{"id":692,"date":"2018-10-13T13:21:46","date_gmt":"2018-10-13T13:21:46","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=692"},"modified":"2018-10-13T13:21:48","modified_gmt":"2018-10-13T13:21:48","slug":"michael-braeutigam-gemeinschaft-mit-christus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=692","title":{"rendered":"Michael Br\u00e4utigam: Gemeinschaft mit Christus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael Br\u00e4utigam: <em>Gemeinschaft mit Christus. Adolf Schlatters Christologie der Beziehung<\/em>, Aus dem Englischen von Thomas Wehr, Z\u00fcrich: Theologischer Verlag, 2017, Pb., 239 S., \u20ac 48,90, <a href=\"https:\/\/www.tvz-verlag.ch\/buch\/gemeinschaft-mit-christus-9783290178970\/?page_id=1\">ISBN 978-3-290-17897-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.tvz-verlag.ch\/buch\/gemeinschaft-mit-christus-9783290178970\/?page_id=1\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Raedel_Braeutigam.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Buch handelt es sich um\ndie aus dem Englischen \u00fcbersetzte Druckfassung der Dissertation des Autors zur\nErlangung eines PhD an der Universit\u00e4t Edinburgh (was leider nur dem 2015 bei\nPickwick\/Wipf and Stock erschienenen Original, nicht jedoch der \u00dcbersetzung zu\nentnehmen ist). Der Vf. war 2012\u20132014 Pastor der Freien evangelischen Gemeinde\nSt. Wendel und lehrte danach an der Melbourne School of Theology. Zurzeit\narbeitet er in Edinburgh an einem Postdoc-Projekt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit\nsoll zeigen, \u201edass das zentrale und wesentlichste Merkmal seiner [Schlatters]\nChristologie ihre relationale Ausrichtung ist\u201c (31). Dazu unterteilt der Vf.\nseine Untersuchung in einen biographisch-theologischen sowie einen systematisch-theologischen\nHauptteil. Die Ber\u00fccksichtigung des biographischen Kontextes von Schlatter wird\nmit dessen eigenem Verst\u00e4ndnis begr\u00fcndet, wonach \u201eDenkakt\u201c und \u201eLebensakt\u201c eine\nEinheit bildeten, die T\u00e4tigkeit der Vernunft also stets in konkrete Lebenszusammenh\u00e4nge\neingebunden ist. Hier h\u00e4tte es nahegelegen, neben dem Selbstverst\u00e4ndnis\nSchlatters weitere Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Vorgehen anzugeben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\nDurchf\u00fchrung dieses ersten Teils ist im Ganzen \u00fcberzeugend gelungen. Nach einem\nDurchgang durch die Lebensstationen Schlatters sucht der Vf. Schlatters Ort im\nSpannungsfeld der theologischen Schulen seiner Zeit zu bestimmen. Konkret:\nzwischen Idealismus und Erweckungsbewegung, zwischen Ritschlianismus und\nKonfessionalismus sowie \u201ezwischen den Zeiten\u201c, gemeint ist seine Stellung\nzwischen den \u201ealten\u201c theologischen Schulen vor dem Ersten Weltkrieg und der\naufkommenden Dialektischen Theologie insbesondere Karl Barths. Es gelingt dem\nVf., Schlatters Christologie im Verh\u00e4ltnis zu theologischen Ans\u00e4tzen zu\nprofilieren, auf die sich dieser in der Dialektik von Ankn\u00fcpfung und\nWiderspruch bezieht. So wird deutlich herausgearbeitet, in welchen Hinsichten\nSchlatter seinem T\u00fcbinger Lehrer Johann Tobias Beck folgte und in welchen\nnicht. Auch die kritische Rezeption Franz Baaders wird ausgeleuchtet.\nDifferenziert entwickelt der Vf. Schlatters Verh\u00e4ltnis zu den christologischen\nKonzeptionen Ritschls, Harnacks und Herrmanns. Spannend zu lesen ist auch, wie\nsich das theologische und pers\u00f6nliche Verh\u00e4ltnis zu Barth entwickelte, n\u00e4mlich\ndass sich dieses nach den Darlegungen des Vf. bei aller Differenz doch\nerstaunlich positiv gestaltete. Im Ergebnis h\u00e4lt der Vf. fest, dass Schlatter\ngegen\u00fcber idealistischen Konzeptionen \u201eEinheit, Beobachtung, Geschichte,\nVolition und Relation\u201c als Grundfesten seiner eigenen Christologie\nkonstituierte (78, die Begriffe werden im zweiten Hauptteil n\u00e4her bestimmt), er\ngegen\u00fcber der liberalen Theologie an der \u201eM\u00f6glichkeit eines universellen, auf\nobjektiven, historischen Tatsachen basierenden Wissens \u00fcber Gott\u201c festh\u00e4lt\n(106) und er Barths Betonung der Transzendenz zwar begr\u00fc\u00dfte, zugleich jedoch\nkritisierte, dass Barth dabei die Sch\u00f6pfung (bzw. Natur), die Geschichte und\nden Menschen aus dem Blick verliert (126).