{"id":825,"date":"2019-05-04T18:38:01","date_gmt":"2019-05-04T18:38:01","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=825"},"modified":"2019-05-04T18:38:03","modified_gmt":"2019-05-04T18:38:03","slug":"holger-zaunstoeck-brigitte-klosterberg-christian-soboth-benjamin-marschke-hg-hallesches-waisenhaus-und-berliner-hof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=825","title":{"rendered":"Holger Zaunst\u00f6ck \/ Brigitte Klosterberg \/ Christian Soboth \/ Benjamin Marschke (Hg.): Hallesches Waisenhaus und Berliner Hof"},"content":{"rendered":"\n<p>Holger Zaunst\u00f6ck \/ Brigitte Klosterberg \/ Christian Soboth \/ Benjamin Marschke (Hg.): <em>Hallesches Waisenhaus und Berliner Hof. Beitr\u00e4ge zum Verh\u00e4ltnis von Pietismus und Preu\u00dfen<\/em>, Hallesche Forschungen 48, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen, 2017, kt., XVI+242\u00a0S., \u20ac\u00a044,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/www.harrassowitz-verlag.de\/title_4250.ahtml\">978-3-447-10961-1 <\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Treusch_Zaunstoeck.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist ein Gemeinplatz,\ndass der preu\u00dfische Staat und der hallische Pietismus im 18.&nbsp;Jahrhundert\neinander tiefgreifend beeinflusst haben, so dass die Geschichte Preu\u00dfens\nzwischen ca. 1690 und 1740 nicht ohne die Geschichte des hallischen Pietismus\nund umgekehrt verstanden und diskutiert werden kann\u201c (IX). F\u00fcr dieses bereits\ngut erforschte Verh\u00e4ltnis von Preu\u00dfen und hallischem Pietismus will der\nvorliegende Tagungsband \u201eein nuancenreicheres Bild der wechselseitigen\nBeziehungen\u201c (IX) erarbeiten, was, soviel sei vorweg gesagt, gelungen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufsatzband wendet sich\ndamit an Leser, die bereits Kenntnisse der Francke-Forschung und\nbrandenburg-preu\u00dfischer Geschichte haben. Denn die dreizehn Beitr\u00e4ge\nmodifizieren das Stereotyp vom Zusammenwirken von preu\u00dfischem Hof und\nhallischem Pietismus. Die Autoren sind entweder bereits einschl\u00e4gig f\u00fcr ihre\nForschungen zum Thema bekannt oder stellen hier Ergebnisse gerade\nabgeschlossener Forschungsprojekte vor. So f\u00fchren die Herausgeber zun\u00e4chst auch\nin die bereits geleistete Forschung, vor allem durch die Franckeschen\nStiftungen und das Interdisziplin\u00e4re Zentrum f\u00fcr Pietismusforschung (IZP), ein\n(IX\u2013XVI). Zu den Forschungsaktivit\u00e4ten z\u00e4hlt die gemeinsame Tagung von\nStiftungen und IZP im Januar 2013, deren Beitr\u00e4ge im vorliegenden Tagungsband\nversammelt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>In vier thematischen\nSektionen, \u201eBerufungen und Institutionen\u201c (1\u201354), \u201eNetzwerkbildung und\npolitisches Handeln\u201c (55\u2013122), \u201eTheologie und Politik\u201c (123\u2013178) und\n\u201eTraditionsbildung und Rezeption\u201c (179\u2013234), wird das Verh\u00e4ltnis von\npreu\u00dfischem Hof und hallischem Pietismus neu ausgelotet. Gleich der erste\nBeitrag postuliert eine \u201eneue Sicht auf August Hermann Franckes Berufung und\nsein erstes Jahr in Halle 1691\/92\u201c (3\u201317). Entgegen der \u00fcblichen Darstellung,\ndass Francke bewusst zur F\u00f6rderung einer preu\u00dfischen Reformuniversit\u00e4t nach\nHalle berufen wurde, arbeitet Marianne Taatz-Jacobi \u00fcberzeugend heraus:\n\u201eFrancke als Professor der Theologie passte kaum in das Konzept einer zwar\ninterkonfessionell offenen, binnenkonfessionell allerdings m\u00f6glichst\ntraditionell ausgerichteten lutherischen theologischen Fakult\u00e4t\u201c (11).