{"id":839,"date":"2019-05-04T18:56:30","date_gmt":"2019-05-04T18:56:30","guid":{"rendered":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=839"},"modified":"2019-05-04T19:02:41","modified_gmt":"2019-05-04T19:02:41","slug":"frank-hinkelmann-die-evangelikale-bewegung-in-oesterreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rezensionen.afet.de\/?p=839","title":{"rendered":"Frank Hinkelmann: Die Evangelikale Bewegung in \u00d6sterreich"},"content":{"rendered":"\n<p>Frank Hinkelmann: <em>Die Evangelikale Bewegung in \u00d6sterreich. Grundz\u00fcge ihrer historischen und theologischen Entwicklung von 1945 bis 1998<\/em>, Studien zur Geschichte christlicher Bewegungen reformatorischer Tradition in \u00d6sterreich, 8, Bonn: VKW, 2014, 12+725 S., \u20ac 49,\u2013, ISBN <a href=\"https:\/\/vkwonline.de\/products\/die-evangelikale-bewegung-in-osterreich\">978-3-86269-100-5<\/a><\/p>\n\n\n\n<a class=\"linkeddiv\" href=\"https:\/\/rezensionen.afet.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Graf-Stuhlhofer_Hinkelmann.pdf\"><div class=\"dwnldbtn\">Download PDF<\/div><\/a>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n\n\n\n<p>Frank Hinkelmann wurde mit\ndieser Studie an der Freien Universit\u00e4t Amsterdam zum Dr.&nbsp;theol.\npromoviert (auf deren Webseite steht diese Diss. als pdf-Datei). Hinkelmann ist\nleitender Mitarbeiter von Operation Mobilisation, au\u00dferdem evangelischer\nPfarrer im Ehrenamt, Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Evangelischen Allianz,\nstellvertretender Vorsitzender der Weltweiten Evangelischen Allianz und Rektor\ndes Martin-Bucer-Seminars. <\/p>\n\n\n\n<p>Hinkelmann vollzieht das\nAuftauchen und die Verwendung des Begriffs \u201eevangelikal\u201c nach (Kap.&nbsp;2). Im\nenglischen Sprachraum war \u201eevangelical\u201c urspr\u00fcnglich gleichbedeutend mit <em>evangelisch<\/em>, betraf also die Anh\u00e4nger\nder Reformation. Ab den 1730er Jahren gewann dieser Begriff ein sch\u00e4rferes\nProfil, indem damit speziell die Erweckungsbewegung mit John Wesley und George\nWhitefield bezeichnet wurde (12f) \u2013 die damalige Bedeutung deckt sich dann\nschon ungef\u00e4hr mit der heutigen. In der deutschen Sprache verbreitete sich der\nBegriff \u201eevangelikal\u201c \u2013 durchaus in der heutigen Bedeutung \u2013 in den 1960er\nJahren (20). Wenn man sich am Gebrauch dieses Begriffs orientiert (was ein\n\u00e4u\u00dferes Kriterium w\u00e4re), k\u00f6nnte man also ab den 1960er Jahren von einer\n\u201eEvangelikalen Bewegung\u201c sprechen. Hinkelmann datiert aber etwas fr\u00fcher: Von\neiner Evangelikalen Bewegung kann man in Deutschland seit den 1950er Jahren\nsprechen.\u201c (26) Diese Datierung ergibt sich allerdings nicht klar aus den von\nHinkelmann angef\u00fchrten Indizien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das analoge Problem einer\nDatierung des Beginns einer Evangelikalen Bewegung betrifft auch \u00d6sterreich.\nVon einer \u201eeigentlichen Evangelikalen Bewegung\u201c in \u00d6sterreich kann man, so\nHinkelmann, erst nach 1945 sprechen. Die zu dieser Bewegung gez\u00e4hlten Gruppen\ngab es bereits zuvor, aber \u201edie Entstehung und Klassifizierung einer\nEvangelikalen Bewegung in \u00d6sterreich [sei] nur im Kontext des internationalen\nWachstums der weltweiten Evangelikalen Bewegung ab 1945 zu verstehen\u201c (3). Auf\ndasselbe Jahr verweist er in seiner Zusammenfassung am Ende des Buches: \u201eDer\nBeginn der Zweiten Republik markiert den eigentlichen Anfangspunkt der\nEvangelikalen Bewegung in \u00d6sterreich.