{"id":687,"date":"2018-10-13T13:14:44","date_gmt":"2018-10-13T13:14:44","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=687"},"modified":"2018-10-13T13:15:51","modified_gmt":"2018-10-13T13:15:51","slug":"malte-dominik-krueger-das-andere-bild-christi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=687","title":{"rendered":"Malte Dominik Kr\u00fcger: Das andere Bild Christi"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Malte Dominik Kr\u00fcger: <em>Das andere Bild Christi. Sp\u00e4tmoderner Protestantismus als kritische Bildreligion<\/em>, Dogmatik in der Moderne 18, T\u00fcbingen: Mohr Siebeck, 2017, geb., XVI+618 S., \u20ac 99,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.mohrsiebeck.com\/buch\/das-andere-bild-christi-9783161545849\">ISBN 978-3-16-154584-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Dietz_Krueger.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Habilitationsschrift\n<em>Das andere Bild Christi<\/em> geht der\nMarburger Systematische Theologe Malte Dominik Kr\u00fcger von einer provokanten\nThese aus. Das menschliche Bildverm\u00f6gen ist noch grundlegender als das\nSprachverm\u00f6gen. Daher m\u00fcsse auch der Protestantismus trotz aller traditionellen\nWortbezogenheit lernen, die zentrale Bedeutung des Bildes f\u00fcr die Religion\ngenerell wie f\u00fcr sich selbst zu w\u00fcrdigen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun l\u00e4sst\nsich leicht zeigen, dass Bilder in der Gegenwartskultur gro\u00dfe Bedeutung haben.\nSoziale Netzwerke wie die Medien generell leben von der unmittelbaren Macht der\nBilder, so dass von einem regelrechten iconic turn in der heutigen Zeit\ngesprochen wird. Mit seiner traditionellen Logozentrik tut sich der\nProtestantismus mit Bildern schwer. Der auf Gewissheit eingestellte\nprotestantische Glaube lebt aus und mit Worten. Bilder haben\nprotestantischerseits den Ruf, missbrauchsanf\u00e4llig zu sein. Ihre vermeintliche\nEindeutigkeit erweist sich leicht als tr\u00fcgerisch. Tats\u00e4chlich erscheint die\nbildhafte Erscheinung oft vieldeutig. Die Wiedergabe von Sachverhalten mittels\nBildern ger\u00e4t in der Regel unterkomplex.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts\ndieser komplizierten Ausgangslage \u00fcberzeugt Kr\u00fcger zun\u00e4chst mit einem h\u00f6chst\nkundigen und belesenen \u00dcberblick \u00fcber die heutige Diskussion zur Bildthematik\nin Philosophie, Medientheorie und den Kulturwissenschaften insgesamt. Schon\ndiese Integrationsleistung macht dieses Buch \u00fcberaus lesenswert.\nAnthropologisch erweist sich das Bildverm\u00f6gen grundlegend in dem Sinne, dass\nauch die Sprache es immer schon voraussetzt und in Anspruch nimmt. Sprache\nl\u00e4sst sich nicht herausl\u00f6sen aus der mit der menschlichen Leiblichkeit\nverbundenen Welt des Sehens und Zeigens. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie aber\nl\u00e4sst sich diese Thematik mit der klassisch protestantischen Theologie\nverkn\u00fcpfen? Nun ist es f\u00fcr den modernen Protestantismus wesentlich geworden,\nsich auf die anthropologische Wende der Neuzeit einzulassen und die Entfaltung\ndes christlichen Glaubens nicht mehr auf die Voraussetzung der\nGotteswirklichkeit im Sinne der klassischen Metaphysik aufzubauen bzw. von\ndieser abh\u00e4ngig zu machen. Auch Kr\u00fcger setzt auf ein neuprotestantisches Argumentationsmuster:\nDas menschliche Bildverm\u00f6gen ist anthropologisch so grundlegend, dass es immer\nschon in Anspruch genommen wird, gerade auch in der Religion. Will man sich\n\u00fcber Religion verst\u00e4ndigen, so ist ihre Verwobenheit mit anthropologischen\nGegebenheiten wahr- und ernst zu nehmen. Die neuere Theologie hat in immer\nneuen Anl\u00e4ufen basale Strukturen menschlicher Existenz herausgearbeitet, an die\nanzukn\u00fcpfen m\u00f6glich wenn nicht n\u00f6tig ist. Das Gef\u00fchl bei Schleiermacher ist ein\nbesonders prominenter Ansatzpunkt, dem eine ganze Reihe von Folge- oder\nParallelunternehmungen an die Seite gestellt