{"id":804,"date":"2019-05-04T15:16:42","date_gmt":"2019-05-04T15:16:42","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=804"},"modified":"2019-05-04T15:16:43","modified_gmt":"2019-05-04T15:16:43","slug":"christoph-raedel-gender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=804","title":{"rendered":"Christoph Raedel: Gender"},"content":{"rendered":"\n<p>Christoph Raedel: <em>Gender. Von Gender-Mainstreaming zur Akzeptanz sexueller Vielfalt,<\/em> Gie\u00dfen: Brunnen Verlag, 2017, Pb., 228\u00a0S., \u20ac\u00a020,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/brunnen-verlag.de\/gender.html\">978-3-7655-2080-8 <\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Schwantge_Raedel.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>\u00dcber Gender-Mainstreaming (GM) zu schreiben, ist aufgrund des komplexen Themas und gesellschaftlich erhitzter Meinungs\u00e4u\u00dferungen ein Wagnis. Christoph Raedel geht es ein, will differenziert sachlich analysieren und bewerten. Er legt gleich offen, dass er aus der \u201ePerspektive eines christlichen Ethikers\u201c schreibt, \u201ef\u00fcr den sich vieles am Menschenbild entscheidet, das hinter einem Geschlechterkonzept steht\u201c (VII). Damit nimmt er eine glaubw\u00fcrdigere Position ein als manche, die \u201eNeutralit\u00e4t\u201c f\u00fcr sich beanspruchen (wollen). Die Einordnung ins christliche Menschenbild nimmt er erst im zweiten Buchteil vor. Zun\u00e4chst geht er dem historischen, gesellschaftlichen und politischen Werdegang des GM von seinen Anf\u00e4ngen bis heute nach. Er zeigt auf, wie die Frauenrechtsbewegung des 19. und 20.\u00a0Jahrhunderts die gesellschaftspolitischen Konsequenzen der Gleichheit von Mann und Frau unterschiedlich interpretierte (Differenz- oder Gleichheitsfeminismus). Dann geht er auf Entwicklungen der sp\u00e4ten 1960er und 1970er Jahre ein, welche die Infragestellung der Geschlechterrollen unterst\u00fctzten. Dies bereitete den Boden f\u00fcr die heutige These, Geschlechtlichkeit sei keine objektive Realit\u00e4t, sondern subjektive Wahrnehmung und nicht auf m\u00e4nnlich und weiblich zu reduzieren. So beschreibt der Autor den politischen Einzug des GM von der UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995, \u00fcber die aus demokratischer Sicht fragw\u00fcrdige Gender-Selbstverpflichtung der EU bis zur heutigen Gesetzgebung. W\u00e4hrend \u201eGM\u00a01.0\u201c gesellschaftliche Geschlechterrollen aufbrechen will, aber die Zweigeschlechtlichkeit bejaht, will \u201eGM\u00a02.0\u201c, das radikalisierte GM-Konzept: Die Geschlechter sollen zugunsten einer sexuellen Vielfalt dekonstruiert werden. Strategisch werden Leitbegriffe wie Menschenrechte, (Anti)Diskriminierung, Toleranz &amp; Akzeptanz ins Feld gef\u00fchrt. Allerdings werden sie starken Bedeutungsverschiebungen unterzogen, die Raedel beispielhaft darlegt. Der Verfasser erl\u00e4utert, wo GM berechtigt (Wahlrecht u.