{"id":711,"date":"2018-10-13T14:02:04","date_gmt":"2018-10-13T14:02:04","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=711"},"modified":"2018-10-13T14:02:05","modified_gmt":"2018-10-13T14:02:05","slug":"sara-aebi-maedchenerziehung-und-mission","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=711","title":{"rendered":"Sara Aebi: M\u00e4dchenerziehung und Mission"},"content":{"rendered":"\n<p>Sara Aebi: <em>M\u00e4dchenerziehung und Mission. Die T\u00f6chterpension der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in Montmirail im 18. Jahrhundert<\/em>, Beitr\u00e4ge zur historischen Bildungsforschung 48, K\u00f6ln\/Weimar\/Wien: B\u00f6hlau, 2016, Pb., 426 S., \u20ac 65,\u2013, <a href=\"http:\/\/www.boehlau-verlag.com\/978-3-412-50358-1.html\">ISBN 978-3-412-50358-1<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Eber_Aebi.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Das Schl\u00f6sschen Montmirail (La T\u00e8ne, Kanton Neuenburg)\nunweit vom Neuenburger See ist durch die 1988 gegr\u00fcndete Kommunit\u00e4t Don Camillo\nin der Schweiz und dar\u00fcber hinaus bekannt. 1722 hatte die Familie von Wattenwyl\ndas Anwesen erworben. Friedrich von Wattenwyl wollte auf Anregung von Nikolaus\nvon Zinzendorf in Montmirail hugenottische und waldensische Glaubensfl\u00fcchtlinge\nansiedeln; diesem Projekt war aber nicht langfristig Erfolg beschieden. <\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb er\u00f6ffnete hier 1766 das erste M\u00e4dcheninternat\nder Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in der Schweiz. Die Institution schrieb eine\narchivalisch vor allem in Herrnhut gut dokumentierte Erfolgsgeschichte; sie hat\njetzt das spezielle Interesse der Erziehungswissenschaft auf sich gezogen.\nSarah Aebi hat die Quellen aus dem 18. Jahrhundert in ihrer vorliegenden\nDissertation erstmals in gr\u00f6\u00dferem Umfang ausgewertet (31). Die Forscherin ist\nvorwiegend an den konkreten Schulprofilen von Institutionen des 18.\nJahrhunderts interessiert (38). Im Vergleich von Montmirail mit ausgew\u00e4hlten\nProfilen anderer, vorwiegend protestantischer schweizerischer M\u00e4dchenschulen im\ngleichen Zeitabschnitt ergibt sich ein \u00dcberblick \u00fcber die damaligen\nBildungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr M\u00e4dchen, die \u00fcber die schulische Elementarbildung\nhinausgingen (39). <\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Teil ihrer Untersuchung (Einleitung, 9\u201340)\nstellt die Verfasserin die Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in der Schweiz vor. Sie\nf\u00fchrt in ihre Fragestellungen und Quellen ein, gibt einen \u00dcberblick \u00fcber den\nStand der Forschung und erl\u00e4utert den Aufbau der Arbeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil widmet sich dem \u201ep\u00e4dagogischen\nKontext\u201c des M\u00e4dcheninternats in zwei Richtungen: Zuerst wird das Thema\n\u201eErziehung in der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine im 18. Jahrhundert\u201c dargestellt\n(41\u201371) und dann anhand verschiedener Schulprofile die schweizerische\nM\u00e4dchenbildung im gleichen Zeitraum (71\u2013130). <\/p>\n\n\n\n<p>Von Zinzendorfs Christozentrik ausgehend war es\nselbstverst\u00e4ndlich, dass der Menschgewordene und seine Kindheit zentral f\u00fcr die\nErziehung waren: \u201eJesus sollte also zum besten Freund der Kinder werden, ihr\nVertrauter sein\u201c (67), das Bekehrungserlebnis ist notwendiger Bezugspunkt der\nP\u00e4dagogik (68). Die zuk\u00fcnftigen Familienpflichten pr\u00e4gen in der\nM\u00e4dchenerziehung die Inhalte des aufkl\u00e4rten wie auch des pietistischen\nF\u00e4cherkanons (41, 71). Die franz\u00f6sischsprachige Schweiz war beliebt, weil die\nKinder dort dar\u00fcber hinaus die Fremdsprache lernen konnten (72\u201379,\nvgl.