{"id":560,"date":"2018-04-11T15:11:37","date_gmt":"2018-04-11T15:11:37","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=560"},"modified":"2018-04-11T15:12:25","modified_gmt":"2018-04-11T15:12:25","slug":"ulrich-laepple-hg-messianische-juden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=560","title":{"rendered":"Ulrich Laepple (Hg.): Messianische Juden"},"content":{"rendered":"<p>Ulrich Laepple (Hg.): <em>Messianische Juden \u2013 eine Provokation. Mit Beitr\u00e4gen von Richard Harvey, Peter Hirschberg, Ulrich Laepple, Hanna Rucks, Swen Sch\u00f6nheit, Hans-Joachim und Rita Scholz<\/em>, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2016, Pb., 159\u00a0S., \u20ac\u00a023,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.v-r.de\/de\/messianische_juden_eine_provokation\/t-0\/1088411\/\">ISBN 978-3788730550<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Gronauer_Laepple.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Zuf\u00e4llig bin ich in Jerusalem, w\u00e4hrend ich diese Rezension schreibe. Um die gelesene Theorie mit messianisch-j\u00fcdischer Glaubenspraxis zu vergleichen, besuche ich am Schabbat einen dementsprechenden Gottesdienst. Unter der Woche gehe ich zu einem Vortragsabend des in Israel lebenden messianisch-j\u00fcdischen Theologen Daniel C. Juster. Beim Gottesdienst ist der Raum mit einer israelischen Staatsflagge geschm\u00fcckt. L\u00e4sst das vielleicht auf einen religi\u00f6sen Zionismus schlie\u00dfen? Die Liedtexte klingen wie Psalmverse und enthalten die W\u00f6rter \u201eZion\u201c und \u201eJerusalem\u201c (wie in Ps\u00a0135,21). Das wirkt in dieser Stadt anders als daheim. Der Pastor kommt auch auf die \u201ereligious Jews\u201c zu sprechen. Er appelliert an die Gl\u00e4ubigen, nicht den Splitter im Auge der anderen Juden zu sehen, sondern auf den Balken im eigenen Auge zu achten. Das wirkt geistlich authentisch.<\/p>\n<p>Im vorliegenden Sammelband pl\u00e4dieren sieben Autoren f\u00fcr ein offenes und zugleich differenzierendes Zugehen auf sog. messianische Juden (MJ). Diese verstehen sich als Juden, die an Jesus als Israels Messias glauben. Das Buch wendet sich weniger an evangelikale Freunde dieser Menschen. Vielmehr wirbt es bei Vertretern des christlich-j\u00fcdischen Dialogs um Wohlwollen. Die MJ sollten den Verfassern zufolge als Teil der \u00d6kumene und als Bindungsglied zwischen Kirche und Synagoge anerkannt werden. Das gelte nicht f\u00fcr alle Gruppen dieser bunten Bewegung, aber f\u00fcr solche, die zu den grundlegenden Erkenntnissen des Dialogs kompatibel seien. Dazu geh\u00f6re die \u00dcberzeugung von der bleibenden Erw\u00e4hlung auch im Blick auf die j\u00fcdische Mehrheit, die nicht an Jesus glaubt. Und dazu z\u00e4hle nicht zuletzt auch der Verzicht auf offensive Mission.<\/p>\n<p>Hintergrund des Buches ist die Verlegenheit, in die die Kirchen seit der Abkehr von der \u201eJudenmission\u201c durch die MJ gebracht werden. Letztere werden gerade in Deutschland als Protagonisten der Mission unter Juden erlebt. Von daher bleiben sie nach wie vor von dem Markt der M\u00f6glichkeiten der Evangelischen Kirchentage ausgeschlossen. Dieser prinzipielle Ausschluss wurde auch nicht dadurch aufgehoben, dass mit Harvey ein MJ erstmals auf einem Podium sprechen durfte. Sein Auftritt veranschaulichte, dass MJ existieren, obwohl es sie vielen Dialogvertretern zufolge gar nicht geben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Harvey tr\u00e4gt mit seinen Aufs\u00e4tzen (27\u201342 und 127\u2013140) \u201eeine Insider-Perspektive\u201c (27) bei. Er sieht sich weiterhin als Jude, nicht als einer, der zum Christentum konvertiert sei. Als Teil ihrer Identit\u00e4t bejahen ihm zufolge MJ auch grunds\u00e4tzlich den Staat Israel. Damit h\u00f6ren die Gemeinsamkeiten innerhalb der ausdifferenzierten Bewegung schon auf. Harvey pl\u00e4diert daf\u00fcr, MJ in den Dialog zu integrieren, denn nur dann werde man \u201ein die Tiefe der Geheimnisse und Pl\u00e4ne Gottes vordringen\u201c (39). Den historischen Begriff \u201eJudenmission\u201c will er nicht retten und macht sich f\u00fcr einen neuen Terminus stark: \u201eIsraelmission. Ich meine damit die Mission <em>durch<\/em> Israel und die Mission <em>an<\/em> Israel\u201c (130). Die Kirche sei berufen, Gott vor den V\u00f6lkern zu bezeugen. Israel sei berufen, Licht f\u00fcr die V\u00f6lker zu sein. Und MJ seien dazu berufen, die bleibende Erw\u00e4hlung Israels zu verk\u00f6rpern und ein eschatologisches Zeichen f\u00fcr Gottes Heilsabsichten zu sein.