{"id":698,"date":"2018-10-13T13:33:12","date_gmt":"2018-10-13T13:33:12","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=698"},"modified":"2018-10-13T13:33:14","modified_gmt":"2018-10-13T13:33:14","slug":"thomas-bauer-warum-es-kein-islamisches-mittelalter-gab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=698","title":{"rendered":"Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Bauer: <em>Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient<\/em>, M\u00fcnchen: Beck, 2018, geb., 175 S., \u20ac 22,95, <a href=\"https:\/\/www.chbeck.de\/bauer-islamisches-mittelalter-gab\/product\/24506373\">ISBN 978-3-406-72730-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Wenzel_Bauer.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel h\u00e4lt die zentrale\nThese des Buches fest. Diese These erscheint so einfach und nachvollziehbar,\nwenn sie von Thomas Bauer nach und nach erl\u00e4utert und begr\u00fcndet wird. Man\nwundert sich geradezu, warum sie nicht schon viel fr\u00fcher vertreten wurde. So\nselbstverst\u00e4ndlich ist es, dass Begriffe wie Mohammedaner oder Neger nicht mehr\ngebraucht werden, so naheliegend ist es, \u201eislamisches Mittelalter\u201c aus dem\nWortschatz zu streichen. Damit leitet Bauer sein Vorwort ein. Ob diese beiden\nFragen wirklich auf der gleichen Ebene liegen, mag man diskutieren. Das\nInteresse f\u00fcr die folgenden Seiten ist auf jeden Fall geweckt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die\nUnangemessenheit einer Rede von einem islamischen Mittelalter legt der\nVerfasser in seinem <strong>ersten Kapitel<\/strong>\n\u201eDas \u201aislamische Mittelalter\u201c: Sechs Gr\u00fcnde dagegen\u201c (11\u201331) eindr\u00fccklich dar.\nDer Begriff ist unpr\u00e4zise, da weder \u201eislamisch\u201c noch \u201eMittelalter\u201c Klarheit\nbringen hinsichtlich der Frage, was damit gemeint ist. Au\u00dferdem verleitet er zu\nFehlschl\u00fcssen, so als ob diese Zeit besonders religi\u00f6s war bzw. alle\nLebensbereiche vom Islam dominiert waren. Diese Kritik ist nicht zuletzt von\ndem getragen, was Bauer in seinem Buch <em>Die\nKultur der Ambiguit\u00e4t<\/em>. <em>Eine andere\nGeschichte des Islams<\/em>, Berlin: Insel, 2011 entfaltet hat (vielleicht sollte\nman die beiden B\u00fccher gemeinsam lesen). Drittens kann dieser Begriff im\nHinblick auf diese Zeit negativen Konnotationen hervorrufen, wenn \u201emit dem <em>Mittelalter<\/em> [&#8230;] ja auch keine reale\nEpoche gemeint [ist], sondern ein \u00fcberzeitliches Ph\u00e4nomen der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit\nund des religi\u00f6sen Fanatismus\u201c (20). Viertens vollzieht sich mit dem Gebrauch\ndes Begriffs eine Exotisierung, die gleichzeitig distanzierend und usurpierend\nwirkt. F\u00fcnftens leistet er einer eurozentrischen Perspektive Vorschub,\npr\u00e4sentiert eine europ\u00e4ische Entwicklung als erstrebenswert oder gar als Norm.\nZuletzt ist der Begriff \u201eMittelalter\u201c schon f\u00fcr den europ\u00e4ischen Kontext\ndurchaus umstritten und nicht unbedingt hilfreich, \u201eEin Begriff ohne sachliche\nGrundlage\u201c (28). Am Ende des Buches schlussfolgert er noch, dass die\nBezeichnung den Blick auf \u201edie wirklichen Epochengrenzen\u201c verstellt (149). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem\nBauer den Begriff dekonstruiert hat, beleuchtet er im <strong>zweiten Kapitel<\/strong> unter der \u00dcberschrift \u201eOrient und Okzident im\nVergleich: Von \u201aAnalphabetismus\u2018 bis \u201aZiffern\u2018\u201c (33\u201377) anhand von 26\nBeispielen die Unterschiede zwischen Orient und Okzident. Manche Eintr\u00e4ge sind\nsehr eindr\u00fccklich (wie Analphabetismus, B\u00e4der oder Glas). Andere wirken\nmissverst\u00e4ndlich (wie Erbs\u00fcndenlehre). Bauer malt ein Bild von heilsgewissen\nMuslimen, die nicht ernsthaft mit H\u00f6llenstrafen rechneten. Das hat mich nicht\n\u00fcberzeugt, gerade auch weil Bauer selbst eingesteht, dass Furcht vor dem\nJ\u00fcngsten Gericht durchaus verbreitet war (41). Auch w\u00e4re noch einmal zu \u00fcberlegen,\nob sich die Juden in der islamischen Welt wirklich \u201eauf ein hohes Ma\u00df an\nAutonomie\u201c (50) berufen konnten. Die Willk\u00fcr ihnen gegen\u00fcber mag in Europa zwar\ngr\u00f6\u00dfer gewesen sein, aber so rosig scheint mir das Bild nicht zu sein, wie\nBauer es zeichnet. Insbesondere halte ich es f\u00fcr unangemessen davon zu reden,\ndass der Islam sich lediglich \u201eneben das Christentum und die noch \u00fcbrigen\nanderen Religionen stellte und damit die antike Religionspluralit\u00e4t wenigstens\nin gewissem Ma\u00dfe wiederherstellte\u201c (76). Erhellend dagegen erscheint die\nBeobachtung: \u201e<em>Bewahrung und\nFortentwicklung<\/em> der antiken Kultur kennzeichnen