{"id":682,"date":"2018-10-13T11:28:49","date_gmt":"2018-10-13T11:28:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=682"},"modified":"2018-10-13T11:28:51","modified_gmt":"2018-10-13T11:28:51","slug":"joshua-berman-inconsistency-in-the-torah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=682","title":{"rendered":"Joshua Berman: Inconsistency in the Torah"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Joshua Berman: <em>Inconsistency in the Torah. Ancient Literary Conventions and the Limits of Source Criticism<\/em>, New York: Oxford University Press, 2017, geb., XI+307 S., $ 99,\u2013, <a href=\"https:\/\/global.oup.com\/academic\/product\/inconsistency-in-the-torah-9780190658809?cc=us&amp;lang=en&amp;\">ISBN 978-0-19-065880-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Kilchoer_Berman.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der\nBuchumschlag des zu rezensierenden Buches zitiert Benjamin D. Sommer, bei\nvorliegendem Buch handle es sich wohl um die schwerwiegendste, und f\u00fcr viele\nBibelwissenschaftler beunruhigendste Infragestellung der Theorien \u00fcber die\nKomposition und Datierung biblischer Texte in mehr als einem Jahrhundert.\nDieser Beurteilung kann ich mich nur anschlie\u00dfen. Wie der Titel des Buches\nsagt, geht es dabei insbesondere um die Tora und zwar um die Deutung ihrer\nInkonsistenzen. Berman m\u00f6chte zeigen, dass die Pr\u00e4missen der Pentateuchkritik,\ndie bis heute das Feld dominieren, mehr \u00fcber das 19. Jahrhundert aussagen als\n\u00fcber die literarischen Konventionen im Alten Orient.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erste\nHauptteil, der sich mit Inkonsistenzen in Narrativtexten befasst, beginnt mit\neinem Vergleich der Kadesch-Inschriften von Ramses II. mit der Exodus- und\nSchilfmeererz\u00e4hlung in Ex 13,17\u201315,19. Mit\nBlick auf die Kadesch-Inschriften ist f\u00fcr Berman entscheidend, dass die\nInschriften auf eine Autorit\u00e4t zur\u00fcckgehen und f\u00fcr dasselbe Publikum bestimmt\nsind und doch nach moderner Auffassung als widerspr\u00fcchlich und uneinheitlich zu\nbezeichnen sind. So stehen Erz\u00e4hlung und Lied nebeneinander, wobei im Lied der\nGott Amun, im Bericht dagegen Ramses selbst f\u00fcr den Sieg verantwortlich ist.\nBeide Texte sprechen von sechzehn V\u00f6lkern, die sich der Hethitischen Koalition\nangeschlossen haben, unterscheiden sich aber in der Aufz\u00e4hlung dieser V\u00f6lker.\nSolche und weitere inhaltliche und stilistische Unterschiede zwischen den\nbeiden Texten f\u00fchren aber nicht zu diachronen Thesen der Textentstehung. Berman\nzeigt sodann auf, dass es zwischen den Kadesch-Inschriften und Ex 13,17\u201315,19 durchgehend Affinit\u00e4ten in Sprache und Motivik\ngibt: Formulierungen wie \u201estarke Hand\u201c und \u201eausgestreckter Arm\u201c,\n\u00dcbereinstimmungen in der Darstellung des Thronzeltes von Ramses mit der\nStiftsh\u00fctte (mit einem Thronraum, welcher ein Drittel des Zeltes umfasst, worin\nRamses, repr\u00e4sentiert durch eine Kartusche, flankiert von zwei gefl\u00fcgelten\nWesen thront); weitere Verbindungen, sowie die parallele Struktur f\u00fchren Berman\nzur Annahme einer literarischen Abh\u00e4ngigkeit und damit zu einer Fr\u00fchdatierung\nvon Ex 13,17\u201315,19 ins sp\u00e4te 2. Jt.