\nTaatz-Jacobi schlie\u00dft daraus: \u201eDas Narrativ, [&#8230;] die Etablierung Franckes und\ndes Pietismus seien die wesentlichen Ziele der Universit\u00e4tsgr\u00fcndung gewesen,\ngeh\u00f6rt demzufolge in den Bereich der Francke- und\nReformuniversit\u00e4t-Hagiographie\u201c (17). Ebenfalls Einblick in die Beziehungen\nzwischen Francke und dem Berliner Hof bietet Claudia Drese (19\u201335), die\nFranckes Bem\u00fchungen untersucht, Johann Daniel Herrnschmidt als seinen Nachfolger\nnach Halle zu berufen. Anhand dieses Beispiels erhellt Drese die komplexe\nKommunikation zwischen den Vertretern des hallischen Pietismus und dem Berliner\nHof: \u201eAugust Hermann Francke erscheint zwar als eine Art Fixpunkt, an dem die\nKommunikation oft zusammenlief und von dem neue Impulse ausgingen, aber er war\nnicht der Kopf einer Kommunikationspyramide\u201c (35). Antje Schloms beschlie\u00dft die\nSektion \u201eBerufungen und Institutionen\u201c mit ihrem Beitrag zur Waisenhausgr\u00fcndung\nin Z\u00fcllichau 1719 (37\u201354), die nicht zuletzt vom K\u00f6nig unterst\u00fctzt wurde, weil\ndie Franckeschen Anstalten als Modell und Vorbild f\u00fcr Z\u00fcllichau dienten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Polarit\u00e4t zwischen\nBerliner Hof einerseits, Francke und den hallischen Pietisten andererseits wird\nin der zweiten Sektion erweitert zur Netzwerkforschung. So untersucht Matthias\nM\u00fcller die \u201eBeziehungen zum Hof und zur Regierung innerhalb des Briefwechsels\nSpener-Francke\u201c (56\u201379) und zeigt, dass Francke in Berlin unter den Hofadligen\nein Netz von Unterst\u00fctzern hatte, seine Einflussnahme \u00fcber diese Vermittler\naber begrenzt war. Diesen Gedanken f\u00fchrt der Beitrag von Hans-J\u00fcrgen Schrader\nweiter, der nach dem \u201eInteresse des Berliner Hofs am Pietismus\u201c fragt (81\u2013101)\nund dieses als vorrangig religions- und konfessionspolitisch bestimmt. Das Interesse\ndes Hofs galt dem Pietismus als einer \u201emehr oder minder dezidiert\nantidogmatischen, konfessionsirenischen Fr\u00f6mmigkeitsrichtung\u201c (84), die \u201eals\nErzieher fromm-flei\u00dfiger Untertanen und als Bundesgenossen gegen den orthodoxen\nKonfessionalismus\u201c (101) gef\u00f6rdert wurde. Frank G\u00f6se (103\u2013122) zeigt\nexemplarisch den pietistischen Einfluss auf adlige Netzwerke in\nBrandenburg-Preu\u00dfen um 1700 und fordert zu historischer Netzwerkforschung im\nBlick auf die Adelslandschaften auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Leitthema\n\u201eTheologie und Politik\u201c untersucht Terence Mclntosh (125\u2013136) Franckes strikte\nAnsichten zum Ausschluss von Gemeindegliedern vom Abendmahl, die m\u00f6glicherweise\nzu einer \u201eversch\u00e4rften Kirchenzucht nach 1713 in Preu\u00dfen beigetragen haben\u201c\n(136). Dass die Aufkl\u00e4rungsforschung Impulse f\u00fcr die Pietismus-Forschung geben\nkann, beweist der Beitrag von J\u00fcrgen Overhoff (137\u2013152), der anhand der Causa\nChristian Wolff das Toleranzverst\u00e4ndnis des preu\u00dfischen K\u00f6nigshauses\nanalysiert. Peter James Yoder (153\u2013166) fragt danach, ob Franckes Theologie\n\u201edie voranschreitende Militarisierung Brandenburg\u2013Preu\u00dfens durch den Berliner\nHof unterst\u00fctzt haben k\u00f6nnte\u201c (154), und stellt die These auf: \u201eBewusst oder\nunbewusst benutzte Francke seine Bekehrungstheologie, der er eine tiefe\ngeistliche Bedeutung gab, um preu\u00dfische Soldaten zur Treue gegen\u00fcber ihrem\nK\u00f6nig zu ermahnen\u201c (163). Malte van Spankeren (167\u2013178) zeigt anhand der\nSchrift \u201eDer fromme Soldat\u201c von J.