{"id":696,"date":"2018-10-13T13:30:18","date_gmt":"2018-10-13T13:30:18","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=696"},"modified":"2019-05-04T19:33:59","modified_gmt":"2019-05-04T19:33:59","slug":"cornelius-van-der-kooi-gijsbert-van-den-brink-christian-dogmatics","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=696","title":{"rendered":"Cornelius van der Kooi \/ Gijsbert van den Brink: Christian Dogmatics"},"content":{"rendered":"\n<p>Cornelius van der Kooi \/ Gijsbert van den Brink:<em> Christian Dogmatics. An Introduction<\/em>, Aus dem Holl\u00e4ndischen von Reinder Bruinsma mit James D. Bratt, Grand Rapids: Eerdmans, 2017, Pb., 806 S., US $ 45, <a href=\"https:\/\/www.eerdmans.com\/Products\/7265\/christian-dogmatics.aspx\">ISBN 978-0-8028-7265-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Raedel_Kooi.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Wer hierzulande Dogmatik im\nevangelikalen Kontext lehrt, wird sich schwer damit tun, f\u00fcr die studentische\nLekt\u00fcre eine handliche Dogmatik aus evangelikaler Perspektive anzugeben, die\nmit der westeurop\u00e4ischen Geistesgeschichte im Gespr\u00e4ch und mit den auf dem\nKontinent herrschenden kirchlichen Verh\u00e4ltnissen vertraut ist. Ein solcher Band\nliegt hier vor. 2012 erstmals auf Holl\u00e4ndisch ver\u00f6ffentlicht, ist das Buch\nseitdem in mehreren Auflagen und nun ins Englische \u00fcbersetzt worden. Auf knapp\n800 Seiten werden die Grundfragen der Dogmatik behandelt, wobei die beiden Vf.\nvon der Freien Universit\u00e4t Amsterdam aus einer reformierten, jedoch nicht eng\nkonfessionellen Perspektive schreiben. Die klar gegliederte Darstellung setzt\nmit der Kl\u00e4rung der Frage ein, was Theologie im weiteren und Dogmatik im\neigentlichen Sinne \u00fcberhaupt ist. Das Kapitel gibt Auskunft \u00fcber die drei\nAdressatenkreise der Theologie (die Wissenschaftsgemeinschaft, die Kirche und\ndie Gesellschaft) sowie \u00fcber den Ort der Dogmatik im Zusammenhang der\ntheologischen Disziplinen. In den Prolegomena (Kap. 2) nimmt, im Sinne Barths,\ndas theologische Nachdenken seinen Ausgang vom Glauben, wobei Glaube verstanden\nwird \u201enot [as] a rational exercise but an experience of being known, of being\nfound and being spoken to\u201c (56). Dem Wahrheitsbewusstsein der Moderne wird also\ninsofern Rechnung getragen, dass der Glaube als ein Erschlie\u00dfungsgeschehen\ngefasst wird, das den Menschen in seinem Gottes-, Selbst- und Weltverh\u00e4ltnis\nauslegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den\nmarkanten Grundentscheidungen dieser Dogmatik geh\u00f6rt es, dass nicht das\nVerst\u00e4ndnis der Bibel, sondern die Trinit\u00e4tslehre an den Anfang des Denkweges\ngestellt wird. Dieser Einstieg ist in zweifacher Hinsicht programmatisch: Zum\neinen wird herausgestellt, dass christliche Theologie nicht abstrakt und von\nkeinem anderen Gott reden kann als von dem dreieinigen Gott, der sich in Jesus\nChristus offenbart hat und im Heiligen Geist als gegenw\u00e4rtig bezeugt. Zum\nanderen wird der Anspruch gestellt (und durchgehalten), alle Loci der Dogmatik\ntrinit\u00e4tstheologisch zu entfalten. Erst nach diesen Klarstellungen ist von den\nEigenschaften und vom Wesen Gottes zu reden (Kap. 4) und kann das\nOffenbarungsverst\u00e4ndnis entwickelt werden (Kap. 5). Hier wird bei aller\nReverenz f\u00fcr Barth gleichwohl an einer allgemeinen Gottesoffenbarung\nfestgehalten, um die universale Reichweite der Offenbarung zur Geltung zu\nbringen. <\/p>\n\n\n\n<p>Um einen\nEindruck vom Buch zu erhalten, soll es hier gen\u00fcgen zu zeigen, worin diese\nDogmatik \u00fcber das bereits Gesagte hinaus besondere theologische Akzente setzt.