{"id":813,"date":"2019-05-04T18:21:56","date_gmt":"2019-05-04T18:21:56","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=813"},"modified":"2019-05-04T18:21:57","modified_gmt":"2019-05-04T18:21:57","slug":"ulrich-h-j-koertner-dogmatik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=813","title":{"rendered":"Ulrich H. J. Koertner: Dogmatik"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ulrich H. J. Koertner: <em>Dogmatik<\/em>, Lehrwerk Evangelische Theologie 5, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2018, geb., 736\u00a0S., \u20ac\u00a058,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.eva-leipzig.de\/product_info.php?info=p4379_Dogmatik.html\">978-3-374-04985-1 <\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Hille_Koertner.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wiener Systematiker\nUlrich Koertner legt eine Dogmatik vor, die f\u00fcr die Lehrbuchreihe <em>Lehrwerk Evangelische Theologie <\/em>verfasst\nist. Die Monografien der Reihe sollen der umfassenden und soliden Information\nvon Theologiestudentinnen und -studenten in den einzelnen Disziplinen der\nTheologie dienen. Entsprechend handelt der Autor in Anlehnung an die\nLokalmethode den gesamten Wissensbereich der Dogmatik ab. Dies geschieht in\neiner spezifischen Strukturierung, in der zun\u00e4chst zu den diversen Topoi\nwichtige Beitr\u00e4ge aus der Theologiegeschichte bis zur Reformationszeit\nreferiert werden. Daran schlie\u00dft sich die Skizze neuerer\nsystematisch-theologischer Werke an. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Kernbegriff von\nKoertners Konzeption ist der Begriff \u201eWirklichkeit\u201c. Aus diesem Ansatz\nentwickelt der Autor den christlichen Glauben als \u201esoteriologische\nInterpretation der Wirklichkeit\u201c. Die Hauptkapitel werden jeweils entlang der\nTrias von Mensch, Gott und Welt entfaltet. Die Reihenfolge der Perspektiven\nwechselt von Kapitel zu Kapitel je nach Schwerpunkt und dogmatischem Gef\u00e4lle\nder Aussagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zentralbegriff\n\u201eWirklichkeit\u201c k\u00f6nnte zu der Vermutung Anlass geben, dass die Ontologie bzw.\nMetaphysik eine tragende Rolle spielt. Dem ist aber nicht so. Der Verfasser\nwiderspricht vielmehr in allen Bereichen der Dogmatik den traditionellen\nmetaphysischen Ans\u00e4tzen. Das wird nicht zuletzt an seiner Bearbeitung der\nChristologie deutlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die einzelnen Kapitel werden\njeweils durch Hinweise zu weiterf\u00fchrender Literatur abgeschlossen. Am Ende des\nLehrbuchs findet sich dann noch einmal ein 27 Seiten umfassendes\nLiteraturverzeichnis. Daran schlie\u00dft sich ein Namensregister sowie ein Sach-\nund Bibelstellenregister an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann insgesamt sagen,\ndass es dem Autor gelingt, das editorische Konzept des Verlags umzusetzen,\nn\u00e4mlich ein \u00fcbersichtliches Lehrbuch zu gestalten. Wer sich rasch informieren\nwill, kann die n\u00f6tigen systematisch-theologischen Informationen finden.\nAllerdings f\u00e4llt die Zusammenfassung der besprochenen Dogmatiken mitunter recht\nknapp aus. Sie setzt h\u00e4ufig umfassendere Grundkenntnisse voraus, um den Stoff\nrichtig zuordnen zu k\u00f6nnen. Von daher ergibt sich Frage, ob das Buch als Art\nRepetitorium f\u00fcrs Examen oder als Ersteinstieg in die Dogmatik gedacht ist.\nHinzu kommt die Tatsache, dass der Autor auf der Grundlage seiner eigenen\nPosition das vorgestellte Material bewertet, ohne dass immer hinreichend\ndeutlich wird, wo er referiert und wo er seine eigene kritische \u00dcberzeugung\n\u00e4u\u00dfert. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Illustration des\nKonzepts von Koertner greife ich im Folgenden exemplarisch die Darstellung\neines dogmatischen Locus heraus, n\u00e4mlich die Eschatologie. Unter der Kennziffer\n5.6 beschreibt der Autor \u201eDie Erneuerung der Welt\u201c. Er setzt mit kurzen Hinweisen\nauf den neutestamentlichen Befund ein, um dann summarisch die Zielsetzung f\u00fcr\ndiesen Locus zu definieren: \u201eEschatologie als die christliche Lehre von der\nErneuerung und Vollendung der Welt ist die theologische Lehre vom Neuen \u2013 und\nzwar im Sinne einer intellektuellen Rechenschaft \u00fcber die christliche\nHoffnung\u201c. Nach Begriffserkl\u00e4rungen bez\u00fcglich des Unterschieds von\nindividueller und universaler Eschatologie benennt der Autor zun\u00e4chst einige\nPositionen der Alten Kirche, vor allem die Geschichtstheologie von Aurelius\nAugustinus. Im Blick auf Luther stellt er fest, dass die Vorstellung vom\nJ\u00fcngsten Gericht f\u00fcr ihn zentral ist, zumal nur auf dem Hintergrund der\napokalyptischen Gerichtsank\u00fcndigungen die Verkn\u00fcpfung von Eschatologie und\nRechtfertigungslehre einsichtig gemacht werden kann. Ausf\u00fchrlicher referiert\nKoertner den Entwurf von Johannes Calvin gem\u00e4\u00df der Ausgabe der Institutio von\n1559. Calvin schlie\u00dft die Lehre von den letzten Dingen mit dem Verh\u00e4ltnis von\nweltlicher und kirchlicher Obrigkeit ab. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinsichtlich der neueren\nTheologiegeschichte steht am Anfang der Verweis auf Friedrich Schleiermacher\nunter den Stichworten \u201eDie Kirche in ihrer Vollendung\u201c und \u201eDer Zustand der\nSeelen im k\u00fcnftigen Leben\u201c. Danach beschreibt Koertner den Ansatz von Albrecht\nRitschl, als einem Repr\u00e4sentanten des Kulturprotestantismus, der in seiner\nEschatologie den Reich-Gottes-Gedanken ins Zentrum r\u00fcckt und das Reich Gottes\nals eine \u201eVersammlung seliger Geister\u201c beschreibt. Danach folgt die\nAuseinandersetzung mit der kritischen Sicht von Albert Schweitzer und Franz\nOverbeck. Sodann folgt ein Hinweis auf die Eschatologie J\u00fcrgen Moltmanns mit\nseiner \u201eTheologie der Hoffnung\u201c sowie der Darstellung einiger neuerer\nkatholischer Dogmatiker zu Themen der politischen Theologie, aber auch zu\nFragen des Ablasswesens und der Vorstellung vom Fegefeuer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter dem Stichwort \u201eDer\nerkenntnistheoretische Status eschatologischer Aussagen\u201c er\u00f6rtert der Autor zu\nBeginn des eigentlich systematischen Teils den grundlegenden Unterschied\nzwischen Futurologie und Eschatologie. Zur\u00fcckgewiesen wird die Vorstellung\nPannenbergs, dass der Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens durch das\nEschaton verifiziert werde. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anschlie\u00dfend wendet sich der\nAutor der Diskussion mit Theodor W. Adorno und seiner negativen Dialektik zu.\nEr vertritt die These, dass \u201edie christliche Modifikation der Apokalyptik\u201c sich\nam besten als deren Aufhebung bestimmen l\u00e4sst. Einen wichtigen Rang\nhinsichtlich der individuellen Eschatologie nimmt die Beschreibung der\nmenschlichen Existenz als eines \u201efragmentarischen Lebens\u201c ein. Das Wissen um\ndie Gebrochenheit der Existenz und die prinzipielle Endlichkeit des\nmenschlichen Daseins wird von der Hoffnung von dem Gott, der als Sch\u00f6pfer die\nVollendung gew\u00e4hrleistet, promissorisch umfangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschichtstheologisch\nunterstreicht Koertner die These, dass im Zusammenhang von Zukunft und\nVerhei\u00dfung an dem Primat der M\u00f6glichkeit vor der Wirklichkeit festzuhalten ist.