{"id":551,"date":"2018-04-11T14:59:53","date_gmt":"2018-04-11T14:59:53","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=551"},"modified":"2018-04-11T14:59:53","modified_gmt":"2018-04-11T14:59:53","slug":"michael-blume-islam-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=551","title":{"rendered":"Michael Blume: Islam in der Krise"},"content":{"rendered":"<p>Michael Blume: <em>Islam in der Krise. Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem R\u00fcckzug<\/em>, Ostfildern: Patmos, 2017, Hb., 192\u00a0S., \u20ac\u00a019,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.patmos.de\/islam-in-der-krise-p-8817.html\">ISBN 978-3-8436-0956-2<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Wenzel_Blume.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Die globale Gegenwart und ihre Zukunft kommen meines Erachtens nicht an der Frage vorbei, wie es mit \u201edem Islam\u201c weitergeht. Die islamische Welt umfasst \u00fcber 20 % der Weltbev\u00f6lkerung, pr\u00e4gt gro\u00dfe Teile unseres Globus, hat Zugriff auf einen wesentlichen Anteil der Ressourcen \u00d6l und Gas und beheimatet viele milit\u00e4rische und ethnische Konflikte auf diesem Planeten. Nicht zuletzt leben viele Millionen von Muslimen in unserer (europ\u00e4ischen) Mitte.<\/p>\n<p>Der evangelische Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume stellt in seinem Buch \u201eIslam in der Krise\u201c die Frage nach dem \u201eErgehen\u201c des Islams in den Mittelpunkt. Der Titel bringt die Vielzahl an wertvollen Informationen, anregenden Fragestellungen, beachtenswerten Statistiken und interessanten Perspektiven, die in dem Buch pr\u00e4sentiert werden, recht klar auf den Punkt: <em>der Islam befindet sich in einem Krisenmodus<\/em> oder wie Blume es formuliert: \u201eNein, der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schl\u00e4gt.\u201c Diese These legt Blume in seinem Buch nachvollziehbar, reichlich belegt und an vielen Stellen \u00fcberzeugend dar. Der Untertitel beschreibt auf treffende Weise zwei wesentliche Tendenzen, die eben diesen Krisenmodus belegen: \u201eEine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem R\u00fcckzug.\u201c Blume ist sich dabei sehr wohl bewusst, dass er viele Leserinnen und Leser herausfordert, weil vertraute Deutungen und \u00dcberzeugungen in Frage gestellt werden (8). <em>Darin liegt sicherlich die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke und der offensichtliche Wert dieses Buches.<\/em> Alleine deswegen lohnt es sich das Buch in die Hand zu nehmen. Man muss nicht allen Analysen folgen. Auch m\u00fcssen Blumes Deutungen und Schlussfolgerungen nicht durchg\u00e4ngig \u00fcberzeugen. Aber sie fordern auf jeden Fall zum Weiterdenken heraus und helfen an vielen Stellen, die Wirklichkeit angemessener wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Bei der Entfaltung seiner grundlegenden These setzt Blume bei dem Ph\u00e4nomen des stillen R\u00fcckzugs vieler Muslime ein (13\u201346). Wie \u00fcberhaupt die schweigende Mehrheit der Muslime f\u00fcr ihn ein wichtiges Ph\u00e4nomen ist, das er immer wieder ins Gespr\u00e4ch einbringt. Im Anschluss daran beschreibt er 1485 als das Schicksalsjahr f\u00fcr die islamische Welt (47\u201378). W\u00e4hrend in Europa durch den Buchdruck eine grundlegende Ver\u00e4nderung der Gesellschaft einsetzte, verbot der damalige Sultan Bayasid II. (oder: Bayezid; 1447\u20131512) das Drucken arabischer Buchstaben. Sein Sohn best\u00e4tigte 30\u00a0Jahre sp\u00e4ter diese Entscheidung. Im dritten Kapitel zeigt Blume, wie der \u00d6lreichtum die Entwicklung in islamischen L\u00e4ndern verhindert und deswegen als Fluch begriffen werden kann (79\u201391). Die l\u00e4hmende Wirkung von Verschw\u00f6rungstheorien ist das Thema des vierten Kapitels (93\u2013122). Im f\u00fcnften Kapitel (123\u2013146) widerspricht Blume der weitverbreiteten \u00dcberzeugung, dass Muslime durch eine h\u00f6here Geburtenrate nach und nach die westliche Welt islamisieren. Vielmehr f\u00fchrt er Statistiken an, die zeigen, dass hier unterschieden werden