{"id":728,"date":"2019-05-04T04:59:04","date_gmt":"2019-05-04T04:59:04","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=728"},"modified":"2019-05-04T05:08:03","modified_gmt":"2019-05-04T05:08:03","slug":"rainer-kessler-der-weg-zum-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=728","title":{"rendered":"Rainer Kessler: Der Weg zum Leben"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rainer Kessler: <em>Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments<\/em>,G\u00fctersloh: G\u00fctersloher, 2017, geb., 699\u00a0S., \u20ac\u00a034,99, ISBN <a href=\"https:\/\/www.randomhouse.de\/Buch\/Der-Weg-zum-Leben\/Rainer-Kessler\/Guetersloher-Verlagshaus\/e398781.rhd\">978-3-579-08135-9<\/a><span><a href=\"javascript:\"><\/a><\/span><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Riecker_Kessler.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorliegendes Werk des emeritierten Marburger\nAlttestamentlers Rainer Kessler ist die erste deutsche alttestamentliche Ethik\nseit Eckhart Otto (1994). An dessen Entwurf bem\u00e4ngelt Kessler die Beschr\u00e4nkung\nauf Rechts- und Weisheitstexte, es fehlt praktisch die gesamte narrative und\nprophetische Tradition (73f). Im Gegensatz dazu m\u00f6chte er nun \u201ekanonisch\u201c\nvorgehen, einer am evangelischen (69) \u201eKanon entlanggehenden Darstellung den\nVorzug zu geben\u201c (62), und das historisch-kritisch (566).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eingebettet in diese kanonische Lekt\u00fcre sind 20 als\nTextboxen gestaltete Impulse zu ethischen Problemfeldern. Viele befassen sich\nmit Fragen von Staat und Wirtschaft (Nr. 2, 5, 11, 13, 14). Es geht hier aber\nauch um Grundlagen der Ethik (Nr. 1, 4, 8, 19) und Schwierigkeiten, welche sich\naus alttestamentlichen Texten selbst (Nr. 3, 9, 18, 20) oder einer fragw\u00fcrdigen\nHermeneutik ergeben (Nr. 7, 10). Die dort gezogenen Querverbindungen zu\nSystematik, Philosophie und Literatur sind oft sehr informativ und lehrreich. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich bleibt auch manches strittig, wenn etwa\nin Impuls 9 zum Thema Homosexualit\u00e4t die Belegstellen Lev 18 und 20 \u2013 mit einer\nhermeneutischen Stahlb\u00fcrste, so wird es manchem erscheinen \u2013 dem ideologischen\nTrend der Gegenwart angepasst werden (vgl. Gnadauer Verband, 571f). Besonders\nproblematisch erscheint hier der vermittelte Eindruck, dass solche Reinheitsgebote\n\u201ekeineswegs immer beachtet\u201c werden (brauchen), da sich ja selbst der Erzvater\nJakob nicht an Lev&nbsp;18,18 gehalten und zwei Schwestern geheiratet habe.\nEine kanonische Lekt\u00fcre m\u00fcsste aber gerade andersherum argumentieren: Jakob\nlebt <em>vor<\/em> Mose; sein Drama <em>unterstreicht<\/em> die Notwendigkeit, dass\nJahwe dieser Unsitte in Lev 18 endlich einen Riegel vorschiebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Folgenden kann nur eine Auswahl an Beobachtungen\nzum Hauptteil des Werks geboten werden, der kanonischen Darstellung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>A. Tora.<\/em> Die\nEinbettung der Tora-Weisung in einen erz\u00e4hlerischen Rahmen deutet Kessler mit\nHilfe von einem \u201eZwei-S\u00e4ulen-Modell\u201c (89): Auf den S\u00e4ulen \u201eSegen\u201c (Gen) und\n\u201eBefreiung\u201c (Ex 1\u201315) ruht die Forderung nach Gerechtigkeit (Gesetz). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist dabei \u00fcberraschend, wie wenig Beachtung Kessler\nden Textsignalen in Genesis 1\u20133 schenkt, welche auf Ungehorsam und\nTodverfallenheit des Menschen hindeuten. Anders als bei Paulus (hier ist\nKesslers Begriff von \u201ekanonisch\u201c nicht mit \u201ebiblisch-theologisch\u201c zu\nverwechseln) erscheint die Todesdrohung von 2,17 bei Kessler als nicht in 5,5\numgesetzt (107). Adam und Eva verlassen den Garten nicht als gefallene S\u00fcnder,\nsondern mit g\u00f6ttlicher Weisheit ausgestattet, \u201eunwiederbringlich \u201aautonom\u2018. Die\nMenschen k\u00f6nnen zwischen \u201agut und b\u00f6se\u2018 unterscheiden, und sie m\u00fcssen das in\njeder ethischen Situation immer wieder von Neuem tun. Diese Entscheidung kann\nihnen kein g\u00f6ttliches Gebot abnehmen\u201c (111f). Erst sp\u00e4ter erscheinen Menschen\nauch als \u201efaktisch unfrei\u201c (112). \u201eNicht Gen 3, sondern Gen 4 ist die\n\u201aUrs\u00fcndenerz\u00e4hlung\u2018.\u201c (114).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine zweite \u00dcberraschung bilden bei einer\nkanonischen Lekt\u00fcre die R\u00fcckschl\u00fcsse, die Kessler auf das Gottesbild der\nFluterz\u00e4hlung zieht. Gott habe erst lernen m\u00fcssen, dass Gewalt keine L\u00f6sung sei\n(117f). Ist das hier wirklich noch der weise Weltensch\u00f6pfer aus Genesis 1 oder\neher ein Bub, der beim Zur\u00fcckschubsen im Sandkasten erwischt worden ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr sch\u00f6n arbeitet Kessler heraus, dass die\nbiblischen Erzv\u00e4ter keine Helden sind und \u00fcbernimmt von J.&nbsp;G. Seume die\nBeschreibung der Erz\u00e4hlungen als \u201eein Gewebe menschlicher Torheiten und\nTugenden\u201c (135). Die ethische Bedeutung von Gen 18,19 f\u00fcr das gesamte Buch wird\nnicht wahrgenommen. Dass Abraham beseelt gewesen sei von einem \u201eWunsch nach\nfriedlichem Zusammenleben und interkulturellem Austausch\u201c (129), erscheint\nebenso als neuzeitliche Projektion, wie der sp\u00e4ter recht unvermittelt\nauftauchende und oftmals wiederholte Terminus \u201evorrangige Option f\u00fcr die Armen\u201c\naus der lateinamerikanischen Befreiungstheologie (Puebla 1979).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Intensiv besch\u00e4ftigt sich Kessler mit Funktion und\nVerh\u00e4ltnis einzelner Gebotstexte zueinander. Der Dekalog ist nicht Summa oder\nZusammenfassung der Tora, sondern ihr Eingangsportal und Ouvert\u00fcre (198).\nErstaunlicherweise geht er nicht auf die M\u00f6glichkeit einer Dekalogstruktur des\nDeuteronomiums ein. Da er so die Verbindung von \u201eEhre Vater und Mutter\u201c zum\n\u00c4mtergesetz (Dtn 16,18\u201318,22; vgl.\n320f) nicht sieht, kommt er zur Deutung, das Gebot beziehe sich nur auf \u201edie\nalten bed\u00fcrftig gewordenen Eltern und nicht die Autorit\u00e4tspersonen\u201c (188).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gewiss ist es der K\u00fcrze der Darstellung geschuldet,\ndass Kesslers Begr\u00fcndungen f\u00fcr seine Datierungen nicht immer \u00fcberzeugen wollen.\nAuf der Suche nach einem passenden Kontext f\u00fcr das Bundesbuch springt Kessler\nvon den Erzv\u00e4tern gleich in die K\u00f6nigszeit \u2013 d.&nbsp;h. er vergisst Mose, die\nkanonisch bezeugte Institution des Rechts (!) \u2013 und entscheidet sich vage mit\n\u201evermutlich\u201c (212). Ein zweites Beispiel ist die Datierung eines angenommen\nUr-Dtn durch de Wette, welche \u201eim Wesentlichen nach wie vor im Recht\u201c sei\n(246). An dieser Stelle w\u00e4re zumindest ein Hinweis darauf w\u00fcnschenswert\ngewesen, dass de Wettes zirkelschl\u00fcssige Argumentation die Beweislast einer\nsolchen Datierung definitiv nicht tragen kann, vgl. Eckart Otto, <em>Das Deuteronomium. Politische Theologie und\nRechtsreform in Juda und Assyrien<\/em>,BZAW\n284, Berlin: De Gruyter, 1999, 6\u201314.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr gut beschreibt Kessler die Argumentation im\nDtn u.