{"id":769,"date":"2019-05-04T05:21:47","date_gmt":"2019-05-04T05:21:47","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=769"},"modified":"2019-05-04T05:21:49","modified_gmt":"2019-05-04T05:21:49","slug":"ronald-hendel-jan-joosten-how-old-is-the-hebrew-bible","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=769","title":{"rendered":"Ronald Hendel \/ Jan Joosten: How Old Is the Hebrew Bible?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ronald Hendel \/ Jan Joosten: <em>How Old Is the Hebrew Bible? A Linguistic, Textual, and Historical Study<\/em>, Anchor Yale Bible Reference Library, New Haven: Yale University Press, 2018, geb., 240\u00a0S., \u20ac\u00a029,54, ISBN <a href=\"https:\/\/yalebooks.yale.edu\/book\/9780300234886\/how-old-hebrew-bible\">978-0-30-023488-6<\/a> <\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Ziegert_Hendel.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die klassische\nUrkundenhypothese zur Entstehung des Pentateuch wird zumindest in der\ndeutschsprachigen Forschung kaum noch vertreten (siehe etwa Gertz et al. [Hg.], <em>The Formation of the Pentateuch. Bridging the Academic Cultures of\nEurope, Israel, and North America<\/em>, T\u00fcbingen 2016). Stattdessen dominieren Modelle, die nur noch zwischen P- und\nNicht-P-Texten unterscheiden und die mit intensiven Fortschreibungen der Texte\nrechnen. Die Entstehung der Texte wird dann meist in der Perserzeit verortet.\nLinguistische Fragen werden dabei ausgeblendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zu\nbesprechende Buch markiert eine gut begr\u00fcndete Gegenposition zum aktuellen\nForschungstrend. Die Autoren gehen davon aus, dass sich Sprache mit der Zeit\nver\u00e4ndert, und dass sich dies f\u00fcr die hebr\u00e4ische Sprache an den biblischen\nTexten nachvollziehen l\u00e4sst. Damit stehen sie in der Tradition von Gesenius und\nDriver, wobei sie methodisch die Arbeiten von Avi Hurvitz zum <em>Linguistic\nDating<\/em> aufgreifen. Ausdr\u00fccklich stellen sie sich gegen die Thesen von Ian\nYoung und Robert Rezetko, die sprachliche Diversit\u00e4t in den biblischen Texten\nauf Dialekt- oder Stilunterschiede zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten\nKapitel beschreiben die Autoren ihre grunds\u00e4tzliche Methodik: Da es in den\nGeisteswissenschaften keine absolute Sicherheit geben kann, impliziert\nhistorisches Arbeiten notwendigerweise immer Zirkelschl\u00fcsse. Au\u00dfer den\nBibeltexten sind m\u00f6glichst alle verf\u00fcgbaren Quellen (Inschriften,\n\u00dcbersetzungen, semitische Sprachen, Qumrantexte) zu nutzen. Das zweite Kapitel\nbietet detaillierte Beispiele f\u00fcr phonologische, lexikalische und\nmorphosyntaktische Ver\u00e4nderungen des Hebr\u00e4ischen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das dritte\nKapitel pr\u00e4sentiert die Grundannahmen des <em>Linguistic Dating<\/em>: Die\nsprachlichen Eigenheiten der B\u00fccher Esther, Esra-Nehemia und Chronik, die aus\ninhaltlichen Gr\u00fcnden erst nach dem Exil geschrieben sein k\u00f6nnen, definieren (im\nAnschluss an Hurvitz) das <em>Late Biblical Hebrew<\/em> (LBH). Da Kohelet und\nDaniel dieselben Eigenheiten aufweisen, werden auch diese B\u00fccher zu LBH\ngez\u00e4hlt, wobei die Autoren einr\u00e4umen, dass Daniel aus inhaltlichen Gr\u00fcnden in\ndie hellenistische Zeit zu datieren ist (36f). (Hier w\u00e4re zu fragen, ob das\nBuch dann nicht Unterschiede etwa zu Esther aufweisen m\u00fcsste.) Die Variet\u00e4t des\nPentateuch und der vorderen Propheten ist vom LBH als <em>Classical Biblical\nHebrew<\/em> (CBH) abzugrenzen. \u00dcber Hurvitz hinausgehend nennen die Autoren auch\nspezielle Ph\u00e4nomene des CBH-Korpus, die einen Kontrast zu den Eigenschaften des\nLBH bilden (z.&nbsp;B. He locale am st.&nbsp;cs. oder inf.&nbsp;cs. ohne\nLamed). Dabei sind vorzugsweise grammatische Ph\u00e4nomene zu betrachten, da ja ein\nsp\u00e4ter Autor seinen Text durch eine spezielle Wortwahl \u00e4lter aussehen lassen\nk\u00f6nnte, was auf der grammatischen Ebene nicht so einfach ist (43f). Wichtig ist\n(schon nach Hurvitz) das Kriterium der H\u00e4ufung: Das Vorkommen sprachlicher\nPh\u00e4nomene in den Texten sollte statistisch signifikant sein, um den\nentsprechenden Text als LBH oder als CBH klassifizieren zu k\u00f6nnen. Dass auch\nhier ein (methodisch unvermeidbarer) Zirkelschluss vorliegt, wird von den\nAutoren zugestanden (41f). Einen Spezialfall bildet das <em>Ancient Biblical\nHebrew<\/em> (ABH), das in alten poetischen Texten wie Gen 49, Ex 15, Dtn 32 oder\nRi 5 vorliegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vierten\nKapitel wird festgestellt, dass aufgrund des oben erw\u00e4hnten Kriteriums der\nH\u00e4ufung auch textkritische Probleme kein Hindernis f\u00fcr <em>Linguistic Dating<\/em>\ndarstellen. Ein Beispiel f\u00fcr das H\u00e4ufungskriterium bietet die Josephsgeschichte:\nVereinzelte Aramaismen (\u05e9\u05c1\u05dc\u05d9\u05d8, \u05de\u05d6\u05d5\u05df)\nimplizieren noch keine sp\u00e4te Abfassung, denn\nansonsten ist Gen 37\u201350 klar dem CBH zuzuordnen, da es eindeutige Ph\u00e4nome enth\u00e4lt, die nicht\nin LBH vorkommen. Folglich sind die Aramaismen hier entweder ein Stilmittel\noder gehen auf sprachliche Modernisierung durch einen sp\u00e4teren Schreiber\nzur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das f\u00fcnfte\nKapitel thematisiert die \u00c4hnlichkeiten von CBH-Texten mit Inschriften (Mitte\n8.