\nZu w\u00fcrdigen ist als erstes, dass die Vf. sich im Sinne einer theologischen\nInterpretation der Bibel durchgehend mit dem Schriftzeugnis im Gespr\u00e4ch\nbefinden. Dabei haben die ausgew\u00e4hlten biblischen Texte die Funktion von\nLeselinsen, d.&nbsp;h. sie sollen die Aufmerksamkeit wecken und den Blick\nsch\u00e4rfen f\u00fcr die Grundlinien der biblischen Offenbarung. Es geht also nicht\ndarum, f\u00fcr eine bestimmte Auffassung m\u00f6glichst viele Belegstellen angeben zu\nk\u00f6nnen, sondern anhand zentraler Texte den Richtungssinn der\nOffenbarungsgeschichte Gottes zu identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres\nKennzeichen dieser Dogmatik liegt darin, dass die theologische Tradition\nwohlwollend, doch nicht unkritisch rezipiert wird. Zugleich erhalten jedoch\nauch die sich in der Gegenwart stellenden Fragen ihr Recht. So wird nach\neingehender Diskussionen der Wandlungen im S\u00fcndenverst\u00e4ndnis der Tendenz widersprochen,\nden S\u00fcndenfall \u2013 im Sinne des Idealismus und Existentialismus \u2013 au\u00dferhalb der\nGeschichte zu verorten, sondern daran festzuhalten, dass die Tragik des B\u00f6sen\neinen definitiven Anfang gehabt haben muss und das B\u00f6se nicht notwendig in der\nEndlichkeit der Sch\u00f6pfung angelegt ist (vgl. 326f). Leider wird nicht deutlich,\nwas das f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des (menschlichen) Todes bedeutet, der in der von\nden Vf. rezipierten Evolutionslehre f\u00fcr die H\u00f6herentwicklung der Arten\nnotwendig ist (Pannenbergs diesbez\u00fcgliche Erw\u00e4gungen bleiben unber\u00fccksichtigt,\nder Kreationismus wird auf S.&nbsp;326 knapp zur\u00fcckgewiesen). Immer wieder wird\ndie Diskussion traditioneller Fragestellungen durchbrochen von \u00dcberlegungen zu\nFragen, die sich dem theologischen Nachdenken in gegenw\u00e4rtiger Verantwortung\nstellen. Zu nennen sind die Ausf\u00fchrungen zum Verh\u00e4ltnis von Trinit\u00e4tslehre und\nislamischem Monotheismus (3.6), zum Verh\u00e4ltnis des christlichen Glaubens zu den\nFremdreligionen (5.6), zur Bedeutung der nichtmenschlichen Kreaturen in \u00f6kologischer\nPerspektive (6.6.) sowie zu Kirche und Gesellschaft (14.10.). Bemerkenswert ist\nauch, dass der Christologie ein eigenes Kapitel zu Israel vorangestellt ist, in\ndem mithilfe der Kategorie des Bundes die Geschichte Gottes mit Israel und die\nSendung Jesu Christi miteinander verbunden werden. Auf das Ansprechen der sich\nmit einer Israel-Theologie verbindenden kontroversen Themen wird nicht\nverzichtet, wobei differenziert und sensibel argumentiert wird: Danach kann\nchristliche Theologie an der Existenz des j\u00fcdischen Volkes nicht vorbeigehen,\nweil die Sendung Jesu nur im Kontext des Gottesbundes mit Israel zu verstehen\nist. Eine R\u00fcckkehr zu Substitutionstheorien (denen zufolge die Kirche an die\nStelle Israels getreten ist) gilt den Vf. als ausgeschlossen, ohne dass daraus\neine unkritische Solidarisierung mit dem heutigen Staat Israel folgt. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf die\nChristologie folgt die in vielen Dogmatiken nicht eigenst\u00e4ndig ausgearbeitete\nPneumatologie, was dem trinit\u00e4tstheologischen Fokus des Bandes Rechnung tr\u00e4gt.\nHier werden zahlreiche Verkn\u00fcpfungen zu anderen Loci der Dogmatik wie zur\nSoteriologie und Ekklesiologie hergestellt, aber auch das Verh\u00e4ltnis von Gaben\nund Frucht des Geistes sowie von Wort und Geist thematisiert. Erst in Kap. 13\nwird die Schriftlehre entfaltet, und das mit dem Anliegen, die Bibel dem prim\u00e4r\nerkenntnistheoretischen Zugriff der Moderne zu entziehen. Vielmehr soll ihre\npneumatologische Wirksamkeit herausgestellt werden (vgl. S. 550f). Die Bibel\nwird als das (Gnaden-)Mittel verstanden, das erm\u00f6glicht, das Geschehen der\nVers\u00f6hnung und Erl\u00f6sung zu verstehen, das in Jesus Christus vollbracht wurde\nund durch das Wirken des Heiligen Geistes zugeeignet wird. In hermeneutischer\nHinsicht favorisieren die Vf. die theologische Interpretation der Schrift (Kevin\nVanhoozer u.&nbsp;a.) mit Jesus Christus als der ordnenden Mitte der Schrift.\nBei aller Differenzierung innerhalb des Schriftzeugnisses d\u00fcrfe dies jedoch\nnicht zu einer scharfen Unterscheidung von Kern- und Randtexten f\u00fchren. Es\n\u00fcberrascht, dass die Vf. die starke N\u00e4he dieses Ansatzes zu Schlatters\nSchriftlehre nicht bemerkt zu haben scheinen (Schlatter wird im gesamten Buch\nnicht erw\u00e4hnt). <\/p>\n\n\n\n<p>In der\nSchriftlehre wie auch an vielen anderen Stellen des Buches zeigt sich, dass die\nVf. von evangelikalen Voraussetzungen her, wie sie im europ\u00e4ischen Raum weithin\ngeteilt werden, argumentieren, wobei sie eine wenn auch nicht unkritische\nWertsch\u00e4tzung des reformierten Erbes erkennen lassen. So wird auf die Erw\u00e4hlung\nals Topos der Heilslehre erst in Kap. 15.9. eingegangen. Dabei wird die\naltreformierte Lehrauffassung referiert, bevor die Weiterentwicklung der\nErw\u00e4hlungslehre bei Barth kommentiert, sie schlussendlich aber auch kritisiert\nwird. In der Lehre von der Heilsaneignung wird der Trennung von Rechtfertigung\nund Heiligung dadurch gewehrt, dass beide Lehrkreise im Anschluss an Calvin\ndurch das Motiv der \u201ePartizipation\u201c miteinander verbunden werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt\n\u00fcberwiegt das Bem\u00fchen, das \u201eBeste\u201c verschiedener dogmatischer Traditionen und\ntheologischer Entw\u00fcrfe der Gegenwart miteinander zu einem in den\nGrundentscheidungen deutlich konturierten, in vielen Einzelfragen aber\ngespr\u00e4chsoffenen Programm zu verbinden. Dabei ist nicht zu \u00fcbersehen, dass\nreformierte Theologen wie Hendrikus Berkhof und Karl Barth st\u00e4rker als andere\nrezipiert worden sind, was die Vf. nicht darin hindert, auch diese\nGew\u00e4hrsm\u00e4nner (z.&nbsp;B. an signifikanten Stellen) zu kritisieren. Sicherlich\nwerden Theologen Passagen bzw. Aussagen finden, denen sie nicht zuzustimmen\nverm\u00f6gen. Das ist bei einem Werk dieses Umfangs und Anspruchs unvermeidlich\n(und war bei mir der Fall bei manchen eher vagen Aussagen zur menschlichen\nSexualit\u00e4t auf S. 283f. oder bei der Erw\u00e4hnung von \u201eDeuterojesaja\u201c). Gleichwohl\nist das Buch erkennbar vom Anliegen der Vf. getragen, zum Nachdenken anzuregen,\nnicht jedoch Streit vom Zaun zu brechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Zur\nhervorragenden Lese- und Nutzerfreundlichkeit des Buches tr\u00e4gt u.