{"id":816,"date":"2019-05-04T18:27:55","date_gmt":"2019-05-04T18:27:55","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=816"},"modified":"2019-05-04T18:27:56","modified_gmt":"2019-05-04T18:27:56","slug":"irmtraud-fischer-u-a-hg-der-streit-um-die-schrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=816","title":{"rendered":"Irmtraud Fischer u. a. (Hg.): Der Streit um die Schrift"},"content":{"rendered":"\n<p>Irmtraud Fischer u. a. (Hg.): <em>Der Streit um die Schrift<\/em>, Jahrbuch f\u00fcr Biblische Theologie 31 (2016), G\u00f6ttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2018, Pb., XV+398\u00a0S., \u20ac\u00a044,99, ISBN <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.13109\/9783788733490\">978-3-7887-3051-9<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Paschke_Fischer.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Der vorliegende Sammelband\nzum 500.&nbsp;Reformationsjubil\u00e4um ist zwar viel zu sp\u00e4t (n\u00e4mlich erst im\nSommer 2018) erschienen, \u00fcberzeugt aber durch seine gelungenen und auch nach\nAbschluss des Lutherjahres noch bereichernden Abhandlungen. Es ist jedoch nicht\nm\u00f6glich, hier auf alle siebzehn Beitr\u00e4ge einzugehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Thematisch soll es in dem\nBuch laut Vorwort um den spannungsreichen Unterschied zwischen dem katholischen\nund dem protestantischen Bibelverst\u00e4ndnis gehen, der in den Formeln \u201eSchrift\nund Tradition\u201c bzw. <em>sola scriptura<\/em> zum Ausdruck kommt (V). Dabei sollen\nz.&nbsp;B. Fragen zum Stellenwert kanonischer Texte und zur Schriftauslegung\nbehandelt werden (VI). Erkl\u00e4rtes Ziel ist, \u201e[d]as \u00f6kumenische Gespr\u00e4ch &#8230;\nweiter mit Leben zu f\u00fcllen\u201c (XI). <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht wenige Autor(inn)en\nschreiben jedoch gewisserma\u00dfen am (auch im Buchtitel) anvisierten Thema des\nSammelbandes vorbei, da sie nicht auf den auf die Reformation zur\u00fcckgehenden\nStreit zwischen katholischem und evangelischem Schriftverst\u00e4ndnis bzw. das\nentsprechende \u00f6kumenische Gespr\u00e4ch eingehen, sondern vielmehr innerkatholische,\nchristlich-j\u00fcdische und innerj\u00fcdische Diskussionen behandeln. Die Reformation\ndient dabei dann lediglich als Aufh\u00e4nger. So wird Ines Webers Abhandlung zu\nkatholischen Bibel\u00fcbersetzungen der Aufkl\u00e4rung mit der Feststellung \u201eZu den\nbesonderen Merkmalen der Reformation geh\u00f6rt auch die Bibel\u00fcbersetzung\u201c\nbegr\u00fcndet (IX; vgl. \u00e4hnlich 137). <\/p>\n\n\n\n<p>Bei einigen Aufs\u00e4tzen w\u00fcrde\nman bei einem separaten Durchlesen sogar \u00fcberhaupt nicht vermuten, dass sie zu\neinem Sammelband zum Reformationsjubil\u00e4um geh\u00f6ren. Dies gilt z.&nbsp;B. f\u00fcr\nMirjam Zimmermanns religionsdidaktischen Beitrag, der aber auch als solcher\nkritische R\u00fcckfragen hervorruft. Es geht um Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die im\nReligionsunterricht bei der Lekt\u00fcre von Wunderberichten kritisch nach der\nWahrheit der Bibel im Sinne der sog. Korrespondenztheorie fragen: \u201eEin\nBibeltext ist dann wahr, wenn der Aussagegehalt eines Textes (Begriff)\nunmittelbar mit historischen Tatsachen (Gegenstand) \u00fcbereinstimmt\u201c (338).\nZimmermann m\u00f6chte ihnen mit dem Hinweis auf andere Wahrheitsmodelle (z.&nbsp;B.\nKoh\u00e4renz- und Konsenstheorie) helfen, wobei sie v.