&nbsp;Jh. bis Anfang 6.&nbsp;Jh.). Diese enthalten lexikalische und vor allem\ngrammatische Eigenschaften, die in CBH, aber nicht in LBH auftreten.\nVereinzelte \u201esp\u00e4te\u201c Ph\u00e4nomene in den Inschriften erkl\u00e4ren die Autoren als\nniedriges Stilniveau oder als sprachliche Modernisierungen, die in der\nAlltagssprache eher verwendet werden als in literarischen Texten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im sechsten\nKapitel wird eine weitere Sprachstufe identifiziert. Hes, Klgl, Jer, Dt-Jes,\nHiob, Jona, Hag und Sach&nbsp;1\u20138 weisen sowohl Eigenschaften des CBH als auch\ndes LBH auf. Deshalb wird ihre Sprachstufe als <em>Transitional Biblical Hebrew<\/em>\n(TBH) bezeichnet. Da sich Sprachwandel langsam vollzieht, ist auch keine\nstrikte Grenze zwischen CBH und LBH zu erwarten. Die Autoren r\u00e4umen ein, dass\ndie Redaktionsgeschichte dieser Texte oft unsicher ist und dass es sich\ngr\u00f6\u00dftenteils um Poesie handelt, w\u00e4hrend die Eigenschaften von LBH und CBH\nanhand von Prosatexten ermittelt wurden (74f). (Hier w\u00e4re ein Vergleich mit\nKohelet interessant, das ja als LBH klassifiziert wurde.) Inhaltlich sind fast\nalle diese Texte mit dem Exil oder der nachexilischen Zeit verbunden. Sie\nenthalten keine persischen Lehnw\u00f6rter und sind im 6.&nbsp;Jh. zu verorten.\nDaraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass CBH vorexilisch und LBH\nnachexilisch sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kapitel 7\nthematisiert die im LBH und auch im Qumran-Hebr\u00e4isch belegten Versuche, den\nStil des CBH nachzuahmen, was allerdings nicht zu \u201ekorrektem\u201c CBH f\u00fchrte\n(\u201ePseudoclassicism\u201c). Das zeigt zum einen, dass CBH-Texte studiert und als\nautoritativ erachtet wurden. Au\u00dferdem wird deutlich, dass nicht, wie manchmal\nbehauptet wird, jeder Autor in der hellenistischen Zeit CBH schreiben konnte,\nwenn er nur wollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im achten\nKapitel bieten die Autoren zus\u00e4tzliches Material, das die vorgeschlagenen\nDatierungen st\u00fctzen soll, etwa Verbindungen zwischen den biblischen Texten und\npolitischen Ereignissen. Beispiele bieten die assyrischen und babylonischen\nK\u00f6nigsannalen, in denen jud\u00e4ische und israelitische K\u00f6nige genannt werden, was\neine nachexilische Abfassung der Texte unwahrscheinlicher macht. Dasselbe gilt\nf\u00fcr die Silberamulette aus Ketef Hinnom (ca. 600 v.&nbsp;Chr.), die den Text\nvon Num&nbsp;6,24\u201326 und von Dtn&nbsp;7,9 enthalten. Abschlie\u00dfend wird betont, dass eine\nErkl\u00e4rung der sprachlichen Variation durch verschiedene Dialekte\n(Young\/Rezetko) zwar m\u00f6glich, aber weniger wahrscheinlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anhang&nbsp;1 enth\u00e4lt\neine kurze Forschungsgeschichte zur Datierung einzelner B\u00fccher und Buchgruppen.\nAnhang&nbsp;2 bietet eine zehnseitige Kritik des Modells von Young und Rezetko.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Datierung der biblischen Texte. Die Autoren argumentieren methodisch transparent auf hohem Niveau. Dabei lassen sie Einw\u00e4nde und Gegenbeispiele nicht unerw\u00e4hnt. Positiv zu w\u00fcrdigen ist auch der interdisziplin\u00e4re Zugang, der Erkenntnisse der (allgemeinen) historischen Linguistik aufnimmt (leider weniger aus der Soziolinguistik). Die Bibliographie ist eine regelrechte Fundgrube, und die vier Indizes erschlie\u00dfen eine Vielzahl von Themen. Den einzigen Mangel sehe ich in der Verwendung von Endnoten, die zum Bl\u00e4ttern zwingen, zumal die Anmerkungen manchmal wichtige Einschr\u00e4nkungen oder Gegenbeispiele bieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dr. Carsten Ziegert, Hochschuldozent f\u00fcr Biblische Sprachen und \u00dcber\u00adsetzungs\u00adtheorie an der Freien Theologischen Hochschule in Gie\u00dfen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ronald Hendel \/ Jan Joosten: How Old Is the Hebrew Bible? 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