{"id":702,"date":"2018-10-13T13:38:10","date_gmt":"2018-10-13T13:38:10","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=702"},"modified":"2018-10-13T13:38:12","modified_gmt":"2018-10-13T13:38:12","slug":"bernard-mcginn-die-mystik-im-abendland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=702","title":{"rendered":"Bernard McGinn: Die Mystik im Abendland"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bernard McGinn: <em>Die Mystik im Abendland. Bd. 6\/1: Verzweigung. Protestantische Mystik (1500\u20131650)<\/em>, Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Bernardin Schellenberger, Freiburg\/Basel\/Wien: Herder, 2017, geb., 368 S., \u20ac 65,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/religion-theologie-shop\/die-mystik-im-abendland-taschenbuch\/c-25\/p-1975\/\">ISBN 978-3-451-37852-2<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Treusch_McGinn.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch im Reformationsjubil\u00e4umsjahr 2017 erschien die deutsche \u00dcbersetzung\ndes vorliegenden Bands, der passenderweise die Mystik bei Martin Luther und den\nReformatoren des 16. Jahrhunderts zum Thema hat. Bernard McGinn, emeritierter\nProfessor f\u00fcr Kirchengeschichte an der Universit\u00e4t Chicago, legt damit den\nersten Teil des sechsten Bandes seiner umfassenden Darstellung der abendl\u00e4ndischen\nMystik vor. In deutscher \u00dcbersetzung erschienen seit 1994 bereits f\u00fcnf B\u00e4nde,\nvon den Anf\u00e4ngen der westlichen Mystik (Bd.\u00a01) \u00fcber die hoch- und\nsp\u00e4tmittelalterliche \u201eEntfaltung\u201c und \u201eBl\u00fcte\u201c christlicher Mystik\n(Bd.\u00a02\u20135). Mit Band 6\/1 zur \u201eProtestantischen Mystik (1550\u20131650)\u201c beginnt\nnun der letzte Band. Der soeben (Juli 2018) erschienene zweite, mit 512 Seiten\ndeutlich umfangreichere Teilband widmet sich der katholischen Mystik in Spanien\n(Bd.\u00a06\/2), der noch ausstehende dritte Teilband der katholischen Mystik in\nFrankreich, Italien und Deutschland (Bd.\u00a06\/3), woran sich erkennen l\u00e4sst,\ndass die protestantische Mystik nur einen kleinen Teil der abendl\u00e4ndischen\nMystik-Tradition darstellt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch gibt es \u00fcberhaupt eine\nprotestantische Mystik? Das war, zumindest bis in die zweite H\u00e4lfte des 20.\nJahrhunderts, heftig umstritten, und das historisch spannungsreiche Verh\u00e4ltnis\nvon Protestantismus und Mystik spricht der Autor auch an. Er habe diesen Band\n\u201ein zum Teil polemischer Absicht geschrieben; das hei\u00dft, es sollte damit\ndenjenigen protestantischen Theologen (sowie auch ihren katholischen\nSympathisanten) widersprochen werden, die behaupten, der protestantische Zweig\ndes Christentums stehe der Mystik ablehnend gegen\u00fcber\u201c (348). Damit\npositioniert sich McGinn klar f\u00fcr eine protestantische Mystik und vertritt die\nThese, \u201edass die Reformation nicht das Ende, sondern eine Neueinsch\u00e4tzung des\nmystischen Elements mit sich brachte\u201c (8). Zu fragen ist freilich, was \u201eMystik\u201c\nbezeichnet. McGinn entscheidet sich pragmatisch f\u00fcr eine offene Definition von\nMystik als Bewusstsein der Gegenwart Gottes (der englische Obertitel lautet\nentsprechend: \u201eThe Presence of God\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mag man auch die weite\nMystik-Definition kritisieren, unter die letztlich alle Formen intensiv\ngelebter Fr\u00f6mmigkeit zu fallen drohen, so ist Martin Luther mit Recht der erste\nauf eine protestantische Mystik zu befragende Autor. So beginnt McGinn nach\nVorwort, Abk\u00fcrzungsverzeichnis und einer Einf\u00fchrung in die Reformationszeit\n(7\u201333) mit der Untersuchung der Mystik bei Martin Luther und Johannes Calvin\n(Kap.\u00a01, 34\u201387), bevor er sich der Mystik in der radikalen Reformation von\nAndreas Karlstadt \u00fcber Thomas M\u00fcntzer bis Valentin Weigel (Kap.\u00a02, 88\u2013175)\nund \u201ezwei lutherischen Mystikern\u201c, Johann Arndt und Jakob B\u00f6hme (Kap.\u00a03,\n176\u2013247), zuwendet. Das letzte Kapitel widmet er der vielf\u00e4ltigen Mystik, die\nbis 1650 aus der englischen Reformation hervorging (Kap.