<\/p>\n<p>Rucks, die \u00fcber MJ in Israel promoviert hat, wendet sich der Geschichte jesusgl\u00e4ubiger Juden zu (13\u201326). Juden, die an Jesus glauben, sind bis in das 20.\u00a0Jahrhundert hinein als \u201eJudenchristen\u201c (\u201eHebrew Christians\u201c) bezeichnet worden. Von einem \u201emessianischen Judentum\u201c spricht man fr\u00fchestens seit den 1960er-Jahren. Bezeichnend ist, dass sich die US-amerikanische \u201eHebrew Christian Alliance\u201c 1975 in \u201eMessianic Jewish Alliance\u201c umbenannte. Im Blick auf die gegenw\u00e4rtige Praxis f\u00fchrt Rucks aus, dass es gro\u00dfe Unterschiede innerhalb der Bewegung gebe, was die Aufnahme rabbinischer Auslegungen betreffe. In der Regel richten sich MJ nach bestimmten Traditionen zur Wahrung ihrer Identit\u00e4t. Dazu k\u00f6nnen der Schabbatgottesdienst und andere j\u00fcdische Feiertage geh\u00f6ren, genauso wie Beschneidung und Bar Mizwa.<\/p>\n<p>Die Aufs\u00e4tze von Laepple (43\u201370) und Hirschberg (71\u2013108) \u00e4hneln sich thematisch. Beide sind Vertreter des j\u00fcdisch-christlichen Dialogs. Der Hauptunterschied zwischen den Beitr\u00e4gen ist, dass Laepple mehr von der Dogmatik und Hirschberg mehr von der Exegese her argumentiert. Hirschberg legt dabei eine eindringliche Kurzauslegung von R\u00f6mer\u00a09\u201311 vor. Beide denken intensiv \u00fcber die Bedeutung der bleibenden Erw\u00e4hlung Israels nach. Sie kommen zu dem Schluss, dass auch das mehrheitliche Nein der Juden zu Jesus diese Erw\u00e4hlung nicht aufhebt. Mehr noch: Wir m\u00fcssen dieses Nein zu Jesus anders als fr\u00fcher positiv sehen. Denn erst durch die Ablehnung Jesu von Seiten der j\u00fcdischen Mehrheit wurde die Botschaft des Gottes Israels in alle V\u00f6lker getragen. Die hier vorgelegte Paulusexegese l\u00e4sst ein entscheidendes Motiv f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit den MJ deutlich werden: Eine Ablehnung der MJ widerspreche der inneren Logik der paulinischen Argumentation. Gerade wegen der jesusgl\u00e4ubigen Minderheit im Judentum sei sich Paulus darin gewiss gewesen, \u201edass auch die Majorit\u00e4t Gottes Heil erwarten darf\u201c (51). Dies soll nicht durch Mission in das Judentum hineingetragen werden, sondern bleibt dem direkten Tun Gottes vorbehalten. Entscheidend ist f\u00fcr Laepple und Hirschberg: MJ geh\u00f6ren zu einem christlich-j\u00fcdischen Dialog einfach dazu. Die Kirche m\u00fcsse sowohl zum synagogalen Mehrheitsjudentum als auch zum MJ Ja sagen. Ansonsten w\u00fcrde man die MJ \u201evor eine radikale Alternative stellen: Entweder ihr werdet Christen, implizit mit der Forderung verbunden, das J\u00fcdische bewusst zur\u00fcckzustellen \u2013 was nicht weit entfernt ist vom traditionellen kirchlichen Antijudaismus \u2013\u201a oder ihr bleibt ganz traditionelle Juden und m\u00fcsst dann eben euren Christusglauben aufgeben\u201c (101).<\/p>\n<p>Die Begegnungen, die das Ehepaar Scholz am Ende schildert (141\u2013156), lassen erkennen, warum immer wieder auch Juden zum Glauben an Jesus kommen: Sie erfahren eine positive Ver\u00e4nderung im Leben und bringen das mit Jesu Heilswerk in Verbindung.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite kann sich der Leser kaum der argumentativen Stringenz des Buches verschlie\u00dfen. Auf der anderen Seite steht die Frage: W\u00fcrde eine Anerkennung der MJ durch die Kirchen das christlich-j\u00fcdische Gespr\u00e4ch gef\u00e4hrden? Genau das frage ich den eingangs erw\u00e4hnten Daniel C. Juster. Er antwortet mir: Die Kirchen sollten keine Judenmission betreiben. Aber sie d\u00fcrften sich auch nicht von denen distanzieren, die als Juden an Jesus glauben. Der Preis f\u00fcr ein vers\u00f6hntes Miteinander zwischen Christen und Juden k\u00f6nne nicht sein, dass MJ von den Kirchen verworfen werden w\u00fcrden. Das w\u00e4re auch eine Art von Antijudaismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. Gerhard Gronauer, Pfarrer der bayerischen Landeskirche, Lehrbeauftragter f\u00fcr Kirchengeschichte am CVJM-Kolleg Kassel und Co-Autor der \u201eSynagogen-Gedenkb\u00e4nde Bayern\u201c im Rahmen seiner wissenschaftlichen Mitarbeit an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Laepple (Hg.): Messianische Juden \u2013 eine Provokation. 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