&nbsp;a. der\nWechsel von Passagen im Normaldruck mit solchen im Kleindruck bei, wobei\nLetztere in der Regel eine Diskussion ausschnittsweise vertiefen oder\nwirkungsgeschichtlich wichtige Beitr\u00e4ge zur Diskussion knapp kommentieren. Die\nim Kapitel erw\u00e4hnte Literatur wird jeweils am Kapitelende aufgef\u00fchrt; h\u00e4ufig\nherangezogene Werke sind mit K\u00fcrzel genannt, die am Ende des Buches in einer\nBibliographie von Standardwerken aufgel\u00f6st sind. Jedes Kapitel beginnt mit\nAngabe der Lernziele sowie einigen Gedanken und Arbeitsauftr\u00e4gen, die einen\nZugang zum Thema von lebensweltlichen Anschlusspunkten aus er\u00f6ffnen sollen.\nSchlie\u00dflich verf\u00fcgt das Buch \u00fcber ausf\u00fchrliche Register. So wirkt die Anlage\ndes Bandes klug durchdacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Entstanden\nist ein Studienbuch mit transparenter theologischer Positionierung, die im\nGespr\u00e4ch mit unterschiedlichen Positionen begr\u00fcndet wird. Genauer gesagt: Der\nLeser wird \u2013 im Sinne eines Entwurfs \u2013 orientiert, insofern die Vf. sich zu\nGrundentscheidungen reformatorischer und erwecklicher Theologie bekennen, sie\ndabei jedoch stets \u2013 im Sinne eines Studienbuchs \u2013 unterschiedliche\nAuffassungen pr\u00e4sentieren und kommentieren, wobei diese Darlegungen h\u00e4ufig\n(nicht immer) in die \u2013 moderat vorgetragene \u2013 eigene Positionierung einm\u00fcnden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der\nholl\u00e4ndische Entstehungskontext des Buches muss sich m.&nbsp;E. nicht\nrezeptionsbegrenzend auswirken, schon gar nicht im kulturell verwandten\ndeutschsprachigen Raum. Nicht ohne weiteres auf Deutschland \u00fcbertragbar sind\nlediglich die Ausf\u00fchrungen dazu, wie die akademische Besch\u00e4ftigung mit der\nTheologie in den Niederlanden organisiert ist. Dass immer wieder auf\nholl\u00e4ndische Autoren (neben Berkhof v.&nbsp;a. A.&nbsp;A.&nbsp;van&nbsp;Ruler)\nverwiesen wird, d\u00fcrfte eher bereichernd als begrenzend wirken, zumal die\ndeutsche theologische Diskussion (neben Barth v.&nbsp;a. W.&nbsp;Pannenberg und\nE.&nbsp;J\u00fcngel) stets im Blick ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dem Band ist eine weite Verbreitung an evangelikalen Ausbildungsst\u00e4tten und unter Theologen, die im Dienst von Kirche und Gemeinde stehen, zu w\u00fcnschen. Was das Buch leistet, ist in seiner Bedeutung nicht zu untersch\u00e4tzen: Von evangelikalen Grundentscheidungen her werden, unter Anerkennung der Autorit\u00e4t der Bibel, in didaktisch vorbildlicher Weise die Grundz\u00fcge einer christlichen Dogmatik entwickelt, und zwar in best\u00e4ndigem Gespr\u00e4ch mit der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte und der hiesigen theologischen Diskussion. Was das Format einb\u00e4ndiger Dogmatiken auf dem gehobenen Einf\u00fchrungsniveau angeht, d\u00fcrfte sich dieser Band als Standardwerk etablieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cornelius van der Kooi \/ Gijsbert van den Brink: Christian Dogmatics. 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