muss: \u201e<em>religi\u00f6se<\/em> Muslime, Christen, Juden haben mehr Kinder als ihre weniger frommen oder nicht-mehr-religi\u00f6sen Nachbarn. Das ist in der T\u00fcrkei ebenso wie in den USA, in Israel ebenso wie in den Niederlanden, in der Schweiz ebenso wie in Indonesien\u201c (132). Dar\u00fcber hinaus sieht er \u201eim Bildungsaufstieg vieler Musliminnen eine wesentliche \u2013 wenn nicht gar die entscheidende \u2013 Chance f\u00fcr eine Erneuerung der islamischen Kultur und Religion in einer zunehmend globalisierten Welt\u201c (145). Auf den abschlie\u00dfenden Seiten formuliert Blume einige Gedanken zu der Frage, \u201ewas Muslime und Nichtmuslime tun k\u00f6nnen, um die Krise des Islams zu \u00fcberwinden\u201c (147\u2013154). Das beginnt bei einem Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, dass Freiheit \u201eentschieden ausgef\u00fcllt wird\u201c, weil sie sonst stirbt. Au\u00dferdem sollten sich Muslime zivilgesellschaftlich besser organisieren und das Schweigen der Mehrheit brechen. Nichtmuslime k\u00f6nnen auch einen wesentlichen Beitrag leisten: \u201eDie schnellste und wirkungsvollste Tat zur Schw\u00e4chung von Diktaturen und Terrorgruppen besteht in der Reduzierung des \u00d6l- und Gasverbrauches\u201c (148). Die darauf folgenden Gedanken beleuchten weitere wichtige Aspekte, auch wenn es gegen Ende wie ein Sammelsurium von Ideen wirkt, die alle irgendwie richtig und gut sind. <em>Wahrscheinlich kommt damit aber eine grundlegende \u00dcberzeugung des Verfassers zum Ausdruck: Wir k\u00f6nnen unsere Gegenwart und Zukunft gestalten, Muslime wie Nicht-Muslime:<\/em> \u201elebendige Religionen sind nicht starr \u2013 und es liegt immer an uns selbst, was wir aus ihnen machen\u201c (180). Dies mag auch mit seiner Biographie verkn\u00fcpft sein. Blume wurde als Erwachsener getauft und heiratete als evangelischer Christ seine muslimisch-sunnitische Klassenkameradin. Sie \u00fcberlie\u00dfen den Kindern die Entscheidung, f\u00fcr welche Religion sie sich entscheiden. Das Zitat (\u201eSch\u00fctzt den Islam vor den Fanatikern, sonst m\u00fcsst ihr die Welt vor dem Islam sch\u00fctzen\u201c), mit dem er sein Buch er\u00f6ffnet, verdankt er seinem Schwiegervater (7, 11). In seiner Forschung besch\u00e4ftigte er sich vielfach mit dem Thema Religion und Hirnforschung. <em>Auf den Seiten 155\u2013176 befindet sich ein Glossar, das nicht nur f\u00fcr die Lekt\u00fcre des vorliegenden Buches sehr hilfreich ist. Es ist vielmehr eine Fundgrube an pr\u00e4gnanten Erkl\u00e4rungen,<\/em> auch wenn man \u00fcber das eine oder andere Detail sicherlich diskutieren kann.<\/p>\n<p>Man muss nicht allen Erkl\u00e4rungen und Schlussfolgerungen Blumes zustimmen, um dieses Buch mit Gewinn zu lesen. Wer sich auf ein Gespr\u00e4ch mit Blume und seinen Deutungen einl\u00e4sst, findet viele Einstiegsm\u00f6glichkeiten. So w\u00fcrde ich engagiert mit ihm dar\u00fcber diskutieren wollen, ob man 1485 als Schicksalsjahr beschreiben kann. Es ist sicherlich ein wichtiges Datum, allerdings leuchtet mir nicht ein, warum das ein wesentlicher Grund f\u00fcr den Stillstand in der islamischen Welt sein soll oder muss. Islamwissenschaftler verorten den Beginn des Stillstands in der Regel zwei oder drei Jahrhunderte fr\u00fcher. <em>Das diskutiert Blume nicht. Anders formuliert, ist 1485 eine Ursache f\u00fcr oder eine Folge von Stillstand in der islamischen Welt?<\/em> In Weiterf\u00fchrung seiner Gedanken, die der Verbindung <em>Bildung \u2013 Fortschritt<\/em> bzw. <em>Bildung \u2013 Aufbrechen eines Stillstandes<\/em> gro\u00dfes Gewicht geben, w\u00e4re auch zu diskutieren, wie man nach der Buchdruckrevolution nun die n\u00e4chste Medienrevolution einsch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Es ist meines Erachtens immer gut, vertraute Perspektiven auf ihre \u00dcberzeugungskraft hin zu befragen. Blumes Buch hinterfragt manches. Daf\u00fcr ist ihm ausdr\u00fccklich zu danken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Blume: Islam in der Krise. 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