{"id":563,"date":"2018-04-11T15:16:33","date_gmt":"2018-04-11T15:16:33","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=563"},"modified":"2018-04-11T15:18:07","modified_gmt":"2018-04-11T15:18:07","slug":"juergen-schuster-volker-gaeckle-hg-religionsfreiheit-meinungsfreiheit-christlicher-glaube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=563","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Schuster \/ Volker G\u00e4ckle (Hg.): Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, christlicher Glaube"},"content":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Schuster \/ Volker G\u00e4ckle (Hg.): <em>Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, christlicher Glaube<\/em>, Liebenzeller Impulse zu Mission, Kultur und Religion 5, Berlin: LIT Verlag, 2017, Pb., 303\u00a0S., \u20ac\u00a029,90, ISBN <a href=\"http:\/\/www.lit-verlag.de\/isbn\/3-643-13829-3\">978-3-643-13829-3<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Siebald_Schuster.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Schon in der Einf\u00fchrung zum vorliegenden Sammelband wird die Aktualit\u00e4t des Themenkomplexes deutlich: Zwar wird mit Menschenrechtserkl\u00e4rungen weltweit die Absicht bekundet, B\u00fcrgern Religions- und Meinungsfreiheit zu gew\u00e4hren, aber vor Ort sind diese Freiheitsrechte h\u00e4ufig stark eingeschr\u00e4nkt (7). Wie kann Religionsfreiheit unter widrigen Umst\u00e4nden entstehen oder erhalten werden und wie kann speziell der christliche Glaube dazu beitragen? Die Antworten des vorliegenden Bandes, der Ergebnis eines Symposiums der Internationalen Hochschule Liebenzell ist, bilden ein buntes Mosaik, dessen Steine durch eine sorgf\u00e4ltig durchdachte Anordnung sinnvoll aufeinander aufbauen, sodass sich der Leser schnell zurechtfindet.<\/p>\n<p>Zu Beginn (19\u201333) zeigt der Ethiker <em>Harald Jung<\/em> auf, inwiefern sich Religionsfreiheit zutiefst aus der inneren Freiheit des Gewissens speist. Jung zieht eine interessante Grenzlinie zur Aufkl\u00e4rung, mit der er sich anhand von Lessings Ringparabel (24\u201328) auseinandersetzt. Diese setze voraus, dass ein Frieden zwischen Religionen m\u00f6glich sei, weil es nicht entscheidend ist, was der Einzelne (in seinem Gewissen) glaubt. Aus reformatorischer Sicht sei es genau umgekehrt: Religionsfreiheit als Schutz des eigenen Glaubens ist gerade deshalb zu gew\u00e4hrleisten, weil nicht alles, was man glauben k\u00f6nnte gleich g\u00fcltig, sondern der Glaube des einzelnen Gewissens heilsentscheidend ist (30). Jung legt damit gleich zu Beginn die Spur daf\u00fcr, dass Religionen nicht als Ursache von Religionskriegen zum Hemmnis von Religions- und Meinungsfreiheit werden m\u00fcssen, sondern gerade auch einen Beitrag zu ihrer Begr\u00fcndung leisten. Diese These wird im n\u00e4chsten Beitrag durch den historischen Befund best\u00e4tigt (35\u201361). Die Kirchenhistorikerin <em>Ulrike Schuler<\/em> zeigt am Beispiel von Einzelpersonen freikirchlicher Bewegungen des 17. Jahrhunderts auf, wie sich schon vor der S\u00e4kularisierung durch die Aufkl\u00e4rung christliche Minderheiten f\u00fcr die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichheit der Religionen vor einer staatlichen Verfassung einsetzten.<\/p>\n<p>Ein Gegengewicht zu dieser positiven Sicht auf das Verh\u00e4ltnis von christlichem Glauben und Religionsfreiheit bildet der Aufsatz des Neutestamentlers <em>Volker G\u00e4ckle <\/em>zur Intoleranz der entstehenden christlichen Staatskirche in der Sp\u00e4tantike (63\u201396). Detailreich zeichnet er nach, wie es zu Gewaltexzessen von Christen gegen Juden und Heiden im 4. und 5. Jh. kommen konnte \u2013 eine fragw\u00fcrdige theologische Hermeneutik und eine nicht vorhandene politische Ethik schufen den Grund f\u00fcr eine in weiten Teilen auf Regierungsverantwortung unvorbereitete geistliche F\u00fchrungsschicht, die den christlichen Glaubensanspruch auch mit Gewalt durchsetzte. Mit einem \u00e4hnlich schwierigen Erbe christlicher Geschichte setzt <em>Bernd Brandel<\/em>, Professor f\u00fcr Kirchen- und Missionsgeschichte, die Reihe fort (97\u2013120): Sein Beitrag setzt sich mit Hexenverfolgungen in Europa am Beginn der Neuzeit auseinander. Diese seien entgegen landl\u00e4ufiger Meinung nicht Folge christlich-kirchlicher Ressentiments gewesen, sondern vielmehr Ergebnis einer lediglich oberfl\u00e4chlichen Christianisierung der Bev\u00f6lkerung, die aufgrund bildungsfernen Aberglaubens immer wieder Hexenprozesse und \u2011t\u00f6tungen initiierte (114). Beide Beitr\u00e4ge helfen, h\u00e4ufig verurteilte Kapitel der christlichen Geschichte differenzierter wahrzunehmen und sorgen gleichzeitig f\u00fcr eine wohltuende Authentizit\u00e4t des Gesamtbildes, das Religionen nicht einseitig verharmlost.