somit den Osten, weshalb es\ndort auch keine Renaissance geben konnte: Wo nichts gestorben ist, kann auch\nnichts wiederbelebt werden\u201c (75) zusammen. Dieser Spur sollte man folgen, weil\nsie fruchtbare Fragen provoziert und bemerkenswerte Perspektiven er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das <strong>dritte Kapitel<\/strong> \u201eAuf der Suche nach dem\nganzen Bild: Vom Mittelmeer bis zum Hindukusch\u201c (79\u2013117) beleuchtet die Frage\neiner Epochenkonstruktion von verschiedenen Seiten. Bauer stellt eine Liste von\nKriterien zusammen, die in ihrer Summe \u00fcberzeugend sind, auch wenn man \u00fcber\nmanche Aspekte diskutieren kann. Eine Epochenbezeichnung sollte wertungsfrei,\ngro\u00dfr\u00e4umig, umfassend lebenspr\u00e4gend und endg\u00fcltig \/ dauerhaft sein. Durch diese\nVorgabe schr\u00e4nkt er die Bedeutung von Politik, milit\u00e4rischen Erfolgen,\nEreignisgeschichte und Religion f\u00fcr die Identifizierung und Beschreibung einer\nEpoche ein. Es geht ihm darum, dass Auswirkungen von Ver\u00e4nderungen \u201eallgemein\ngeworden sind\u201c (vgl. 154). Der Blick richtet sich damit auf l\u00e4ngerfristige\nProzesse, Prozesse \u201eder Transformation und Reife, die irgendwann zu etwas Neuen\nf\u00fchren, das als Ausgangspunkt einer neuen Epoche gelten kann\u201c (115). Mit dem\nGedanken eines Merkmalsb\u00fcndel nimmt Bauer Anleihen bei der Linguistik und\nschafft einen fruchtbaren Rahmen f\u00fcr die Diskussion. Auf diesem Hintergrund\nkommt er dann zum Schluss, dass sowohl in Europa wie in Westasien \u201e<em>eine Transformation der\nromano-graeco-iranischen Antike<\/em>\u201c (107) stattfindet. Seine Perspektive ist\ndabei stark von einem Interesse an einer Literaturgeschichte gepr\u00e4gt (vgl.\n107\u2013114). Die Rede von einer formativen Periode lenkt den Blick von einer\nwesenhaften Begrifflichkeit hin zu einer prozesshaften (112).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angeregt und\nausgehend von Garth Fowdens Epoche eines ersten Jahrtausends (sowie seinen\nprophetischen, skripturalen und exegetischen Phasen; in <em>Before and After Muhammad, The First Millennium Refocused, <\/em>Princeton:\nUP, 2013) entfaltet Bauer im <strong>vierten\nKapitel<\/strong> \u201eDie islamische Sp\u00e4tantike: Die formative Periode der islamischen\nWissenschaften\u201c (119\u2013148) seine \u00dcberzeugung, dass man eine Epochengrenze um das\nJahr 1050 annehmen sollte. Die \u00dcbersicht auf S. 122f fasst anschaulich zusammen\nwie in verschiedenen Wissensgebieten eine Synthese fr\u00fcherer Diskurse\nstattfindet und als Grundlage f\u00fcr folgende dient. So spricht Bauer von einer\nformativen Phase (bis ins 11.\u00a0\/\u00a012.\u00a0Jh), einer nachformativen\nPhase \u201emit einer kontinuierlichen Entwicklung der einzelnen Wissenschaften\u201c\n(12.\u201319.\u00a0Jh) und einer Phase, die durch die Auseinandersetzung mit der\nglobalisierten Moderne gekennzeichnet ist (140). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An manchen Stellen \u00fcberdehnt der Verfasser seine These vielleicht. Manche pauschale Aussage mag eine rhetorische Zuspitzung sein, wie etwa: \u201eIn der Tat hat die Rede vom \u201aislamischen Mittelalter\u2018 keinen anderen Sinn, als die europ\u00e4ische Deutungshoheit \u00fcber die Weltgeschichte zum Ausdruck zu bringen\u201c (77), oder: \u201eDass der Begriff des Mittelalters hier nur f\u00fcr gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Vernebelung sorgt, ist offensichtlich\u201c (141). An manchen Stellen h\u00e4ufen sich die Pauschalisierungen und stehen in der Gefahr, gr\u00f6\u00dfere Teile der Argumentation zu diskreditieren. Manch notwendige Differenzierung kommt etwas kurz oder erh\u00e4lt keinen Raum im Buch. Alles in allem liegt aber zweifelsfrei mit diesem Buch ein wertvoller Beitrag zu einer \u00fcberf\u00e4lligen Diskussion vor. Bauer provoziert an einigen Stellen. Der Beitrag ist auf jeden Fall anregend, engagiert und gut nachvollziehbar geschrieben und fordert zum Weiterdenken heraus, ja, es ist eine Einladung zum Um- und Querdenken. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Heiko Wenzel, Professor f\u00fcr Altes Testament an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient, M\u00fcnchen: Beck, 2018, geb., 175<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":662,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-698","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-systematische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/698","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=698"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":699,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/698\/revisions\/699"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}