{"id":684,"date":"2018-10-13T11:33:06","date_gmt":"2018-10-13T11:33:06","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=684"},"modified":"2018-10-13T11:33:51","modified_gmt":"2018-10-13T11:33:51","slug":"werner-thiede-evangelische-kirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=684","title":{"rendered":"Werner Thiede: Evangelische Kirche"},"content":{"rendered":"\n<p>Werner Thiede: <em>Evangelische Kirche. Schiff ohne Kompass?<\/em>, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2017, geb., 280 S., \u20ac 29,95, <a href=\"https:\/\/www.wbg-wissenverbindet.de\/10883\/evangelische-kirche-schiff-ohne-kompass#\">ISBN 978-3-534-26893-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Schwantge_Thiede.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>\u201eEin Schiff, das sich Gemeinde\nnennt, f\u00e4hrt durch das Meer der Zeit\u2026\u201c. Doch ist dieses Schiff noch auf Kurs?\nGing der Kompass gar \u00fcber Bord? Anl\u00e4sslich des Reformationsgedenkens erschien\nThiedes Buch, das laut Klappentext als \u201eDebattenbuch\u201c verstanden werden will.\nEs gliedert sich in drei Hauptteile.<\/p>\n\n\n\n<p>In <em>Herausforderungen<\/em> zeigt er\ngesellschaftliche und (theologie)geschichtliche Ver\u00e4nderungen auf, die\nnat\u00fcrlich auch eine Reaktion der Ev. Kirche n\u00f6tig machten und machen. Auf\nzentrale Ver\u00e4nderungen wie naturwissenschaftlicher Fortschritt,\nreligi\u00f6s-weltanschauliche Pluralisierung und fortschreitende Technisierung hat\ndie Kirche erst einmal keinen Einfluss, diese Ver\u00e4nderungen sind faktisch\nvorgegeben. Wie sich die Kirche jedoch im Geschehen positioniert und ihren\nAuftrag ausf\u00fchrt, liegt sehr wohl in ihrem Entscheidungsspektrum. Hier stellt\nder Verfasser fest, haben sich im kirchlichen Leben neben einer eher passiven\nMitte zwei konkurrierende Str\u00f6mungen entwickelt: eine konservative und eine\nliberale, von denen die letztere bis in kirchliche Leitungsebenen hinein die\nVorherrschaft vorerst f\u00fcr sich entschieden zu haben scheint. Das Ringen um eine\n\u201ePluralit\u00e4tsf\u00e4higkeit\u201c (16) hat teilweise selbst zu einer s\u00e4kularisierenden\nPluralisierung der kirchlichen Lehre gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt\nder Kulturprotestantismus, dessen historische und inhaltliche Entwicklung sehr\ngut aufgezeigt wird. Dass dieser jedoch keine historisch abgeschlossene Epoche\nist, sondern \u2013 wenn auch mit teils ver\u00e4nderten Facetten \u2013 bis in die Gegenwart\nder Ev. Kirche hineinwirkt, arbeitet der Autor an unterschiedlichen Beispielen\nheraus: So werden u. a. reformatorische Bekenntnisse als zeitlich \u00fcberholt\nbetrachtet, oder \u201eMa\u00dfst\u00e4be des Heiligen\u201c (64), beispielsweise Bereiche der\nSexualethik \u201esystematisch zurechtgeb\u00fcgelt\u201c (63). Unter anderem geschieht dies\ndurch ein verk\u00fcrztes, einseitiges Verst\u00e4ndnis von Liebe oder dem Pauluswort\n\u201ealles ist (mir) erlaubt\u201c (1Kor 6,12; 10,23). Sind die sinkenden Mitglieds- und\nGottesdienstbesucherzahlen schon wenig erfreulich genug, werde auch Mission im\nSinne einer Ausf\u00fchrung des Auftrags Jesu ebenfalls umgedeutet. Dabei sei es\nnotwendig, \u201eGemeindeaufbau vom Missionsauftrag her zu denken\u201c (51).