen das zusammenhanglose Nebeneinander von Individuen ein (25f). Die Gottesbeziehung erleichtert die Wahrnehmung der anderen Menschen in deren institutioneller Einbindung in die Gesamtgesellschaft (40, 68, 168). Erg\u00e4nzend w\u00e4re hinzuweisen auf das Engagement einiger RO-Vertreter in der sog. Red-Tory-Bewegung, die in der Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft Ber\u00fchrungspunkte zwischen traditionellen Konservativen und Labour-Anh\u00e4ngern entdeckt.<\/p>\n<p>Methodisch agiert die RO konfrontativ, zeigt Konsequenzen und Widerspr\u00fcche anderer Ans\u00e4tze auf. Sie ist \u201eeine Denkstr\u00f6mung mit der L\u00f6wenpranke\u201c (Seubert, 102). Es geht um \u201eeine apologetische Gegenoffensive, die das scheinbar Unhinterfragbare in Frage stellt, dies aber auf plausible und zeitgen\u00f6ssische Art und Weise tut\u201c (68). So deckt Milbank auf, dass das Christentum durch die Entsakralisierung politischer Macht gerade Quelle einer positiven S\u00e4kularisierung war. Andererseits ende eine sich als autonom und selbstreferenziell verstehende \u00d6ffentlichkeit im Moralismus (z. B. political correctness, 40, 44).<\/p>\n<p>In der Aufsatzsammlung kommen auch kritische Anfragen an RO zu Wort. Achim Lohmar (146ff) wirft in s\u00e4kular-soziologischer Begrifflichkeit der RO ein autorit\u00e4res Gottesbild vor. Adrian Pabst (140ff) relativiert Daniel von Wachters (118ff) Behauptung, die RO metaphorisiere die Wahrheit und gehe postmodern vor. Gianfranco Schultz empfiehlt, das \u201eGeschenktsein\u201c der Partizipation weniger in ontologischer Weise zu denken (170). Bernd Wannenwetsch moniert Tendenzen zu einer theologia gloriae, weil die Argumentationsweise der RO \u201eNistpl\u00e4tze f\u00fcr eine triumphalistische Versuchung\u201c (237) zur Verf\u00fcgung stelle. Das Hauptproblem liegt nach Sven Grosse in der Vernachl\u00e4ssigung der Reformation als Bezugsquelle trotz einiger \u00e4hnlicher Anliegen. Milbank kritisiert die Reformation, weil sie den Unterschied von Gott und Mensch bzw. Vernunft und Glaube versch\u00e4rft habe (26). Grosse korrigiert, dass nach Luther nicht die Kreat\u00fcrlichkeit, sondern das S\u00fcndersein des Menschen den Gegensatz zu Gott begr\u00fcnde. Daher gehe es nicht nur um eine Ver\u00e4nderung des Denkens, sondern um die Vers\u00f6hnung mit Gott (29). Wie die Reformation betont die RO einen existenziellen statt abstrakt-distanzierten Zugang zur Bibel, allerdings in liturgischer Gestalt (58f). Die RO vernachl\u00e4ssigt aber die Wirkung der Bibel als Erkenntnis- und Urteilsgrundlage. Dann k\u00f6nnte nicht wie tendenziell bei Milbank jedes irgendwie transzendente Ph\u00e4nomen einer \u201eFeenperspektive\u201c (Milbank, 50f) begr\u00fc\u00dft, sondern m\u00fcsste gepr\u00fcft werden, was schriftgem\u00e4\u00df ist und was nicht.<\/p>\n<p>Mit Wannenwetsch (229f) w\u00e4re zu hoffen, dass sich RO und reformatorisch grundierte Theologie auch aufgrund eines solchen Sammelbandes gegenseitig besser verstehen und befruchten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Christian Herrmann, Bibliotheksdirektor und Leiter der Historischen Sammlungen,<\/em> <em>W\u00fcrttembergische Landesbibliothek Stuttgart<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sven Grosse \/ Harald Seubert (Hg.): Radical Orthodoxy. 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