\nBibelwissenschaftler, welche diese Schlussfolgerung ablehnen werden, sollten\nzumindest eingestehen, dass in anderen F\u00e4llen (z.\u00a0B. Sargonlegende,\nLoyalit\u00e4tseide Esarhaddons) oft schon aufgrund geringerer Affinit\u00e4ten\nliterarische Abh\u00e4ngigkeiten behauptet werden. Das Hauptanliegen von Berman ist\naber nicht der Nachweis einer literarischen Abh\u00e4ngigkeit, sondern das Erlernen\nliterarischen Konventionen altorientalischer Texte am verf\u00fcgbaren\nVergleichsmaterial. \u00c4hnlich zeigt Berman am Beispiel aktualisierter Vertr\u00e4ge\nzwischen dem hethitischen Gro\u00dfk\u00f6nig \u0160uppiluliuma I. und dem ugaritischen K\u00f6nig\nNiqmadu, wie der hethitische K\u00f6nig bei Vertragserneuerung (an denselben\nAdressaten gerichtet) den historischen Prolog ver\u00e4nderten diplomatischen\nErfordernissen angepasst hat. Dies vergleicht Berman mit der Neuerz\u00e4hlung der\nGeschichte des Exodus und der W\u00fcstenwanderung aus Exodus und Numeri in Dtn 1\u20133, die nicht als Konkurrenzerz\u00e4hlung zu deuten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite\nHauptteil widmet sich Inkonsistenzen im Gesetz. Solche Inkonsistenzen spielten\nin den Anf\u00e4ngen der Pentateuchkritik noch keine Rolle, sondern wurden erst im\nVerlauf des 19. Jahrhunderts zu einem Schwerpunkt der Pentateuchkritik. Dies\nhat f\u00fcr Berman zeitgeschichtliche Gr\u00fcnde, gab es doch zeitgleich in\nKontinentaleuropa einen Wechsel vom Gewohnheitsrecht (<em>Common Law<\/em>) zum\nGesetzesrecht (<em>Statutory Law<\/em>). Nur im Gesetzesrecht ist das Gesetz mit\ndem Text identisch. Im Gewohnheitsrecht dagegen sind die Texte Sammlungen von\nRechtsentscheiden und als solches zwar Pr\u00e4zedenzen, nicht aber Rechtssetzung. Dies\nbedeutet auch, dass nur im Gesetzesrecht bei einer \u00c4nderung der Rechtspraxis\nder alte Text ersetzt werden muss. Im Gewohnheitsrecht k\u00f6nnen auch\nunterschiedliche Rechtsentscheide nebeneinander tradiert werden. Selbst\ninnerhalb einer Rechtssammlung, wie etwa dem Kodex Hammuarbi, finden sich darum\nRechtss\u00e4tze, die untereinander in Konflikt stehen. Weder altorientalisch noch\nalttestamentlich sind Rechtsentscheide \u00fcberliefert, bei denen der Richter sein\nUrteil in Bezug auf einen vorliegenden Gesetzeskodex trifft. In\nalttestamentlichen Texten au\u00dferhalb des Pentateuch finden sich dagegen \u201elegal\nblends\u201c, d.\u00a0h. Bez\u00fcge auf verschiedene Pentateuchgesetze, die in Spannung\nzueinanderstehen, aber gleichberechtigt kombiniert werden, d.\u00a0h. nicht als\nsich gegenseitig ausschlie\u00dfend rezipiert werden. Dies f\u00fchrt Berman zum Schluss,\ndass die verschiedenen Pentateuchgesetze komplement\u00e4r zueinander zu lesen sind\nund nicht im Widerstreit zueinanderstehen. So wendet er sich auch gegen\nPentateuchmodelle, welche die Entstehung des Pentateuch als Kompromissdokument\nunter persischem Einfluss deuten (wobei ein Kompromiss ja nicht darin bestehen\nkann, widerspr\u00fcchliche Gesetze unvermittelt nebeneinander zu stellen), oder als\nblo\u00dfe Anthologie disparater Gesetze. Vielmehr handle es sich um ein Wachstum\ntradierten Gewohnheitsrechtes ohne die Notwendigkeit, bei neuen\nRechtsentscheiden die alten entfernen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der