&nbsp;D.&nbsp;Herrnschmidt, wie \u201eein vom\nhallischen Pietismus gepr\u00e4gtes Fr\u00f6mmigkeits- und Glaubensverst\u00e4ndnis\u201c (176)\npopularisiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In der vierten Sektion\n\u201eTraditionsbildung und Rezeption\u201c fragen schlie\u00dflich drei Fallstudien danach,\nwie das tradierte Bild vom Verh\u00e4ltnis von Preu\u00dfen und Pietismus entstand.\nChristoph Schmitt-Maa\u00df (181\u2013201) analysiert Leichen- und Huldigungspredigten\nanl\u00e4sslich des Thronwechsels im Jahr 1713 und stellt ein \u201eberedtes Schweigen\u201c\n(199) in Halle angesichts des Herrscherwechsels fest. Andreas Pe\u010dar (203\u2013213)\nskizziert, wie der preu\u00dfische K\u00f6nig Friedrich&nbsp;II. das Verh\u00e4ltnis seines\nVaters zum hallischen Pietismus als Mittel der Dynastiegeschichte und\nSelbstinszenierung nutzte. F\u00fcr Friedrich&nbsp;II. war der hallische Pietismus\nein \u201eBeleg f\u00fcr die preu\u00dfische Toleranz\u201c (211) und die \u201e\u201aSekte strenger\nLutheraner\u2018 mit Francke an der Spitze\u201c war \u201eihm ein Beleg daf\u00fcr, dass sein\nVater Friedrich Wilhelm&nbsp;I. ein leicht zu manipulierender Herrscher gewesen\nsei\u201c (213). Tim Petersen (215\u2013234) zeigt abschlie\u00dfend, wie noch der ber\u00fchmte\n\u00d6konom des 19.&nbsp;Jahrhunderts, Wilhelm Roscher, von Francke gepr\u00e4gt war.\nPersonen- (235\u2013239) und Ortsregister (241f) beschlie\u00dfen den Band. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie beabsichtigt nuancieren die Beitr\u00e4ge das Verh\u00e4ltnis von Preu\u00dfen und Halle. Dazu tragen auch der interdisziplin\u00e4re Zugang und die Integration von Impulsen aus der Aufkl\u00e4rungs- und Netzwerkforschung bei. Der theologische Leser w\u00fcnscht sich gelegentlich eine st\u00e4rkere Betonung theologischer Aspekte, die sich v. a. im Teil \u201eTheologie und Politik\u201c finden. Doch die Beitr\u00e4ge erf\u00fcllen, was die Herausgeber beabsichtigten, n\u00e4mlich Themen aufzugreifen, \u201edie aktuelle Fragen und Ans\u00e4tze der interdisziplin\u00e4ren Preu\u00dfen- und der ebenfalls interdisziplin\u00e4ren Pietismusforschung b\u00fcndeln und aufeinander beziehen\u201c (XII).<\/p>\n\n\n\n<p><em>Prof. Dr. Ulrike Treusch, Professorin f\u00fcr Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gie\u00dfen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holger Zaunst\u00f6ck \/ Brigitte Klosterberg \/ Christian Soboth \/ Benjamin Marschke (Hg.): Hallesches Waisenhaus und Berliner Hof. Beitr\u00e4ge zum Verh\u00e4ltnis<\/p>\n","protected":false},"author":21,"featured_media":826,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-825","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-historische-theologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/825","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/21"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=825"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":827,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/825\/revisions\/827"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/826"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}