{"id":810,"date":"2019-05-04T15:24:27","date_gmt":"2019-05-04T15:24:27","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=810"},"modified":"2019-05-04T15:24:28","modified_gmt":"2019-05-04T15:24:28","slug":"hans-joas-robert-spaemann-beten-bei-nebel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=810","title":{"rendered":"Hans Joas \/ Robert Spaemann: Beten bei Nebel"},"content":{"rendered":"\n<p>Hans Joas \/ Robert Spaemann: <em>Beten bei Nebel. Hat der Glaube eine Zukunft?<\/em>, Hg. von Volker Resing, Freiburg: Herder, 2018, geb., 80 S., \u20ac 14,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/religion-spiritualitaet-shop\/beten-bei-nebel-gebundene-ausgabe\/c-38\/p-12487\/\">978-3-451-27149-6<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Riecker_Joas.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>\u201eVon da an wandten sich\nviele seiner J\u00fcnger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm.Da\nfragte Jesus die Zw\u00f6lf: Wollt ihr auch weggehen?\u201c (Joh 6,66f). Dies ist eine\nder wenigen biblischen Aussagen (s.&nbsp;u. Bibelstellenregister), die im Dialog\nzweier f\u00fchrender Intellektueller der katholischen Kirche \u00fcber Glaubensverlust\nund religi\u00f6sen Wandel zur Sprache kommen. Am 10.&nbsp;Januar 2015 lud der\nChefredakteur der \u201eHerder Korre\u00adspondenz\u201c Volker Resing den Soziologen und\nSozialphilosophen Hans Joas (Berlin) und den Philosophen und Theologen Robert\nSpaemann (1927\u20132018) zum Gespr\u00e4ch ein. Nach dem Abdruck eines Teiles in der\n\u201eHerder Korrespondenz\u201c vom 19.&nbsp;April 2015 gab Spaemann nur z\u00f6gerlich seine\nApprobation f\u00fcr den gesamten Text, da es ihm aus Altersgr\u00fcnden nicht mehr\nm\u00f6glich war, seine teilweise ungesch\u00fctzt kritischen Aussagen zu Papst\nFranziskus (\u201eManchmal kann ich nur den Kopf sch\u00fctteln\u201c, 51) zu \u00fcberarbeiten\n(80). Der Text des Gespr\u00e4chs f\u00fcllt nur 14 Schreibmaschinenseiten \u2013 f\u00fcr\n14&nbsp;Euro erh\u00e4lt man ihn als B\u00fcchlein mit 80 Seiten und edler Fadenbindung. <\/p>\n\n\n\n<p>Den Titel <em>Beten im Nebel<\/em>, welchen der Leser zun\u00e4chst unweigerlich auf die kirchliche Verunsicherung angesichts gegenw\u00e4rtiger S\u00e4kularisierungsprozesse deuten wird, spielt doppeldeutig auf ein Erlebnis Spaemanns zur See an. Als er einer mitreisenden Nonne im dichten Nebel erkl\u00e4rte, dass man heute Radar habe und keine Zusammenst\u00f6\u00dfe mehr zu bef\u00fcrchten seien, erwiderte sie erleichtert: \u201eJetzt brauchen wir wegen des Nebels nicht mehr zu beten\u201c (35, vgl. 23).<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Beispiel illustriert\ndie Ausgangsfrage von Kapitel I und II nach Grund und Herausforderung\ngegenw\u00e4rtiger S\u00e4kularisierungstendenzen, oder in den Worten von Joas: \u201eWie\nsollen Christen auf den massenhaften Abfall vom christlichen Glauben\nreagieren?\u201c (40). F\u00fcr Joas ist die S\u00e4kularisierung \u201eauch eine christliche\nSchuldgeschichte\u201c (40): der Glaube wurde verb\u00fcrgerlicht und an Institutionen\ngebunden, Andersdenkende und -lebende vor den Kopf gesto\u00dfen. Dabei hei\u00dfe\nkatholisch doch \u201eHere comes everybody\u201c (41). Wenn Joas von \u201eGlaube\u201c und\n\u201eSakralit\u00e4t\u201c (39) redet, deutet sich ein sehr weiter Begriff an, der sich auch\nauf Ideologien wie Marxismus und Nationalismus erstrecken kann (27), \u201edie\nErfahrung ist das Eigentliche\u201c (28): \u201eSie sind auch tief von Sinn erf\u00fcllt und verschmolzen\nmit ihren Werten\u201c (38). Die Abkehr von der Kirche erscheint hier weniger als\nVerlust, eher als Verlagerung des Glaubens.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Joas ist der christliche\nGlaube eine Option \u2013 f\u00fcr Spaemann mit Joh 15,16a eine Berufung: \u201eNicht ihr habt\nmich erw\u00e4hlt, sondern ich habe euch erw\u00e4hlt\u201c (46). Auch Spaemann teilt nicht\ndie von Joas vehement bestrittene Entzauberungsthese Max Webers (37): Die\nTechnisierung der Welt hat Gott als L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer f\u00fcr Wunder nicht \u00fcberfl\u00fcssig\ngemacht \u2013 das Wunderbare der Kontingenz des eigenen Daseins bleibt, so bereits\nHerder und Hamann (34). Sie hat jedoch eine <em>bequeme<\/em>\ns\u00e4kularisierte Variante menschlicher Existenz geschaffen, welche unseren\nZeitgenossen attraktiver erscheint, als der intellektuell anspruchsvollere\nGlaube: \u201eIn diesem Wettlauf um die Bequemlichkeit kann der Glaube nicht\ngewinnen\u201c (35), daher die leeren Kirchen. Die richtige Reaktion der Kirche\nliegt f\u00fcr Spaemann nicht in einer Anpassung, sondern in einer Aktualisierung\nder christlichen Botschaft, die \u201eaus Widerspruch zum Zeitgeist geschieht, nicht\naus dem Widerspruch zum Vergangenen\u201c (43f). Joas hingegen kann sich mit einer\nZeitgeist-Rhetorik nicht anfreunden, sondern m\u00f6chte \u201eepochale historische\nVer\u00e4nderung\u201c (44) seiner Tage eher positiv wahrnehmen, um \u201edie christliche\nBotschaft in die jeweilige Zeit und Kultur hinein zu transportieren\u201c (45).