werden k\u00f6nnten, wie im Anschluss\nan Kant das sittliche Bewusstsein bzw. das Gewissen, die menschliche Existenz\nmit ihrer Angst bzw. Verzweiflung (Kierkegaard) oder die Frage nach dem Sinn\n(Tillich) oder etwa auch die Sprache in der hermeneutischen Theologie\n(Ebeling). Schlie\u00dflich hat Wolfhart Pannenberg noch einmal im gro\u00dfen Stil\nvorgef\u00fchrt, dass solche Fundierung der Theologie in der Anthropologie nicht nur\nm\u00f6glich, sondern unter modernen Bedingungen unverzichtbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem\nSinne muss auch das menschliche Bildverm\u00f6gen als Grundlage f\u00fcr jede Religion\ngew\u00fcrdigt werden. Im Durchgang durch unterschiedlichste kulturwissenschaftliche\nBildtheorien gibt der Verfasser nicht nur einen hervorragenden \u00dcberblick zur\ngegenw\u00e4rtigen Debatte zum Bild. Er verarbeitet die Diskussion auch zu einer\nTypologie von vier Grundgestalten: das zeichentheoretische, das\nwahrnehmungstheoretische, das imaginationstheoretische und das negationstheoretische\nBildverst\u00e4ndnis. In einem zweiten Schritt verarbeitet er diese\nBilddeutungstypen theologisch, um ihre jeweilige St\u00e4rke auch im Blick auf die\nReligion zur Geltung zu bringen. So kann Religion als \u201eBildverm\u00f6gen im Horizont\ndes Unbedingten\u201c (471) beschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie aber\nsoll die Kirche des Wortes \u2013 das Bild so hoch sch\u00e4tzen k\u00f6nnen? Reizvoll ist die\nhistorische Spurensuche, auf die Kr\u00fcger seinen Leser mitnimmt. In der Fr\u00fchzeit\ndes Christentums fehlen uns letztlich Belege f\u00fcr den Umgang mit Bildlichkeit.\nVon dem Moment an, wo das Christentum Kirchen baut, ist das Christusbild\nma\u00dfgeblicher Ausdruck christlicher Fr\u00f6mmigkeit. Das Bild Christi hat nicht nur\nf\u00fcr die Ikonographie der orthodoxen Kirchen zentrale Bedeutung. Das Bild spielt\nauch in der evangelischen Theologie eine erheblich gr\u00f6\u00dfere Rolle, als vielfach\nvermutet wird. Nicht zuletzt Martin Luther hat neben seiner Betonung des Wortes\nauf die \u00fcberragende Bedeutung des Bildes Christi verwiesen. Das Evangelium von\nJesus Christus malt diesen mit Paulus gesprochen vor Augen (Gal 3,1). In diesem\nSinne nennt Kr\u00fcger eine Reihe von protestantischen Klassikern wie z.\u00a0B.\nMartin K\u00e4hler, f\u00fcr deren Theologie die bildhafte Vermittlung des Glaubens\nzentrale Bedeutung besa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich\nkann die raffinierte Spurensuche nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der\nProtestantismus in Sachen Bildlichkeit im Vergleich mit der ikonographisch\norientierten Orthodoxie und dem bilderfrommen Katholizismus am wenigsten\nbildaffin ist. So sieht Kr\u00fcger in der Bilderablehnung der Reformierten\nTradition letztlich eine Engf\u00fchrung, die in der sp\u00e4teren Entwicklung weitgehend\nin Angleichung an die lutherische Sicht korrigiert worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Worin k\u00f6nnte\ndenn nun das unterscheidend Protestantische liegen? F\u00fcr Kr\u00fcger ist es die\nprinzipielle Selbstzur\u00fccknahme, sei es im Blick auf die Kirche, sei es\nhinsichtlich der eigenen Lehre, die den Protestantismus zur kritischen\nBildreligion werden l\u00e4sst. Alle \u00c4mter und Dienste der Kirche dienen dem\nEvangelium selbst, verweisen von sich weg auf Christus. Die traditionelle\nSchw\u00e4che des Protestantismus, sich selbst Form und Gestalt zu geben, bringt\nzugleich auch eine Offenheit f\u00fcr kulturelle Wandlungen mit sich. Das Zeitalter\ndes iconic turn erreicht der Protestantismus mit leichtem Gep\u00e4ck. Die\nBildthematik macht auf neue Weise beschreibbar, dass Glaube stets vermittelt\nwie indirekt auf Gott bzw. das Unbedingte bezogen ist. Die Verweisungsfunktion\ndes Bildes wird dabei stets kontrastiert durch ein negierendes Moment: Das Bild\nist immer zugleich auch nicht das, worauf es verweist. Dem entspricht der\nAspekt der Kontrafaktizit\u00e4t der protestantischen Rechtfertigungslehre. Was wir\nvor Gott sind, erschlie\u00dft sich im Glauben und nicht einfach in der\nunmittelbaren Selbsterfahrung. Darum gibt es keine protestantische Religion ohne\nimmanente Religions- bzw. Bilderkritik. Das Unbedingte darf so wenig mit dem\nBedingten verwechselt werden wie das Bildobjekt mit seinem Bildsujet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von dieser\nReflexion auf die Bedeutung des Bildes her lassen sich auch zu materialen\nFragen der Theologie erhellende Perspektiven entwickeln, z.