&nbsp;a. als \u201eKreislauf des Segens\u201c: Der Wohlhabende wird zur\nFreigiebigkeit dadurch motiviert, dass Unbarmherzigkeit zum Zerfall der\nGesellschaft und dann auch zu seinem eigenen Schaden f\u00fchren w\u00fcrde (259). In\neiner sehr lesenswerten Auseinandersetzung mit Adam Smith und Karl Marx gelangt\ner schlie\u00dflich zu einer sozialutilitaristischen Begr\u00fcndung sozialer\nGerechtigkeit (266).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>B. Die\nProphetie. <\/em>Aus den Vorderen Propheten greift Kessler nur drei \u201eFelder\u201c heraus: \u00a720.\nDie Ausrottung ganzer V\u00f6lkerschaften (Jos), \u00a721. die Diskussion um die rechte\nStaatsform (Ri, Sam), \u00a722. David als (kein) Vorbild moralischen Verhaltens\n(vielmehr als Beispiel eines Menschen, der \u201eden Wirrungen der <em>conditio humana<\/em> unterworfen\u201c ist, 346).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders interessant ist Kesslers apologetischer\n(33f) Umgang mit Kritik am Buch Josua. Sein Vorgehen l\u00e4sst sich in vier\nSchritte unterteilen: 1. Kessler stimmt der Sachkritik an einem Gott, der das\nT\u00f6ten befiehlt, r\u00fcckhaltlos zu (303). 2. Er leugnet die Historizit\u00e4t der\nLandnahme (\u201eNun ist l\u00e4ngst bekannt&#8230;\u201c, 299). Das alles sei nie wirklich\npassiert, und wenn es passiert w\u00e4re, h\u00e4tten die Israeliten darin eher versagt\nals gegl\u00e4nzt (Ri&nbsp;1). 3. Er gewinnt der Erz\u00e4hlung neuen Sinn ab durch eine\nArt Psychologisierung: Die \u201edahinterstehende Vorstellung, Identit\u00e4t durch\nAbgrenzung zu wahren\u201c bringe ein hochaktuelles Thema auf den Tisch (310). Statt\nverworfen zu werden, bekommt der Text so einen neuen Wert. 4. Endg\u00fcltig\nbezwingt Kessler ethisch bedenkliche Gedanken durch \u201eEinfriedungsma\u00dfnahmen\u201c\n(310): hermeneutische Regeln und Gegentexte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den hinteren Propheten legt Kessler f\u00fcr Jesaja\ndrei Schwerpunkte (5,20; 42,1; 56,1). Jeremia stellt er als Sozialkritiker und\nTora-Lehrer vor. Problematisiert wird das Gottesbild des Hesekiel: dieser\nstelle Gott als gewaltt\u00e4tigen Patriarchen dar, der seine Frau in der\n\u00d6ffentlichkeit vergewaltige, steinige und verst\u00fcmmele (404). Ausgehend von\neinem in Hes 18 gefundenen \u201ePrinzip der individuellen Verantwortung\u201c kommt\nKessler auf die Frage nach historischer Schuld zu sprechen (406\u2013414). Von den zw\u00f6lf Propheten\nbehandelt er nur Hosea, Amos, Micha und Maleachi und muss sich auch hier ein\nweiteres Mal (wie er beklagt, 416) intensiv mit der Gewaltt\u00e4tigkeit Gottes\nauseinandersetzten. Zusammenfassend stellt er fest, dass sich \u201edas Binom \u201aRecht\nund Gerechtigkeit\u2018 wie ein Leitmotiv\u201c (432) durch die hinteren Propheten zieht\nund unterschiedlichste Felder materialer Ethik umfasst. Die hinteren Propheten\ndurchbrechen den israelzentrierten Partikularismus und er\u00f6ffnen den Blick auf\ndie V\u00f6lker auch in ethischer Hinsicht (437\u2013441).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>C. Die\nSchriften. <\/em>Noch st\u00e4rker als im zweiten Kanonteil begrenzt Kessler sich im dritten.\nDie B\u00fccher Rut (vgl. jedoch 559\u2013561), Hld, Klgl, Est, Dan werden nicht behandelt (445), f\u00fcr die Chronik\nbleiben nur 1\u00bd Seiten (534f). Im Psalter erkennt Kessler eine \u201eBr\u00fcckenfunktion\u201c\nzwischen Kult und Geistigem, zwischen Tora und Prophetie (461). Kessler setzt\nsich mit der Frage der Rache auseinander (Ps 82), dem Bild des gerechten\nMenschen (Ps 1f; 72; 15; 111f) und dem Thema Schuld\/Vergebung (Ps 32; 38; 51).