{"id":554,"date":"2018-04-11T15:05:13","date_gmt":"2018-04-11T15:05:13","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=554"},"modified":"2018-04-11T15:05:13","modified_gmt":"2018-04-11T15:05:13","slug":"dave-andrews-der-jesus-dschihad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=554","title":{"rendered":"Dave Andrews: Der Jesus Dschihad"},"content":{"rendered":"<p>Dave Andrews: <em>Der Jesus Dschihad. Der gewaltfreie Weg aus dem Konflikt zwischen Islam und Christentum<\/em>, Asslar: Gerth, 2017, geb., 288\u00a0S., \u20ac\u00a016,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.gerth.de\/index.php?id=details&#038;sku=817245\">ISBN 978-3-95734-245-4<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Wenzel_Andrews.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Ein provokantes Buch. Es regt zum Nachdenken an. Mehr noch, man muss reagieren, kann es nicht einfach hinnehmen oder achtlos beiseitelegen. Wer es gelesen hat, kann nicht zur Tagesordnung \u00fcbergehen. Es enth\u00e4lt zu viele Gedanken, die Vertrautes auf den Kopf stellen; zu viele Perspektiven, die Aspekte der Wirklichkeit ausleuchten, die (zu) oft zu kurz kommen; zu viele Beobachtungen, an denen man nicht einfach vorbeigehen kann. <em>Wer dieses Buch in die Hand nimmt, muss sich darauf einstellen: Bekanntes wird in Frage gestellt, durcheinander gebracht und teilweise radikal anders angeordnet. <\/em><\/p>\n<p>Der Aufbau des Buches l\u00e4sst das Anliegen des Verfassers wohl recht gut erkennen. In der Einf\u00fchrung unterscheidet er den gro\u00dfen Dschihad (\u201edas innere geistliche Ringen eines Gl\u00e4ubigen um die Erf\u00fcllung seiner oder ihrer religi\u00f6sen Pflichten\u201c, 31) vom kleinen (\u201eder k\u00f6rperliche Kampf gegen Unterdr\u00fccker, einschlie\u00dflich der Feinde des Islam\u201c, 31). Danach reiht Andrews im ersten Teil (33\u2013130) Kriege, Gewalttaten und Grausamkeiten unter den \u00dcberschriften \u201eDie sogenannten christlichen \u201aHeiligen Kriege\u2018\u201c bzw. \u201eDie sogenannten muslimischen \u201aHeiligen Kriege\u2018\u201c zun\u00e4chst aneinander. Auf diesem Hintergrund denkt er \u00fcber die Ursachen und Erkl\u00e4rungen f\u00fcr solche Grausamkeiten nach. Dabei besch\u00e4ftigt ihn vor allem die Frage, ob diese etwas \u00fcber das Wesen des Christentums oder des Islams aussagen (94; mehr dazu siehe unten). Der zweite Teil (131\u2013230) widmet sich dem \u201eJesus Dschihad\u201c, den er als gewaltfreien Kampf neu definiert. Er setzt dabei beim \u201enormalen Mensch\u201c als \u201eKriegsdienstverweigerer\u201c ein (133\u2013143), spricht von einer notwendigen Ver\u00e4nderung islamischer Theologie (143\u2013163) und konzentriert sich auf \u201eJesus als Vorbild f\u00fcr den gewaltfreien Kampf\u201c (165\u2013200). Dabei geht er von den Beobachtungen \u00fcber Isa oder Jesus aus, die Koran und den Evangelien gemeinsam sind (165). Ein Blick auf Franz von Assisi, Badshah Khan, Leymah Gbowee und Muhammad Ashafa veranschaulicht, wie diese vier einen gewaltfreien Kampf gelebt haben (201\u2013230). Er beschlie\u00dft das Buch, indem er sein Anliegen der gewaltlosen Ver\u00e4nderung unserer Welt radikal und unmissverst\u00e4ndlich auf den Punkt bringt (231\u2013247): \u201eWollen wir selbst die Ver\u00e4nderung sein, die wir uns f\u00fcr diese Welt w\u00fcnschen \u2013 oder wollen wir nicht so leben?