{"id":557,"date":"2018-04-11T15:08:30","date_gmt":"2018-04-11T15:08:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=557"},"modified":"2018-04-11T15:08:46","modified_gmt":"2018-04-11T15:08:46","slug":"beat-schweitzer-design-in-der-natur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=557","title":{"rendered":"Beat Schweitzer: Design in der Natur"},"content":{"rendered":"<p>Beat Schweitzer: <em>Design in der Natur. Von der Physikotheologie zu Intelligent Design<\/em>, STM\u00a026, Gie\u00dfen: Brunnen, 2016, Pb., VII+308\u00a0S., \u20ac\u00a035,\u2013, <a href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/design-in-der-natur.html\">ISBN 978-3-7655-9566-0<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Kosiol_Schweitzer.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Bei dem zu besprechenden Buch handelt es sich um die im Wintersemester 2014\/15 an der Universit\u00e4t Regensburg angenommene theologische Dissertationsschrift Beat Schweitzers. Der Autor hatte zuvor bereits im Bereich der Biologie promoviert und arbeitet als Leiter des Studiengangs \u201eKommunikative Theologie\u201c am Theologischen Seminar St. Chrischona.\u00a0 In vorliegender Arbeit untersucht er die Argumente des Intelligent Design (ID) vor einem breiten historischen Hintergrund, um so einen Beitrag zum Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaft zu leisten.<\/p>\n<p>In der Einleitung nennt Schweitzer drei Ziele der Arbeit: 1.) Zwischen ID und ID-Bewegung zu differenzieren, statt religi\u00f6s-politische Motive mit den Sachargumenten gleichzusetzen, 2.) ID mit Physikotheologie zu vergleichen und insbesondere zu untersuchen, inwieweit ID \u00fcber die von Hume und Kant an jener ge\u00e4u\u00dferten Kritik hinausgehen kann, und 3.) zu fragen, was ID zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie beitragen kann. Unter ID versteht der Autor den \u201eVersuch, mittels empirischer Argumente auf das Vorhandensein eines Designers zu schlie\u00dfen\u201c (10). Im Anschluss an die <em>Einleitung<\/em> (1\u201320) werden daher unter der \u00dcberschrift <em>Die Erkennbarkeit Gottes aus der Natur<\/em> (21\u201352) sowohl die Problematik der nat\u00fcrlichen Theologie als auch Gottesbeweise und Kants Kritik daran knapp dargestellt.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend werden in dem ersten zentralen Kapitel <em>Das Design-Argument der Physikotheologie<\/em> (53\u2013144) bedeutende englische Physikotheologen sowie die Kritik Humes und Kants an der physikotheologischen Argumentation vorgestellt. Es gibt, in historischer Reihenfolge, Abschnitte zu Robert Boyle, den Boyle Lectures, John Ray, William Derham, David Hume, Immanuel Kant und William Paley. Nach einer Darstellung des Lebens wird jeweils anhand des bedeutendsten Werks die Argumentation der Person entfaltet und kurz ausgewertet. Schweitzer gelangt zu dem Fazit, dass die Physikotheologen immer nur den Gott in der Natur fanden, den sie bereits kannten, allerdings auch keinen metaphysischen Gottesbeweis f\u00fchren wollten. Au\u00dferdem scheiterte die Physikotheologie an ihrem statischen Naturverst\u00e4ndnis, das bald \u00fcberholt sein sollte.<\/p>\n<p><em>Ein geschichtlicher \u00dcberblick zur Evolutionstheorie<\/em> (145\u2013184) ist ein weiteres Kapitel, das dazu dient, der Diskussion einen breiteren Hintergrund zu verleihen. Darauf folgt das zweite zentrale Kapitel <em>Moderne Biologie und Design<\/em> (185\u2013248). Nach einer knappen Darstellung der synthetischen Evolutionstheorie und dem Umgang mit Teleologie in der modernen Biologie wird ID diskutiert. Zentral ist die Darstellung und Bewertung der bedeutendsten Argumente: der irreduziblen Komplexit\u00e4t (Behe), der spezifizierten Komplexit\u00e4t und des Erkl\u00e4rungsfilters (Dembski), des Analogieschlusses (allgemein) und des spezifischen Designs (Wort und Wissen). Jedes dieser Argumente wird kritisch diskutiert. In allen F\u00e4llen gelangt Schweitzer zu dem Schluss, dass die Argumentation \u201eformal nicht logisch zwingend \u00fcberzeugen\u201c kann (225; fast identisch 234, 238 und 243) und eher \u201eargument to design\u201c als \u201eargument from design\u201c vorliegt, dass also der Gott, nach dem man sucht, in der Natur gefunden wird, weil man ihn bereits vorher kannte. So k\u00f6nnten ID-Argumente zur St\u00e4rkung oder Rechtfertigung des eigenen Glaubens dienen, aber nicht zum Erkennen von Design in der Natur zwingen. Im letzten Teilabschnitt des Kapitels, <em>Die Frage nach dem Mechanismus<\/em> (243\u2013247), wird die Erkl\u00e4rung von ID-Vertretern, aus prinzipiellen Gr\u00fcnden keinen Mechanismus f\u00fcr Design angeben zu k\u00f6nnen, der von Kritikern ge\u00e4u\u00dferten