\u00a0147 bei Anm.\u00a078). Neben den allgemeinbildenden und speziellen\nhauswirtschaftlichen Themen stand Franz\u00f6sisch aber fast durchgehend auf dem\nLehrplan auch der in der deutschsprachigen Schweiz gelegenen von Aebi untersuchten\nM\u00e4dchen-Bildungsinstitute in Z\u00fcrich, Basel, Aarau, Bern, Ftan und Luzern,\nebenso Charakterbildung und in unterschiedlichem Umfang Religionsunterricht\n(vgl.\u00a085, 130). <\/p>\n\n\n\n<p>Im Hauptteil ihrer Dissertation (Teil\u00a03, 131\u2013373)\nuntersucht Aebi das Institut von Montmirail anhand von f\u00fcnf Leitfragen: Absicht\nund Strategie von Gr\u00fcndung und Leitung des Instituts (135\u2013172), die\nSch\u00fclerschaft (173\u2013190) sowie das Bildungsangebot und den Schulbetrieb\n(190\u2013246). Anschlie\u00dfend vergleich sie die Ausbildung von Montmirail mit\n\u00e4hnlichen zeitgleichen Angeboten f\u00fcr M\u00e4dchen in der Schweiz (246\u2013253) und\nveranschaulicht im langen Abschnitt 3.5 \u00fcber Methoden und Bilanzen der\nUmsetzung des missionarischen Bildungsangebots von Montmirail (254\u2013373). <\/p>\n\n\n\n<p>Wattenwyl wollte mit der \u201eDiaspora-M\u00e4dgen-Anstalt\u201c\n(145) die M\u00e4dchen vor der \u201eVersuchung der jetzigen b\u00f6sen Welt\u201c bewahren und\nihnen den \u201eWeg zum Heiland\u201c zeigen (138, vgl.\u00a0155). Der Heidelberger\nKatechismus wurde f\u00fcr die religi\u00f6se Erziehung der Kinder vorgeschlagen (148,\n150); aber aus sp\u00e4terer Perspektive ist festzustellen: \u201eIn der T\u00f6chterpension\nin Montmirail trat denn auch die Bedeutung des Religionsunterrichts weit hinter\ndie religi\u00f6se Erziehung in der Gemeinschaft zur\u00fcck\u201c (150). Mit seiner\nAusrichtung auf das zu f\u00f6rdernde Reich Gottes legitimierte Montmirail seine\nVerortung im Missionswerk der Br\u00fcdergemeine (157). Wegen Unterbelegung wurde\nzeitweise auch eine \u2013 nie realisierte \u2013 Knabenpension geplant (171). <\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fclerschaft des Instituts war heterogen (173),\nSch\u00fclerinnen aus der Schweiz \u00fcberwogen zahlenm\u00e4\u00dfig (178). Zwischen 1766 und\n1800 kamen die meisten kamen aus Basel, n\u00e4mlich 82, etwa knapp die H\u00e4lfte\njeweils aus Bern und Z\u00fcrich, 24 bis zu 14 M\u00e4dchen kamen aus Schaffhausen,\nAarau, Neuch\u00e2tel, Lenzburg, Genf und Yverdon \u2013 vermutlich (eher unsicher: 186)\n\u00fcberwiegend aus den Orten, an denen Herrnhuter lebten (180). <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Bildungskanon der Sch\u00fclerinnen wurden neben auch\nheute noch \u00fcblichen Schulf\u00e4chern auch Dinge wie \u201eordentliche Briefe schreiben\u201c\n(197), Klavierunterricht, Singen sowie die hauswirtschaftlichen F\u00e4cher\nvorgeschlagen (200, 218ff). Auch Bewegung und Erholung waren eingeplant\n(214ff). Die Sch\u00fclerinnen mussten