\u201c (so z. B. 236).<\/p>\n<p>Der \u00dcbersetzung des englischen Originals ist in der deutschen Ausgabe ein Inter-view mit Dr. Mohammed Khallouk (Zentralrat der Muslime in Deutschland) und Ek-kehart Vetter (Deutsche Evangelische Allianz) vorangestellt. Eine aufmerksame Lek-t\u00fcre dieses Interviews belegt die Herausforderung des Buches auf verschiedenen Ebenen, ob es nun beispielsweise die Rede von legitimer Gewalt (Khallouk, 21) oder die f\u00fcr Vetter notwendige Unterscheidung von allt\u00e4glicher Fr\u00f6mmigkeit und Theolo-gie ist (23).<\/p>\n<p><em>Die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke dieses Buches liegt meines Erachtens darin, dass es aufr\u00fcttelt und zum Mitdenken auffordert.<\/em> Das beginnt bereits beim Titel: \u201eDer Jesus Dschihad. Der gewaltfreie Weg aus dem Konflikt zwischen Islam und Christentum\u201c (im engli-schen Original: <em>The Jihad of Jesus. The Sacred Nonviolent Struggle for Justice<\/em>). Der deutsche Untertitel konzentriert sich dabei auf die probleml\u00f6senden Aspekte von Andrews\u02bc Argumentation und der englische auf ihre (konstruktive) Zielorientierung. Die Verbindung von Jesus und Dschihad fordert dabei zu einer Reaktion heraus. Wer sich auf die Frage einl\u00e4sst, warum Andrews dies genau so formuliert und daraufhin das gesamte Buch liest, wird vieles entdecken und lernen. <em>Dies hat auch manches f\u00fcr sich, selbst wenn es dem Leser oder der Leserin dann am Ende des Buches so ergehen sollte wie mir: Bis zuletzt habe ich nicht verstanden, warum man an die Stelle von Dschihad nicht besser \u201eEinsatz\u201c oder \u201eLeidenschaft\u201c setzt.<\/em> Andrews w\u00fcrde wohl sagen, dass es ihm eben darum geht, also: Dschihad kann und muss nicht mit Krieg und Gewalt gleichgesetzt werden. Und in Verbindung mit Jesus bringt Andrews es dann folgenderma\u00dfen auf den Punkt: \u201eMit Jesus-Dschihad ist der Kampf gemeint, dessen Ziel es ist, das Himmelreich auf Erden sichtbar zu machen \u2013 gewisserma\u00dfen den Himmel hier auf diese Welt zu holen\u201c (231). <em>Kurzum, Andrews gebraucht Worte wie Dschihad (und einige andere in seinem Buch) anders als viele andere Menschen.<\/em> Das provoziert und fordert heraus. Er will sie neu definieren, neu mit Inhalt f\u00fcllen und andere Wege aufzeigen. Das hat dann aber auch einen Preis. <em>Es kann verwirren, Missverst\u00e4ndnisse ausl\u00f6sen oder beg\u00fcnstigen und neue Probleme verursachen.<\/em> Bei der Lekt\u00fcre des Buches gewinne ich den Eindruck, dass Andrews bereit ist, diesen Preis zu zahlen, weil er zum Umdenken herausfordern will. Vielleicht will er aber auch \u201enur\u201c zum Gespr\u00e4ch einladen. In solch einem Gespr\u00e4ch w\u00fcrde ich unter anderen folgende grundlegende Fragen an ihn richten: Was meint er mit \u201eIslam\u201c und \u201eChristentum\u201c? Sind das politische, gesellschaftlich-kulturelle oder religi\u00f6se Gr\u00f6\u00dfen? Wenn es eine Mischung ist, in welchem Verh\u00e4ltnis stehen sie zueinander? Wie unterscheidet sich sein Jesusbild von dem eines humanistischen Vorbildes? Welche Rolle spielen Kreuz und Auferstehung f\u00fcr die Rede von Jesus? Beides steht am Rand (Kreuz) oder tritt in den Hintergrund (Auferstehung), weil Andrews sich auf die Gemeinsamkeiten von Koran und Evangelien konzentriert. Das Anliegen der Suche nach Gemeinsamkeiten kommt dabei deutlich heraus (vgl. 165f), aber inwiefern ist dieser gemeinsame Nenner eine wesentliche Verk\u00fcrzung der neutestamentlichen Rede von Christus? Sieht Andrews diese Problematik, und wenn ja, wie w\u00fcrde er darauf reagieren? Ist es angemessen und hilfreich den biblischen Begriff \u201eK\u00f6nigreich\u201c und den islamischen \u201eumma\u201c quasi austauschbar zu gebrauchen (231f)?