{"id":575,"date":"2018-04-11T15:47:26","date_gmt":"2018-04-11T15:47:26","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=575"},"modified":"2018-04-11T15:48:15","modified_gmt":"2018-04-11T15:48:15","slug":"istvan-tatai-kirche-und-israel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=575","title":{"rendered":"Istv\u00e1n Tatai: Kirche und Israel"},"content":{"rendered":"<p>Istv\u00e1n Tatai: <em>Kirche und Israel. Vom Suchen und Finden eines neuen Beziehungsmodells in der Theologie nach Auschwitz<\/em>, N\u00fcrnberg: VTR, 2017, 328\u00a0S., \u20ac\u00a029,80, <a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/kirche-und-israel-istvan-tatai-9783957761200\">ISBN 978-3-95776120-0<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Roesch_Tatai.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Dieses Buch geht auf eine Dissertation zur\u00fcck, welche der Autor 2008 der Theologischen Fakult\u00e4t der Reformierten Universit\u00e4t Budapest vorgelegt hat. Als Pfarrer der ungarisch-reformierten Kirche hat Tatai die Umorientierung hinsichtlich der Beziehung \u201eKirche und Israel\u201c in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute dargestellt \u2013 sowohl in den protestantischen Kirchen in Europa wie in der r\u00f6misch-katholischen Kirche. Tatai nimmt zwei Ausl\u00f6ser f\u00fcr diese Neubesinnung wahr, die er als \u201eneuzeitliches theologisches Erdbeben\u201c bezeichnet: Zum einen war dies die Einsicht, dass die Kirchen in Theologie und Verk\u00fcndigung dem Hass gegen das j\u00fcdische Volk Vorschub geleistet und somit eine Mitschuld am Massenmord an den Juden Europas auf sich geladen haben. Zum andern war die Entstehung des Staates Israel wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs f\u00fcr viele Vertreter der Kirchen ein Schock: Hatte man doch viele Jahrhunderte die \u00dcberzeugung vertreten, die Kirche sei das wahre Israel, nachdem Israel im ethnischen Sinne mehrheitlich die Messianit\u00e4t Jesu abgelehnt hatte. Nun aber war Israel als s\u00e4kularer Staat auf die Weltb\u00fchne zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Unter den Erkl\u00e4rungen zum Verh\u00e4ltnis der Kirche zum Volk Israel w\u00fcrdigt Tatai insbesondere den Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1980. Unter den Gr\u00fcnden f\u00fcr einen theologischen Neuansatz wird dort genannt: \u201eDie Erkenntnis, dass die fortdauernde Existenz des j\u00fcdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verhei\u00dfung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegen\u00fcber seinem Volk sind.\u201c Weiter wird dort erkl\u00e4rt: \u201eWir glauben die bleibende Erw\u00e4hlung des j\u00fcdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen, dass die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist.\u201c Tatai erw\u00e4hnt auch die Einw\u00e4nde, die aus der theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Bonn erhoben worden sind. Hier ein zusammengefasstes Beispiel: \u201eEs wird nicht klar gemacht, dass \u201aj\u00fcdisch Sein\u2018 absolut keine Heilsgarantie ist, denn Gott vermag aus Steinen Kinder zu erwecken.\u201c Tatai erw\u00e4hnt auch eine kritische Anfrage von Edna Brocke, engagiert im j\u00fcdisch-christlichen Dialog, insbesondere bei der Arbeitsgruppe \u201eChristen und Juden\u201c beim Deutschen Evangelischen Kirchentag: \u201eSollte aus inneren oder \u00e4u\u00dferen Gr\u00fcnden dieser Staat (Israel) nicht \u00fcberdauern \u2013 w\u00e4re das dann ein Zeichen der Untreue Gottes gegen\u00fcber seinem Volk?\u201c<\/p>\n<p>Der Zeitraum, den Tatai beleuchtet, reicht von einer Erkl\u00e4rung des Weltkirchenrats aus dem Jahr 1948 bis zu jener der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) aus dem Jahr 2001. Auf Grund der theologischen Neuorientierung im Blick auf das Verh\u00e4ltnis von Juden und Christen wurde an vielen Stellen ein Dialog m\u00f6glich. Einw\u00e4nde aus der GEKE gegen die Voraussetzungen, auf denen der Dialog gef\u00fchrt wurde, fasst Tatai folgenderma\u00dfen zusammen:<\/p>\n<p>\u201eIn der Fr\u00fchphase des Dialogs verstanden viele den soteriologischen Weg Israels und der Kirche als zwei Parallelen. Der Gott Abrahams war f\u00fcr sie der gemeinsame Ausgangspunkt. F\u00fcr die Juden ist der Heilsweg der Weg der Tora, und f\u00fcr die Nichtjuden ist er die Person Christi. Die \u201aZwei-Wege\u2018-Theorie besteht darauf, dass beide Wege Gottes legitime Erl\u00f6sungswege sind, die sich in ihrem Wert nicht voneinander unterscheiden. F\u00fcr die Autoren ist diese Sicht an mehreren Punkten angreifbar [\u2026] a) Die zwei Wege sind nicht v\u00f6llig voneinander unabh\u00e4ngig, weil die Person Jesu sowohl mit Israel als auch mit der Kirche verbunden ist. b) Es muss bedacht werden, dass das Christentum im j\u00fcdischen Volk verwurzelt ist. In Wirklichkeit ist es \u201aProdukt\u2018 des Judentums. Die ersten Menschen, die Jesus von Nazareth als ihren Messias bekannten, waren Juden, und dieses Ph\u00e4nomen wiederholt sich heute\u201c<\/p>\n<p>Mit diesem \u201ePh\u00e4nomen\u201c meint Tatai das sog. messianische Judentum, das seit knapp f\u00fcnfzig Jahren sowohl innerhalb wie au\u00dferhalb Israels als wachsende Bewegung zu beobachten ist. Tatai beschreibt diese trotz aller Unterschiede auch in Kontinuit\u00e4t mit dem Urchristentum und dem Judenchristentum, welches im 19. und in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts \u00fcberwiegend unter dem \u201eDach\u201c der protestantischen Kirchen zu Hause war. Tatai w\u00fcrdigt die messianische Bewegung folgenderma\u00dfen: \u201eDiese Juden glauben an Jesus als den j\u00fcdischen Messias, und sie verk\u00fcnden jetzt schon die k\u00fcnftige Wirklichkeit: \u201aGepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn.\u2018 Inwieweit kann die Existenz messianischer Gemeinden nach Mt 23,38-39, Lk 13,35; 21,24 als eschatologisches Zeichen betrachtet werden?\u201c<\/p>\n<p>Tatai geht auch ein auf die Bewegung \u201eToward Jerusalem Council II\u201c (TJCII), welche die \u201e\u00e4lteste Wunde der Kirche\u201c heilen m\u00f6chte \u2013 mit protestantischen, r\u00f6misch-katholischen, orthodoxen und messianisch-j\u00fcdischen Beteiligten. \u201eIhr Ziel ist es, die sichtbare und theologische Einheit der j\u00fcdischen und nichtj\u00fcdischen Gl\u00e4ubigen, die zum Messias Israels, zum einen Leib Christi geh\u00f6ren, wiederherzustellen. Gem\u00e4ss der k\u00fchnen urspr\u00fcnglichen Vision\u201c w\u00fcrde dazu ein zweites Konzil in Jerusalem als Erg\u00e4nzung zu dem von Apostelgeschichte 15 stattfinden. Unter Bezugnahme auf das paulinische Bild von den nichtj\u00fcdischen Gl\u00e4ubigen als eingepfropfte Zweige des \u201e\u00d6lbaums Israel\u201c w\u00fcrde bei einem solchen Konzil in Tatais Worten das Folgende geschehen: \u201eDie \u00fcberwiegend nichtj\u00fcdische Kirche tut Busse \u00fcber ihrer antij\u00fcdischen Geschichte und empf\u00e4ngt und begr\u00fcsst ihre \u201a\u00e4lteren j\u00fcdischen Br\u00fcder\u2018\u2026 wie es einst ihre j\u00fcdischen Br\u00fcder w\u00e4hrend des ersten Konzils in Jerusalem mit den nichtj\u00fcdischen Br\u00fcdern getan hatten [\u2026] Die Kirche w\u00fcrde also [\u2026] im Geist des hohepriesterlichen Gebets in Joh 17 bewusst an der Verwirklichung von Eph 2,16 und 3,6 arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Tatai betont die \u201eparadoxale Existenz Israels\u201c und beruft sich dabei vor allem auf R\u00f6mer 9-11. Danach sind Angeh\u00f6rige des Volkes Israel \u201eGeliebte um der V\u00e4ter willen\u201c \u2013 auch dann, wenn sie an ihrem \u201eNein\u201c zur Messias-W\u00fcrde Jesu festhalten. Andererseits urteilt Paulus: \u201enicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen.\u201c Einerseits formuliert Paulus einschr\u00e4nkend, dass die ausgebrochenen Zweige des edlen \u00d6lbaums Israel wieder eingepfropft werden k\u00f6nnen, sofern sie nicht im Unglauben verharren. Andererseits stellt Paulus in Aussicht: \u201eund so wird ganz Israel gerettet werden.\u201c<\/p>\n<p>Eine heute von Bibellesern unterschiedlich beantwortete Frage l\u00e4sst Tatai offen: Wird dieses Gerettet-Werden die Folge davon sein, dass der Messias Jesus sich seinem Volk sichtbar offenbaren wird? Oder ist die Hinwendung seines Volkes zu seinem Messias die Voraussetzung f\u00fcr sein sichtbares Wiederkommen \u2013 getreu den Worten Jesu: \u201eIhr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt\u00a0im\u00a0Namen\u00a0des\u00a0Herrn!\u201c?<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Pfarrer Martin R\u00f6sch, Theologischer Leiter AmZI, CH-4153 Reinach, BL<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\"><img decoding=\"async\" style=\"border-width: 0;\" src=\"https:\/\/i.creativecommons.org\/l\/by-nd\/4.0\/88x31.png\" alt=\"Creative Commons Lizenzvertrag\" \/><\/a><br \/>\nDieses Werk ist lizenziert unter einer <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/4.0\/\" rel=\"license\">Creative Commons Namensnennung &#8211; Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Istv\u00e1n Tatai: Kirche und Israel. 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