\u00a04, 248\u2013347). Da\nhier nur ein Teilband vorliegt, beschr\u00e4nkt sich McGinn auf ein knappes\nSchlusswort (348\u2013350), dem das Literaturverzeichnis (351\u2013365) und ein\nNamenregister (366\u2013368) folgen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">McGinn fragt bewusst\ntheologisch, nicht literatur- oder kulturwissenschaftlich, nach der\nabendl\u00e4ndischen Mystik, und wie in den vorausgehenden B\u00e4nden gelingt es ihm,\nbei den ausgew\u00e4hlten Autoren Mystik-Verst\u00e4ndnis und die Rezeption mystischer\nTraditionen differenziert und auf breiter Kenntnis von Quellen und\nForschungsliteratur darzustellen, wobei er jeden Autor biographisch und\ntheologiegeschichtlich einordnet und klare Thesen vertritt. So stellt McGinn\nLuthers fr\u00fche Besch\u00e4ftigung mit Mystik-Themen zun\u00e4chst vor, versteht ihn aber\nnicht als Mystiker. Luther \u201ef\u00fcgte eher bestimmte Aspekte der Mystik in den\nKontext seiner neuen evangelischen Kreuzestheologie ein\u201c (36). Er pl\u00e4diert daf\u00fcr,\n\u201esich Luther so vorzustellen, dass er zur Mystik eine Beziehung des Ja und Nein\ngehabt habe, das hei\u00dft, dass er sie f\u00fcr manches verwendet, aber sie auch in\nmancher Hinsicht abgelehnt hat\u201c (348). McGinn zeigt, dass auch die radikalen\nReformatoren in ihrer gemeinsamen \u201eBetonung der innerlichen Religion\u201c (173) die\nsp\u00e4tmittelalterliche deutsche Mystik rezipierten, \u201eaber zugleich weiter in\nRichtung eines energischen Anti-Institutionalismus gingen, der den\nmittelalterlichen Mystikern des Mainstreams fremd war\u201c (349). Johann Arndt\ndagegen gelang die \u201eIntegration der Mystik in die Lutherische Tradition\u201c (177)\nund er war \u201ein der Geschichte der fr\u00fchmodernen Mystik eine originelle Stimme\u201c\n(207), w\u00e4hrend Jakob B\u00f6hmes Schriften auch bei McGinn ein Sonderfall der (lutherischen)\nMystik bleibt.F\u00fcr die englische\nReformation zeigt McGinn zwei unterschiedliche Traditionsstr\u00e4nge auf, die\n\u201eanglikanische Mystik-Poesie\u201c (266) bei John Donne, George Herbert u.\u00a0a.,\nund eine puritanische Mystik, die st\u00e4rker das Motiv der Verm\u00e4hlung des\nGl\u00e4ubigen mit Christus und die mystische Auslegung des Hohelieds aufnahm. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">McGinn stellt damit wichtige\nVertreter einer Mystik bzw. einer Mystik-Rezeption im fr\u00fchen Protestantismus\nvor mit dem Ziel, \u201ezu zeigen, dass die Kategorie der protestantischen Mystik\nnicht falsch, sondern durchaus zutreffend ist. [&#8230;]Die reiche Vielfalt der protestantischen religi\u00f6sen Denker, die\nnach einem tieferen und sie verwandelnden Kontakt mit Gott suchten, ist ein\nguter Grund daf\u00fcr, zu vertreten, dass die protestantische Mystik eine\nnotwendige Kategorie ist\u201c (350). Diese These zieht sich als roter Faden durch\ndie Untersuchung und f\u00fchrt zu einer gelungenen, forschungsges\u00e4ttigten\nDarstellung, die auch neueste Arbeiten im ausf\u00fchrlichen Literaturverzeichnis\n(351\u2013365) nennt, das naturgem\u00e4\u00df etwas st\u00e4rker die englisch- als die\ndeutschsprachige Literatur (genannt werden z.\u00a0B. Arbeiten von Berndt Hamm,\nHeinz Schilling, Johannes Wallmann) ber\u00fccksichtigt. Die Studie ist auch\nsprachlich eing\u00e4ngig, was sowohl dem Schreibstil McGinns geschuldet ist als\nauch der sorgf\u00e4ltigen \u00dcbersetzung von Bernardin Schellenberger, der bereits die\nB\u00e4nde 3 bis 5 ins Deutsche \u00fcbertragen hat. Nur die Eigennamen f\u00fchrt die\n\u00dcbersetzung nicht einheitlich (deutsch, latinisiert oder landessprachlich) an, und\ndie englische K\u00f6nigin wird als \u201eElisabeth\u201c und \u201eElizabeth\u201c (250f) ausgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indem McGinn die genannten Mystiker und ihre Schriften konsequent in die theologiegeschichtliche Entwicklung, hier die Reformation und Konfessionalisierung, einordnet, erg\u00e4nzt seine \u201eMystik im Abendland\u201c bereits vorliegende gro\u00dfe Darstellungen wie die von Kurt Ruh oder Peter Dinzelbacher. Dabei muss der vorliegende Teilband zwar im Kontext der anderen B\u00e4nde verstanden, kann aber ohne Schwierigkeit als Einzelband gelesen werden. Der protestantische Leser freilich bedauert, dass mit Band 6 bzw. um das Jahr 1650 McGinns Darstellung ein Ende findet. Denn die spannende Frage, inwiefern der Pietismus mystische Traditionen rezipiert oder gar selbst als (auch) mystische Bewegung gelten kann, bleibt damit unbeantwortet und harrt einer kundigen Darstellung wie der von McGinn. <em><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard McGinn: Die Mystik im Abendland. Bd. 6\/1: Verzweigung. 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