\u201c (510) Ich vermisse jedoch eine\nBegr\u00fcndung, worin das entscheidend Neue besteht, so dass es ab jenem Zeitpunkt\neine \u201eEvangelikale Bewegung\u201c gibt, davor jedoch blo\u00df \u201eVorl\u00e4ufer\u201c einer solchen.\nDas 4. Kapitel \u00fcberschreibt Hinkelmann mit: \u201eDie Vorgeschichte der\nEvangelikalen Bewegung in \u00d6sterreich bis 1945\u201c, und f\u00fcr die Jahre bis 1945 spricht\ner von einem \u201eWachstum der Vorl\u00e4ufer der Evangelikalen Bewegung\u201c (509). Demnach\nw\u00e4hrt f\u00fcr Hinkelmann die Vorgeschichte bis 1945, und ab 1945 beginnt die\nGeschichte der Evangelikalen Bewegung. Nun abgesehen von der Frage, ob man\n\u00fcberhaupt versuchen sollte, den Beginn der Evangelikalen Bewegung mit einem\nbestimmten Jahr zu verkn\u00fcpfen: Demnach h\u00e4tte die Evangelikale Bewegung in\n\u00d6sterreich etwas fr\u00fcher begonnen als in Deutschland, was unwahrscheinlich ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ganz allgemein ist es eine\nwichtige, aber schwierig zu beantwortende Frage f\u00fcr Kirchenhistoriker, ab\nwelcher Zeit man Gruppen mit evangelikalen Kennzeichen als \u201eevangelikal\u201c\nbezeichnen sollte (konkret z.&nbsp;B.: Soll man Baptisten des 19.Jahrhunderts,\nwie Spurgeon oder Oncken, als \u201eEvangelikale\u201c bezeichnen?).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Evangelikale Bewegung in\n\u00d6sterreich besteht nach Hinkelmann aus drei Hauptstr\u00f6mungen: einer\nvolkskirchlich-pietistischen, einer freikirchlich-bekennenden und einer\npfingstlich-charismatischen (3). Hinkelmann achtet darauf, dass\nPers\u00f6nlichkeiten im evangelikalen Umfeld nicht vorschnell als \u201eevangelikal\u201c\neingestuft werden, sondern er differenziert sorgf\u00e4ltig. So schreibt er etwa\n\u00fcber Oskar Sakrausky, den evangelischen Bischof in den 1970er Jahren, dass er\n\u201eals Evangelikaler verschrien war\u201c, aber \u201epers\u00f6nlich eher in der Tradition des\nkonfessionellen Luthertums\u201c stand (515).<\/p>\n\n\n\n<p>Da im Laufe der Jahrzehnte\ndie Anzahl evangelikal gepr\u00e4gter Amtstr\u00e4ger in der Evangelischen Kirche\nabnimmt, und damit die Evangelikale Bewegung insgesamt st\u00e4rker durch\nFreikirchler gepr\u00e4gt wird, spricht Hinkelmann von einer \u201eVerfreikirchlichung\nder Evangelikalen\u201c (518). Aber an den Evangelikalen \u00e4nderte sich dadurch\nnichts: Die einzelnen Evangelikalen wurden nicht freikirchlicher, als sie es\nvorher waren (entweder sie waren freikirchlich oder volkskirchlich). Ebenso\nwenig wurde die Evangelikale Bewegung \u201ekonfessioneller\u201c, als sie vorher war.\nAber Hinkelmann schreibt im Zusammenhang mit dem <em>Bund Evangelikaler Gemeinden in \u00d6sterreich<\/em>: \u201eSp\u00e4testens mit der\nGr\u00fcndung des BEG\u00d6 findet die Konfessionalisierung der Evangelikalen Bewegung\nihren H\u00f6hepunkt.\u201c (518) Was sich \u00e4nderte, waren blo\u00df die mit dem Begriff\n\u201eevangelikal\u201c verbundenen Assoziationen: Diese verschieben sich, indem viele\nBeobachter bei diesem Wort st\u00e4rker an Freikirchen denken, nun insbesondere an\nden so bezeichneten freikirchlichen Bund.