&nbsp;a. die pragmatische\nWahrheitstheorie vor Augen hat, \u201ebei der eine Aussage dann als wahr gilt, wenn\nsie sich als n\u00fctzlich oder hilfreich, z.&nbsp;B. in der Lebensf\u00fchrung erweist\u201c\n(342). \u201eIm Blick auf das Bibelverst\u00e4ndnis ist damit die Aufgabe gestellt, das\neng begrenzte Wahrheitsverst\u00e4ndnis der Sch\u00fcler zu entgrenzen, um so die\nVoraussetzungen zu schaffen, die \u201aWahrheit der Bibel\u2018 neu zu entdecken, sie in\numfassender Weise verstehen zu lernen\u201c (343). Zimmermann \u00fcbersieht dabei\njedoch, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit ihrer zugespitzten Fragestellung\nviel eher auf der richtigen Spur sind, da der christliche Glaube laut\nbiblischem Selbstzeugnis gerade mit der <em>historischen<\/em> Wahrheit der\nberichteten Ereignisse (Lk 24,34) steht und f\u00e4llt (1Kor 15,14.17; Lk 7,18\u201323). <\/p>\n\n\n\n<p>Positiv ins Auge fallen\nv.&nbsp;a. die folgenden vier Beitr\u00e4ge, die sich dezidiert mit den\nUnterschieden zwischen katholischem und evangelischem Schriftverst\u00e4ndnis\nauseinandersetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie die evangelische\nsystematische Theologin Christiane Tietz aufzeigt, wird das Prinzip <em>sola\nscriptura<\/em> durch die Erkenntnis relativiert, dass die Entstehung des\nbiblischen Kanons ein Traditionsvorgang war (284). Auch Martin Luthers \u201eKanon\nim Kanon\u201c bzw. seine Vorbehalte gegen\u00fcber dem Jakobus- und Judasbrief stehen in\neiner gewissen Spannung zu diesem Prinzip (287). \u201e\u00dcberdies argumentiert Luther\ndurchaus auch mit der Tradition, z.&nbsp;B. bei der Frage der Kindertaufe, bei\nder die Schrift nach seinem Urteil keine klare Vorgabe macht\u201c (287; vgl. WA\n30\/III, 552,8\u201315 [1532])<\/p>\n\n\n\n<p>Der evangelische\nKirchenhistoriker Volker Leppin nimmt eine \u201eNeubestimmung der Genese des\nreformatorischen Schriftprinzips\u201c (241) vor. Er zeigt \u00fcberzeugend auf, dass das\nVerh\u00e4ltnis von Schrift und Tradition im Mittelalter nicht lediglich im Sinne\ndes Harmoniemodells beantwortet wurde, sondern dass es v.&nbsp;a. im\nKirchenrecht bereits vorreformatorisch Ans\u00e4tze des sp\u00e4ter f\u00fcr den\nProtestantismus typischen Differenzmodells gab. Entsprechende Aussagen finden\nsich z.&nbsp;B. im <em>Decretum Gratiani<\/em> (D. 9 c. 5) aus dem 12. Jahrhundert,\nauf welches sich Luther 1518 in seiner Entgegnung an Silvester Prierias\ngest\u00fctzt hat (241; vgl. WA 1,647,22\u201324). Leppins Fazit lautet: \u201eF\u00fcr das\nevangelische Selbstverst\u00e4ndnis ist die Bedeutung der sp\u00e4tmittelalterlichen\nKanonistik f\u00fcr die Entwicklung des Schriftprinzips in gewisser Hinsicht\nkontraintuitiv. Ausgerechnet aus der kirchlichen Rechtsbildung kam der\nAnsatzpunkt f\u00fcr jene Lehre, die sich sp\u00e4ter in besonderer Weise gegen die\nVorrangstellung des Kirchenrechts gewandt hat &#8230; [E]s [dient] der redlichen\nSelbstvergewisserung auch im Zusammenhang des Reformationsjubil\u00e4ums, wenn sich\nevangelische Theologie klar macht, dass an ihren Anf\u00e4ngen das mittelalterliche\nKirchenrecht eine gewichtige Rolle gespielt hat\u201c (243f). Leppin geht nicht auf\nErasmus von Rotterdam ein, der in seiner Schrift <em>De libero arbitrio<\/em>\n(1524) gegen\u00fcber Luther zwar mit der Tradition argumentiert, gleichzeitig aber\nweitgehende Zugest\u00e4ndnisse in Richtung <em>sola scriptura<\/em> macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die katholische\nAlttestamentlerin Irmtraud Fischer und der Medienwissenschaftler Rainer Winter\nvertreten die These, dass die Bibel und ihre Auslegung zusammengeh\u00f6ren: \u201eWo\neine Rezeptionsgemeinschaft fehlt, die einen kanonischen Text weiterhin als f\u00fcr\nsie bedeutsam und bindend ansieht, erlischt dessen kanonische W\u00fcrde. Die Bibel\nbleibt also nur Bibel, wenn sie weiterhin rezipiert, neu ausgelegt und\naktualisiert wird\u201c (44f). Gleichzeitig stehen die beiden Autoren der\nkatholischen Tradition kritisch gegen\u00fcber und sprechen von einem \u201ekomplexen\nEntscheidungsprozess, welche Auslegungen Eingang in \u201a<em>die<\/em> Tradition\u2018\nfinden\u201c (27). \u201eZu \u201a<em>der<\/em> Tradition\u2018 werden &#8230; Auslegungen von M\u00e4chtigen\nund Einflussreichen hochstilisiert\u201c (27). \u201eWer also von Schrift <em>und<\/em>\nTradition als Glaubensgrundlage ausgeht, muss sich zumindest bewusst sein, dass\nsich \u201a<em>die<\/em> Tradition\u2018 durch die Geschichte hindurch h\u00e4ufig ge\u00e4ndert hat,\nviele Traditionen in sich vereint, sehr viele aber auch ausgeschlossen und\nvergessen bzw. gezielt zum Verschwinden gebracht hat\u201c (27).<\/p>\n\n\n\n<p>Der katholische\nAlttestamentler Christoph Dohmen zeigt in Bezug auf die in der Konstitution <em>Dei\nverbum<\/em> (Vaticanum II) gemachte Aussage \u201eDie heilige Theologie st\u00fctzt sich\nauf das geschriebene Wort Gottes, zusammen mit der heiligen \u00dcberlieferung\u201c (Vat\nII <em>DV<\/em> 24) auf, \u201edass hier allerdings kein additives Verst\u00e4ndnis mehr im\nSinne von Hl. Schrift <em>und<\/em> Tradition vorliegt, denn es hei\u00dft hier \u201a<em>una\ncum<\/em>\u2018, womit eine organische Einheit und keine Addition oder Reihung gemeint\nist\u201c (76). Dohmen geht auch auf den \u201egro\u00dfen\u201c alttestamentlichen Kanon der\nkatholischen Kirche ein, der eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr das \u00f6kumenische\nGespr\u00e4ch darstellt: \u201eDie Beobachtungen der \u00f6kumenischen Differenz in Bezug auf\nden atl. Kanon werfen die Frage auf, ob eine christliche Einigung in dieser\nFrage m\u00f6glich ist\u201c (68). <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen stehen\ndie Beitr\u00e4ge im Einklang miteinander und laufen auf ein Gesamtbild hinaus,\nwelches im Vorwort auf den Punkt gebracht wird: \u201eDie plakativen Formeln <em>Sola\nscriptura<\/em> oder <em>Schrift und Tradition<\/em> treffen &#8230; die heutige\ndifferenzierte Sicht der Dinge nicht mehr genau, weisen aber die Richtung, in\nwelcher die Unterschiede zu suchen sind beziehungsweise immer wieder gesucht\nwurden\u201c (V). <\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Der 31. Band des <em>Jahrbuches f\u00fcr Biblische Theologie<\/em> enth\u00e4lt einige sehr aufschlussreiche Abhandlungen, die man an einem 31. Oktober lesen k\u00f6nnte, um den Reformationstag zu reflektieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. Boris Paschke ist Lehrer f\u00fcr evangelische Religion an \u00f6ffentlichen weiterf\u00fchrenden Schulen in Br\u00fcssel und Gastprofessor f\u00fcr Neues Testament an der Evangelischen Theologischen Fakult\u00e4t in Leuven<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irmtraud Fischer u. a. 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