<\/p>\n<p>Nicht zuletzt setzt er in seiner Argumentation voraus, dass sich eine \u201egeschlossene islamische Ideologie zu einer offenen islamischen Theologie\u201c wandeln muss (vgl. 143ff). Er spricht von \u201eDekonstruktion und Neuausrichtung\u201c. Das ist eine hohe Erwartung. Er f\u00fchrt Beispiele an, wie Menschen das gelebt haben und wie es theologisch gelingen kann. <em>Ich denke, er erwartet nicht nur eine Reformation des Islam, sondern eine Revolution. Ob die Quellen des Islam diese Revolution tragen k\u00f6nnen und tragen wollen, ist dabei eine Frage, die es zu beantworten gilt. Andrews scheint es zu bejahen. Wie viele Muslime das ebenso sehen und leben, ist meines Erachtens die entscheidende Frage. <\/em><\/p>\n<p><em>Aber vor allem w\u00fcrde ich mich wohl mit Andrews Antwort auf eine wichtige Frage besch\u00e4ftigen: Sagen Gewalttaten etwas \u00fcber das Wesen von Religion aus oder nicht? <\/em>Nachdem Andrews viele interessante und wertvolle Beobachtungen und Deutungsversuche f\u00fcr Gewalt (93\u2013118) dargestellt und kommentiert hat, kommt er auf einen f\u00fcr ihn zentralen Gedanken, der vielen Gl\u00e4ubigen aufst\u00f6\u00dft: <em>Die jeweilige Auslegung der Religion von Christen und Muslimen ist die Ursache f\u00fcr die scheinbar nicht endenden Gewalttaten und Grausamkeiten <\/em>(119). Das Wort \u201eAuslegung\u201c ist zu beachten, denn f\u00fcr Andrews ist die jeweilige \u201eKonstruktion\u201c der Religion (vgl. 95) weichenstellend. Dabei stellt er die Kapitel \u201eEine geschlossene religi\u00f6se Weltanschauung und das unausweichliche Problem mit der Gewalt\u201c (120\u2013124) und \u201eEine offene religi\u00f6se Weltanschauung und die glaubw\u00fcrdige Chance zur Gewaltlosigkeit\u201c (124\u2013127) einander gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><em>Die gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che des Buches besteht meines Erachtens darin, dass es mich mit einem gewissen \u201eentweder\u2013oder\u201c zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/em> Entweder man steht auf der Seite einer geschlossenen Weltanschauung (was mehr oder minder unausweichlich auch zu Gewalt f\u00fchren muss) oder man folgt der Deutung von Andrews. Eine Alternative scheint es nicht zu geben; zumindest habe ich keinerlei Hinweis auf eine dritte Richtung wahrgenommen. Im Anschluss an Ausz\u00fcge aus dem Brief islamischer Gelehrter an Christen \u201eA Common Word between Us and You\u201c (2007) schreibt Andrews: \u201eWelch eine Einladung. Kein aufrichtiger Mensch kann eine solche Einladung ablehnen\u201c (129). Das klingt recht alternativlos. An- und R\u00fcckfragen sind kaum denkbar, obwohl ich da doch einige h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Heiko Wenzel, Ph.D. (Wheaton College), Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dave Andrews: Der Jesus Dschihad. 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