{"id":766,"date":"2019-05-04T05:18:16","date_gmt":"2019-05-04T05:18:16","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=766"},"modified":"2019-05-04T05:18:18","modified_gmt":"2019-05-04T05:18:18","slug":"benjamin-kilchoer-mosetora-und-jahwetora","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=766","title":{"rendered":"Benjamin Kilch\u00f6r: Mosetora und Jahwetora"},"content":{"rendered":"\n<p>Benjamin Kilch\u00f6r: <em>Mosetora und Jahwetora. Das Verh\u00e4ltnis von Deuteronomium 12<\/em>\u2013<em>26 zu Exodus, Levitikus und Numeri<\/em>, Beihefte zur Zeitschrift f\u00fcr altorientalische Rechtsgeschichte 21, Wiesbaden: Harrassowitz, 2015, geb., 390\u00a0S., \u20ac\u00a098,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/title_977.ahtml\">978-3-447-19420-4<\/a> <\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Riebesehl_Kilchoer.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Das Gesetz des Alten\nTestaments findet sich im Pentateuch in einzelnen Gesetzestexten wie auch in\nRechtskorpora. Die drei gro\u00dfen nennt die alttestamentliche Wissenschaft\nBundesbuch (kurz BB, Ex 21\u201323), Heiligkeitsgesetz (kurz H, Lev 17\u201326) und\nDeuteronomisches Gesetz (kurz D, Dtn 12\u201326). W\u00e4hrend die Abgrenzung von BB und\nD als Rechtssammlungen klar ist, erscheint dies bei H eher willk\u00fcrlich, weil es\nz.&nbsp;B. den Zusammenhang zwischen Lev 16 und 17 zerst\u00f6rt. Die g\u00e4ngige These\nder Rechtsforschung am AT ist eine Reihenfolge der Entstehung: BB \u2013 D \u2013 H,\nentsprechend der Wellhausenschen Quellenhypothese JE \u2013 D \u2013 P. Damit ginge also\ndas Gesetz des Deuteronomiums dem in P (Lev 1\u201316 und Numeri) und H (Lev 17\u201326)\nvoraus. Kilch\u00f6r, Assistenzprofessor f\u00fcr Altes Testament an der STH Basel,\ngreift in seiner leicht \u00fcberarbeiteten Dissertation an der ETF Leuven\/B diesen\nweitgehenden Konsens an und votiert f\u00fcr eine Reihenfolge BB \u2013 P und H \u2013 D,\nentsprechend der kanonischen Abfolge der biblischen B\u00fccher Exodus \u2013 Levitikus \u2013\nNumeri \u2013 Deuteronomium. Dabei versteht er in Anlehnung an Dtn 1,5 das\ndeuteronomische Gesetz als Auslegung (= Mosetora) der Gesetze von Exodus bis\nNumeri (= Jahwetora) und zwar nicht nur synchron, sondern im Ergebnis auch\ndiachron.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Abk\u00fcrzungsverzeichnis\n(XIII\u2013XV) steht den drei Teilen voran. Es folgen in drei Kapiteln die\nEinleitung (1\u201370), der Hauptteil (71\u2013307) und das Schlusskapitel (309\u2013332). Im\nAnhang finden sich eine Statistik zur Abh\u00e4ngigkeitsrichtung der einzelnen\nGesetze (333\u2013335), ein englisches Summary (337\u2013341) und eine Bibliographie\n(343\u2013363). Ein Bibelstellenindex (365\u2013386), sowie ein Autorenindex (387\u2013390)\nschlie\u00dfen das Ganze ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einleitung (Kapitel 1)\norientiert zun\u00e4chst \u00fcber die Forschung und schafft dort einen guten \u00dcberblick.\nNach der Darlegung seiner Methode \u2013 er m\u00f6chte synchron lesen und nicht\nvorschnell werten \u2013 wendet Kilch\u00f6r sich der postulierten dekalogischen Struktur\ndes deuteronomischen Gesetzes zu, also der These Stephen Kaufmans, dass die\nAnordnung der Gebote im Dekalog auch den Aufbau von Dtn 12\u201326 insgesamt\nbestimmt, z.&nbsp;B. Fremdg\u00f6tterverbot (Dtn 5,6\u201310) in Dtn 12,2\u201313,19;\nNamensmissbrauch (Dtn 5,11) in Dtn 14,1\u201322; Sabbat (Dtn 5,12\u201315) in Dtn\n14,22\u201316,17, usw. Sie erh\u00e4lt Kilch\u00f6r zufolge auch dadurch eine neue\nUntermauerung, dass die Texte der vorangehenden B\u00fccher, die das Dtn auslegt,\nzum Teil diesen Zusammenhang fordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptteil (Kapitel 2,\nS.&nbsp;71\u2013307) f\u00fchrt die These aus, indem, der dekalogischen Struktur von Dtn\n12\u201326 folgend, die Gesetze des Dtn als Aufnahme von vorliegenden Gesetzen von\nEx \u2013 Num gelesen werden. Dabei setzt Kilch\u00f6r jeweils mit dem betreffenden\nDekaloggebot ein und bespricht dann die betreffenden Gesetze von Exodus \u2013\nNumeri in Beziehung zum jeweiligen Gesetz des Deuteronomiums. Einige Beispiele\nm\u00f6gen die Methode veranschaulichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Beispiel soll\ngleich das vieldiskutierte Kapitel Dtn 12 bilden. Kilch\u00f6rs Untersuchung sieht\nf\u00fcr Dtn 12,2\u201313,19 (Fremdg\u00f6tterverbot) folgenderma\u00dfen aus. Zuerst wird der\nDekalog herangezogen. Der Rahmen in 12,2\u20134 und 12,29\u201313,1 schaffe einen klaren\nBezug zum 1. Gebot. Dtn 12,2\u201313,1 hat Parallelen insbesondere in Ex 20,24 und\nLev 17 und wird darum ausf\u00fchrlich behandelt (71\u201395). 