<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich,\nso der Verf., kommen sogar die reformatorischen \u201eSolis\u201c unter die R\u00e4der, wenn\nbeispielsweise dem <em>sola scriptura<\/em>\nadditiv die Vernunft beiseite oder sogar vorangestellt wird, was die st\u00e4ndig\nbegleitende Gefahr der historisch-kritischen Methode ist, die, so in Bezug auf\nUlrich Wilckens, \u201eteilweise neu zu formatieren\u201c (73) sei. Auch die anderen Exklusivpartikel\nwerden teilweise in einer Art und Weise umgedeutet, dass ihnen nicht nur\ninhaltliche F\u00fclle und lebensver\u00e4ndernde Kraft geraubt werden, sondern sie\nletztlich zu Worth\u00fclsen verkommen. In diesem Teil wirft der Verf. auch einen\nkritischen theologischen Blick auf die \u00f6kumenische Rechtfertigungslehre von\n1999, die manche Grundaspekte der biblischen Rechtfertigungslehre au\u00dfer Acht\nlasse, um einen gemeinsamen Konsens bilden zu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was ist\nKirche? Was tut sie? Und wie tut sie es oder sollte es tun? Hier braucht es\nheute <em>Vergewisserungen<\/em>, die der\nPfarrer der Ev.-luth. Landeskirche in Bayern auch im zweiten Teil seines Buches\nim kirchengeschichtlichen Meilenstein der Reformation sucht. Das\nKirchenverst\u00e4ndnis von Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin kommt in den\nBlick, damit auch z.\u00a0B. die Perspektivkraft der reformatorischen\nRechtfertigungslehre mit ihrer Gewissheit des Heils in Ewigkeit allein aus\nGnade im Vergleich zur reformierten Pr\u00e4destinationslehre Calvins und Zwinglis.\nDiese suche \u201eZeichen des Heils am Subjekt\u201c (115), um ihres Heils gewiss zu\nwerden, bei der Erw\u00e4hlung Gottes ber\u00fccksichtigt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in\nanderen Fragen, wie dem Verst\u00e4ndnis des ordinierten Amtes, gibt es\ninnerevangelisch wie nat\u00fcrlich auch im Verh\u00e4ltnis zur r\u00f6m.-kath. Kirche Differenzen.\nW\u00e4hrend die Auffassungen der beiden Kirchen in ihrem Kern unterschiedlich sind,\nbestehen die Spannungen innerhalb der Ev. Kirche in der Frage, ob das\nordinierte Amt aus dem allgemeinen Priestertum abgeleitet oder als g\u00f6ttliche\nStiftung verstanden wird. Wenn jedoch ordinierte Amtstr\u00e4ger ihre Verantwortung\nwahrnehmen und Pr\u00e4dikanten \/ Lektoren \u201eentschiedener als bislang\u201c (129) schulen\nund f\u00f6rdern, k\u00f6nne ein st\u00e4rkeres Miteinander entstehen, so Thiede. Und dieses\nsei in der Lage, die Spannungen der verschiedenen Amtsauffassungen f\u00fcr die\nKirche fruchtbar werden zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenfalls\nzeichnet der Verf. die Entwicklung der Visitation und ihres Zwecks in den\nKirchen der Reformation bis heute nach. Daraus folgend, sei es hilfreich, unter\ndem Begriff \u201aInspektion\u2018 die verwaltungstechnische Kontrolle, unter\n\u201aVisitation\u2018 den \u201egeistlich ausgerichteten Besuchsdienst\u201c (167) zu fassen. F\u00fcr Letzteren\nm\u00fcsse klar gelten, dass hier auch Predigt und Lehre in den Blick zu nehmen\nsind.<\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten\nAbschnitt des zweiten Buchteils kommt Thiede auf die Sakramente zu sprechen,\ndie nach dem Augsburger Bekenntnis wesenhaft zur Kirche geh\u00f6ren. Die Frage,\nwelche Handlungen nun als Sakramente zu verstehen sind und welche nicht, f\u00fchrt\nden Verf. zur Grundfrage, ob es denn tats\u00e4chlich nur um einzelne Handlungen\ngehe. Kann, darf oder sollte gar Kirche mit Christus als ihrem Haupt nicht\nganzheitlich sakramental verstanden werden? Jedenfalls wie es wichtig sei, auf\n\u201eSchriftgem\u00e4\u00dfheit\u201c (170) der einzelnen Handlungen zu achten. So orientierten\nsich die Reformatoren z.