{"id":548,"date":"2018-04-11T14:26:09","date_gmt":"2018-04-11T14:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=548"},"modified":"2018-04-12T21:08:47","modified_gmt":"2018-04-12T21:08:47","slug":"friedemann-stengel-sola-scriptura-im-kontext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=548","title":{"rendered":"Friedemann Stengel: Sola scriptura im Kontext"},"content":{"rendered":"<p>Friedemann Stengel: <em>Sola scriptura im Kontext. Behauptung und Bestreitung des reformatorischen Schriftprinzips<\/em>, Theologische Literaturzeitung. Forum (ThLZ.F) 32, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2016, Pb., 136\u00a0S., \u20ac\u00a018,80, <a href=\"http:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4026_Sola-scriptura-im-Kontext.html\">ISBN 978-3-374045365<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Treusch_Stengel.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Die vorliegende Studie liegt als schmales, kleinformatiges B\u00fcchlein vor und geht zu-r\u00fcck auf einen Vortrag, den der Autor im Januar 2015 im Rahmen von \u201eTheologischen Tagen\u201c an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg gehalten hat. Die theologiegeschichtliche Untersuchung erschien 2016 und damit noch rechtzeitig zum Reformationsjubil\u00e4umsjahr 2017; doch lohnt es sich, dieser Arbeit gerade in den \u201aNachwehen\u2018 der Reformationsfeierlichkeiten Aufmerksamkeit zu schenken. Denn Friedemann Stengel, der seit 2010 die Professur f\u00fcr Neuere Kirchengeschichte in Halle vertritt, wagt sich an ein ebenso zentrales wie umstrittenes Thema. Die Phrase \u201esola scriptura\u201c, mit der die Heilige Schrift als einzige Quelle und Norm des christlichen Glaubens verstanden wird, gilt als ein Kennzeichen der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen und zugleich als ein Grundsatz reformatorischer Theologie. Um das Verst\u00e4ndnis von \u201esola scriptura\u201c wird freilich gerungen. Stengels Studie lenkt den Blick auf diese Diskussion um Begriff und Inhalte des Schriftprinzips. Ausgehend von der gegenw\u00e4rtigen Diskussion wendet sich Stengel dem historischen Befund zu und fragt nach den Anf\u00e4ngen des so selbstverst\u00e4ndlich als reformatorisches Schriftprinzip Bezeichneten in den 1520er Jahren. Dass er dabei einen aktuellen Beitrag zur Debatte um das Schriftprinzip leisten will, zeigen die ausf\u00fchrliche Einleitung (9\u201340, Kap. 1) und der aktualisierende Ausblick (127\u2013129, Kap. 8, nachfolgend ein Personenregister, 131f), die die historische Untersuchung rahmen (41\u2013126, Kap. 2\u20137).<\/p>\n<p>Stengel geht von der aktuellen Debatte um das Schriftprinzip und der postulierten \u201aKrise des Schriftprinzips\u2018 aus (9\u201318) und problematisiert die Rede von einem Prinzip: \u201eKann <em>sola scriptura<\/em> dann \u00fcberhaupt ein <em>principium<\/em> sein, etwas, das am Anfang steht?\u201c (13). Stengel \u201em\u00f6chte mit dieser Studie zeigen, dass es n\u00fctzlich ist, zun\u00e4chst den historischen Befund zu erheben, der sich strikt an den Kontexten der Debatten orientiert\u201c (18), und so nimmt er zun\u00e4chst in knappem \u00dcberblick das Schriftprinzip als \u201ekonkrete Behauptung am historischen Ort\u201c (19) in den Blick: in den lutherischen Bekenntnisschriften (19\u201323), in Luthers Verwendung der Formel \u201esola scriptura\u201c (24\u201326) und im 19. Jahrhundert (26\u201340). Wo in den Bekenntnisschriften von der Confessio Augustana (1530) bis zur Konkordienformel (1577) vom Schriftverst\u00e4ndnis die Rede ist, geschieht dies in Abgrenzung und zwar gegen\u00fcber den \u201aSchw\u00e4rmern\u2018 und den Altgl\u00e4ubigen, gegen\u00fcber Geist und Tradition. \u201eFestzuhalten w\u00e4re erneut, dass diese Passagen vor allem dort mit der Schriftzentriertheit argumentieren, wo sie sich gegen andere Positionen abgrenzen. Ein ausformulierter <em>locus<\/em> zur Heiligen Schrift liegt hingegen nicht vor\u201c (23). Zudem verwendet Luther die Formel \u201esola scriptura\u201c selten und noch nicht als \u201egeschlossene Phrase\u201c (26). Zu dieser wird \u201esola scriptura\u201c erst in den folgenden Jahrhunderten, und im 19. Jahrhundert findet sich allgemein die Rede vom Schriftprinzip als Wesensmerkmal des Protestantismus, u.