\u00a0B. im Blick\nauf die Auferstehung Jesu Christi. Vielfach hat man in der Moderne gefragt, ob\ndie Auferstehung Jesu als geschichtliche Realit\u00e4t oder als blo\u00dfe Fiktion\neinzuordnen sei. Diese Alternative wird seiner Ansicht nach schon durch die\nbiblischen Berichte unterlaufen, da diese an keiner Stelle die Auferstehung an\nsich selbst schildern. Als \u00e4u\u00dferes Faktum sei uns eine Auferweckung des\nGekreuzigten durch Gott schlechthin entzogen. Die biblischen Texte berichteten\nvielmehr von den Auferstehungserscheinungen, die die ersten J\u00fcngerinnen und\nJ\u00fcnger bezeugten. Der Glaube an die Auferstehung ist weder rational beweisbar\nnoch ein autorit\u00e4tsh\u00f6riger Sprung ins Ungewisse. \u201eEs handelt sich vielmehr bei\ndem Glauben an Jesus als dem Bild Gottes um eine Zuversicht, die aus Einsicht\nkommt\u201c (524).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn es f\u00fcr\nden menschlichen Weltzugang unvermeidlich ist, mittels Bilder Orientierung zu\nfinden, ist jedem Objektivismus im Reden \u00fcber Gott der Boden entzogen. Gott\nselbst ist nicht an sich verf\u00fcgbar. Bedeutet das, dass der Projektionsvorwurf,\nwie er klassisch von Ludwig Feuerbach gegen\u00fcber dem Christentum erhoben wurde,\nzutrifft? Ja und Nein. Dass alle unsere Vorstellungen von Gott immer schon\ngepr\u00e4gt sind von unserem Imaginationsverm\u00f6gen, kann grunds\u00e4tzlich einger\u00e4umt\nwerden. Das betrifft jedoch nicht nur den menschlichen Umgang mit Religion,\nsondern jede Form menschlicher Orientierung. Diese Einsicht entlarvt keineswegs\neinen rein illusorischen Status religi\u00f6ser Gedanken. Im Anschluss an Paul\nTillich k\u00f6nne man unterscheiden zwischen der projektiven T\u00e4tigkeit des\nmenschlichen Bewusstseins und der Projektionswand, die selbst keine Projektion\nist (50ff). In diesem Bild entspricht Gott nicht den einzelnen Bildern in ihrem\nje bedingten Charakter, sondern der unverf\u00fcgbaren Projektionswand, auf die sich\nder Mensch bezogen wei\u00df. Glaube kann in diesem Sinne als eine Einbildung Gottes\nverstanden werden, im Sinne eines Genitivus subjectivus und objectivus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt halte ich diesen Entwurf f\u00fcr sehr erhellend wie in seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die unverzichtbare Bedeutung der Bildlichkeit f\u00fcr jede Religion und im Besonderen auch f\u00fcr den Protestantismus f\u00fcr \u00fcberzeugend. Die Verh\u00e4ltnisbestimmung von Bild und Sprache ist m.\u00a0E. fortf\u00fchrungsbed\u00fcrftig. So mag es richtig sein, dass das Sehen das H\u00f6ren gemeinhin an Evidenz und Glaubw\u00fcrdigkeit \u00fcbertrifft (299). Nur: Es ist gute reformatorische Tradition, das Sehen im H\u00f6ren zur Pr\u00e4zision kommen zu lassen. Das Wort mag ohne die Bilder leer sein, doch die Bilder k\u00f6nnen ohne die Kl\u00e4rungen der Worte blenden. In diesem Sinne mag auch das protestantische Schriftprinzip als Archiv grundlegender Verbildlichungen Gottes nicht nur ein Aspekt der gegenw\u00e4rtigen Krise des Protestantismus sein, sondern auch Teil ihrer Bew\u00e4ltigung werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Thorsten Dietz, Professor f\u00fcr Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor und Privatdozent an der Universit\u00e4t Marburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Malte Dominik Kr\u00fcger: Das andere Bild Christi. 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