{"id":585,"date":"2018-04-11T16:10:46","date_gmt":"2018-04-11T16:10:46","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=585"},"modified":"2018-04-11T16:12:23","modified_gmt":"2018-04-11T16:12:23","slug":"holger-boeckel-inszenierung-als-leitmotiv-in-praktischer-theologie-und-religionspaedagogik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=585","title":{"rendered":"Holger B\u00f6ckel: Inszenierung als Leitmotiv in Praktischer Theologie und Religionsp\u00e4dagogik"},"content":{"rendered":"<p>Holger B\u00f6ckel: <em>Inszenierung als Leitmotiv in Praktischer Theologie und Religionsp\u00e4dagogik. Theatrale Aspekte in Kultur, Kirche und Bildung<\/em>, Berlin: EBV, 2017, kt., 335\u00a0S., \u20ac\u00a024,80, <a href=\"https:\/\/www.ebv-berlin.de\/Inszenierung-als-Leitmotiv-in-Praktischer-Theologie-und-Religionspaedagogik\/en\">ISBN 978-3-86893-237-9<\/a><\/p>\n<p><a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Schweyer_Boeckel.pdf\"><\/p>\n<div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div>\n<p><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Die <em>\u201ePerformative Wende\u201c<\/em> ist in der Praktischen Theologie angekommen. Das zeigt Pfr. Dr. theol. habil. Holger B\u00f6ckel, Privatdozent f\u00fcr Praktische Theologie an der Universit\u00e4t Heidelberg, anhand des Inszenierungsbegriffs. Das Buch widerspiegelt einige Aspekte der vielf\u00e4ltigen Interessen und T\u00e4tigkeiten des Autors, der sich mit seinen Leitungsaufgaben am Institut f\u00fcr Theologie, Diakonie und Ethik der AGAPLESION gAG und am Institut f\u00fcr Wirtschafts- und Sozialethik der Universit\u00e4t Marburg sowie in Gemeindeberatung und theologischer Lehrt\u00e4tigkeit in einem breiten Praxis- und Reflexionsfeld bewegt.<\/p>\n<p>Anhand von f\u00fcnf Diskursen zu den Themenbereichen Gottesdienst (I, 15\u2013124), Glaubensentwicklung (II, 125\u2013166), Popmusik (III, 167\u2013238), F\u00fchrung (IV, 239\u2013282) und allgemein zur Disziplin der Praktischen Theologie (V, 283\u2013315) wird die Leistungsf\u00e4higkeit des Inszenierungsbegriffs aufgezeigt.<\/p>\n<p>Besonders ertragreich ist das erste und mit Abstand umfangreichste Kapitel zum Gottesdienst. Die Konturen von Inszenierung werden hier im Gespr\u00e4ch mit Kultur- und Theaterwissenschaften (u.\u00a0a. mit Erika Fischer-Lichte und Victor Turner) akzentuiert. B\u00f6ckel arbeitet heraus, dass mit dem <em>Inszenierung<\/em>sbegriff die Dimensionen von K\u00f6rper und Raum eine starke Beachtung finden (33) \u2013 Aspekte, die im <em>Handlung<\/em>sbegriff eigentlich implizit enthalten w\u00e4ren, aber in der Praktischen Theologie oft nicht geb\u00fchrend reflektiert werden. Anhand der Diskussionen zu dramaturgischer Homiletik und Liturgik (Martin Nicol, Alexander Deeg, David Pl\u00fcss) werden sowohl das konstruktive Potential des Inszenierungsbegriffs als auch dessen Grenzen deutlich. Das bedeutet etwa \u2013 um ein aus Sicht des Rezensenten besonders relevantes Ergebnis zu benennen \u2013 dass die Gottesdienstteilnehmenden eine <em>Ensemblerolle<\/em> wahrnehmen und der gesamte Gottesdienstraum als \u201eB\u00fchne\u201c betrachtet werden muss \u2013 ohne aber Aspekte der <em>Publikumsrolle<\/em> ganz auszuschlie\u00dfen, ohne die ein Gottesdienst in der Gegenwart seinen \u00d6ffentlichkeitscharakter riskieren w\u00fcrde (53\u201358, 122\u2013123).<\/p>\n<p>Im zweiten Teil zur <em>Glaubensentwicklung<\/em> reflektiert B\u00f6ckel aus der Perspektive der Inszenierung James Fowlers Modell der Glaubensentwicklung. Besonders interessant ist seine Feststellung, dass f\u00fcr den \u00dcbergang von der dritten Stufe (synthetisch-konventioneller Glaube) zur vierten Stufe (individuierend-reflektierender Glaube) und zur f\u00fcnften Stufe (verbindender Glaube) ein <em>Mangel an kirchlichen Inszenierungsangeboten<\/em> besteht (149, 161\u2013162). Gerade solche w\u00e4ren aber hilfreich, um Menschen in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens Neu- und Wiederentdeckungen des Glaubens zu erleichtern. Positiv hervorzuheben ist, dass B\u00f6ckel die synthetisch-konventionelle Stufe nicht als normativ minderwertige Vorstufe betrachtet, sondern deren Eigenst\u00e4ndigkeit w\u00fcrdigt (160).<\/p>\n<p>Am Beispiel der <em>Popmusik<\/em> werden im dritten Teil kulturhermeneutische Fragestellungen diskutiert, insbesondere der <em>Religionsbegriff<\/em> (181\u2013192). Die Inszenierungsperspektive verdeutlicht hier, dass das Ph\u00e4nomen der Popmusik \u00fcber eine Analyse von Liedtexten allein nicht erfasst werden kann, sondern performative Aspekte wie K\u00f6rperlichkeit und Raumerfahrung integrieren muss (206\u2013211). Das gilt in gleicher Weise f\u00fcr das Singen im Gottesdienst, was neue Sichtweisen auf die <em>Integration popkultureller Elemente<\/em> er\u00f6ffnet (232\u2013238).