\u00a0a.) und wo es problematisch ist (Forderung nach Abtreibung als Menschenrecht). Er deckt auch Einseitigkeiten (nur Benachteiligung von Frauen im Fokus, nicht von M\u00e4nnern) und Widerspr\u00fcchlichkeiten auf (warum ausgerechnet eine Frauenquote, wenn es doch mehrere Geschlechter gibt). Heute, analysiert Raedel, z\u00e4hle politisch in vielem de facto nicht mehr <em>Chancen<\/em>-, sondern <em>Ergebnis<\/em>gleichheit. Dies nimmt Freiheit und f\u00f6rdert Ungerechtigkeit, was er unter anderem anhand der politischen Ver\u00e4nderungen in der Kinderbetreuung belegt. Da das radikalisierte GM-Konzept der Lebenswirklichkeit der gesellschaftlichen Mehrheit schwer einleuchtet, werden weitere Ma\u00dfnahmen ergriffen \u2013 von einer Ver\u00e4nderung der Sprache \u00fcber Genderforschung im akademischen Raum bis hin zu einer Sexualp\u00e4dagogik der Vielfalt in den Lehrpl\u00e4nen der Bundesl\u00e4nder. Diese war schon im Ansatz Helmut Kentlers (1928\u20132008) aus den Zeiten der sexuellen Revolution enthalten. Er sah die gesamte Kindesentwicklung durch eine \u201esexuelle Brille\u201c. So wird klar, wie diese Gedanken Einzug in den Bildungsraum finden konnten. Gleichzeitig untersucht Raedel die aktuelle Vorgehensweise kritisch und stellt begr\u00fcndet fest, dass es nur vordergr\u00fcndig um die Wertsch\u00e4tzung aller Lebensformen gehe. Dahinter lauert ein totalit\u00e4rer Ansatz. Einen kleinen Einblick in die \u201esexuelle Vielfalt\u201c gibt Raedel, in dem er Homo-, Inter- und Transsexualit\u00e4t\/Transgender erl\u00e4utert. In sich, so das Ergebnis des Forschers, ist das Konzept der sexuellen Vielfalt unstimmig, \u201eArgumente werden gewendet, wie man sie braucht\u201c (85). Dennoch wird GM durch Lobbyarbeit und Politik vorangetrieben. Um Christen zu mehr Sprachf\u00e4higkeit auf diesem Gebiet zu verhelfen, kommt der Systematiker nun auf die theologische Einordnung von GM zu sprechen. Im ersten Abschnitt des zweiten Buchteils zeigt sich, wie der Dogmatik bereits eine missionarische und seelsorgerliche Dimension inne liegt. Wer den Menschen verstehen will, muss sein Geschaffensein als Ebenbild Gottes (Gen 1) genauso sehen wie sein Gefallensein (Gen 3). Unterscheidung und Zuordnung von Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf, Mann und Frau (\u201edialogische Polarit\u00e4t\u201c, 121), sowie die untrennbare Verbindung von Geist und Leib gehen in der biblischen Anthropologie Hand in Hand. Der menschliche K\u00f6rper ist eine \u201eVor-Gabe\u201c (120) Gottes an den Menschen, die Geschenk und Verantwortung in sich tr\u00e4gt. Der S\u00fcndenfall hat die gesamte Sch\u00f6pfung in Mitleidenschaft gezogen, darunter auch die genannten Unterscheidungen und Zuordnungen, was Raedel beispielhaft darlegt. Er arbeitet die allgemeine (von Gott als Repr\u00e4sentant eingesetzt), spezifische (Leben als Mann \/ als Frau) und individuelle (Begabungen sind nicht geschlechtsspezifisch) Bestimmung des Menschen heraus. Genauso bezieht er biologische und psychologische Fakten und biblische Aussagen ein. \u00dcberraschend wird mancher Leser die Einordnung der Lebensweitergabe in die individuelle anstelle der allgemeinen Bestimmung des Menschen auffassen. Sie sei kein \u201eGebot, sondern eine Erlaubnis \u2026 Gottes Einladung\u201c (137). Deutlich wird dadurch, dass die Lebensweitergabe keine B\u00fcrde, sondern quasi die sch\u00f6pferische Mitgestaltung des Menschen mit dem Sch\u00f6pfer ist. Doch kommt hier die Frage auf, ob nicht dieses Mitsch\u00f6pfersein \u00fcber die individuelle