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die von Hinkelmann\nverwendeten Begriffe lie\u00dfe sich also diskutieren. Unbestritten sind aber\nbestimmte St\u00e4rken Hinkelmanns, vor allem sein Aufsp\u00fcren bislang unbekannter\nQuellen, verbunden mit seinem Durchsuchen von Archiven mehrerer L\u00e4nder. Dazu\nkommt seine umfassende Kenntnis der deutschen und englischen Fachliteratur. Er\nverwertet daneben auch alte B\u00fccher, kirchliche Zeitschriften und ungedruckten\nBrosch\u00fcren \u2013 somit ergibt sich eine faktenreiche Zusammenschau. Das Verzeichnis\nder \u2013 teils ungedruckten \u2013 Literatur umfasst etwa 100 Seiten, und in beinahe\n2500 Anmerkungen verwertet er diese Literatur. Durch das Personenregister kann\ndas Buch auch als Nachschlagewerk f\u00fcr pietistische und freikirchliche\nStr\u00f6mungen in \u00d6sterreich dienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Darstellung der\neinzelnen Zeitabschnitte skizziert Hinkelmann zuerst die politische,\nwirtschaftliche, kulturelle und allgemein-kirchliche Entwicklung ausf\u00fchrlich \u2013\nungef\u00e4hr ein Viertel des Textes wird dieser Darstellung des jeweiligen\nzeitgeschichtlichen Umfeldes gewidmet, gest\u00fctzt auf Fachliteratur. Zu den hier\nbeschriebenen Zeitumst\u00e4nden werden allerdings danach, bei der Beschreibung der\nevangelikalen Entwicklung jener Jahrzehnte, kaum Querverbindungen hergestellt.\nInsofern halte ich die Darstellung des zeitgeschichtlichen Umfeldes f\u00fcr zu\nbreit. Die verschiedenen Bereiche (Wirtschaft, Religion usw.) erscheinen\nweitgehend unverbunden nebeneinander (abgesehen von der Vertreibung Deutscher\naus Osteuropa \u2013 viele Christen kamen um 1945 nach \u00d6sterreich und verst\u00e4rkten\nGemeinden). Hinkelmann sagt selbst, \u201edass an vielen Stellen die Evangelikale\nBewegung wie eine Insel losgel\u00f6st von sonstigen gesellschaftlichen\nEntwicklungen erscheint\u201c (520). <\/p>\n\n\n\n<p>Hinkelmann bringt sehr\nausf\u00fchrliche Zitate aus Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rliteratur, oft ein Drittel einer\nSeite umfassend. Das hat Vor- und Nachteile: Der Leser bekommt damit viele\nschwer zug\u00e4ngliche Quellenausz\u00fcge pr\u00e4sentiert, die f\u00fcr den Leser mitunter auch\nf\u00fcr andere Themen von Interesse sein k\u00f6nnen. Andererseits wird die Darstellung\ndadurch deutlich umfangreicher, und die Aufmerksamkeit des Lesers wird in viele\nRichtungen gelenkt, auch abseits vom eigentlichen Thema des Buches. Insgesamt\nentstand somit ein umfangreiches Buch. Vielleicht liegt es auch am Umfang, dass\nviele Versehen beim Korrekturlesen \u201edurchrutschten\u201c; jedenfalls gibt es auch\nmanche sinnver\u00e4ndernde Fehler, z.&nbsp;B. <em>novellierte<\/em> (statt <em>nivellierte<\/em>) <em>Einkommensunterschiede<\/em>\n(67). <\/p>\n\n\n\n<p>Frank Hinkelmann bringt\numfassende Kenntnisse in seine Darstellung der Evangelikalen Bewegung in\n\u00d6sterreich ein. Es entstand ein umfangreiches Werk mit vielen Einzelheiten und\nausf\u00fchrlichen Zitaten. Seine Begriffswahl zur Charakterisierung historischer\nVorg\u00e4nge \u00fcberzeugt mich jedoch nicht immer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Prof.\nDr. Franz Graf-Stuhlhofer, BSc., Prof. f\u00fcr freikirchliche Theologie an der\nKirchlichen P\u00e4dagogischen Hochschule Wien\/Krems<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Hinkelmann: Die Evangelikale Bewegung in \u00d6sterreich. 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