{"id":668,"date":"2018-10-13T11:13:19","date_gmt":"2018-10-13T11:13:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=668"},"modified":"2018-10-13T11:18:51","modified_gmt":"2018-10-13T11:18:51","slug":"katrin-mueller-lobe-den-herrn-meine-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=668","title":{"rendered":"Katrin M\u00fcller: Lobe den Herrn, meine \u201eSeele\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Katrin M\u00fcller: <em>Lobe den Herrn, meine \u201eSeele\u201c. Eine kognitiv-linguistische Studie zur <\/em><em>n\u00e6f\u00e6\u0161 des Menschen im Alten Testament<\/em>, BWANT 215, Stuttgart: Kohlhammer, 2018, Pb., 360&nbsp;S., \u20ac&nbsp;70,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.theologische-buchhandlung.de\/bwant.htm#215\">ISBN 978-3-17-034436-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Ziegert_Mueller.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Dass das\nForschungsgebiet der alttestamentlichen Anthropologie nach wie vor aktuell ist,\nzeigt die hier zu besprechende Studie von Katrin M\u00fcller. Hierbei handelt es\nsich um die leicht \u00fcberarbeitete Fassung einer bei Andreas Wagner (Bern)\nangefertigten Dissertation. Das einleitende erste Kapitel (11\u201318) f\u00fchrt knapp\nund pr\u00e4zise in die zugrundeliegende Problemstellung ein: Das Lexem \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 wurde in der Septuaginta mit \u03c8\u03c5\u03c7\u03ae, daran ankn\u00fcpfend in\nder Vulgata mit <em>anima<\/em> und in deutschen Bibeln meist mit \u201eSeele\u201c\n\u00fcbersetzt. Daraus haben sich der traditionelle christliche Seelenbegriff sowie\nein dichotomisches bzw. trichotomisches Menschenbild entwickelt, die jedoch\nkeine Grundlage im Alten Testament beanspruchen k\u00f6nnen. M. fragt nun, ob das\nLexem \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 bzw. das dahinterliegende Konzept f\u00fcr das\nim Alten Testament vermittelte Menschenbild tats\u00e4chlich zentral ist und welchen\nBeitrag es zu dessen Erhebung leisten kann (13\u201314).<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Kapitel (19\u201399) bietet zun\u00e4chst einen ausgesprochen gr\u00fcndlichen\nForschungs\u00fcberblick \u00fcber die (vorrangig christliche) Besch\u00e4ftigung mit \u05e0\u05b6\u0592\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 seit der Zeit des Humanismus.\nHier wird deutlich, dass die \u201eAnthropologie des Alten Testaments\u201c von Hans\nWalter Wolff (1973) einen Wendepunkt markiert. Eindr\u00fccklich und kenntnisreich\nschildert M., wie sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nach einer bis dahin\nrecht einheitlichen \u00dcbersetzung des Lexems mit \u201eSeele\u201c differenziertere\nInterpretationen Bahn brachen, die zun\u00e4chst auf Vergleichen mit der arabischen\nWurzel f\u00fcr \u201eAtem\u201c basierten. Im 20. Jahrhundert kam dann die \u201eEigenart des\nisraelitischen Denkens\u201c in den Blick (z.\u00a0B. Pedersen, 1920 und Johnson,\n1949). F\u00fcr Wolff bedeutet \u201ehebr\u00e4isches Denken\u201c vor allem \u201esynthetisches Denken\u201c,\nworunter er die M\u00f6glichkeit versteht, durch die Nennung eines K\u00f6rperteils auf\ndessen Funktion zu verweisen. Die einzelnen Forschungsbeitr\u00e4ge werden von M. kaum\nkommentiert oder bewertet. Daraus sowie aus dem beeindruckenden Umfang ergibt\nsich leider eine gewisse Un\u00fcbersichtlichkeit des Forschungs\u00fcberblicks, die\ndurch eine konsequentere thematische Gliederung vielleicht h\u00e4tte vermieden werden\nk\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Notwendigkeit einer weiteren Studie ergibt sich erst im dritten\nKapitel (100\u2013125), in dem methodische Anfragen an Wolffs Konzept des \u201esynthetischen\nDenkens\u201c genannt werden. \u00dcber Wolff hinausgehend pl\u00e4diert M. in Anlehnung an\nAndreas Wagner