<\/p>\n\n\n\n<p>Das III. Kapitel zum\n\u201ePh\u00e4nomen Franziskus\u201c gibt Einblick in die Spannungen und Bandbreite\ntheologischer Str\u00f6mungen innerhalb der katholischen Kirche, mancher\nprotestantische Leser wird hier \u00fcberrascht sein. Neben Fragen der religi\u00f6sen\nPluralit\u00e4t, Liturgie, Papalismus, Klerikalismus, Pomp und Amtscharisma werden\nauch ethische Probleme wie die Wiederheirat Geschiedener und au\u00dferehelicher\nGeschlechtsverkehr, sowie die Frage nach Priesterinnen zumindest kurz\nangesprochen (66\u201369). Im Zuge der Frage nach dem Kern des Evangeliums setzt\nsich Spaemann ein f\u00fcr ein Festhalten am Dogma der leiblichen Auferstehung des\nGekreuzigten von den Toten, sowie des doppelten Ausgangs (60f). Die letzten Worte\ndes Kapitels sind bezeichnend f\u00fcr die innerkirchliche Pluriformit\u00e4t: \u201eSpaemann:\nIch kenne nur Frauen, die sagen, wenn eine Frau hinterm Altar st\u00fcnde, w\u00fcrden\nsie nicht mehr zur Messe gehen. Joas: Ich kenne nur andere Frauen\u201c (69). <\/p>\n\n\n\n<p>Das abschlie\u00dfende IV. Kapitel\nsetzt sich unter dem Titel \u201e\u00dcber das Verh\u00e4ltnis von Norm und Wirklichkeit\u201c mit\nGrundlagen der Ethik auseinander. Spaemann verteidigt seine naturrechtliche\nPosition mit unver\u00e4nderlichen Normen, Joas argumentiert auf werteethischer\nGrundlage f\u00fcr eine Begr\u00fcndung von Werten in subjektiver Evidenz, verwehrt sich\ngleichzeitig jedoch gegen ein relativistisches Verst\u00e4ndnis: Es gibt Wahrheit,\naber wir k\u00f6nnen uns seiner Ansicht nach nie sicher sein, ob und wie viel wir\ndavon erkannt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gedanken dieser beiden gro\u00dfen kirchlichen Intellektuellen haben Bedeutung weit \u00fcber den Tellerrand der katholischen Kirche hinaus. Selbst die diskutierten kirchlichen Interna k\u00f6nnen den Gl\u00e4ubigen anderer Denominationen helfen, \u00e4hnlich gelagerte Konflikte im eigenen Haus klarer zu deuten. Beide Denker wehren sich gegen die einfache Gleichung, dass der Fortschritt den Glauben \u00fcberfl\u00fcssig mache. Joas ist darin recht zu geben, dass nicht ein Vakuum an Glaubenslosigkeit, sondern eine F\u00fclle (pseudo\u2011)religi\u00f6ser Alternativ-Angebote zum Abfall f\u00fchrt, wenn die Kirche nicht oder falsch reagiert. Spaemann erg\u00e4nzt, dass die \u201eKonservativen\u201c hier oft nicht schnell genug \u201eschalten\u201c (49). Treffend beschreibt Spaemanns These von der Bequemlichkeit den Geist unserer Zeit und hinterfragt damit indirekt auch ein bequemes Evangelium, welches auf schnelle Erfolge, nicht aber auf bleibende Frucht zielt. Viel zu kurz kommt in diesem Band jedoch die kraftvolle Botschaft der Bibel selbst zu dieser Frage, was nicht zuletzt auch einem Geist unserer Zeit geschuldet sein mag. Spaemann unternimmt zwar immer wieder den Versuch, die Bibel zur Sprache zu bringen, doch Orientierung im Nebel leuchtet in diesem Gespr\u00e4ch aus anderer Richtung. Das im Zuge der Rezension erstellte und hier beigef\u00fcgte Namensregister l\u00e4sst erahnen, welche Deutungshoheit der (Religions)Soziologie in diesen grunds\u00e4tzlichen Fragen gegenw\u00e4rtig zugemessen wird. Ein kleiner Lichtblick sind einige der letzten Worte des Apostels Paulus an seinen Sch\u00fcler (2Tim 4,3\u20135), wiedergegeben in den Worten Spaemanns, ebenso kurz vor seinem Tod: \u201eDu aber, so sagt Paulus zu Timotheus, lass dich nicht beirren. Gib den Schatz, den du bekommen hast, unverf\u00e4lscht und unverk\u00fcrzt weiter\u201c (57).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. Siegbert Riecker ist Lehrer an der Bibelschule Kirchberg und External Instructor an der Evangelischen Theologischen Faculteit in Leuven.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Joas \/ Robert Spaemann: Beten bei Nebel. 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