{"id":707,"date":"2018-10-13T13:52:19","date_gmt":"2018-10-13T13:52:19","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=707"},"modified":"2018-10-13T13:52:21","modified_gmt":"2018-10-13T13:52:21","slug":"harry-oelke-wolfgang-kraus-u-a-hg-martin-luthers-judenschriften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=707","title":{"rendered":"Harry Oelke, Wolfgang Kraus u. a. (Hg.), Martin Luthers \u201eJudenschriften\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Harry Oelke, Wolfgang Kraus u. a. (Hg.), <em>Martin Luthers \u201eJudenschriften\u201c. Die Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert<\/em>, AKIZ.B 64, G\u00f6ttingen: V&amp;R, 2015 [2016], geb., 338 S., \u20ac 80,\u2013; E-Book \u20ac 65,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/4601\/martin-luthers-judenschriften?c=1466\">ISBN 978-3-525-55789-1<\/a> \u2014 <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/4601\/martin-luthers-judenschriften?c=1466\">ISBN 978-3-647-55789-2 (E-Book)<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Eber_Oelke.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Dies ist ein Buch von gleichbleibender Aktualit\u00e4t! Auch nach dem\nReformationsjubil\u00e4um 2017 wird in der \u00d6ffentlichkeit immer wieder gerade nach\ndiesem Lutherthema gefragt werden: Wie stellte sich Martin Luther zu den Juden,\nspeziell in seinen Judenschriften? Bei der Behandlung dieses Inhalts in vielen\npopul\u00e4rwissenschaftlichen und breitenwirksamen Beitr\u00e4gen wurde schon in den\nletzten Jahren ausreichend Porzellan zerschlagen \u2013 das wei\u00df jeder, der die\nMedien beobachtet hat. So wurde sogar der Lutheraner Johann Sebastian Bach als\nAntisemit apostrophiert (vgl. Barbara M\u00f6ller in <em>Die Welt<\/em> vom 25.6.2016 \u00fcber die Ausstellung \u201eLuther, Bach \u2013 und die\nJuden\u201c im Bachhaus Eisenach).<\/p>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Aufsatzband\nenth\u00e4lt gesammelte Beitr\u00e4ge, die auf einer Tagung an der\nFriedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg vom 6.\u20137. Oktober 2014\npr\u00e4sentiert wurden. Als Zugabe gibt es einen Aufsatz von Martin Friedrich zum\n19.\u00a0Jh., w\u00e4hrend das Referat von Thomas Kaufmann \u201eLuther und die Juden in\nantisemitischen Lutherflorilegien\u201c in ZThK 112 (2015), 192\u2013228, ver\u00f6ffentlicht\nwurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mitherausgeber Harry Oelke\nb\u00fcndelt in seiner Einleitung \u00c4u\u00dferungen zum Thema, die im Vorfeld der\nReformationsfeierlichkeiten das \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch bestimmten. Die\nkirchengeschichtliche Forschung sei inzwischen \u00fcber das Thema zwar gut\ninformiert, seine Rezeptionsgeschichte bed\u00fcrfe angesichts der Fragestellungen\nder Antisemitismusforschung jedoch neuer Aufarbeitung (12f). Die Aufs\u00e4tze sind\nin \u00fcberwiegend historischer Reihenfolge abgedruckt (14): Vorangestellt sind\nzwei Beitr\u00e4ge zu Lutherausgaben und zur Lutherbiographik, dann folgen Aufs\u00e4tze\nbis zum Kaiserreich und in einem weiteren Teil von dieser Epoche bis zur\nWeimarer Republik und den zw\u00f6lf Jahren des Nationalsozialismus. Daran schlie\u00dfen\nsich zwei Abschnitte \u00fcber die Zeit seit 1945 und zwei Schlussbetrachtungen an,\nwobei \u2013 besonders bei Aufs\u00e4tzen zur gleichen Epoche \u2013 inhaltliche\n\u00dcberschneidungen ab und zu unvermeidlich sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Beitrag \u201eLuthers\n,Judenschriften\u2018 im Spiegel der Editionen bis 1933\u201c (19\u201343) setzt sich Volker\nLeppin mit der Ansicht auseinander, Luthers judenkritische Sp\u00e4tschriften seien\nnach dem 16.\u00a0Jh. nicht bekannt gewesen, weil sie nicht ediert worden\nseien. Leppin kommt zu dem Ergebnis (28), die Judenschriften seien nicht nur\ninnerhalb (im 18.\u00a0u.\u00a019.