dritte\nHauptteil hat die Erneuerung der Pentateuchkritik zum Gegenstand. W\u00e4hrend noch\nin den Anf\u00e4ngen der Pentateuchkritik Gelehrte wie Spinoza und Richard Simon\nnach sicherem Wissen suchten und sonst das Schweigen der Spekulation vorzogen,\nhat nach Berman insbesondere der deutsche Historismus (gegen\u00fcber dem\nangels\u00e4chsischen Empirismus) des 19. Jahrhunderts von dieser methodischen\nZur\u00fcckhaltung weggef\u00fchrt hin zu der \u00dcberzeugung, man k\u00f6nne allein aus dem Text\nheraus die Geschichte des Textes rekonstruieren. Am Beispiel von Ex 2,1\u201310 zeigt Berman methodisch unzul\u00e4ssige Strategien auf,\ndie oft gebraucht werden, um zu einer Klarheit zu kommen, welche das Material\nnicht hergibt: Negation, Bisektion und Suppression. Parallelen zur Moses\nGeburtsgeschichte gibt es im ganzen alten Orient in verschiedenen Zeiten.\nDennoch wird zur neuassyrischen Datierung von Ex 2,1\u201310 in der Regel die Geburtslegende Sargons als\nliterarische Vorlage herangezogen. Warum gerade dieser? Hier werde in der Regel\ndie Strategie der Suppression: Andere Paralleltexte werden gar nicht erw\u00e4hnt\nund so er\u00fcbrigt sich die Begr\u00fcndung, weshalb ausgerechnet die Geburtslegende\nSargons der entscheidende Paralleltext f\u00fcr die Datierung sein soll.\nErw\u00e4hnenswert w\u00e4re hier auch die Studie von D. Redford zum literarischen Motiv\ndes ausgesetzten Kindes (1967), in welcher Redford das Material sichtet und\nkategorisiert, wobei die Mose-Erz\u00e4hlung und die Sargonlegende verschiedenen\nKategorien zugeh\u00f6ren und keine echten Parallelen darstellen. Am Beispiel der\nFluterz\u00e4hlung Gen 6\u20139 zeigt Berman schlie\u00dflich, dass\ndie Quellenscheidung methodisch mit diversen unzul\u00e4ssigen Operationen arbeitet\nund dabei auch Evidenz, die sich insbesondere aus der Gilgamesch-Fluterz\u00e4hlung\nergibt, au\u00dfer Acht l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner\nSchlussfolgerung fordert Berman \u201ean epistemological shift toward modesty in our\ngoals and toward accepting contingency in our results\u201c, sowie \u201ea far greater\nunderstanding oft he rhetorical and compositional practices of the ancient Near\nEast\u201c (269).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meines\nErachtens sind viele der Argumente und Kritikpunkte von Berman sehr stark und\nwenn man gewillt ist, ihnen Geh\u00f6r zu schenken, wird eine leichte kosmetische\nKorrektur in der Pentateuchforschung nicht ausreichen, sondern es braucht\ngrunds\u00e4tzliche Bereinigung vieler Annahmen und Methoden, auf denen gro\u00dfe Teile\nder Ergebnisse gegenw\u00e4rtiger Pentateuchkritik beruhen. Dem von Berman\ndiskutierten Material w\u00fcrde ich insbesondere die Studien von Emma Brunner-Traut\nzur Aspektive im Alten Orient hinzuf\u00fcgen, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis dessen, was\nwir als \u201eInkonsistenzen\u201c im Alten Testament empfinden, ganz Entscheidendes\nbeitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ass.-Prof. Dr. Benjamin Kilch\u00f6r,\nStaatsunabh\u00e4ngige Theologische Hochschule Basel<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joshua Berman: Inconsistency in the Torah. 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