\nDer \u201eWeisheit\u201c ordnet er die B\u00fccher Hiob, Spr\u00fcche und Prediger zu. Kessler\nformuliert das Verh\u00e4ltnis zur Tora so: \u201e<em>die\nTora formuliere Pflichten, die Weisheit dagegen Tugenden\u201c<\/em> (506), wobei er\neine Gemeinsamkeit darin sieht, dass die Weisheit <em>Israels<\/em> \u00fcberraschenderweise \u00e4hnlich wie die Tora das direkte Eingreifen\nGottes betont (503f).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die letzten f\u00fcnfzig Seiten des Buchs widmen sich in\nvier Teilen der Frage der Anwendung. Erstens geht es um die Frage, wie die Tora\nf\u00fcr Israel als Bibel der Christen verstanden werden kann. Kessler betont die in\nder Bergpredigt formulierte vollumf\u00e4ngliche G\u00fcltigkeit der Tora, f\u00fcr Christen\njedoch immer nur als \u201eausgelegte Tora\u201c (551).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Frage besch\u00e4ftigt sich unter dem\nStichwort \u201eVielfalt\u201c mit Widerspr\u00fcchen, welche Kessler im Alten Testament\nentdeckt und die nach seinem Urteil \u201enur um den Preis einer ungeb\u00fchrlichen\nVereinfachung\u201c (61) ausgeglichen werden k\u00f6nnten. Konkret nennt er\ninterkulturelle Ehen (Esr 9f \u2194 Rut, 61, 559\u2013561),\nGemeindegesetz (Dtn 23 \u2194 Jes 56, 130, 558f), Zubereitung des Passa (Ex 12,8f \u2194\nDtn&nbsp;16,7, 557), Sklavenfreilassung (Dtn 15 \u2194 Lev 25, 557f), Staatsform\n(Ri, Sam; 562) und Gottes Haltung zu Krieg (Ex 15,3 \u2194 Ps 46,10, 562), wobei man\nsich bei manchen der Beispiele des Eindrucks nicht erwehren kann, dass eher die\n<em>Konstruktion<\/em> des Widerspruchs eine\n\u201eungeb\u00fchrliche Vereinfachung\u201c darstellt, nicht zuletzt angesichts der zahllosen\nexegetischen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze. Kessler w\u00fcrde sich jedoch missverstanden f\u00fchlen\ndurch eine Unterstellung, dass er \u201eder Beliebigkeit ethischer Entscheidungen\nT\u00fcr und Tor\u201c \u00f6ffnet (131), wenn er der biblischen \u00dcberlieferung bescheinigt,\n\u201edass sie, statt Eindeutigkeiten zu behaupten, &#8230; m\u00f6gliche Entscheidungen\nvorstellt, ohne sie absolut zu setzen\u201c (130). Denn nicht der Leser pickt sich\ndie ihm passende Antwort heraus, sondern die <em>Sozialgeschichte<\/em> ist der entscheidende Schl\u00fcssel f\u00fcr den rechten\nUmgang mit den einzelnen \u201eGrundspannungen\u201c, der sehr differenziert ausfallen\nkann (561f): Abw\u00e4gen nach Ma\u00df, situationsethisches Vorgehen, Verlagerung der\nFrage, eschatologische Aufl\u00f6sung usw.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die dritte Frage ist, wie man heute zu ethischen\nEntscheidungen kommen kann, wenn das reformatorische Schriftprinzip nicht\naufrechterhalten werden k\u00f6nne (da die Schrift weder irrtumslos noch\nselbstgen\u00fcgsam sei, 572) und sich eine \u201ebibeltreue\u201c Ethik von vornherein als\nL\u00f6sung verbiete \u2013 jeder vern\u00fcnftige Mensch wird hier sofort zustimmen, Kesslers\nKarikatur von \u201eBibeltreue\u201c ist einfach nur gr\u00e4sslich (571f). Ausgehend von Hans\nJoas bindet Kessler die ethische Entscheidung eines Christen \u00fcber seine\nreligi\u00f6se Tradition (die ihm \u201eunhintergehbar\u201c vorgegeben sei, 573) zur\u00fcck an\ndie Schrift, die lediglich als \u201eImpuls\u201c dient: \u201edas ist kein Akt der\nUnterwerfung unter diese Texte, sondern ein <em>Akt\nder produktiven Aneignung<\/em>\u201c (577). Es gebe in den Texten keine\n\u00fcberzeitlichen Normen, sondern in Auseinandersetzung mit den Texten lernen wir,\nwie <em>wir<\/em> zu Normen gelangen k\u00f6nnen.