Bestimmung hinaus im Rahmen des Sch\u00f6pfungsauftrages auch die allgemeine Bestimmung des Menschen ber\u00fchrt. Die hier vorgenommene Einordnung k\u00f6nnte von manchen missverstanden werden. Dem vorbeugend macht Raedel deutlich, dass das Neue Testament Ehe und Kinder zusammendenkt und kritisiert deutlich, dass dies im Genderkonzept und einer Ideologie sexueller Vielfalt ja gerade nicht geschieht oder gar explizit abgelehnt wird. GM versuche, menschliche Lebenspr\u00e4ferenzen zu \u00e4ndern, was bisher nicht wirklich gelingt. Nach wie vor strebt nur ein sehr geringer Teil der Frauen das GM-Ideal der Vollerwerbst\u00e4tigkeit bei gleichzeitigem Muttersein an. W\u00fcrde der Staat dies ernstnehmen, w\u00e4re es seine dringende Aufgabe, die finanzielle Benachteiligung der Erziehungsarbeit gegen\u00fcber der Erwerbst\u00e4tigkeit zu \u00fcberwinden. Doch GM denkt nicht in Beziehungsgef\u00fcgen, sondern nur in Individuen. Bed\u00fcrfnisse von Kindern sind der \u201eBlinde Fleck\u201c (159) im Konzept. Verordnete Geschlechtergleichheit und \u00f6konomische Interessen sprechen mit dem positiven Begriff \u201eBildung\u201c letztlich gegen die viel n\u00f6tigere Bindung des Kindes an feste Bezugspersonen wie Eltern oder Gro\u00dfeltern. Wissenschaftliche Ergebnisse zur Entwicklungspsychologie werden uminterpretiert oder ignoriert. Eine verantwortliche und lebensfestigende Bindung l\u00e4sst auch das Konzept der sexuellen Vielfalt vermissen. Es l\u00f6st die Bindung von Geist und Leib auf, zerteilt den Menschen und degradiert den K\u00f6rper zur \u201eunbeschr\u00e4nkt formbaren Verf\u00fcgungsmasse\u201c (170). Ebenfalls propagiert es das bindungslose Ausleben der Sexualit\u00e4t als Menschenrecht. Dabei setzt die Bibel Sexualit\u00e4t bewusst in den verantwortungsvollen und schutzgebenden Rahmen gegen\u00fcber ihrem Sch\u00f6pfer, dem Ehepartner und dem Potenzial der Lebensweitergabe. Der Verfasser arbeitet heraus, dass dem GM-Konzept ein relativistisches und verk\u00fcrztes Welt- und Menschenbild zugrunde liegt. Bei aller Kritik schl\u00e4gt Raedel nicht in die Kerbe diffamierender oder polemischer \u00c4u\u00dferungen, will keinen \u201eFrust loswerden\u201c, sondern Hilfe bieten. So widmet er sein letztes Kapitel Gedanken und Tipps f\u00fcr Bereiche wie \u201eFamilie und pers\u00f6nliches Umfeld\u201c, \u201eArbeitswelt\u201c oder \u201eKirche und Gemeinde\u201c. Hier sei es beispielsweise auch wichtig, dass sich christliche Gemeinden kritisch hinterfragen (lassen). Wo gr\u00fcndet der gelebte Umgang mit M\u00e4nnern und Frauen im christlichen Menschenbild und einer gottgegebenen gesch\u00f6pflichen Ordnung. Und wo ist er eher gepr\u00e4gt von gesellschaftlichen Geschlechterverh\u00e4ltnissen, die \u00fcbernommen wurden. Fazit: Christoph Raedel legt ein Buch vor, dass sich auf h\u00f6chstem Niveau, verst\u00e4ndlich, scharfsinnig, praxisnah und vor allem orientierungsweisend mit einem hochrelevanten Thema befasst. Sein \u201eWagnis\u201c ist definitiv gelungen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Michael Schwantge, Gemeinschaftspastor in Oppenheim<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Raedel: Gender. 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