im Institut mithelfen (226f). Verglichen mit\nzeitgen\u00f6ssischen Bildungsinstitutionen gibt es in Montmirail \u201ekeine grunds\u00e4tzlichen\nUnterschiede\u201c (247). \u201eDer missionarische Anspruch und die pietistische Pr\u00e4gung\nwaren es, welche die T\u00f6chterpension der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine am\ndeutlichsten von anderen Bildungsinstitutionen in der reformierten Schweiz\nunterscheiden\u201c (252). <\/p>\n\n\n\n<p>Bewahrung vor negativen Einfl\u00fcssen und religi\u00f6se\nErziehung sind die beiden hervorgehobenen Elemente des Erziehungsziels von\nMontmirail (254). Es wurde abgelehnt, Tanzunterricht zu geben (268f), wenn auch\nnicht jede Form von Spielen untersagt war (272). Es gab regelm\u00e4\u00dfig Rechenschaft\n\u00fcber den Erfolg der religi\u00f6sen Erziehung (275). Katechesen legten den\nHeidelberger und andere lokale Katechismen zugrunde (280f, 282f). Die\nSch\u00fclerinnen wurden auch auf ihre Konfirmation vorbereitet (285ff). Neben Jesus\nwird auch Maria im Unterricht als Vorbild vorgestellt (298). Erbauliche\nHausversammlungen gab es in gro\u00dfer Zahl (304\u2013309), dazu kam das, was man heute\nMentoring-Gespr\u00e4che nennen w\u00fcrde (309f) \u2013 alles zielte auf die\nHerzensfr\u00f6mmigkeit. Versb\u00fccher und Stammb\u00fccher dokumentieren bis heute\nFr\u00f6mmigkeit und Freundschaft unter den Pensionst\u00f6chtern (312ff). Die positiven\nWirkungen der Erziehung in herrnhutischen Geist brachte es mit sich, dass\nAbsolventinnen sich der Herrnhuter Gemeine anschlossen (337) und zu Multiplikatorinnen\nwurden (340f). \u2013 Diese Hinweise auf die Erziehungsarbeit in Montmirail m\u00fcssen\nangesichts des begrenzten Umfangs dieser Rezension gen\u00fcgen! <\/p>\n\n\n\n<p>Das Res\u00fcmee (Teil\u00a04, 375\u2013385) fasst den Ertrag\nder umfangreichen Untersuchung zusammen: Die Br\u00fcdergemeine hatte mit Montmirail\n\u201ein der Schweizer Bildungslandschaft eine Nische gefunden \u2013 ein b\u00fcrgerlicher\nBildungskanon in einem pietistisch gepr\u00e4gten Umfeld \u2013, dank der ihr nicht nur\nSch\u00fclerinnen, sondern auch Seelen zugef\u00fchrt wurden\u201c (384). Ein ausf\u00fchrliches\nVerzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur (387\u2013419) sowie ein\nPersonenregister (421-426) beschlie\u00dfen den Band. <\/p>\n\n\n\n<p>Sarah Aebig hat mit ihrer Dissertation \u00fcber Montmirail eine quellenges\u00e4ttigte und in der Sekund\u00e4rliteratur kundige Untersuchung vorgelegt. Aufgrund der F\u00fclle des aufbereiteten und im Text zitierten ungedruckten und gedruckten Quellenmaterials ist die Arbeit eine Fundgrube \u2013 nicht nur f\u00fcr P\u00e4dagogen, sondern auch f\u00fcr die Pietismusforschung und vielleicht auch andere Christen, die an Fragen von Fr\u00f6mmigkeit und Erziehung interessiert sind. Es ist der Monographie zu w\u00fcnschen, dass sie \u00fcber Spezialistenkreise und die Herrnhuter Br\u00fcdergemeine hinaus weite Verbreitung findet!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein, Redakteur des Jahrbuchs Biblisch erneuerte Theologie<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sara Aebi: M\u00e4dchenerziehung und Mission. Die T\u00f6chterpension der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine in Montmirail im 18. 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