{"id":713,"date":"2018-10-13T14:04:43","date_gmt":"2018-10-13T14:04:43","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=713"},"modified":"2018-10-13T14:04:45","modified_gmt":"2018-10-13T14:04:45","slug":"irene-dingel-hg-der-antinomistische-streit-1556-1571","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=713","title":{"rendered":"Irene Dingel (Hg.): Der Antinomistische Streit (1556\u20131571)"},"content":{"rendered":"\n<p>Irene Dingel (Hg.): <em>Der Antinomistische Streit (1556\u20131571)<\/em>, bearb. von K\u0119stutis Daugirdas, Jan M. Lies u. Hans-Otto Schneider, Controversia et Confessio 4, G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2016, Ln., 590 S., Euro 130,\u2013, <a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/theologie-und-religion\/kirchengeschichte\/3501\/der-antinomistische-streit-1556-1571?number=1005246\">ISBN 978-3-525-56031-0<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Eber_Dingel.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Wer die Predigt der Gegenwart beobachtet, kennt das\nauch heute noch weit verbreitete Problem des Antinomismus und des tertius usus\nlegis, das in Variationen seit den Anf\u00e4ngen von Luthers Theologie Teil der\nevangelischen theologischen Diskussion gewesen ist: \u201eDas Gesetz verstand er als\ndas Wort des Zorns, und die Stimme des Richters, die den s\u00fcndigen Menschen zur\nBu\u00dfe f\u00fchrt, das Evangelium dagegen als Zuspruch der S\u00fcndenvergebung und \u00dcbereignung\nder Gerechtigkeit Christi\u201c (3).<\/p>\n\n\n\n<p>1527 kam es in Wittenberg erstmals zu einer\ntheologischen Debatte \u00fcber das Gesetz und die Frage, ob und wie es auch bei den\nEvangelischen noch zu predigen sei. Die Auseinandersetzung um Johann Agricola\nm\u00fcndete in die zweite Phase des antinomistischen Streits zwischen Agricola und\nLuther. Dieser wollte mit sechs Antinomer-Disputationen 1537 bis 1540 die Frage\nkl\u00e4ren (WA 39 I, ab 334). Nach Luthers Tod war vorwiegend der \u201edritte Gebrauch\ndes Gesetzes\u201c als ethische Anleitung f\u00fcr das Leben des Christen Thema des\ndritten antinomistischen Streits von 1556 an, \u00fcberwiegend zwischen\ngnesiolutherischen und philippistischen Kreisen (9).<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der historischen Einleitung in den\nAntinomistischen Streit von Irene Dingel (3\u201315) wird eine Auswahl von neunzehn\nmit einer Einleitung versehenen Dokumenten abgedruckt, die die\ninnerlutherischen Kontroversen zwischen 1556 und 1571 dokumentieren (17\u2013561).\nDie Einleitung zu jedem Text behandelt knapp die historische Situation, gibt\neinen \u00dcberblick \u00fcber das Leben des Autors bzw. der Autoren und den Inhalt der\nSchrift sowie die zugrundeliegenden und nachweisbaren Ausgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abschied der Eisenacher Synode von 1556 (Nr. 1,\n17\u201344) behandelt die Frage, ob gute Werke zur Seligkeit n\u00f6tig seien. Als\nmissverst\u00e4ndliche Formulierung soll die Wendung nicht in der Predigt oder in\nLehrschriften verwendet werden, da sie tendenziell Gesetz und Evangelium\nvermischt. Die guten Werke sind Fr\u00fcchte des Glaubens, die aus dem neuen\nGehorsam des Glaubenden kommen (vgl. 27, 33, 35). Durch den Frankfurter Rezess\n1558 waren die Streitigkeiten nicht beigelegt worden. Gegner formierten sich zu\ntheologischen Fronten, das Weimarer Konfutationsbuch wurde Anfang 1559 von\nFlacius herausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>In diese Zeit geh\u00f6ren die Dokumente Nr. 2 bis Nr. 4\n(46\u2013106) der vorliegenden Auswahlausgabe. Matthias Flacius greift mit seiner\nSchrift \u201eDass die Bu\u00dfe allein aus dem Gesetz und die Vergebung allein aus dem\nEvangelio zu predigen sei\u201c (Jena 1559) in die Debatte ein (46\u201369). Er wendet\nsich gegen einen allgemein verstandenen \u201eEvangeliums\u201c-begriff, der auch die\nPredigt von Bu\u00dfe und S\u00fcnden umfasst; diese seien aus dem Gesetz zu predigen\n(53). Flacius belegt seine Position mit ausf\u00fchrlichen Zitaten aus Luthers\nWerken und aus den Bekenntnissen. \u2013 Wittenberger Theologen sahen sich im gleichen\nJahr gen\u00f6tigt, gegen die Anschuldigungen Stellung zu beziehen und Flacius\u2019\nEvangeliumsverst\u00e4ndnis zu \u00fcberpr\u00fcfen (\u201eWider die Verf\u00e4lschung der Definition\ndes Evangelii\u201c, 70\u201396). Auf sie antwortete Flacius mit seiner \u201eKurzen Antwort\nauf die Schrift der Adiaphoristen vom Evangelio\u201c (Jena, 1559, 98\u2013106).<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcnfte Text der Sammlung, \u201eG\u00fctlicher Bericht von\nden Antinomern\u201c (Regensburg 1559), dokumentiert die theologische\nAuseinandersetzung in der Stadt Nordhausen (108\u2013134). Der des Antinomismus\nverd\u00e4chtige Pastor primarius Anton Otho arbeitet sechs Arten von Antinomern\nheraus; \u201edie Welt\u201c ist f\u00fcr ihn nichts anderes als \u201eeine lautere Antinomia\u201c\n(133). In den beiden folgenden Dokumenten \u201eDe novae oboedientiae et bonorum\noperum necessitate\u201c (Frankfurt\/Oder 1561, 136\u2013155) sowie \u201eVon der\nRechtfertigung und guten Werken (Frankfurt\/Oder 1562, 156\u2013173, ohne die Belege\naus Luthers Werken) pr\u00e4zisiert der Melanchthon-Anh\u00e4nger Abdias Praetorius seine\nSicht, dass gute Werke f\u00fcr den Christen \u201en\u00f6tig\u201c zu tun sind, aber nicht \u201en\u00f6tig\u201c\noder gar \u201esch\u00e4dlich\u201c f\u00fcr das ewige Heil angerechnet werden (160 \u2013 eine weitere\nSchrift von ihm aus seiner Wittenberger Zeit: Nr. 12, 246\u2013276).<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Zusammenhang der Streitschriften Nr. 8 bis Nr. 11\nin unserer Ausgabe zeigt, wie sich allm\u00e4hlich aus konkreten Fragestellungen\nnach dem angemessenen Verhalten, hier insbesondere nach der Frage der Anwendung\ndes Kirchenbanns, die grunds\u00e4tzlicheren Fragen zur Funktion des Gesetzes\nentwickeln und in den Vordergrund treten.\u201c (180). Die Dokumente Nr. 8 bis Nr. 11\n(174\u2013245) besch\u00e4ftigen sich mit einem 1563\/64 eskalierenden Streit um den\nMagdeburger Rat, in dem Nikolaus von Amsdorf und Johann Wigand wichtige\nKontrahenten sind. Ihr theologischer Zwist kreist besonders um die Themen\nKirchenbann, den usus politicus legis, den geistlichen Gebrauch des Gesetzes\nund ob er \u00fcber den usus elenchticus hinausgehe sowie \u00fcber \u201edie vollst\u00e4ndige\nErf\u00fcllbarkeit des Gesetzes\u201c die nicht, wie Amsdorf behauptet, dasselbe bedeute\nwie Georg Majors Ansicht vom Gesetz, das \u201enotwendig zur Seligkeit\u201c sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auseinandersetzung des Theologen Andreas Musculus\naus Frankfurt\/Oder mit Abdias Praetorius dreht sich um die Notwendigkeit der\nguten Werke, die \u2013 wenn man auf ihre \u201eNotwendigkeit\u201c verzichtet, nach\nPraetorius doch gemacht werden \u201esollen\u201c oder \u201em\u00fcssen\u201c (Nr. 13, 278\u2013299). Mit\ndem vierzehnten Dokument dokumentiert Joachim M\u00f6rlin gegen\u00fcber dem Rat von\nNordhausen seine Interpretation des tertius usus legis, nach der das Gesetz\newig auch nach der Rechtfertigung besteht und vom Glaubenden aus t\u00e4tiger Liebe\ngetan wird (Disputationes tres pro tertio usu legis, ohne Ort, 1566, 300\u2013319).