\u00a0B. im Blick auf die Kindertaufe eher an Tradition\nals an Bibel. Sp\u00e4tere Systematiker wie Bonhoeffer und Barth haben zu Recht auf\ndie theologische Problematik der Kindertaufe hingewiesen. Heute sollte seitens\nder Kirche die Erwachsenentaufe nicht nur anerkannt, sondern auch beworben\nwerden. Ebenfalls regt Thiede in diesem Teil zu einer Reflexion hinsichtlich\nder verschieden(st)en Abendmahlsformen und der theologisch begr\u00fcndeten Neu-\noder Wiederentdeckung der Beichte an, die Luther als \u201edrittes Sakrament\u201c der\nAbsolution einstufte. Abschlie\u00dfend mahnt der Autor zu einer Neu- und\nR\u00fcckbesinnung auf die Ortsgemeinde und deren geistliche Lebensgestaltung.\nLiberale Theologie und Gottesdienstordnungen mit wenig Gestaltungsfreiraum\nk\u00f6nnen wohl kaum zu wachsenden Gemeinden f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dritten,\ndem k\u00fcrzesten Teil <em>Perspektiven<\/em>\nb\u00fcndelt der systematische Theologe quasi seine Arbeit konkretisierend \u2013\nsymbolisch klingt Luther an \u2013 in 95 Thesen. Sie umfassen richtungsweisend\nFragen der (\u00fcber)konfessionellen Einheit, des Wesens der Kirche an sich, ihres\nUmgangs mit gesellschaftlichen Entwicklungen und ihres Auftrags in Sachen\nMission, Sakramente, Mitmenschlichkeit und Lehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Werner\nThiede nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch wenn, nein: weil es um die Kirche\ngeht, der er \u201e\u00fcberzeugt\u201c (10) angeh\u00f6rt. Er schreibt verst\u00e4ndlich, fordert zur\n(Selbst)Reflexion heraus und provoziert Reaktion. Thiede entlarvt manchen\nsystematisch- oder praktisch-theologischen Fortschritt als mindestens\ndrohenden, teils vollzogenen Schritt fort vom gottgedachten Kurs der Kirche.\nDabei bleibt er nie bei Negativnennungen stehen, sondern zeigt konkrete\nSchritte zur Kurskorrektur. <\/p>\n\n\n\n<p>Um den\nLesefluss nicht zu st\u00f6ren, wurden die Fu\u00dfnoten mit Quellenangaben und\nweiterf\u00fchrenden Gedanken in den Anhang gepackt. Dieser enth\u00e4lt auch das\nLiteraturverzeichnis sowie ein Personenregister.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zu w\u00fcnschen, dass dieses Buch auch nach dem Reformationsgedenkjahr gelesen wird und sich so manche R\u00fcckbesinnung als Fortschritt erweisen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><a><em>Michael Schwantge<\/em><\/a><em>, Gemeinschaftspastor in Oppenheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Thiede: Evangelische Kirche. Schiff ohne Kompass?, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2017, geb., 280 S., \u20ac 29,95, ISBN 978-3-534-26893-1 Download PDF<\/p>\n","protected":false},"author":58,"featured_media":659,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-684","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/58"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=684"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/684\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":686,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/684\/revisions\/686"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/659"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}