\u00a0Jh. allein innerhalb) der Werkausgaben\nzug\u00e4nglich gewesen, sondern auch in Einzelausgaben. \u201eZu einem konkreten Anlass\nwurden Luthers Schm\u00e4hschriften gegen die Juden herangezogen, um eine gegen\ndiese gerichtete Aggression zu st\u00e4rken bzw. motivierend zu unterst\u00fctzen. Ab dem\nfr\u00fchen 20. Jahrhundert hatte das Thema dann weiter Konjunktur, und mit ihm auch\ndas editorische Bem\u00fchen\u201c (32f).<\/p>\n\n\n\n<p>Anselm Schubert pr\u00e4sentiert im\nzweiten Aufsatz \u00fcber \u201eDie Rezeption von Luthers ,Judenschriften\u2018 im Spiegel der\nBiographik des 19. und 20. Jahrhunderts\u201c (45\u201368) als Resultat: \u201eDer\nantisemitische Luther wurde nicht Gegenstand der Biographik, sondern blieb\nObjekt der politischen und weltanschaulichen Pamphletistik\u201c (59). <\/p>\n\n\n\n<p>Martin Friedrich (\u201e,Luther und\ndie Juden\u2018 in Preu\u00dfen bis 1869\u201c, 71\u201384) res\u00fcmiert, dass die Judenschriften im\n19.\u00a0Jh. im Gro\u00dfen und Ganzen bei Bef\u00fcrwortern und Gegnern der\ngesellschaftlichen Judenemanzipation unbekannt gewesen seien (73). Sie seien\nimmer wieder, aber h\u00f6chst selten, au\u00dferhalb Preu\u00dfens herangezogen worden, wenn\nman sie brauchte (77). Bei Hengstenberg findet sich die klassische Position,\ndass Luther in diesem Punkt nicht zu folgen sei, wie es die lutherische Kirche\nauch nie getan habe. Die Frage m\u00fcsse vielmehr von der Heiligen Schrift aus\nbeurteilt werden (79). <\/p>\n\n\n\n<p>Hanns Christof Brennecke (\u201eDie\nRezeption von Luthers ,Judenschriften\u2018 in Erweckungsbewegung und\nKonfessionalismus\u201c, 85\u2013105) zitiert nicht nur Hengstenberg, sondern auch Franz\nDelitzsch als Kritiker der Lutherschriften (98f). Dagegen seien\njudenmissionarische Bem\u00fchungen mit Luthers Schrift von 1523 begr\u00fcndet worden.\nZur Entlastung des gesch\u00e4tzten Reformators habe man sogar eine Verf\u00e4lschung\nseiner sp\u00e4ten Schriften angenommen!<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdische und antisemitische Lutherlekt\u00fcren\nim Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik sind das Thema von\nChristian Wieses Untersuchung (107\u2013142). Der Verfasser findet auch in j\u00fcdischen\nQuellen stark die Sicht Luthers als Vertreter von Toleranz und Emanzipation\nvertreten. Dagegen spielen Luthers Judenschriften bei den meisten j\u00fcdischen\nAutoren keine wesentliche Rolle (119). Gury Schneider-Ludorff zitiert in\n\u201e;Luther und die Juden\u2018 in den theologischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit\u201c\nunter anderen Mathilde Ludendorff vom Tannenbergbund. Sie wirft 1928 der Kirche\nvor, sie f\u00e4lsche die Reformation Luthers, wenn sie die Judenschriften\nverschweigt (151). Siegfried Hermle fasst den Befund zu \u201e,Luther und die Juden\u2018\nin der Bekennenden Kirche\u201c (161\u2013190) folgenderma\u00dfen zusammen: \u201eSo bleibt\nfestzuhalten, dass sich nahezu alle Autoren in ihren Ausf\u00fchrungen\nantijudaistischer und oft genug auch antisemitischer Stereotype bedienten; sie\nwaren insoweit Kinder ihrer Zeit, als dass sie ganz selbstverst\u00e4ndlich von \u201edem\nJuden\u201c redeten und staatliche Ma\u00dfnahmen zum vorgeblich notwendigen \u201eSchutz des\nVolkes\u201c nicht in Frage stellten\u201c (187).<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht mit Luther, sondern mit\nTexten von Fritsch, Treitschke und Chamberlain begr\u00fcndeten die Deutschen\nChristen ihre antisemitischen Ansichten, so das Fazit von Oliver Arnhold\n(\u201e,Luther und die Juden\u2018 bei den Deutschen Christen\u201c, 191\u2013212). Die\nJudenschriften seien bei den DC erst ab 1933 \u201eentdeckt\u201c worden.