\u00a0a. in Abgrenzung gegen\u00fcber dem zeitgen\u00f6ssischen Katholizismus. Erst mit Gerhard Ebeling aber, so Stengel, wird im 20. Jahrhundert \u201eLuther zu <em>dem<\/em> Repr\u00e4sentanten des Schriftprinzips gemacht\u201c (38). Diese Entwicklung f\u00fchrt ihn zur Kritik am Begriff \u201eSchriftprinzip\u201c und zur These: \u201eHinsichtlich des reformatorischen Kontextes w\u00e4re nicht vom Schriftprinzip, sondern vom Schriftargument oder von der Argumentation mit der Heiligen Schrift zu sprechen\u201c (39). \u201eDie folgende Untersuchung wird zeigen, dass sich die Vielschichtigkeit und Unabgeschlossenheit der Auseinandersetzungen um 1520 nicht einfach in ein Prinzip \u00fcbersetzen l\u00e4sst\u201c (26). \u2013 Stengel ist zuzustimmen, dass Luthers Verwendung von \u201esola scriptura\u201c in den 1520er Jahren aus einem Argumentationskontext hervorgeht und sich erst allm\u00e4hlich zu einer festen Phrase entwickelt. Zu fragen ist aber, ob sich ungeachtet des Terminus die inhaltliche Position, f\u00fcr die die Formel \u201esola scriptura\u201c steht, nicht doch in diesen Jahren als ein \u201eprincipium\u201c der reformatorischen (Wittenberger) Theologen herauskristallisiert.<\/p>\n<p>In f\u00fcnf Kapiteln (41\u2013115, Kap. 2\u20136) mit abschlie\u00dfender Auswertung (116\u2013126, Kap. 7) nimmt Stengel die Entwicklung des \u201eSchriftarguments\u201c in den Auseinander-setzungen der 1520er Jahre in den Blick. In sorgf\u00e4ltiger Quellenanalyse weist er nach, dass Luther das Sola scriptura-Argument erstmals in der Ablassdebatte verwendet, in der er mit dem Schriftargument die Autorit\u00e4t des Papstes kritisierte (41\u201352, Kap. 2). In der Auseinandersetzung mit Hieronymus Emser (53\u201376, Kap. 3) formuliert Luther das Schriftargument weiter aus: \u201enicht der Papst, nicht die V\u00e4ter [\u2026] \u00fcberhaupt keine zus\u00e4tzliche Instanz legt die Schrift aus; die Schrift ist sich selbst Autorit\u00e4t\u201c (75). Von Philipp Melanchthon (77\u201381, Kap. 4) bekr\u00e4ftigt, entfaltet Luther gegen Thomas M\u00fcntzer (82\u201389, Kap. 5) und Erasmus von Rotterdam (90\u2013115, Kap. 6) sein Schriftargument. In Abgrenzung gegen ein Wirken des Geistes ohne Bindung an die Schrift und gegen die Behauptung autoritativer kirchlicher Auslegung kommt Luther zur positiven Darlegung von \u201esola scriptura\u201c: Die Schrift ist oberste Deutungsinstanz, g\u00f6ttlicher Herkunft, sich selbst interpretierend und in zweifacher Klarheit, wobei \u201eDreh- und Angelpunkt\u201c dieses Schriftverst\u00e4ndnisses f\u00fcr Luther ein \u201esolus Christus\u201c und \u201ecrux sola\u201c ist. Stengel zeigt diese Ausformulierung von Luthers Schriftverst\u00e4ndnis nachvollziehbar aus den Quellen auf und fasst zusammen: \u201eHinter dem Schriftprinzip steht <em>erstens<\/em> recht eigentlich Luthers Auffassung vom allein rechtfertigenden Kreuzestod Christi, die f\u00fcr ihn das Zentrum der gesamten Schrift als Gotteswort ist. <em>Zweitens<\/em> ist die innere Klarheit der Schrift zugleich dieses Zentrum. Sie wird <em>drittens<\/em> durch den Heiligen Geist vermittelt [\u2026]\u201c (111).<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend interpretiert Stengel diesen historischen Befund (116\u2013126, Kap. 7): \u201eLuthers Schriftprinzip ist keine in sich geschlossene Lehre, sondern ein sich auf die Schrift berufendes Argument, das als Behauptung (assertio) von g\u00f6ttlich durch die Schrift abgesicherter Wahrheit auftritt. Dieses Argumentieren erweist sich bei n\u00e4herer Betrachtung einerseits jedoch als autoritative Absicherung einer bestimmten Theologie durch die Behauptung von Schrift-, Wahrheits- und Gott-Gem\u00e4\u00dfheit. Es ist andererseits gegen jeweils neue Fronten gerichtet und dadurch streng kontextuell\u201c (116f). Hier w\u00e4re zu fragen, ob der historische Befund, die Entwicklung bzw. Ausformulierung von Luthers Verst\u00e4ndnis von \u201esola scriptura\u201c, nur diese Deutung zul\u00e4sst und ob die Formulierung in zeitgen\u00f6ssischer Frontstellung zwingend bedeutet, dass die Aussagen in diesem einmaligen Kontext ihre Begrenzung finden. Wie verhalten sich die Genese des lutherischen Schriftverst\u00e4ndnisses und ihr inhaltlicher (Wahrheits\u2011)Anspruch? Stengel skizziert in einem Exkurs zu \u201eAutor \u2013 Leser \u2013 \u00dcbersetzer \u2013 Kontext\u201c (112\u2013115) hermeneutische Linien und formuliert, die Studie mit einem \u201eAusblick\u201c (127\u2013129, Kap.\u00a08) beschlie\u00dfend: \u201eAm Anfang, vor dem Schriftprinzip, steht eine bestimmte Theologie und ein ganz bestimmtes Christus-Prinzip, das mit der g\u00f6ttlichen Autorit\u00e4t der Heiligen Schrift abzusichern versucht worden ist, die den Autor, das Zentrum, den Interpreten und den Leser der Schrift in eins setzt, der diese Sicht des Zentrums teilt\u201c (129).<\/p>\n<p>Die Studie ist klar geschrieben und in Auseinandersetzung mit einschl\u00e4gigen Forschungsarbeiten entstanden. Im Blick auf die historische Darstellung ist die Studie instruktiv, im Blick auf die Interpretation regt sie zum Weiterdenken an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedemann Stengel: Sola scriptura im Kontext. Behauptung und Bestreitung des reformatorischen Schriftprinzips, Theologische Literaturzeitung. 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