{"id":700,"date":"2018-10-13T13:35:54","date_gmt":"2018-10-13T13:35:54","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=700"},"modified":"2018-10-13T13:35:56","modified_gmt":"2018-10-13T13:35:56","slug":"boris-guebele-deus-vult-deus-vult","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=700","title":{"rendered":"Boris G\u00fcbele: Deus vult, Deus vult"},"content":{"rendered":"\n<p>Boris G\u00fcbele: <em>Deus vult, Deus vult. Der christliche heilige Krieg im Fr\u00fch- und Hochmittelalter<\/em>, Mittelalter-Forschungen 54, Ostfildern: Jan Thorbecke, 2018, geb. mit Schutzumschlag, 452 S., \u20ac 50,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.thorbecke.de\/deus-vult-deus-vult-p-2315.html\">ISBN 978-3-7995-4377-4<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Treusch_Guebele.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Im November 1095 rief Papst Urban\u00a0II. in Clermont dazu auf, ins\nHeilige Land zu ziehen, und die dort versammelte Menschenmenge antwortete mit\n\u201eGott will es\u201c \u2013 die Geburtsstunde des Ersten Kreuzzugs. Doch war dieser\nKreuzzug ein \u201eheiliger Krieg\u201c und wie kam es zur Idee vom heiligen Krieg im\nChristentum? Dieser Frage widmet sich die geschichtswissenschaftliche, f\u00fcr die\nPublikation leicht \u00fcberarbeitete Dissertation von Boris G\u00fcbele, mit der er 2013\nan der Universit\u00e4t Stuttgart promoviert wurde und die nun in der einschl\u00e4gigen\nReihe \u201eMittelalter-Forschungen\u201c erschien. <\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcbele sucht nicht als erster\neine Antwort auf die Frage nach dem heiligen Krieg, doch konzentriert er sich\nauf die inhaltliche Entwicklung des Gedankens und bietet einen Gang durch die\nIdeen-Geschichte in \u2013 mit Einleitung (Kap. 1), Res\u00fcmee (Kap. 23) und Quellen-\nund Literaturverzeichnis (Kap. 24) \u2013 24 Kapiteln. Er beginnt in der Sp\u00e4tantike\nbei Konstantin dem Gro\u00dfen und Augustinus (Kap. 2) und verfolgt die Idee des\nheiligen Krieges \u00fcber Papst Gregor I. (Kap. 3), die byzantinische Tradition\n(Kap. 4\u20135) und fr\u00fchmittelalterliche Zeugnisse (Kap. 7\u201310) bis zu Quellen aus\nder unmittelbaren Vor- und Zeitgeschichte des Ersten Kreuzzugs im\n11.\u00a0Jahrhundert (Kap. 11\u201321) und zu Bernhard von Clairvaux (Kap. 22). Der\nAufbau zeigt die Intention, einen gr\u00fcndlichen, chronologischen Durchgang durch\ndie Jahrhunderte und wichtigsten Quellen zu geben, doch wirkt er aufgrund der\nunterschiedlichen L\u00e4nge der Kapitel etwas unausgewogen: So umfasst das Kapitel\nzum Krieg in der byzantinischen Tradition (Kap. 4) mehr als 50 Seiten mit 12\nUnterabschnitten, w\u00e4hrend andere Kapitel nur drei bis vier Seiten umfassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Einleitend (Kap. 1) gibt\nG\u00fcbele einen \u00dcberblick \u00fcber die bisherigen Versuche, einen \u201eheiligen Krieg\u201c zu\ndefinieren, auch in Abgrenzung zum \u201egerechten Krieg\u201c oder \u201eReligionskrieg\u201c.\nDabei charakterisiert der Autor selbstbewusst die bisherige Forschung als \u201eoft\nallzu oberfl\u00e4chlich, allzu pauschalisierend\u201c (13). Er selbst will auf eine\nDefinition verzichten, da das Ziel der Arbeit sein soll, \u201enach ausgiebiger\nAuseinandersetzung mit den Quellen zu einem eigenen Verst\u00e4ndnis von \u201aheiligem\nKrieg\u2018 zu gelangen, das eben so aussehen k\u00f6nnte, dass Krieg als heiliges\nHandeln verstanden wird, so, wie wenn ein Gottesdienst zelebriert wird\u201c (24).\nDamit gibt G\u00fcbele bereits eine (vorl\u00e4ufige) Definition, die sich im Lauf der\nUntersuchung best\u00e4tigt und die auch notwendige Voraussetzung daf\u00fcr ist, um bei\nden im Folgenden untersuchten Quellen zu beurteilen, inwiefern in diesen die\nIdee eines heiligen Krieges vorliegt. <\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcbele verfolgt die Genese\neines christlichen heiligen Krieges auf inhaltlich-motivischer Ebene von\nbiblischen Einzelaussagen bis ins 11.\u00a0Jahrhundert und untersucht dazu\nTexte \u201evon Historiographie bis Poesie, von Briefen bis Romanen, von Inschriften\nbis hin zu Miniaturen\u201c (25), aber auch Bildquellen, mit Schwerpunkt auf der\nwestlichen Tradition. Das Vorhaben ist gro\u00df, und der Verfasser zeigt auf den\nfolgenden 400 Seiten und in den 2425 Fu\u00dfnoten eine breite Kenntnis der Quellen\nsowie der einschl\u00e4gigen Forschung. Der flie\u00dfende \u00dcbergang zwischen dem\nReferieren der Quellen im Blick auf das Themenfeld der Sakralisierung des\nKrieges und der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur macht die\nLekt\u00fcre aber nicht immer leicht. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Analyse der Quellen\nkommt G\u00fcbele zu \u00fcberzeugenden Thesen: So bildete die byzantinische Tradition,\ninsbesondere in der \u00dcberlieferung zu Kaiser Herakleios\u2019 Feldzug gegen die\nPerser (51\u2013106), einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Idee vom\nheiligen Krieg, denn hier konnte Krieg nicht nur innerhalb eines religi\u00f6sen\nKontexts verstanden, sondern sogar sakralisiert werden. \u201eDie angef\u00fchrten\nTextstellen zeigen, dass das byzantinische Reich im siebten Jahrhundert eine\nVorstellung gekannt haben d\u00fcrfte, die der eines heiligen Krieges \u00e4u\u00dferst\n\u00e4hnlich war\u201c (75). Auch wenn Einfl\u00fcsse auf den Westen nur schwer nachweisbar\nsind, ist G\u00fcbeles These plausibel, \u201edass die Entstehung einer Idee vom heiligen\nKrieg in Lateineuropa von Byzanz beeinflusst worden sein k\u00f6nnte\u201c (106), und es\nist eine St\u00e4rke der Arbeit, die \u00f6stliche Tradition und ihre Rezeption in der\nwestlichen Christenheit erarbeitet zu haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wird der heilige Krieg als\nreligi\u00f6ses Handeln verstanden, dann \u201el\u00e4sst sich im fr\u00fchen Mittelalter\nallerdings noch kein echter heiliger Krieg innerhalb der lateinischen\nChristenheit ausmachen\u201c (242). Aus der Verbindung von liturgischem Handeln\n(Gottesdienstfeier, Segnung von Waffen u.\u00a0a.) und Kriegshandeln sieht der\nVerfasser aber den Gedanken des christlichen heiligen Kriegs hervorgehen, und\nzwar im Verlauf des 11.\u00a0Jahrhunderts, an dessen Ende der Aufruf Papst\nUrbans\u00a0II. steht. Unter Ber\u00fccksichtigung von religi\u00f6sen Elementen\n(Martyrium, Gottes Wille, Ablassgedanke, Heilige Lanze u.\u00a0a.) und\nliturgischen Handlungen kann daher der Erste Kreuzzug als heiliger Krieg\ngelten: \u201eIm Empfinden der Menschen konnte Krieg hier wirklich zum Gottesdienst\nwerden, konnte er sakrales Handeln darstellen, konnte der Zug in die Schlacht\nzur Prozession, der gefallene Krieger zum M\u00e4rtyrer, der K\u00e4mpfer zum Pilger\nwerden\u201c (374). <\/p>\n\n\n\n<p>Hier bedient sich der Autor\neines theologischen Vokabulars, w\u00e4hrend er im Res\u00fcmee die Definition von\n\u201eheilig\u201c (\u201eDiese Thematik w\u00fcrde gewiss allzu sehr in den Bereich der Theologie\nhineinreichen\u201c, 388) zugunsten einer kontext- und zeitbedingten Ann\u00e4herung an\nIdee und Begriff des heiligen Kriegs vermeidet. Auch abschlie\u00dfend f\u00e4llt er ein\ntheologisches Urteil: \u201eAus der einst eher pazifistisch gesinnten christlichen\nReligion war eine Religion des Krieges geworden, aus Christus ein Kriegsf\u00fcrst\u201c\n(398). Ob diese Deutung zutrifft, sei dahingestellt; mit Recht aber hat G\u00fcbele\ndie Bedeutung des 11.\u00a0Jahrhunderts f\u00fcr die Idee des heiligen Krieges\nherausgearbeitet und aus den Quellen eine Definition von heiligem Krieg\nabgeleitet: \u201eErst dann, wenn der Krieg selbst als heilige Handlung aufgefasst\nwird, kann man meiner Ansicht nach von einem heiligen Krieg sprechen. [&#8230;]\nWenn Krieg zum Gottesdienst, ja zur Eucharistiefeier wird, dann handelt es sich\ngewiss um einen heiligen Krieg\u201c (393). Hier w\u00fcrde der theologisch interessierte\nLeser gerne mehr wissen; doch geh\u00f6ren die dezidiert theologischen Schriften zu\nKreuzz\u00fcgen und Kreuzzugskritik, abgesehen von einem kurzen Abschnitt zu\nBernhard von Clairvaux (377\u2013382), nicht mehr zum Untersuchungsgegenstand der\nArbeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gang durch die Jahrhunderte und Quellen sowie in der Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur ist die Arbeit detailreich. Der Leser wird ihr am ehesten gerecht, wenn er die Thesen G\u00fcbeles nachvollzieht und zugleich die Arbeit als Anregung versteht, die Quellen selbst zu lesen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boris G\u00fcbele: Deus vult, Deus vult. 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