\n\u201eZusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die Rezeption von Luthers\n\u201eJudenschriften\u201c bei den Deutschen Christen je zu ihrer Zeit dazu geeignet war,\ndie Ausgrenzungs- und Verfolgungsma\u00dfnahmen der Nationalsozialisten gegen\u00fcber\nden deutschen Juden sowie die kirchenpolitischen Anliegen der\ndeutschchristlichen Bewegung zu legitimieren und zu unterst\u00fctzen. Von wenigen\nAusnahmen abgesehen war sie g\u00e4nzlich durch die nationalsozialistische\nRasseideologie bestimmt und konnte unter ihrem verzerrten Blickwinkel Luthers\nStellung zum Judentum nur fehldeuten.\u201c (209). <\/p>\n\n\n\n<p>Nach 1945 findet man oft den\napologetischen Versuch, Luther von der (Mit-)Schuld am Dritten Reich\nfreizusprechen (Harry Oelke: \u201e,Luther und die Juden\u2018 in der\nkirchengeschichtlichen Forschung nach 1945\u201c, 215\u2013233). Hans Asmussen \u201e&#8230;\nunterstreicht, dass die Wurzeln des Nationalismus nicht zu Luther, sondern\nvielmehr zu Kant, zur Franz\u00f6sischen Revolution und zu Marx f\u00fchrten. Luther habe\ndie Obrigkeiten sch\u00e4rfer kritisiert als andere\u201c (220). 1961 kommt es auf dem\n10. Deutschen Evangelischen Kirchentag zur Gr\u00fcndung der \u201eArbeitsgemeinschaft\nJuden und Christen\u201c \u2013 eine wichtige Etappe! (223) F\u00fcr den Prozess der\n\u201eHistorisierung und Differenzierung\u201c seit 1985 (226) werden Thomas Kaufmanns\nintensive Forschungen zum Thema wichtig: \u201eAm Ende pl\u00e4diert auch Kaufmann im Hinblick\nauf die Differenzen zwischen Fr\u00fch- und Sp\u00e4tschrift f\u00fcr eine Kontinuit\u00e4t einer\ntheologisch begr\u00fcndeten Ablehnung der Juden\u201c (227). \u201eEin Forschungskonsens\nbesteht inzwischen auch weitgehend darin, dass Luthers Position ann\u00e4hernd mit\ndem bis dahin entwickelten christlichen Antijudaismus identisch war. Rassische\nMotive indes, wie diese seit etwa 1870 in Europa eine Rolle spielten, lagen\njenseits des Verstehens- und Argumentationshorizonts Luthers\u201c (ebd.).<\/p>\n\n\n\n<p>Die weiteren Aufs\u00e4tze des\nSammelbandes sollen hier nur angezeigt werden: Reiner Anselm: \u201e,Luther und die\nJuden\u2018 in der systematischen und ethischen Debatte nach 1945\u201c (235\u2013247);\nStephen G. Burnett: \u201e,Luther and the Jews\u2018 in Anglo-American Discussion\u201c\n(249\u2013265); Lucia Scherzberg: \u201e,Luther und die Juden\u2018\u201c in der\nkatholisch-theologischen Wahrnehmung (269\u2013288); Wolfgang Kraus: \u201e,Luther und\ndie Juden\u2018 in den kirchenpolitischen Stellungnahmen und Entwicklungen seit\n1945\u201c (289\u2013312). <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss fasst der\nErlanger Kirchengeschichtler Berndt Hamm den Ertrag der Tagung zusammen\n(315\u2013322). Luther sei zwar nicht f\u00fcr die Judenvernichtung des 3. Reichs\nverantwortlich zu machen, aber der christliche Antisemitismus, \u201e&#8230; der im\nausgehenden 19. Jahrhundert eine stark nationalistische und kulturkritische\nEinf\u00e4rbung erhielt\u201c, sei ohne seine kritische Position zu den Juden im\nHintergrund deutscher Geistesgeschichte nicht denkbar (321). Johannes Heil,\nRektor der Hochschule f\u00fcr J\u00fcdische Studien Heidelberg begr\u00fc\u00dft in seinem\nSchlussbeitrag (323\u2013328) den Fortschritt, den die Tagung f\u00fcr die\nLutherrezeption gebracht habe. Er sieht neue Impulse f\u00fcr interreligi\u00f6se\nZusammenarbeit, die falsche Frontstellungen des 16. Jahrhunderts abgel\u00f6st\nhaben: \u201eAn ihre Stelle sind Austausch, Akzeptanz und \u00d6kumene getreten\u201c (327).<\/p>\n\n\n\n<p>Vgl. auch <a href=\"http:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-5683\">http:\/\/www.hsozkult.de\/conferencereport\/id\/tagungsberichte-5683<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein, Redakteur des Jahrbuchs Biblisch erneuerte Theologie<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harry Oelke, Wolfgang Kraus u. a. (Hg.), Martin Luthers \u201eJudenschriften\u201c. Die Rezeption im 19. und 20. 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