\nDer Autor problematisiert Pannenbergs \u00dcberlegung, dass das Leben \u2013 und vor\nallem das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christ \u2013 die vorweg ereignete\nProlepse des Eschatons darstellt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich vertritt\nKoertner die Lehre vom ewigen Leben des einzelnen Menschen im Sinne von Luthers\nGenesis-Auslegung; diese besagt, dass der, mit dem Gott begonnen hat zu reden,\nauch in Ewigkeit Gottes Gegen\u00fcber und Gespr\u00e4chspartner ist. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inhaltlich ist es die\nwesensm\u00e4\u00dfige Liebe Gottes, die die Einl\u00f6sung eschatologischer Hoffnung\ngew\u00e4hrleistet. Unter dem Aspekt der umfassenden g\u00f6ttlichen Liebe vertritt\nKoertner konsequent die sogenannte Allvers\u00f6hnung. Das Kapitel endet mit dem\nHinweis, dass durch die Kraft des Auferstehungsglaubens Christen hier und jetzt\nin der Lage sind, sich f\u00fcr bessere Lebensverh\u00e4ltnisse und eine gerechtere Welt\neinzusetzen. Spirituell bezieht nach Koertner der Glaube seine Kraft aus dem\nGebet und der Gewissheit, dass die Liebe st\u00e4rker ist als der Tod. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bleibt am Ende schwierig,\ndie dogmatische Position von Ulrich Koertner deutlich zu bestimmen. Er\npositioniert sich auf jeden Fall in der kritischen Tradition der Aufkl\u00e4rung mit\nder entsprechenden Bibel- und Dogmenkritik. Vielf\u00e4ltige Bez\u00fcge zu Friedrich D.\nE. Schleiermacher sind un\u00fcbersehbar. Das gilt auch f\u00fcr die Verwurzelung der\nDogmatik in der Subjektivit\u00e4t des Glaubenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade wenn man nach der\numfassenden Wahrheit des christlichen Glaubens und seiner Begr\u00fcndung fragt,\nbleibt die Wirklichkeit, die allenthalben beschworen wird, oftmals in der\nSchwebe. Wie lassen sich Aussagen des christlichen Glaubens in ihrem\nWahrheitsanspruch argumentativ begr\u00fcnden, wenn ganz offensichtlich die\nhistorische Faktizit\u00e4t der Heilsgeschichte weitgehend infrage gestellt ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch stellt Koertners Buch einen informativen \u00dcberblick \u00fcber den aktuellen Stand der Dogmatik dar. Allerdings l\u00e4sst sich ein Grunddilemma des modernen Liberalismus an der Dogmatik des Autors deutlich demonstrieren. Wer die tiefen Gegens\u00e4tze zwischen der klassischen christlichen Orthodoxie einerseits und der seit der Mitte des 17.\u00a0Jahrhunderts virulenten neuprotestantischen Theologie andererseits aufweisen m\u00f6chte, findet bei Koertner eine hierf\u00fcr beispielhafte Darstellung des Problems.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Prof. Dr. Rolf Hille, Honorarprofessor f\u00fcr Systematische Theologie und Apologetik an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen, seit Februar 2019 emeritiert, zuvor Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in T\u00fcbingen und Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz sowie Direktor f\u00fcr deren \u00f6kumenische Angelegenheiten<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich H. J. 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