13,2\u201319 ist praktisch ohne\npentateuchische Parallele, so dass der Abschnitt auf 1\u20132 Seiten abgehandelt\nwird. Auf synchroner Ebene folgt Kilch\u00f6r der Leserichtung Ex 20,24\u201326 \u2013 Lev 17\n\u2013 Dtn 12, anders als Wellhausen es f\u00fcr seine Religionsgeschichte Israels\npostulierte: Ex 20,24\u201326 (Gottesdienst an verschiedenen Orten); Dtn 12\n(Kultzentralisation); Lev 17 (Verbot der Profanschlachtung). Kilch\u00f6r hingegen\nargumentiert, dass sich das Altargesetz von Ex 20,24\u201326 auf die Sinaitheophanie\nbeziehe und sich Vers 24 auf den ganzen, nicht jeden Ort beziehe, w\u00e4hrend es\nsich in Dtn 12 um die Wohnung Jahwes handle, nicht einen Altar. Das\nDeuteronomium greife das Altargesetz gar nicht an, sondern f\u00fchre es fort. In\nBezug auf Lev 17 nehme Dtn 12 die Profanschlachtung von Wildtieren auf und\nwende sie auf Haustiere an. So sei deutlich, dass Dtn 12 bereits Lev 17\nvoraussetze und nicht umgekehrt, in meinen Augen schl\u00fcssig und nachvollziehbar\nargumentiert. Dass dies den kritischen Konsens angreift, liegt auf der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Als zweites Beispiel dienen\ndie Ausf\u00fchrungen zum Zehnten in Dtn 14,22\u201329. Das dritte Gebot (Sabbat) erf\u00e4hrt\nnach der Kilch\u00f6r seine Auslegung in Dtn 14,22\u201316,17. Die Zehntengesetze lassen\nsich durchaus plausibel in der Richtung Lev 27 \u2013 Num 18 \u2013 Dtn 14 lesen, wie\nKilch\u00f6r sch\u00f6n zeigt. Seiner Meinung nach setze Dtn 14 geradezu die Regelung\nvoraus, dass der Zehnte den Leviten geh\u00f6re (Num 18), also nicht \u201everprasst\u201c\n(Braulik) werde. Den Drittjahreszehnt liest er nicht als weiteren Armenzehnt,\nsondern als Varianz zum j\u00e4hrlichen Zehnt. Das muss man nicht unbedingt. Es\nk\u00f6nnte sich auch einen speziellen Armenzehnt handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte Beispiel:\nInteressant und herausfordernd sind die pentateuchischen\nSklavenfreilassungsgesetze in Ex 21; Lev 25 und Dtn 15, die sich nur schwer\nharmonisieren lassen. Der kritische Konsens geht dahin, dass die\nJubeljahrregelung die \u00e4ltere Sabbatjahrregelung aus Ex 21 und Dtn 15 abl\u00f6se,\nwas der Wellhausenschen Abfolge BB \u2013 D \u2013 H entspricht. Kilch\u00f6r liest auch hier\nmutig in der Richtung Ex 21 \u2013 Lev 25 \u2013 Dtn 15 und fasst die Texte komplement\u00e4r\nauf, was ihm in meiner Sicht auch mit Ex 21 und Dtn 15 gut gelingt. Das\nbedeutet aber auch, er muss insbesondere das Jubeljahrmodell in Lev 25\nerkl\u00e4ren. Er tut dies, indem er unter dem verarmten Bruder den m\u00e4nnlichen\nHausvorstand sieht, dem es nur h\u00fclfe, wenn er mit der Freiheit auch sein Land\nzur\u00fcckerhalte. Das bedeute im H\u00f6chstfalle eine 49-j\u00e4hrige Dienstzeit. Meines\nErachtens kann das kaum ein Trost f\u00fcr diesen verarmten Israeliten darstellen.\n49 Jahre! Von Interesse w\u00e4re gewesen, einmal eine Alternative wie etwa die von\nC. J. H. Wright zu besprechen, die die Sklavenzeit vom Sabbatjahr l\u00f6st.\nImmerhin kann es mit der Z\u00e4hlung von Levitikus 25 ja nach sieben mal sieben\nJahren (= 49 Jahre) kaum im 50. Jahr (Jubeljahr) noch Sklaven geben, die die\nFreiheit finden k\u00f6nnten!<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt finde ich die These von Kilch\u00f6r aber \u00fcberzeugend. Sie ist reich an exegetischen Beobachtungen, versucht einen ernsthaften synchronen Ansatz des Gesetzes im Pentateuch und so einen Zugang zum Ganzen des Gesetzes als einer Einheit zu er\u00f6ffnen. Diese kanonische Lekt\u00fcre bereichert das Verst\u00e4ndnis des Gesetzes ungemein, weil sie anleitet, die Texte nicht gegeneinander, sondern miteinander zu lesen. Die Arbeit ist gut recherchiert, das Gespr\u00e4ch mit der Forschung freundlich, engagiert und doch dabei eigenst\u00e4ndig und kritisch, eine Freude zu lesen. Der gr\u00f6\u00dfte Gewinn ist, dass es das Wellhausensche Modell an so vielen Stellen angreift, dass eine Revision zum Verh\u00e4ltnis der Gesetzeskorpora f\u00e4llig ist. Das anzusto\u00dfen ist das wichtigste Verdienst Kilch\u00f6rs.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Klaus Riebesehl, Lehrer f\u00fcr Altes und Neues Testament am Theologischen Seminar Rheinland<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamin Kilch\u00f6r: Mosetora und Jahwetora. 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