<\/p>\n<p>Das vierte Kapitel \u00fcber F\u00fchrung enth\u00e4lt in komprimierter Form Erkenntnisse, welche B\u00f6ckel in seiner Habilitationsschrift <em>F\u00fchren und Leiten <\/em>(2016) ausf\u00fchrlich erarbeitet hat, wobei vornehmlich <em>Interventionen<\/em> als Inszenierungen verstanden werden (277\u2013280).<\/p>\n<p>Im letzten Kapitel setzt sich B\u00f6ckel kritisch mit Christian Grethleins Konzeption der Praktischen Theologie als <em>Kommunikation des Evangeliums<\/em> auseinander. Gew\u00fcrdigt wird an dieser Konzeption, dass auch au\u00dferkirchliche Vollz\u00fcge in den Blick genommen werden k\u00f6nnen. B\u00f6ckel weist zu Recht auf den <em>Mangel an kirchentheoretischen Reflexionen<\/em> und ekklesialen Bez\u00fcgen hin (314). Wer an Inszenierung interessiert ist, braucht eine Szene, ein <em>\u03c3\u03ba\u03b7\u03bd\u03ae, <\/em>ein Zelt, eine B\u00fchne, einen Raum. Inszenierung des Evangeliums ohne Raum der Kirche wird nicht gehen, selbst dann, wenn die Inszenierung nicht auf den Raum der Kirche begrenzt ist. B\u00f6ckel kann daher den ekklesialen Mangel in Grethleins Konzeption leicht entlarven. Gleichzeitig wird deutlich, dass auch <em>der Inszenierungsbegriff auf eine Kirchentheorie zu beziehen ist<\/em>, wenn er denn in den Dienst der Praktischen Theologie genommen werden will. Das wird auch bei B\u00f6ckel nur ansatzweise eingel\u00f6st.<\/p>\n<p>Wie steht es nun um <em>Inszenierung als Leitmotiv der Praktischen Theologie<\/em>? Aus B\u00f6ckels Analysen l\u00e4sst sich folgern, dass es zu einseitig w\u00e4re, Praktische Theologie nur unter dem Leitmotiv der Inszenierung zu betreiben. Wenn schon, ist Inszenierung <em>ein,<\/em> aber nicht <em>das<\/em> Leitmotiv der Praktischen Theologie. Andere Leitmotive wie beispielsweise Kirche, Gemeindeaufbau, Mission, Praxis, Kommunikation, Hermeneutik, Bildung, Religion oder auch Charisma (Dirk Kellner, <em>Charisma als Grundbegriff der Praktischen Theologie<\/em>, 2011) k\u00f6nnen dadurch nicht ersetzt, wohl aber erg\u00e4nzt werden. Diese Erg\u00e4nzung ist besonders deshalb wertvoll, weil damit einerseits der Handlungsbegriff im Blick auf dessen <em>Ereignischarakter<\/em> pr\u00e4zisiert wird und weil dadurch andererseits die <em>interdisziplin\u00e4ren Gespr\u00e4chsm\u00f6glichkeiten<\/em> der Praktischen Theologie erweitert werden. B\u00f6ckel leistet dazu durch seine disziplin\u00fcbergreifenden Diskurse einen wertvollen Beitrag und spielt durchgehend systematisch-theologische Perspektiven gekonnt ein. Aus Sicht des Rezensenten w\u00e4re es w\u00fcnschenswert gewesen, die <em>Bibel<\/em> als die der Kirche gegebene verbindliche Heilige Schrift st\u00e4rker und direkter in diesen Diskurs einzubinden, um in den normativen Fragestellungen eine gr\u00f6\u00dfere Klarheit zu gewinnen.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnf gro\u00dfen Kapitel sind durch die Klammer des Inszenierungsbegriffs miteinander verbunden, weisen aber ein gen\u00fcgend hohes Ma\u00df an Eigenst\u00e4ndigkeit auf, so dass auch eine selektive Lekt\u00fcre m\u00f6glich ist. Das ausf\u00fchrliche Inhaltsverzeichnis erleichtert dem interessierten Leser die pr\u00e4zise Auswahl der f\u00fcr ihn relevanten Passagen. Jedes Kapitel schlie\u00dft mit einem summarischen Fazit, was eine schnelle inhaltliche Orientierung erm\u00f6glicht. Das ausf\u00fchrliche Literaturverzeichnis (316\u2013335) unterstreicht, dass die Diskussion unter breiter Wahrnehmung des aktuellen Forschungsstandes erfolgt. Leider erfolgte wohl das Korrektorat nicht sehr sorgf\u00e4ltig, was sich an den orthografischen Fehlern zeigt, die teilweise auch den Lesefluss behindern. Abgesehen davon erweist sich das Buch als geeigneten Ausgangspunkt f\u00fcr diejenigen, die sich in die Inszenierungsdebatte einklinken und sich \u2013 was zu w\u00fcnschen ist \u2013 auch in Zukunft daran beteiligen wollen.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Prof. Dr. Stefan Schweyer, Assistenzprofessor f\u00fcr Praktische Theologie an der STH Basel <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holger B\u00f6ckel: Inszenierung als Leitmotiv in Praktischer Theologie und Religionsp\u00e4dagogik. 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