\nAndreas Fabricius reagiert auf seine Entlassung als Pfarrer in Nordhausen mit\nseinem \u201eBericht vom Gesetz Gottes\u201c (Nr. 15, Eisleben, 1569, 320\u2013346), Er wird\nwiederum von dem Nordh\u00e4user Pfarrer Jakob Sybold in einem \u201eWahrhaftigen\nGegenbericht\u201c (Nr. 16, ohne Ort, 1569, 348\u2013371) angegriffen, der nur <em>ein<\/em>\nBeispiel f\u00fcr die ausufernde Streitschriftenliteratur darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Schriften von Paul Crell (Nr. 17, Spongia de\ndefinitione evangelii, Wittenberg, 1570, 372\u2013415) und Johannes Wigand (Nr. 18,\nDe antinomia veteri et nova, Jena, 1571, 416\u2013523) kommt eine weitere\nKontroverse zwischen dem Melanchthon-Anh\u00e4nger Croll, der einen weiteren\nEvangeliumsbegriff (Bu\u00dfe, Vergebung und ewiges Leben) verteidigt, und einem\nGnesiolutheraner in den Blick. Johann Wigand verd\u00e4chtigt im umfangreichsten\nDokument der vorliegenden Sammlung den Eislebener Croll, ein Anh\u00e4nger der\nantinomistischen Lehre von Johannes Agricola zu sein. Wigand meint: \u201eDer\nAntinomismus raube dem Gesetz Gottes seine eigentliche Aufgabe und forme das\nEvangelium zu einem neuen Gesetz um\u201c (421). Durch Crolls Definition von\n\u201eEvangelium\u201c k\u00e4me man erneut in die Gefahr, Mose und Christus miteinander zu\nvermischen. Als letzter Theologe dieser Diskussionsrunde wird der damals noch\nin Wittenberg lehrende Philippist Christoph Pezel mit seiner Apologia verae\ndoctrinae de definitione evangelii (Nr. 19, Wittenberg, 1571, 524\u2013561)\nvorgestellt, der sein weiteres Evangeliumsverst\u00e4ndnis aus Luther- und\nMelanchthonschriften erh\u00e4rten will. Er wurde 1573 entlassen und wechselte\nsp\u00e4ter bekanntlich ins reformierte Lager.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei den vorangegangenen B\u00e4nden ist der enorme Aufwand hervorzuheben, mit dem Irene Dingel und ihre Mitarbeiter diese f\u00fcr die Lehreinheit lutherischer Theologie so wichtige Epoche durch die Publikationen der Reihe \u201eControversia et Confessio\u201c leichter zug\u00e4nglich machen. Der Antinomismus-Band sch\u00e4rft den Blick f\u00fcr heutige Auseinandersetzungen auf demselben Gebiet. \u2013 Angesichts der hier vor Augen gef\u00fchrten langj\u00e4hrigen Zerstrittenheit des lutherischen Lagers ist es umso mehr bewundernswert, dass sich die Theologen in der Konkordienformel 1577 und im Konkordienbuch von 1580 (BSELK, 2014 neu herausgegeben von Irene Dingel) geeinigt haben. Die Lekt\u00fcre der Originalschriften st\u00e4rkt daher bei allen Themen auch die Einsicht: Es lohnt sich heute gleichfalls, Zeit und Kraft f\u00fcr theologische Streitschlichtung und f\u00fcr die Einigung der Kirchen einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-H\u00f6llstein, Redakteur des Jahrbuchs Biblisch erneuerte Theologie<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irene Dingel (Hg.): Der Antinomistische Streit (1556\u20131571), bearb. von K\u0119stutis Daugirdas, Jan M. Lies u. 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