f\u00fcr ein \u201esynthetisches Bedeutungsspektrum\u201c, da manche hebr\u00e4ische\nLexeme nicht nur K\u00f6rperteile und ihre Funktionen bezeichnen, sondern auch zur\nBezeichnung von Gesten oder zur Benennung von Abstrakta verwendet werden k\u00f6nnen,\nwie sie anhand einiger Beispiele zeigt (101\u2013105). Zum anderen fragt sie, ob diese\nsynthetische Bedeutung der K\u00f6rperteillexeme tats\u00e4chlich ein Spezifikum des\nHebr\u00e4ischen bzw. der semitischen Sprachen darstellt, wie Wolff noch behauptet\nhat. Diese Frage beantwortet sie negativ, da die kognitive Linguistik gezeigt\nhat, dass in vielen Sprachen Bedeutungs\u00aderweiterungen durch konzeptuelle Metaphern\nund Metonymien m\u00f6glich sind. Daraus ergibt sich f\u00fcr M. die anzustrebende\nMethodik, bei der Untersuchung von \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 mit\nsolch einem \u201emetonymischen Bedeutungsspektrum\u201c zu\nrechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vierten Kapitel (126\u2013205) untersucht M. zun\u00e4chst m\u00f6gliche Bedeutungen\ndes hebr\u00e4ischen Lexems \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1. Dabei nennt sie zun\u00e4chst die\nGrundbedeutung \u201eKehle\u201c sowie, durch Metonymie davon abgeleitet, \u201eAtem\u201c. Ferner diskutiert sie das (seltene) Vorkommen\nder \u201eKehle\u201c in Gesten und bei der Beschreibung k\u00f6rperlicher Empfindungen.\nVerschiedene metonymische Gebrauchsweisen erfordern eine \u00dcbersetzung mit\n\u201eVerlangen\u201c oder mit \u201eLeben\u201c bzw. \u201eLebenskraft\u201c. Ebenfalls metonymisch ist die\nVerwendung des Lexems f\u00fcr eine Person als Ganzes, die ausf\u00fchrlich in Kapitel 5\ndiskutiert wird. Mit guten Gr\u00fcnden wendet sich M. gegen die noch von Wolff\nvertretene Bedeutung \u201eLeiche\u201c an einigen Stellen. Vor allem aber hinterfragt\nsie die traditionelle Bedeutung \u201eSeele\u201c. Dass M. zuvor anhand des Duden\nerkl\u00e4rt, was sie unter dem deutschen Wort versteht, macht die Begr\u00fcndung\ntransparent: Da \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 nie in der Bedeutung\neines k\u00f6rperlosen und unsterblichen Teils des Menschen verwendet wird, sollte\nman aufgrund der Denotation und Konnotation des deutschen Lexems in der Regel\nauf die \u00dcbersetzung \u201eSeele\u201c verzichten (195\u2013205).<\/p>\n\n\n\n<p>Im f\u00fcnften Kapitel,\ndem Hauptteil der Arbeit (206\u2013304), fragt M., ob sich anhand der Verwendung von\n\u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 \u00fcberhaupt anthropologische Aussagen machen\nlassen. Dazu untersucht sie Texte, in denen \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1\nanstelle eines Pronomens verwendet wird und somit eine bestimmte Person\nbezeichnet. Hier liegt die konzeptuelle Metonymie \u201eK\u00f6rperteil f\u00fcr Person\u201c\nzugrunde, die auf der Grundbedeutung \u201eKehle\u201c und den damit zusammenh\u00e4ngenden\nlebenserhaltenden Funktionen basiert. Solch eine Untersuchung kann freilich nur\ndann aufschlussreich sein, wenn die Metonymie nicht \u201etot\u201c ist, d.\u00a0h. wenn\nsie noch nicht so sehr bei Sprachbenutzern etabliert ist, dass die\nGrundbedeutung nicht mehr mitverstanden wird. Dass dies bei den untersuchten\nTexten tats\u00e4chlich nicht der Fall ist, wird dadurch plausibel, dass in den\nentsprechenden Kontexten genau die Emotionen und Umst\u00e4nde angesprochen werden,\ndie schon bei der Untersuchung in Kapitel 4 begegneten: Verlangen bzw. Abscheu\neinerseits sowie das Leben und seine Erhaltung oder Gef\u00e4hrdung andererseits.