Forderung nach einem solchen gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n<p>Das sechste Kapitel <em>Ergebnisse und Ausblick<\/em> (249\u2013276) fasst die Darstellung zusammen. Zun\u00e4chst wird der Vergleich zwischen Physikotheologie und ID gezogen. ID hat kein statisches Naturverst\u00e4ndnis und (im Allgemeinen) wird die gemeinsame Abstammung der Arten nicht geleugnet. Der Fokus von ID liegt nicht auf der Teleologie und so kommt es nicht zu einer zu starken Betonung der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der Natur. In diesen Hinsichten geht ID \u00fcber die Physikotheologie hinaus. Doch der zwingende Nachweis von Design, und damit eines Designers, gelingt nach Schweitzer nicht, und so bleiben Design und Naturalismus m\u00f6gliche Interpretationen der Wirklichkeit, von denen keine metaphysisch \u00fcberh\u00f6ht werden darf. Es folgt ein Ausblick und das Buch schlie\u00dft mit einem Literaturverzeichnis, enth\u00e4lt allerdings keine Register.<\/p>\n<p>In formaler Hinsicht kritisch anzumerken sind kleinere Unstimmigkeiten im Aufbau. H\u00e4ufiger werden in auswertenden Abschnitten zun\u00e4chst neue Informationen eingef\u00fchrt und die beiden historischen Abrisse der Kapitel\u00a02 und 4 werden kaum in die Analyse eingebunden und erscheinen so etwas isoliert. Ansonsten ist das Buch klar strukturiert, verst\u00e4ndlich geschrieben und ber\u00fccksichtigt eine Vielzahl von Quellenmaterial und Sekund\u00e4rliteratur aus Theologie und Biologie.<\/p>\n<p>Inhaltlich werden einige berechtigte Anfragen an die Argumentationen der ID-Vertreter vorgebracht \u2013 z.\u00a0B. warum Behe alternative Erkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten so schnell ausschlie\u00dfen kann, woher Dembski die Zahlen nimmt, mit denen er rechnet, und ob die Analogie zwischen designten mechanischen Gegenst\u00e4nden und Lebewesen wirklich so einfach gezogen werden kann. Der durch den Autor ge\u00e4u\u00dferte Zirkelschlussvorwurf, dass immer nur der Designer gefunden wird, den man bereits (versteckt) voraussetzt, scheint implizit vorauszusetzen, dass objektive Rationalit\u00e4t nicht existiert oder auf jeden Fall nicht durch den Menschen erkennbar ist \u2013 eine Position, die zumindest diskutiert werden m\u00fcsste. Auch Humes und Kants Kritik h\u00e4tte genauer auf den Pr\u00fcfstand gestellt werden k\u00f6nnen. Der gr\u00f6\u00dfte inhaltliche Mangel ist die fehlende Pr\u00e4zisierung, an welchem Anspruch ID warum gemessen wird. Um zu wissen, dass ID \u201enicht logisch zwingend\u201c ist, gen\u00fcgt das Wissen darum, dass ID empirisch vorgehen will. Nach dem Eindruck des Rezensenten ist den besprochenen Vertretern von ID dies durchaus bewusst (auch wenn es manche Spitzenaussagen von ID-Vertretern gibt, die klingen, als ob Design zweifelsfrei beweisbar w\u00e4re). Aber um etwa einzufordern, in der wissenschaftlichen Diskussion oder schulischen Bildung ber\u00fccksichtigt zu werden, muss ID keine logisch zwingenden Beweise vorlegen, sondern den Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen, die f\u00fcr naturwissenschaftliche Erkl\u00e4rungsversuche im allgemeinen gelten. Welche dies sind, ist nat\u00fcrlich h\u00f6chst umstritten. Gerade darum h\u00e4tte eine explizite Kl\u00e4rung der Erwartungen, an denen ID gemessen wird, der Dissertationsschrift gut getan. So bleibt auch der Schluss, dass ihre Argumentation dennoch zur Versicherung des Glaubens dienen kann, etwas unscharf: Warum und inwiefern genau sind Argumente, die in der naturwissenschaftlichen Diskussion nicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, zur Versicherung des Glaubens ausreichend? Die Differenzierung zwischen Argumentation und Motiven hingegen gelingt gut \u2013 der respektvolle Ton und die Bem\u00fchung zur fairen Darstellung in diesem Minenfeld sind \u00e4u\u00dferst erfreulich. Ein H\u00f6hepunkt in dieser Richtung ist nach Ansicht des Rezensenten der oben bereits erw\u00e4hnte Abschnitt <em>Die Frage nach dem Mechanismus<\/em> (5.3.8). Auch der Vergleich zwischen Physikotheologie und ID ist gut nachvollziehbar.<\/p>\n<p>So liegt insgesamt ein Buch zum Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie vor, dessen Ton man sich f\u00fcr manch anderen Beitrag w\u00fcnschen w\u00fcrde, und dessen historische Ausf\u00fchrungen man auch dann mit Gewinn wird lesen k\u00f6nnen, wenn einen nicht jedes Detail der Argumentation \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Jens Kosiol, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Mathematik und Informatik der Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beat Schweitzer: Design in der Natur. 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