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Struktur\ndes zweiten Hauptteils folgt Schlatters Unterscheidung und Zuordnung von\n\u201eSehakt\u201c, \u201eDenkakt\u201c und \u201eLebensakt\u201c. Das bedeutet, dass Schlatter zun\u00e4chst als\nempirisch-realistischer Ausleger des Neuen Testaments in den Blick kommt, der\ndie historischen Quellen aus der Perspektive des Glaubens untersucht und\nzugleich die Kontextbezogenheit der neutestamentlichen Schriften betont (133).\nDabei vertritt er die Einheit von historischem Jesus und Christus des Glaubens\nsowie die Einheit seines Wesens als Gott-Mensch und seiner Handlungen. Zwei\nKapitel sind Schlatters Christologie in dogmatischer Perspektive gewidmet. Hier\nwird gezeigt, dass Christus einerseits in einer Beziehung zu Gott (Kap. 4) und\nandererseits in einer Beziehung zu den Menschen (Kap. 5) steht. Diese\nVerschr\u00e4nkung von vertikaler und horizontaler Gemeinschaftsdimension gibt der\nArbeit ihren Titel sowie ihre These, die wesentlich in diesen beiden Kapiteln\nausgearbeitet wird. Der relationale Charakter dieser Christologie wird konkret\nin Schlatters Zur\u00fcckhaltung greifbar, das Miteinander und Ineinander von\ng\u00f6ttlicher und menschlicher Natur in der Person Christi n\u00e4her zu bestimmen.\nNach Schlatter f\u00fchrt dies nur in unfruchtbare Spekulationen hinein.\nEntscheidend sind f\u00fcr ihn die Kategorien der Gottessohnschaft und des Gehorsams\ndes Sohnes gegen Gott. In Schlatters Christologie kommt f\u00fcr das Verstehen von\nPerson und Werk Christi der Willenseinheit von Vater und Sohn Vorrang vor\nbeider \u2013 von ihm freilich nicht bestrittenen \u2013 Wesenseinheit zu. Daher spricht\nder Vf. von einer \u201evolitional\u201c akzentuierten Christologie, wobei dieser Ansatz\ndurch Einbeziehen des Heiligen Geistes eine trinitarische Einbettung erf\u00e4hrt.\nDie Beziehung zum Menschen (\u201eMenschendienst\u201c) ist nach Schlatter ganz von\nChristi Beziehung zu Gott (\u201eGottesdienst\u201c) her zu bestimmen. In diesem Kapitel\ntreten einige Schlatters Christologie ihr besonderes Gepr\u00e4ge gebende\nGedankeng\u00e4nge hervor. So offenbare sich die G\u00f6ttlichkeit Jesu \u201eam Kreuz vor\nallem dadurch, dass er in der Gottverlassenheit die Beziehung zu Gott\naufrechterh\u00e4lt\u201c (175), sich also in der Gottverlassenheit zu Gott h\u00e4lt.\nBemerkenswert ist auch, dass Schlatter, dessen Kreuzestheologie sich noch\ndeutlicher als eine Theologie der Gabe h\u00e4tte konturieren lassen, die Gemeinde\nals die Gabe versteht, die der Vater dem Sohn als Kr\u00f6nung seines Werkes auf\nErden \u00fcbergibt, womit freilich Spannungen zum Verst\u00e4ndnis der Geistausgie\u00dfung\nan Pfingsten als Gr\u00fcndungsakt der Gemeinde entstehen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sechste\nKapitel zum \u201eLebensakt\u201c unterstreicht noch einmal die auf Gehorsam und Dienst\nzielende (und insofern ethische-volitionale) Grundrichtung von Schlatters\nChristologie. Das Wollen bestimmt Schlatter ausdr\u00fccklich als die \u201eh\u00f6chste\nFunktion unseres Lebens\u201c (zit. 200). Diskutiert wird Schlatters Distanzierung\nvon den Reformatoren, die er zu sehr die Passivit\u00e4t (bei Schlatter:\nEmpf\u00e4nglichkeit) des Menschen zulasten der Aktivit\u00e4t in Gehorsam und Dienst\nbetonen sieht. Der Vf. tendiert dazu, diese Spannung zwischen (hier konkret)\nCalvin und Schlatter einzuebnen. Der Band schlie\u00dft mit einem den Ertrag\nb\u00fcndelnden Fazit. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch\nzeichnet sich durch eine schl\u00fcssige Gliederung und sehr gute Verst\u00e4ndlichkeit\naus. Etwas irritierend ist der Ausdruck \u201etrinit\u00e4r\u201c, der mir vorher noch nicht\nbegegnet ist. Sprachlich ungelenk wirkt die Frage \u201eWo ist Adolf Schlatter?\u201c,\nmit der nach seiner historisch-theologischen Verortung gefragt wird. Das\nSchrifttum Schlatters wird umfassend ausgewertet, also selbst Schlatters\nAndachtsbuch, Kleinschriften und bislang unver\u00f6ffentlichte Texte werden\nber\u00fccksichtigt, wenn freilich der Schwerpunkt auf den Hauptwerken liegt.\nSchlatters Ver\u00f6ffentlichungen werden im theologischen Kontext der Zeit gedeutet\nund beziehungsreich entfaltet. Allerdings bleibt die theologische Analyse doch\nh\u00e4ufig zu sehr an der Oberfl\u00e4che. Mehrfach wird gesagt, dieser oder jener Punkt\nbed\u00fcrfe noch einer genaueren Untersuchung \u2013 warum ist diese Arbeit nicht der\nOrt daf\u00fcr? In einer Arbeit mit dem Titel \u201eGemeinschaft mit Christus\u201c (im Engl.\n\u201eUnion with Christ\u201c) kann es einfach nicht hei\u00dfen: \u201eIn Schlatters Bild von\nunserer Gemeinschaft mit Jesus finden sich noch weitere Motive, die unsere\nn\u00e4here Beachtung verdient h\u00e4tten, doch wollen wir uns hier zur\u00fcckhalten und der\nk\u00fcnftigen Schlatter-Forschung den Vortritt lassen\u201c (217). Dies ist eine\nZur\u00fcckhaltung, die in einer (zumal nur gut 200 Druckseiten umfassenden)\nDissertation eher nicht zu erwarten ist. Entt\u00e4uschend sind die Ausf\u00fchrungen zur\nErkenntnistheorie, f\u00fcr die sich der Vf. auf Jochen Walldorfs einschl\u00e4gige, sehr\ngenaue Untersuchung h\u00e4tte st\u00fctzen k\u00f6nnen (die in der Bibliographie aufgef\u00fchrt\nist, aber nicht substantiell ausgewertet scheint). So wird zwar deutlich, dass\nf\u00fcr Schlatter \u201eobjektive Treue\u201c zum Gegenstand und subjektive Beimengungen des\nerkennenden Ich einander nicht ausschlie\u00dfen, aber diese wichtigen Punkte h\u00e4tten\neiner st\u00e4rkeren Einordnung in die Diskussion bedurft, um sie kritisch w\u00fcrdigen\nzu k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch um\nSchlatters \u00dcberlegungen zur Gottverlassenheit Jesu am Kreuz st\u00e4rker zu\nprofilieren, w\u00e4re es f\u00f6rderlich gewesen, auf J\u00fcrgen Moltmann nicht nur\nhinzuweisen, sondern Schlatter n\u00e4her mit ihm zu vergleichen. Ebenso h\u00e4tte die\ntheologiegeschichtlich kritische Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Passivit\u00e4t und\nAktivit\u00e4t des Menschen im Heilsgeschehen eine noch tiefer gehende Behandlung\nverdient. Auff\u00e4llig ist auch, dass s\u00e4mtliche gegen Schlatters christologische\nKonzeption vorgebrachten Einw\u00e4nde, die jeweils am Kapitelende referiert werden,\nin der Sache zur\u00fcckgewiesen werden, so dass die kritische Distanz des Vf.\ngegen\u00fcber seinem Untersuchungsgegenstand f\u00fcr mich in Zweifel steht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: Die St\u00e4rke der Arbeit liegt darin, mit der Christologie einen (nicht nur) f\u00fcr Schlatter zentralen und wesentlichen Aspekt des gl\u00e4ubigen Nachdenkens in sehr verst\u00e4ndlicher Sprache herausgearbeitet zu haben. Dies sowie die gut proportionierte Kapiteleinteilung empfehlen das Buch f\u00fcr die Verwendung in Lehre und (vielleicht sogar) theologisch interessierten Gemeindekreisen. Was die Christologie Schlatters als Gegenstand der Forschung angeht, leistet die vorliegende Arbeit einen wichtigen Beitrag, belegt aber zugleich den Bedarf weitergehender und vertiefender Untersuchungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Br\u00e4utigam: Gemeinschaft mit Christus. 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