\nDie Metonymie ist folglich noch nicht lexikalisiert, so dass \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 nur noch als \u201ePerson\u201c verstanden w\u00fcrde. Somit k\u00f6nnen diese\nTexte zur Ermittlung des Menschenbildes im AT herangezogen werden. Best\u00e4tigt\nwird dadurch die Wolffs Einsch\u00e4tzung, dass \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1\nden \u201ebed\u00fcrftigen Menschen\u201c bezeichne. Dies wird von M. zu der These ausgebaut,\ndass das anthropologische \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1-Konzept die\n\u201ebed\u00fcrftige, verlangende und gef\u00e4hrdete Lebendigkeit\u201c als zentrales Element\nenthalte (292). Ein Vergleich mit anderen K\u00f6rperteillexemen wie \u05dc\u05b5\u05d1 zeigt, dass es zwar \u00dcberschneidungen\nin der Bedeutung gibt, dass die Lexeme aber im Allgemeinen nicht austauschbar\nsind. Sehr wertvoll sind in diesem Zusammenhang die Ausf\u00fchrungen zu Dtn 6,5 (287\u2013288).\nWolffs These, \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 konstituiere\neinen \u201eanthropologischen Hauptbegriff\u201c, steht M. jedoch kritisch gegen\u00fcber, da\nauch die weniger beachteten K\u00f6rperteillexeme \u05dc\u05b8\u05e9\u05c1\u05d5\u05b9\u05df,\n\u05e9\u05b8\u05c2\u05e4\u05b8\u05d4, \u05e4\u05b6\u05bc\u05d4,\n\u05e2\u05b7\u05ab\u05d9\u05b4\u05df, \u05d0\u05b9\u05ab\u05d6\u05b6\u05df\noder \u05d9\u05b8\u05d3 metonymisch f\u00fcr eine Person verwendet\nwerden k\u00f6nnen (303\u2013304).<\/p>\n\n\n\n<p>Das sechste Kapitel\n(305\u2013317) bietet eine Zusammenfassung, wobei leider kein Ausblick auf\nweiterf\u00fchrende Forschungsm\u00f6glichkeiten gegeben wird. Eine ausf\u00fchrliche\nBibliographie sowie ein Register runden das gelungene Werk ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Hat man sich durch\ndiese umfangreiche Studie durchgearbeitet, so f\u00fchlt man sich zun\u00e4chst wie\nerschlagen von der F\u00fclle des Materials. In der R\u00fcckschau muss man dann aber\nfesthalten, dass sich die M\u00fche der Lekt\u00fcre gelohnt hat. Die von M.\nherangezogenen Belegtexte, die in hebr\u00e4ischer Sprache mit deutscher \u00dcbersetzung\npr\u00e4sentiert werden, bauen gut aufeinander auf. M. argumentiert sorgf\u00e4ltig und\nvorsichtig abw\u00e4gend, gibt wenn n\u00f6tig Hinweise auf textkritische Probleme und\nist in best\u00e4ndigem Gespr\u00e4ch mit der Kommentarliteratur. Es ist der Autorin zu\ndanken, dass sie ein aktuelles theologisches Forschungsthema mit einer\naktuellen linguistischen Methodik bearbeitet hat. Besonders erfreulich ist,\ndass M. immer wieder Hinweise zu m\u00f6glichen \u00dcbersetzungen von \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 ins Deutsche gibt. Hier pl\u00e4diert\nsie grunds\u00e4tzlich gegen die Wiedergabe mit \u201eSeele\u201c, klammert aber auch die\nFrage nach den Erwartungen der Rezipienten, etwa bei bekannten Texten, nicht\naus (292\u2013293).<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht erschlossen hat sich dem Rez. die Bedeutung der sechs eingestreuten Exkurse, die ein bereits in vier Gliederungsebenen strukturiertes Buch noch schwerer durchschaubar machen. Vor allem der Exkurs \u00fcber \u03c8\u03c5\u03c7\u03ae im NT (294\u2013297), der ohne jegliche Erw\u00e4hnung der Septuaginta auskommt, hat eher den Charakter einer ausgedehnten Fu\u00dfnote. Gelegentlich ist die linguistische Terminologie unscharf oder missverst\u00e4ndlich. Wo z.\u00a0B. behauptet wird, dass die Bedeutung von \u05e0\u05b6\u05ab\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 an einer bestimmten Stelle \u201echangiert\u201c (174\u2013175 u.\u00a0\u00f6.), sollte man besser von Polysemie sprechen. Doch das sind die einzigen Kritikpunkte an dieser weiterf\u00fchrenden und inspirierenden Studie.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. Carsten Ziegert, Hochschuldozent f\u00fcr Biblische Sprachen und \u00dcber\u00adsetzungs\u00adtheorie an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katrin M\u00fcller: Lobe den Herrn, meine \u201eSeele\u201c. 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