<\/p>\n<p>Die ersten vier Themen bilden eine historische Basis f\u00fcr die st\u00e4rker gegenwartsorientierten Fragestellungen der zweiten H\u00e4lfte der Beitr\u00e4ge. Eine Art Bindeglied zwischen beiden Teilen bilden die Artikel \u00fcber die historische Entwicklung der Religionsfreiheit bis zur Gegenwart in Spanien (121\u2013147), das nach Milit\u00e4rdiktaturen (und ihrer Vermischung von Kirche und Staat) Religionsfreiheit erst sp\u00e4t offiziell einf\u00fchrt, und Frankreich (149\u2013163) als Paradebeispiel eines laizistischen Staats, der Religionen ganz aus dem \u00f6ffentlichen Leben verbannt. Die Abhandlungen bilden bemerkenswerte Pole europ\u00e4ischer Modelle der Trennung von Staat und Kirche ab und erweitern den Horizont gerade f\u00fcr den deutschen Leser, der vor allem einen Mittelweg vor Augen hat, bei dem Religionsfreiheit zwar gew\u00e4hrleistet ist, aber die christliche Religion im \u00f6ffentlichen Leben ihren besonderen Stellenwert hat.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit Gewalt, die historisch auch von Christen und Kirchen ausging, dr\u00e4ngt sich die Fragestellung des Systematikers und Religionsphilosophen <em>Heinz-Peter Hempelmann<\/em> f\u00f6rmlich auf (165\u2013185): Inwiefern sind Religionen durch ihren absoluten Wahrheitsanspruch gerade eine Gefahr und f\u00fcr die Verbreitung von Gewalt verantwortlich? F\u00fcr Hempelmann liegt im religi\u00f6sen Absolutheitsanspruch eine deutliche Veranlagung zu Intoleranz und Verbreitung von Gewalt (178). Christen seien jedoch aufgerufen in den Fu\u00dfstapfen Christi den gewaltlosen Weg des Leidens auf sich nehmen und so bei aller \u201eIntoleranz\u201c in der Sache eine Toleranz gegen\u00fcber der Person des Anderen zu leben (179\u2013184). Hempelmann setzt einen erfrischenden Kontrapunkt zu verharmlosenden Statements, die Religionen nur als missbr\u00e4uchlich instrumentalisierte Quellen von Frieden und N\u00e4chstenliebe darstellen, zeigt aber auch praktische Wege gelebter Toleranz und Religionsfreiheit auf. Dem gegen\u00fcber wird bei <em>Daniel Stra\u00df<\/em> gezeigt, wie ein (falscher) moderner Toleranzbegriff gerade Meinungsfreiheit einschr\u00e4nken kann (187\u2013207). Dabei bezieht er sich auf das diskursethische Model von Habermas, gibt aber letztlich dem personenorientierten Diskursansatz Spaemanns den Vorzug.<\/p>\n<p>Den Abschluss bilden drei Beitr\u00e4ge, die sich mit Religionsfreiheit im Islam auseinandersetzen und auf welche an dieser Stelle nur in K\u00fcrze verwiesen werden kann. In den Beitr\u00e4gen von <em>Friedemann Ei\u00dfler<\/em> (209\u2013227) und <em>Wafik Wahba<\/em> (229\u2013246) wird gezeigt, wie islamische Theologie in weiten Teilen die Akzeptanz von Menschenrechten aufgrund einem weniger deutlich als im Christentum angelegten Konzept von Menschenw\u00fcrde (235) schwierig macht. <em>Detlef Hiller<\/em> besch\u00e4ftigt sich mit der Situation christlicher und hinduistischer Minderheiten in Pakistan (247\u2013303), die sich aufgrund der Einf\u00fchrung strenger Blasphemiegesetze in den 80er Jahren in einer \u00e4u\u00dferst prek\u00e4ren Lage befinden. Hiller verdeutlicht damit auf empirischer Ebene, was bereits bei Ei\u00dfler und Wahba deutlich wird: Die mangelnde Abgrenzung von Recht und Religion erschwert die Etablierung von Religionsfreiheit und Menschenrechten in mehrheitlich muslimische L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, die viele Menschen muslimischen Glaubens ins Herz Europas gesp\u00fclt haben und angesichts der interkulturellen Ausrichtung der Buchreihe ist es verst\u00e4ndlich, dass die Beitr\u00e4ge \u2013 mit Blick \u00fcber den christlichen oder europ\u00e4ischen Kontext hinaus \u2013 einen Schwerpunkt auf die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit dem internationalen Kurs des Islams legen. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re ein erg\u00e4nzender Beitrag zur Religionsfreiheit in polytheistischen Religionen hilfreich gewesen und h\u00e4tte das Blickfeld erweitert, zumal an verschiedener Stelle (12, 90, 98, 165) auf die Diskussion im Anschluss an Jan Assman verwiesen wird, der monotheistischen Religionen ein besonderes Gewaltpotential zuschreibt. Die tendenziell eher kritische Aufnahme der These Assmans h\u00e4tte durch einen solchen Beitrag eine wesentlich differenziertere Nuance gewinnen k\u00f6nnen. Abgesehen davon arbeitet der vorliegende Sammelband das facettenreiche Thema der Religionsfreiheit umfassend auf und bietet n\u00fctzliche Grundlagen f\u00fcr die Reflexion \u00fcber die aktuelle internationale Situation eines elementaren Grundrechtes.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Rahel Siebald (B.A.), Studentin im Masterprogramm der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Schuster \/ Volker G\u00e4ckle (Hg.): Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, christlicher Glaube, Liebenzeller Impulse zu Mission, Kultur und Religion 5, Berlin: LIT<\/p>\n","protected":false},"author":55,"featured_media":565,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-563","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/563","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/55"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=563"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/563\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":568,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/563\/revisions\/568"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/565"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=563"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=563"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=563"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}