\nAuch hier bewahre der sozialgeschichtliche Zugang als entscheidender Schl\u00fcssel\nf\u00fcr Verst\u00e4ndnis und \u00dcbertragung vor Beliebigkeit. Letztlich f\u00fchrt die ganze\nArgumentation Kesslers zur\u00fcck zu der alten Frage, ob ein solcher \u201elebendiger\nDiskurs&#8230;, der sich st\u00e4ndig weiterentwickelt\u201c (280) wirklich durch die Tora\nvorgegeben oder seit den 1970er Jahren durch Rainer Albertz\nu.&nbsp;a.&nbsp;phantasievoll in diese hineingelesen worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abschlie\u00dfend fragt Kessler, wie eine Ethik des\nAlten Testaments in den Diskurs der Moderne eingebracht werden kann. Die zu\nvermittelnde <em>\u201eGrundstruktur\u201c <\/em>fasst er\nzusammen mit den Worten: <em>\u201eder Segen\nGottes f\u00fcr die Menschen und ihre Befreiung aus jeglicher Unterdr\u00fcckung mit dem\nZiel eines guten Lebens in Gerechtigkeit und Frieden\u201c<\/em> (590), noch knapper\n\u201eBefreiung aller zu einem guten Leben\u201c (591). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Somit ist der Titel des Buchs Programm: Es geht f\u00fcr\nKessler bei alttestamentlicher Ethik nicht um Gehorsam gegen\u00fcber dem Willen\neines lebendigen Gottes (Dtn 30,15\u201320), sondern um Impulse aus vorgegebener religi\u00f6ser Tradition f\u00fcr\neigenverantwortliche Entscheidungen, den \u201eWeg zum Leben\u201c im irdischen Sinn.\nTrotz aller Hinweise auf innerbiblische Rezeptionsgeschichte steht hier die\nFrage im Raum, ob dies dem funktional kanonischen Anspruch der hebr\u00e4ischen\nBibel gerecht werden kann, oder ob sich Kesslers kanonischer Zugang faktisch \u2013\nin Betonung von Vollumfang und Leserichtung \u2013 auf seine formale Dimension\nbegrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Positiv hervorzuheben sind die zahlreichen Bez\u00fcge\nzu ethischen Herausforderungen der Gegenwart von Massentierhaltung bis\nEuro-Krise. Kessler ist mit der aktuellen Kritik am Alten Testament durch\nNotger Slenczka, Winfried Schr\u00f6der, Richard Dawkins (29\u201334), sowie Jan Assmann (150,\n343f; 418f) vollumf\u00e4nglich bekannt und reagiert grunds\u00e4tzlich unaufgeregt und\nverst\u00e4ndnisvoll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine gro\u00dfe St\u00e4rke Kesslers ist eine verst\u00e4ndliche,\nklare Sprache im exegetischen und forschungsgeschichtlichen Bereich. In wenigen\nWorten bringt er die Bedeutung theologischer Klassiker auf den Punkt. Dar\u00fcber\nhinaus bem\u00fcht sich Kessler sichtlich darum, aktuellste Beitr\u00e4ge zu\nber\u00fccksichtigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr l\u00e4stig ist bei einem wissenschaftlichen Werk dieses Umfangs das Endnotensystem mit reinen Kurzbelegen. Das Stichwort- und Bibelstellenregister hingegen, sowie die kursiv gedruckten Inhaltsangaben zu Beginn eines jeden Kapitels bieten gro\u00dfartige Leseerleichterung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Siegbert Riecker ist Lehrer an der Bibelschule Kirchberg und External Instructor an der Evangelischen Theologischen Faculteit in Leuven.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rainer Kessler: Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments,G\u00fctersloh: G\u00fctersloher, 2017, geb., 699\u00a0S., \u20ac\u00a034,99, ISBN 978-3-579-08135-9 Download PDF &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":729,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-728","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-altes-testament"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=728"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":762,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/728\/revisions\/762"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/729"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}